Ein schöner Sonntag – Volkslauf Langensteinbach

Man legt mir einen „Zehner“ vor die Haustür, genauer gesagt, in den Nachbarort namens Langensteinbach. Da wäre ich doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich mir das entgehen ließe! Also nix wie hin und genüsslich mitgelaufen!

Beinahe direkt vor meiner Haustür sollte, so habe ich vor ein paar Tagen erfahren, findet der Volkslauf in Langensteinbach statt. Klar, der Ort liegt neben Spielberg, wo ich wohne. Ein kurzer Besuch bei Google Maps zeigte mir, dass es von meiner Wohnung bis zum Start gerade mal drei, vier Kilometer zu Fuß sind – und dass der Lauf zum großen Teil sogar Routen beinhaltet, die ich schon öfter entlang gerannt war.

Da wäre ich doch, sagte ich mir, mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich nicht teilnähme! Woher kommt eigentlich diese Redewendung? Ich kann mir in etwa vorstellen, was ein Klammerbeutel ist: so ein Säckchen, in welchem Wäscheklammern aufbewahrt werden. Falls ich mich täusche, möge ein geneigter Leser meine Unkenntnis korrigieren.
Aber was hat das mit dem Pudern zu tun? Wurde in der Zeit, bevor es Plastikpuderdosen gab, mit Stuffbeuteln gepudert, ähnlich jenen, welche Kletterer am Gürtel tragen?

Tja.

Wer es weiß, kläre mich bitte auf.

Zurück zum Lauf, beziehungsweise zum Vorhaben. Kalt sollte es sein, der Deutsche Wetterdienst sprach von runden Fünf Grad über Null. Also dünne, lange Tight, und obenrum mein geliebtes Teclite Shirt. Denn, so meine Überlegung, während des Laufes würde ich die zahlreich vorhandenen Belüftungsmöglichkeiten nutzen können, um sie davor, vor allem aber danach, zu verschließen. Warme Mütze und Handschuhe in die Brusttasche, fertig. Irgendwie erschien mir das angenehmer, als Bekleidungsschichten an- und abzulegen, Transport im Rucksack inklusive.

Was soll ich sagen, die Klamottenwahl war ein Volltreffer. Mollig warm wenn nötig, fand ich es nur dort zu warm, wo es erstens bergauf ging und zweitens die Sonne schien. Supergut!

A propos Wetter: für mich war es optimal. Trocken und kühl, ich schätze, etwas mehr als die versprochenen fünf Grade. Bisweilen, wie gesagt, mit Sonne. Genau so mag ich das!

In diesem Artikel erwähne ich auch meine Zeit: 53:33,4 Minuten. Wenn ich gewusst hätte, dass ich mich mit einem klitzekleinen Sprung mehr in Richtung Schnapszahl bewegt hätte….
Nein, ich möchte nicht über „zwanzig Minuten schneller“ reden. 33:33,3 sehen hübsch aus, aaaber….

Unterm Strich ein herrlicher Sonntag mit rund 17 km gesamt, davon zehn zügig auf hügeliger Strecke.
Jetzt noch ein paar Overhead Presses mit der Langhantel, bevor ich das Wochenende bei erbaulicher Lektüre ruhig ausklingen lasse.

Ein schöner Tag!

Website des SV Langensteinbach

Wettersbacher Funkturmlauf

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah…? Eben. Und wenn ein hübscher Elfer in Spuckweite von meinem Heim stattfindet, wäre ich doch mit dem Klammerbeutel gepudert….also nix wie hin!

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah…?

Eben. Da hatte er Recht, der gute Johann Wolfgang. Unser Goethe.

Und wenn ein hübscher Elfer in Spuckweite von meinem Heim stattfindet, wäre ich doch mit dem Klammerbeutel gepudert, würde ich darauf verzichten. Zumal mir die Startzeit mit 19 Uhr sehr entgegenkam: kurz nach Sechs raus aus dem Büro, umgezogen, und ab zum Start. Liegt ja bloß gut zwanzig Minuten von der Stätte meines segensreichen Wirkens weg.

Beim Elfer handelt es sich übrigens keineswegs um ein Erzeugnis des Hauses Porsche, sondern um den Wettersbacher Turmlauf, der auf seinen 11,11 Kilometern Länge noch rund zwohundertfuffzich Höhenmeter mitliefert.

