Problemerhaltungsstrategie

Die meisten von uns kennen Leute mit Problemen. Nicht direkt problembeladene Existenzen, sondern eine spezielle Art Mensch mit typischem Problem. Ihr wisst schon: zu dick, zu dünn, zu unfit,… Oft, sehr oft gehen sie mit ihrem ganz persönlichen Problem auf eine ganz allgemeine Weise um, und das sehr erfolgreich. Sehen wir uns ein Musterbeispiel an: Geschlechts- und altersneutral, anonym und soooo häufig, dass manch einer manch einen wiedererkennen könnte...
Du hast ein Problem. Nehmen wir an, du hältst dich für zu dick und überhaupt findest du dich unfit, so ganz unspezifisch aber doch häufig. Eigentlich ist es für unser Beispiel auch egal, und genau deswegen schnappen wir uns diese beiden gefühlten Mankos - für dich sind sie echt. Nicht nur das, sie sind ein Problem. Konkret: Dein Problem, über das du schon seit geraumer Zeit wortreich klagst. Zum Glück kennst du Menschen, die sich etwas auskennen und die du deswegen um Rat fragen kannst. Hey, kein Ding, sie geben dir gerne Tipps, wie du dein Problem lösen kannst. Du musst halt ein Bisschen was dafür tun.
Kein Problem. Dein Problem wartet nicht, es tut gar nichts. Es ist einfach nur da.
Sport treiben, das klingt für dich plausibel, nur welchen? Kannst du mir sagen, welcher Sport für mich geeignet ist? fragst du, und so recht will der Funke bei keinem überspringen. Laufen? Nee. Also im Sommer vielleicht schon, aber nur wenn es nicht regnet. Im Winter ist es zu dunkel und zu kalt. Ach so, da könnte man drinnen aufs Laufband. Aber neeeee, im Winter bist du immer so müde. Irgendwann gab es dann doch etwas, das dir halbwegs zusagte. Personal Training in einem Gym, nette Leute, nette Beratung, das Ganze dreimal in der Woche. Zwei Monate lief es regelmäßig, bis du gefragt wurdest, ob du an diesem Samstag vielleicht ins Schwimmbad wollen würdest. Klar wolltest du! Es wurde ein schöner Nachmittag! Stattdessen Sonntags trainieren? Nee, Sonntag musst du dich ausruhen. In der Woche drauf trainiertest du dann wieder, aber der freie Samstag war schon toll gewesen. Zweimal in der Woche reicht ja auch- wenn im Job nicht gerade viel los war. Dann muss es einfach die Couch sein am Abend.
Kein Problem. Dein Problem bleibt.
Kurze Zeit später kam es zum Eklat. Der Trainer wollte allen Ernstes von dir noch zwei weitere Wiederholungen. Dabei hattest du ihm gesagt, dass du nicht mehr kannst! Lächelnd meinte er, du sähest noch fit aus, du solltest es wenigstens probieren. Kapiert der denn nicht, dass du nicht mehr kannst? Du weißt wohl selbst am besten, wenn du nicht mehr kannst! Zu dem Arsch gehst du nicht mehr, ganz sicher nicht!
Kein Problem. Dein Problem bleibt.
Andere schlugen dir vor, deine Ernährung leicht zu ändern, was du für eine gute Idee hältst. Aber Bier muss in der gewohnten Menge sein, ohne das geht's nicht - und Salat ist nun wirklich kein richtiges Essen. Außerdem gehst du immer mit den Kollegen zum Mittagessen: Es gibt entweder Leberkäsbrötchen, Currywurst oder Wurstsalat.  Was sollst du denn sonst zu dir nehmen? Getrunken wird Cola, umso schöner ist die Vorfreude auf dein Feierabendbier! Gegen den Nachmittagshunger hast du mit ausreichendem Vorrat an Snickers vorgesorgt. Wie wäre es stattdessen mit einem Apfel? Fragte dich einst eine Bekannte. Apfel? Davon werde ich doch nicht satt! Am Ende willst du wohl noch, dass ich mein Marmeladenbrötchen zum Frühstück durch so einen Müslischeiß ersetze? Ich bin doch kein Huhn! Dein normaler Fernsehabend wird auch nur entspannend, wenn Knabberzeug neben dir steht. Und nicht zur Zierde, das versteht sich wohl von selbst. Irgendwie brauchst du das, um runterzukommen.
Kein Problem. Dein Problem bleibt.
Erinnerst du dich an den Yogakurs letztes Jahr? Der hatte dir ganz gut gefallen. Entspannend, wirklich sehr entspannend. Freilich kamen einige der anderen bei manchen Übungen ziemlich ins Schwitzen, aber man muss es schließlich nicht übertreiben. In Ruhe daliegen, der Duft von Räucherstäbchen und leise Entspannungsmusik, so hattest du es dir vorgestellt. Erstaunlich, dass man davon schlank und fit werden kann. Du wurdest weder das Eine, noch das andere. Auch nicht nach fünf Monaten.
Zumba hatte übrigens die gleiche Wirkung, und dein anderer Versuch - zweimal in der Woche eine halbe Stunde auf dem Crosstrainer hat nur deinen Kontostand abnehmen lassen. Wie? Ich soll schneller machen? Da komme ich ja total außer Atem und kann keine WhatsApp mehr tippen! Bevor ich es vergesse (du hast es vergessen, oder?) Der Vorschlag, jeden zweiten Tag ganz simpel ein paar Übungen zuhause zu machen. Ein Viertelstündchen mit Liegestützen und Kniebeugen, genau so wie du es hinkriegst. Nee, daheim kann ich mich irgendwie nicht aufraffen, was zu tun. Dann geh' doch in einen Verein, oder probier' ein anderes Gym aus. Nee, da sind bestimmt so komische Leute.
Kein Problem. Dein Problem bleibt.
Du scheinst dein Problem sehr zu lieben, wenn du soviel tust, um es dir zu erhalten. Aber sorge dich nicht!
Dein Problem. Dein Problem bleibt.

