Das neue Küchengerät

Ich möchte an der Stelle vor der Lektüre dieses Artikels warnen. Er hat nichts, allenfalls ganz am Rande mit Sport, noch weniger mit Laufen zu tun. Und doch – in gewisser Weise würde ich ihn ohne Sport nicht schreiben können. Vor allem nicht ohne Kettlebell. Um die geht es übrigens auch nicht, zumindest in erster Linie. Vorrangig wurde ich beim Kochen darauf aufmerksam, dass Sportgeräte manchmal auch Küchengeräte sind.

Kennt ihr geriebenen Käse aus der Packung? Jenes Zeug, das aussieht wie Käse, schmeckt wie Käse, und vor allem in einer unsäglich praktischen, immer wieder verschließbaren Tüte beim Discounter des Vertrauens feilgeboten wird?
Fertig gerieben streut man eine kleine Handvoll zwecks Krustenbildung auf Aufläufe. Weil nun eine Packung mehrere „halbe Handvoll“ Käse enthält, bewahren wir ihn im Tiefkühlfach auf. Das geht recht lange, was unweigerlich dazu führt, dass sich Feuchtigkeit ansammelt, um sich mit dem Käse in Form von Eisflocken zu verbinden.
Mit etwas Pech – Pech, das ist eine einfache Umschreibung für „ich bin zu faul, daüber nachzudenken, welche physikalischen / klimatischen Effekte wirken – friert der Käse zu Klumpen zusammen.

Normalerweise zerbröselt so ein zusammengefrorenes, verklebtes Etwas schon beim Hinsehen. Selten, aber wirklich nur sehr selten muss ich sanfte Gewalt anwenden.
Alles ganz leicht.
Bis gestern.

Ziehen, drücken, verdrehen mit den Händen: nichts. Der Klumpen bleibt.
Klopfen, hämmern mit dem Stiel eines Kochlöffels? Fehlanzeige.

Hinweis des Autors: Achtung, wir kommen zum sportlichen Teil!

Aber nicht mit mir.
Flugs begab ich mich zu meinen Kettlebells (Hinweis des Autors: endlich Sport!), den sich in a) der Tüte und b) Sicherheit wiegenden Klumpen in der Hand.
Sein selbstgefälliges Grinsen im Blick, zwang ich in zu Boden (ich legte ihn hin), bevor ihm sechzehn Kilogramm Kettlebell, die ich mehrmals aus ein paar Zentimetern Höhe hinabfallen ließ, den Garaus machten.

Sportgeräte sind eben manchmal auch Küchengeräte.

Get fit to Run

Get fit to run. Für das Laufen fit zu werden? Läuft man denn nicht, um fit zu werden?
Genau diesen scheinbaren Widerspruch löst das Autorenteam schon im Vorwort auf, als der Anspruch des Buches definiert wird, dem am Laufen interessierten genau das Handwerkszeug zu liefern, dass er benötigt, bevor er überhaupt mit dem Laufen beginnt. Denn, so die Autoren, Laufen als Sport setzt eine gewisse Fitness voraus. Mit diesem Anspruch ist der thematische Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen sich gleichermaßen informativ wie vergnüglich lesen lässt.

Die scheinbar verschiedenen Kapitel Motivation, Ernährung, Regeneration und Functional Training summieren sich zu einem Rundumpaket, aus dem sich Anfänger ebenso bedienen können wie erfahrene Läufer. Der Untertitel fokussiert hingegen: „Functional Training für Läufer“. Ich will mir an dieser Stelle einen Seitenhieb nicht verkneifen: Was in aller Welt hat die Leute geritten, diesen Untertitel zu wählen? Der Schwerpunkt liegt eben gerade nicht nur auf F.T.! Soll ich mich ärgern, weil von zweihundertfünfzig Seiten nur die Hälfte funktionell trainiert? Oder „danke“ sagen, denn ich würde ungern auf den Rest verzichtet haben? Beim Umblättern der letzten Seite war mir klar: klasse Buch, irreführender Untertitel.