11,11 Kilometer. Und mir Faschingsmuffel fällt das nicht auf. Zum Glück ist Sommer, pappnasenfreie Zeit. Eigentlich würden sich ja knallrote Nasenpflaster anbieten. Erinnert sich noch jemand an die Dinger, die vor zwanzig Jahren mal der letzte Schrei waren. Bis zum letzten, dank Pflaster angeblich besonders tiefen, Atemzug kämpften damals nasenbepflasterte Fußballer, Radfahrer und überhaupt viel sportliches Volk um Bestmarken. Dass diesseits gebrochener Nasenbeine heute niemand mit Nasentuning zu sehen ist, sät Zweifel an der Wirksamkeit des damaligen Wundermittels.

In Wettersbach war’s unbepflastert, dafür tummelten sich Läuflinge und Helfer um den Sportplatz des SC Wettersbach e.V., voller Vorfreude auf die liebevoll organisierte Veranstaltung. Einige hatten mit dem vorher stattgefunden habenden Lauf über 5,3 km bereits eine kleine Vorspeise zu sich genommen – entweder war das Abendmahl damit ebenso erschöpft wie der Läufling, oder aber er nahm im Anschluss den Hauptgang über besagte 11 Kilometer zu sich.

Hätte ich vor dem Start noch das Wasser abschlagen sollen?

Ich hatte mir, mangels hinreichendem Zutrauen in meine Fitness (zum Ausgleich vertraute ich der Unfitness meines Leibes blind), vorgenommen, einfach locker und zügig zu laufen. Mal schauen, was so geht. Und es ging sogar recht passabel. Nachdem die Höhenmeter im Wesentlichen in zwei Raten ausbezahlt wurden, war der Rest der Strecke recht flach, und somit schön konstant zu laufen.

Kurz vor der Hälfte zog sich ein baustellenhaftes, eine Handvoll Meter breites, Schotterband quer über den dort ansonsten asphaltierten Streckenteil, das von zwei freundlichen Menschen betreut wurde, die vor eben jenem Schotterstück warnten. Im Hirn eines Trailläuflings wirkt sowas direkt putzig.

Der Blasendruck wurde stärker. Verflucht, ich hätte noch gehen sollen.

Einmal um den Turm, gerade weiter zum Ort zurück, ging es die recht steile Straße wieder hinunter, die wir zuvor hinaufgelaufen waren.

Jetzt über die eigenen Hax’n stolpern und hinfallen, das wär’s.

An diesem Stück muss es ein Voodoo-Dings geben, weil nicht nur ich diesen Gedanken kurz im Kopf hatte, sondern auch jeder andere mit dem ich mich nach dem Lauf unterhielt.

Scheiße, ich muss pinkeln!

Zum Ausgleich war die Steigung kurz vor dem Ziel deutlich flacher, als sie es nach dem Start beim Runterlaufen gewesen ist. Wieso machen die das? Lasst eure Hügel doch so wie sie sind!

Gleich im Ziel, gepriesen sei das Dixi-Klo!

Nach dem Lauf erfreute meine Uhr mich mit der Information, ich sei knapp unter einer Stunde unterwegs gewesen. Wie gut, dass ich dem Druck standgehalten hatte. Wer weiß, wieviel Zeit ich mit Bremsen, Laufenlassen und Loslaufen zugebracht hätte.

Geiler Lauf zum Wochenabschluss, nächstes Jahr garantiert wieder.
Und dann gehe ich vorher….

Höllenberg Trail Run

Dante Alighieri beschreibt die Hölle in seiner Göttlichen Komödie so treffend, dass ich mich nach dem Höllenberg Trail Run frage: war Dante Pfälzer? Einige Läufe in der Pfalz kokettieren mit dem höllischen Motiv – wollen die wirklich nur spielen?

Höllenberg Trail Run
Langsam wird mir die Pfalz sympathisch und suspekt zugleich. Sympathisch wegen der geilen Gegend, der netten Menschen und natürlich der Läufe, die man dort veranstaltet. Suspekt ist sie mir, weil sie, vom KUT angefangen bis zum Höllenberg Trail Run, eine arge Obsession zum Thema Hölle hat.
Was Dante Alighieri in seiner Göttlichen Komödie, genauer gesagt im Inferno, schreibt, passt verdächtig gut zum Erleben des gemeinen Läuflings. War er vielleicht kein Italiener, sondern Pfälzer? Oder ein italienischer Trail Runner, der schlicht seine Urlaubserlebnisse aus der Pfalz zu Papier brachte?

Trail Runner war er nicht.

Er sprach italienisch, würde sich daher anders genannt haben.

Was heißt Trail Runner auf italienisch?