2 Gedanken zu „Problemerhaltungsstrategie“

  1. Lieber Haraldo, ach ja, ein wohl bekanntes Problem, das sicherlich viele mit sich herumtragen und auch nach vielen Jahren immer noch damit zu ” kämpfen ” haben.

    Wo der Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg – und wenn dieser nicht vorhanden ist, dann bleibt DEIN PROBLEM.

    Oft genug begegnen mir Menschen, gerade gestern mit den Worten : ” Ich bewundere SIE “, warum ? Weil sie mich fast täglich beim Laufen erwischen. Damit rührt sich ihr Gewissen – und das seit Jahren, immer wenn ihnen Bewegungsfreudige begegnen, se würden ja gerne auch, ABER………… Ach ja !!

    Probleme, die wir nicht kennen, ja , sogar noch Spaß an der Freude haben – und wie ! Wenn alle Menschen wüssten, wie gut Bewegung tut, bliebe für uns kein Platz, uns körperlich draußen zu betätigen.

    Dabei bin und war ich immer bereit, Mitmenschen zu unterstützen, um sie von dieser Art von Problemen zu befreien, aber……………es gibt ja immer so viel anderes zu tun ! YES !!

    In diesem Sinne – ich geh’ dann mal laufen – und später, lege ich mich auf die Matte, obwohl ich so müde sein werde………….

    ciao Haraldo, die stürmische See lässt grüßen

    1. Tjaja, werte Margitta,

      ich dachte mir schon, dass du solche Leute auch kennst – sie sind gar nicht so selten. Dieses “aaaaber….” kommt mir bekannt vor. Aber seien wir froh, dass wir anders ticken. 🙂
      Das gestrige Läufchen war übrigens herrlich! 😉

      Genieß’ die stürmische See für mich mit!

      Ciao,
      Harald

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