Die widerlichen kleinen Dinger

Was ein leidlich routinierter Läufer ist, wird so schnell nicht zu Fall gebracht. Welche Fallstricke die Strecke auch bereithalten mag, seien es Steine, Schnee, Eis oder Wurzeln - normalerweise wird nach elegantem Ausgleichsschritt oder kurzem Tänzeln weitergerannt. Schließlich weiß der gemeine Läufling um die Vorzüge kurzer Bodenkontaktzeiten - womit ich den Kontakt der Sohlen zum Boden meine, nicht dass wir uns hier falsch verstehen. Es geht nicht darum, nach einem Sturz rasch wieder aufzustehen. Denn der findet nicht statt, der Sturz.
Es könnte daher alles eitel Sonnenschein sein, das Laufen ein einziges Schweben über Stock, Stein, Asphalt und was sonst noch unter uns nach hinten wegfliegt, wären da nicht diese widerlichen kleinen Dinger, deren perfider Einfluss auf des Läuflings Genuss sich plötzlich, unerwartet und vor allen Dingen unrettbar zeigt.

Was ist es, das ich meine?

Stellen wir uns vor, wie wir von Endorphinen beflügelt, innerlich und äußerlich lächelnd, einen wunderschönen Waldweg entlangrennen. Das Laub rauscht, wir sind berauscht oder auch nicht, links ein Baum, rechts ein Baum, in der Mitte Zwischenraum, gerade recht für ein Läuflein. Wurzeln lassen uns grinsen und springen, hie und da versucht ein Zweiglein unsere Fesseln zu fesseln; ein Ansinnen, welches wir ebenso gekonnt wie unbeeindruckt kontern.
Bautz!
Wir liegen auf dem Bauch.
Nachdem wir uns aufgerappelt und den Routinecheck möglicher Blessuren durchgeführt haben - lassen sich alle Gelenke noch bewegen? Ist ein weiteres Gelenk hinzugekommen, welches dort, wo sich eine Extremität bewegen lässt, vorher nicht da war? Fließt Blut, und dies in Mengen, die am Weiterlaufen hindern? - blicken wir umher, um am Boden das zu entdecken, was zu finden wir bereits erwartet haben: Ein widerliches kleines Ding.
Widerliche kleine Dinger kommen ausschließlich in wald- oder buschreichen Gefilden vor, sie existieren im Boden und knapp darüber, wobei sie sich auch dem geübten Auge durch geringe Größe und Tarnfarbe entziehen. Genau das macht sie so gefährlich. Etwas mehr Größe, und sie wären gut zu erkennen, etwas weniger, und wir würden sie nicht bemerken. Bemerken im Sinne des Sturzes, der durch den allzu unerfreulichen Kontakt einer Fußspitze mit einem widerlichen kleinen Ding ausgelöst wird. Mein geistiges Ohr meldet mir die mahnende Stimme, die ausreichenden Kniehub empfiehlt, indes haben die widerlichen kleinen Dinger diesen natürlich berücksichtigt. Kniehub hilft nicht, es sei denn, man wollte sich zwei Stunden lang mit Skippings oder im Hopserlauf fortbewegen. Ihre geringe, und doch wirkungsvolle Größe ist es, die widerliche kleine Dinger zu widerlichen kleinen Dingern macht.
Allerdings ist sie es nicht alleine, denn bei aller Kleinheit sind widerliche kleine Dinger ausgesprochen kräftig. Nicht wie ein Baum oder Fels, o nein, aber doch stark genug, um einen sich im Lauf nach vorne bewegenden Fuß am Fortschritt eben jener Bewegung zu hindern. Wir kennen das von Laufseminaren, oder schlicht aus unserer eigenen Erfahrung, die wir hier kurz analysieren: Laufen besteht darin, dass wir einen Fuß vor den anderen setzen. Im Gegensatz zum Gehen berührt dabei nur ein Fuß den Boden, wobei sich nach der Abdrückphase die so genannte Flugphase anschließt, in der beide Füße in der Luft sind. Einen davon, logischerweise jenen, der beim letzten Schritt, der ja eigentlich ein Sprung ist, hinten war, bringen wir in dieser Phase nach vorne. Und in genau diesem Moment höchster Bewegungslust, in dem wir die Distanz sprichwörtlich wie im Fluge zurücklegen, schlägt das widerliche kleine Ding zu. Es hält die Fußspitze fest, und der restliche Leib, bei aller Dynamik dem Trägheitsgesetz folgend, drängt nach vorne, und, der gewohnten Stütze just dieses Fußes verlustig geworden, nach unten.
Bautz!
Wir liegen auf dem Bauch.
Wobei ich anmerken muss, dass widerliche kleine Dinger letztendlich aus guter Absicht entstandenes Menschenwerk sind. Es handelt sich um Reste abgeschnittenen Strauchwerkes, die etwa fingerlang und genauso dick aus dem Boden ragen. Ich komme nicht umhin, in widerlichen kleinen Dingern Mittelfinger zu sehen, die die Natur dem gemeinen Läufling entgegenreckt.
Wäre ich Wald, ich würde jedes Mal hämisch kichern, wenn es wieder mal einen auf's Maul haut.

2 Gedanken zu „Die widerlichen kleinen Dinger“

  1. Lieber Harald, ach ja, warum kommt mir das alles soooooooooooooooooo bekannt vor ? Jede einzelne Zeile kann ich nachempfinden, als wäre es gerade geschehen – warum ?

    Weil ich es leider oft genug genauso und nicht anders erlebt habe. Meine geschundenen Glieder können ein Lied davon singen: Narben, die mich an Hand, Knie, ja sogar auf der Lippe an diese leider nicht vermeidbaren Stürze erinnern.

    Jedesmal bin ich sicher, das passiert mir nie wieder, laufe äußerst konzentriert und erinnere mich permanent an die mich besonders hart getroffenen Stürze.

    Halte uns die Daumen, dass wir es schaffen, sturzfrei diese widerlichen, kleinen Dinger für immer aus unserem aktiven Leben bewusst auszumerzen ! YES – I DO !!

    In diesem Sinne……..ich gehe dann mal laufen……………

    1. Geschätztes Nordlicht,

      ich ahnte beim Schreiben schon, dass du ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Dabei habe ich die seelischen Wunden gar nicht beschrieben, denn einer dieser Stürze hat so gar nichts heroisches an sich. Hand verstaucht, weil das Bungeeseil zu lang war? Messner’s abgefrorene Zehen? Meinetwegen auch Blessuren von Muni-Downhill? Alles ok, davon erzählt man gerne.

      Aber von einem widerlichen kleinen Ding zu Fall gebracht werden? Neee!

      Ich setze mich erkältungsbedingt aufs Radl, da fällt mir ein moderates Tempo leichter. Spazieren war ich gestern erst.

      Ciao,
      Harald

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