Egal, kommen wir zum Lauf.

Wie ich hineinkam, weiß ich nicht zu sagen,
so schlafbefangen war ich zu der Stunde

Der Höllenberg Trail Run findet in der lauschig-romantischen Gemeinde Spirkelberg statt. Romantisch im Tal gelegen, wiegen Fachwerkhäuser den Ankömmling in trügerischer Sicherheit. Wäre da nicht ein Mensch am Mikrofon, dem zwei verdächtige, rote Hörner aus der Stirn wachsen. Sowas sieht man bei Laufveranstaltungen in der Pfalz öfter – gehört das zur Landestracht? Ich bezweifle es. Vielmehr denke ich, und ich weiss, dass meine These bei manchem Leser manchem Leser hervorrufen wird, dass wir es in dieser Region wahrhaftig mit Teufeln zu tun haben. Möglicherweise streiten sie sich um die Vorherrschaft des Oberteufels, bislang scheint das Rennen um die unterste Stufe auf der Karriereleiter noch offen zu sein.

Unterste Stufe?

Freilich, zur Hölle geht’s bekanntlich abwärts, also ist die unterste Stufe jene, auf der der Oberboss (wäre Unterboss besser?) sitzt.

Müde waren wir übrigens alle, was allerdings keine Ausflucht sein soll. Wir alle hatten den Entschluss im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte gefasst gehabt.

Doch da ich zu dem Fuß nun eines Hügels
gekommen war an jenes Tales Ende,
das mir mit Furcht das Herz durchschauert hatte,
blickt‘ ich empor und sah der Berge Schultern

Dantes Erinnerung wirkt an dieser Stelle seltsam trübe, denn bis zum Start war in unseren Herzen von Furcht nichts zu spüren, wobei ich vorausschicken möchte, dass ich später zu überhaupt keiner Spürung mehr im Stande war.
Der Begriff Hügel passt übrigens, von Bergen würde ich nun doch nicht sprechen wollen. Da hat sich der Dichter entweder ein wenig künstlerische Freiheit herausgenommen, oder er will nicht zugeben, dass er genauso böse eingegangen ist wie andere. Ich zum Beispiel.

Die zum Rennen pünktlich aus der Unterwelt gelieferten Hügel sind nicht allzu hoch, aber böse. Sehr böse. Und sie treten in Rudeln auf, beim Höllenberg Trail Run sind es derer vier, die sich über die Distanz von zehn Kilometern zu fünfhundertfünfzig Höhenmetern aufsummieren. Und es sind, so taten meine Beine jedenfalls kund, verhältnismäßig große Meter. Nur wenige Menschen wissen, dass ein Meter nicht immer ein Meter ist, besonders in der pfälzischen Hölle werden sie riesig. Nachmessen nutzt übrigens nichts, die wahren Meter fühlt man mit den Beinen.

Landschaftlich ist die Strecke traumhaft geführt, herrliche Trails winden sich in Serpentinen hinauf und hinab. Ebenso winden sich und winseln die Läufer, die auf einer höheren geistigen Ebene doch noch Gelegenheit fanden, den Lauf zu genießen.

Zumindest ging es mir so.

Teilweise.

Meinem linken Fuß war es offenbar langweilig geworden, so dass er sich zum Einschlafen entschloss. Bergauf ist sowas lästig, bergab un- beziehungsweise umfallträchtig. Also setzte ich mich an den Wegesrand, um ihn mit kräftigen Schlägen unsanft zu wecken. Wenn ich schon durch die Hölle gehe, dann bitteschön vollständig.

Kurz darauf, der Mistfuß war wieder in Schlummer versunken, halluzinierte ich.

O hab‘ mit mir Erbarmen,
wer du auch seist, ob wirklich Mensch,
ob Schatten

Kurz vor dem letzten Gipfel drangen „Hölle, Hölle“ Rufe an mein Ohr. Blondgelockte Engel säumten den Wegesrand, welche uns das teuflische Wort zuriefen. Gleich geht’s ein letztes Mal bergab, wieder einer jener herrlichen – Dante würde „göttlich“ geschrieben haben – Single-Trails, die hinabzurennen so großen Spaß machen. Wäre ich dazu fähig gewesen, ich hätte himmelhoch gejauchzt. Stattdessen beschränkte ich mich auf stilles Genießen und freute mich aufs Ziel.

Warum ersteigst du nicht den Wonnehügel
der Grund und Anfang ist von aller Freude?

Genau den Wonnehügel stand in Form einer hölzernen Rampe, gesäumt von zwei Höllenfeuern im Ziel. In der Tat, meine Wonnen hätten größer nicht sein können, als ich einen Becher köstlichen Getränks meine Kehle herunterrinnen ließ.

Eine Sache ist mir bis jetzt noch unklar. Warum findet sich das pfälzische Motto nicht am Eingang der Region? Dass es das nicht tut, habe ich überprüft, nirgends an der Landesgrenze finden sich Schilder, auf denen steht:

Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren

Wo die pfälzischen Sportveranstalter ihre teuflischen Vergnügungen so gerne mit anderen teilen…
Der Satz würde auch die geziemende Reaktion im Kopfe des anreisenden Läuflings auslösen, der sich anschickt, einen dieser zahlreichen unterweltlichen – jedoch überirdisch genussreichen – Läufe zu bestreiten:

Mit dunkler Farbe sah ich diese Worte
Geschrieben an dem Gipfel eines Tores
Und sprach drum: ‚Meister, hart erscheint ihr Sinn mir.‘

Harte Worte, harte Läufe.

Für harte Läufer:

Hier muss man jedes Zweifels sich entschlagen
und jede Feigheit hier ertötet werden.

Geil!

Übrigens: wer Lust bekommen hat, auf dem Weg über die Hölle zu himmlischen Wonnen zu gelangen, hat bei weiteren Läufen des Wasgau Cups Gelegenheit dazu.

Betreutes Laufen

Gar herrlich ist’s, im Lenz bei Sonnenschein die Einsamkeit der Natur zu erlaufen. Doch weil der gemeine Läufling allen Vorurteilen zum Trotze ein geselliges Wesen ist, darf es gerne mal ein organisierter Lauf sein.

Seien wir ehrlich, viele Läuflinge genießen die Ruhe in der Natur. Einfach Laufen, atmen, Gedanken nachhängen, entspannen.

Alleine.

Seien wir ehrlich, viele Läuflinge genießen es, mit Mitläufern, die im Idealfall gute Freunde sind, die Ruhe der Natur zu genießen. Einfach Laufen, atmen, entspannen, reden.

Gemeinsam.

Denn der gemeine Läufling ist, allen anderslautenden Vorurteilen zum Trotze, ein überaus geselliger Geselle. Gerade die Langstreckler haben schließlich noch genug Luft, um sich neben der Fortbewegung verbal auszutauschen. Kurzstreckler und Tempotrainierende haben es deutlich schwerer. An der Schwelle zwischen aerobem und anaerobem Lauftempo scheiden sich nicht nur die Geister der Energiebereitstellung, auch die Sätze werden kürzer, falls der Sportler seine Gedanken überhaupt noch in Satzform äußert.
Entsinnen wir uns der grundschultypischen Aufforderung „Bitte sprich im ganzen Satz“. Und stellen uns vor, diesem Ansinnen beim intensiven Intervalltraining nachzukommen.

Da bleibt doch schon beim Gedanken die Luft weg!

Lange, langsame Trainingseinheiten dienen der Grundlagenausdauer und fördern den sozialen Zusammenhalt. Stundenlang lassen sich Menschheitsprobleme wälzen, Kochrezepte erörtern – oder schlicht herumblödeln. Der Lauftreff wird zum mobilen Stammtisch. Im Gegensatz zu diesem muss jeder seine Nahrung selbst mitbringen. Kein Kellner, keine wohldekolletierte Maid steht bereit, um die körperlichen Bedürfnisse der Läuflingsgruppe zu erfüllen.
Bitte nicht mißverstehen: ich rede von Nahrung.

Um diesem Mißstand zu begegnen, gibt es glücklicherweise Läufe, bei welchen sich gemütlich laufen lässt. Ein nahe gelegener Marathon drängt sich förmlich auf, und so fiel der zu dritt getroffene spontane Entschluss, den Bienwald-Marathon in Kandel zu genießen. Nicht nur in Kandel, sondern, und das ist der springende Punkt, im Kaffeekränzchentempo.
Nette Läuflinge treffen, ein Pläuschchen hier, ein Schwätzchen da, und immer gemütlich weiterhoppeln. Für Speis‘ und Trank war an der Strecke gesorgt, während die bekanntermaßen reizarme Streckenführung keine Gefahr für ein konzentriertes Gespräch darstellte. Wie soll man denn konzentriert den kategorischen Imperativ diskutieren, wenn alle paar Schritte ein Kleinod der Natur zum „Oh, schau mal“ oder „ach wie schön“ zwingt.

Also parlierten, lächelten (das geht auf Begegnungsstrecken besonders leicht) und lachten wir – genug Luft war dank des geringen Tempos schließlich vorhanden.
Ein jeglicher Verpflegungspunkt wurde freudig begrüßt, dessen Betreuer unsere Freude erwiderten.

Kein Essen mitnehmen, keine „wo laufen wir und wie lange?“.

Betreutes Laufen eben.

Cactus Rose 50

Texas Hill County. Das klingt nach John Wayne, staubigen Straßen, grimmigem Blick und rauchenden Colts.
Statt stilecht mit in Hüfthöhe baumelndem Revolver anzutreten, hat sich die Wild Bunch der Trailläuflinge indes mit Trinkrücksäcken bewaffnet. Aus gutem Grund, denn der Gegner in diesem Duell ist die Hitze.
Willkommen zum Cactus Rose Trail.

CactusRose_1Texas Hill County. Es ist ein weites Land, man erwartet John Wayne, staubige Straßen, grimmigen Blick und rauchende Colts. Die nahe gelegene Stadt Bandera nennt sich nicht umsonst Cowboy Capital of the World.Bandera_1
Statt stilecht mit in Hüfthöhe baumelndem Revolver anzutreten, hat sich die Wild Bunch der Trailläuflinge indes mit Trinkrücksäcken bewaffnet. Aus gutem Grund, denn der Gegner in diesem Duell ist die Hitze.

Willkommen zum Cactus Rose Trail, der seit 2007 Ende Oktober in den Geschmacksrichtungen 50 und 100 Meilen, sowie als Staffel (4×25 Meilen) angeboten wird. Im Prinzip besteht der Kurs aus einer Runde von 25 Meilen, die, je nach zuvor geordertem Menu, zwei bis viermal gelaufen wird. Damit es nicht langweilig wird, haben sich die Organisatoren überlegt, nach jeder Runde die Richtung zu wechseln.

Alle 5 Meilen gibt’s dann ein Zelt mit Wasser und Eiswürfeln – beim Cactus Rose ist Selbstverpflegung angesagt! Also haben wir, Francisco Moreno und ich, am Abend vorher unsere wohlgefüllten Dropbags an zwei Stationen deponiert. Und, wahrlich ich sage euch, es handelte sich um vortreffliche Bags, die in ihrem früheren Leben das Futter für Franciscos Hunde beinhaltet hatten. Meine spontane Begeisterung angesichts eines leichten, hinreichend großen und, vor allem, wasserdicht verschließbaren Behältnisses hat ihn ebenso spontan überzeugt. Also gab’s Läuflingsessen mit Hundemotiv.

Ich hatte übrigens vollkommen verpennt, mich zum Lauf anzumelden. Das muss mir erstmal einer nachmachen: Urlaubstermin auf den Lauf abstimmen und dann…
Aber alles kein Problem, für die supernetten Organisatoren um Anne, Joyce und Joe sind Meldungen bis kurz vor dem Start kein Thema.

Klar: T-Shirt gibt es für Nachmelder keins. Steht wie sonst auch auf der Anmeldung.

Oder?

Weit gefehlt!
CactusRose_2
Als ich um halb fünf in der Frühe (also neunzig Minuten nach dem Aufstehen, eine halbe Stunde vor dem Start, und vier Stunden vor dem Aufwachen), meine Unterlagen abhole, fragt mich Joyce nach meiner Größe: Du kriegst auch ein Shirt. Ich kümmere mich darum, sobald der Shop geöffnet hat..

Wow.

Rundum sorglos und glücklich scheint das Motto der Organisatoren zu sein, Cactus Rose ist von Idealismus getragen. Was Wunder, dass etliche Wiederholungstäter dabei sind.
Tragen eigentlich Menschen wie Joe Prusaitis, Vater des Cactus Rose, einen heimlichen Sadismus mit sich herum? Liebevoll, zuvorkommend, nett bei allen Aspekten – bis auf die Streckenwahl. Da wird keine Gemeinheit ausgelassen, sondern alles integriert was geeignet ist, des Läuflings Leid zu vergrößern.

Aber wir wollen es ja so.

Trailläuflinge sind heimliche Masochisten.

Was wäre uns ein Ultratrail ohne die nachträgliche Gewissheit, über uns hinausgewachsen zu sein? Schmerzen und körperliche Schwächen kraft unseres Willens besiegt zu haben? Wollen wir heimkehren mit den Worten war eigentlich ganz locker?

Dann ist es vielleicht weniger Sadismus, sondern vielmehr die Furcht vor Beschwerden, die den Streckenplan bestimmt. Ich stelle mir die enttäuschten Gesichter vor, wenn ein böser Hügel ausgelassen würde. Hey, was soll der Unsinn uns auf der Schotterstraße um diesen herrlich fiesen Hang herumzuführen? Und einmal konnte ich über fast zehn Minuten meine Füße gerade aufsetzen!

Also ist es Joe, der Besessene, der mit seinem Team dafür Sorge trägt, dass uns alles geboten wird, um als glorreiche Halunken die Ziellinie zu überschreiten.

In der Tat: Trailläuflinge sind anders.

Ist es nicht beschwerlich, beschweren sie sich.

Also legt man ihnen Steine in den Weg, oder führt eben jenen dort entlang, wo bereits welche herumliegen. Und fürwahr, unser Weg war ein steiniger. Single Trails. Rolling Stones. Große, kleine Steine. Mit rund dreihundert Höhenmetern pro Runde recht flach, dafür aber mit fiesen Steigungen (wie gesagt: Rolling Stones. Die sind besonders bei Dunkelheit nicht zu verachten.)

CactusRose_6Außerdem gibt es Sotols.

Bei Wikipedia nennt man sie Dasylirion wheeleri, ich bleibe bei Sotol.

Sie wachsen im Hill County zuhauf, sind wunderschön anzusehen und haben lange Blätter mit Dornen. Wie es sich anfühlt, einen Tag lang hindurchzulaufen?
Nun, es soll Menschen geben, die ihre Unterarme einritzen. Sotols tun dies an Läuflingsbeinen. Am Anfang des Rennens, wenn an den Unterschenkeln noch etwas Haut vorhanden ist, fühlt sich so ein Sotolstreicheln harmlos an. Später wird’s unschön.

Kann man seinen Körper dagegen abhärten?

Ich denke schon. Tägliches Training mit der Drahtbürste sollte funktionieren.

Höre ich jemanden „lange Hose“ sagen? Gute Idee, wenn der Lauf in, sagen wir: Grönland stattfände. Wir hatten rund 30° im Schatten. Und praktisch keinen Schatten. Spätestens ab 12 Uhr mittags brennt die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Beim Gedanken an lange Beinkleider läuft mir ein eiskalter Schauder den Rücken herunter. Eiskalter Schauder? Schön wär’s ja! Jetzt lerne ich die riesigen Kühlboxen mit Eiswürfeln zu schätzen: ein paar Schaufeln in die Trinkblase, Wasser dazu – und bis zur nächsten Verpflegung vermag ich mich mit erfrischendem Eiswasser erquicken.
Salztabletten bilden bei allen einen wesentlichen Teil der Nahrungszufuhr, und im Großen und Ganzen komme ich recht gut mit der Hitze klar.

Später, als die Sonne langsam untergeht, bin ich mit Jason Schwertner unterwegs. Längst sind wir ins Gehen übergegangen, und halten bis zum Ziel einen Plausch. Einen, sagen wir, interessanten Moment erlebe ich bei einsetzender Dunkelheit. Es geht gerade noch ohne Stirnlampe, wir marschieren einen von Sotol gesäumten Pfad entlang. Die Zirpen grillen (oder zirpen die Grillen? Ich kann mich nicht mehr erinnern). Jason, der hinter mir geht, fragt:

Du denkst an die Klapperschlangen, oder?!

…äh…

Klapperschlangen sind in dieser Gegend häufig zu sehen, ebenso Koyoten (deren Heulen am Morgen gut zu hören war).
Klapperschlangen, meine Güte. Als naiver Mitteleuropäer denkt man, tödliche Tiere gäbe es nur im Film.

CactusRose_9Später überschreiten wir hochbeglückt die Ziellinie. Vielmehr: ich hochbeglückt, Jason leicht enttäuscht. Weshalb?
Ich nutze die Gelegenheit, eine sympathische Besonderheit des Cactus Rose anzuschneiden. Wer für eine Handvoll Dollar zwei Runden (50 Meilen) meldet, kann sich für ein paar Dollar mehr spontan dazu entscheiden, zwei weitere Runden anzuhängen und kommt so in die Wertung für 100 Meilen. Umgekehrt findet sich der geneigte Abbrecher nicht in der offiziellen Finisherliste über 50 Meilen wieder, sondern in einem Anhang dazu.

Cactus Rose ist wie das Leben: hart.

Und sehr, sehr schön.

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