Allen Abschnitten gemein ist eine kurze Einführung in die jeweiligen Grundlagen und ein Selbsttest. Ich habe mich manchmal an Psychotests erinnert gefühlt – „Wie schlagfertig sind Sie?“, und musste Schmunzeln. Darauf, dass man leistungsfähiger wird, wenn man an den meisten Tagen ausgeschlafen ist, wird man auch ohne Fragebogen kommen. Einzig der Test zur Beweglichkeit wirkte auf mich so, dass ich aus der Auswertung direkt Maßnahmen würde ableiten können.

Richtig schick: die Informationen zu den jeweiligen Grundlagen. In ihnen zeigt sich die fundierte Kenntnis des jeweiligen Autors, der sprachlich leicht verständlich bleibt, ohne ins Oberflächlich-Unpräzise abzudriften.
Es gibt für mich ein wichtiges Kriterium, ob ich ein Buch mag oder nicht. Ich frage mich: habe ich Lust auf den nächsten Satz, auf die folgende Seite? Oder muss ich mich quälen? Lese ich nur weiter, weil mir der mühsam herausgefilterte Inhalt nutzt? Vermag ich fachlich zu folgen? Ja, ich konnte folgen. Ja, ich habe sehr gerne weitergelesen!

Ich will besonders herausstellen, dass man keiner Weise irgendeinem Dogma anhängt. Vorfußlauf? Mittelfuß? Ich zitiere freudig aus dem Kapitel über Bewegung: „In den letzten Jahren haben Autoren immer wieder davon berichtet, den einen ultimativen und erfolgreichen Laufstil gefunden zu haben.“ Zwei Sätze weiter: „Wir machen ihnen bewusst keine Vorgabe, wie sie laufen sollen!“ Danke dafür.

Das macht es mir leicht, über die ein klein wenig zu laut gerührte Werbetrommel hinwegzusehen, zumal die vorgestellten Übungen gut beschrieben sind. Ich würde mir jedoch etwas aussagekräftigere Bilder wünschen, vielmehr ist mir nicht immer auf Anhieb klar geworden, welche der drei Fotos die Bewegungsfolge zeigen, und welche eine alternative Ausführung.

Sinnvoll gruppiert und in ein schlüssiges Gesamtkonzept eingebettet, rühren die Übungen an das Gewissen der meisten Läufer.
Zunächst allgemeines Aufwärmen gefolgt von laufspezifischen Übungen. Es folgen je nach Wunsch Lauf-ABC, Kraft- und Schnelligkeitsübungen. Netterweise wird man von den Autoren auch nicht allein gelassen, wenn es darum geht, die Übungen in den Trainingsalltag einzubinden. Sie schlagen vor, einzelne Elemente an den Beginn einer Trainingseinheit zu stellen: „Movement Prep“, „Running Prep“ et cetera. Zusammen fast eine halbe Stunde, und das vor dem „richtigen“ Lauftraining. Danach zehn Minuten Regeneration. Profi müsste man sein. Oder früher aufstehen. Aber Recht hat das Buch, denn der Kreis schließt sich, sobald ich wieder an den Titel denke: get fit to run.

Lauftraining besteht aus mehr als Laufen. Zum Beispiel aus der Lust am Laufen.

„Weshalb willst du überhaupt Laufen?“ Ein cooler Gedanke, in einem Buch über Sport das Gebiet von Motivation und mentalem Training zumindest anzuschneiden. Vor allem der Neuling tut gut daran, diesen Abschnitt zu lesen, um sich über seine Motive klar zu werden. Der Tag, an dem jede Lust, den Hintern auch nur aus dem Bett, geschweige denn in den nasskalten, regnerischen Tag zu schieben, kommt bestimmt. Glücklich, wer weiss, wozu er trainiert. Noch glücklicher, wer seine Ziele erreicht. Der Kopf läuft mit!

Wie wir dem Körper helfen können, Belastungen besser – schneller? – wegzustecken, behandeln die Autoren im Teil über Regeneration. Der Leser lernt, welche Vorgänge im Körper währenddessen ablaufen, und welche Faktoren Einfluss nehmen. Die Autoren bringen das auf eine griffige Formel „Arbeit + Pause = Erfolg“. Auch schaffen Graumann, Beuke & Co. zuerst eine Wissensbasis, auf die man zurückgreifen kann, wenn man die Regenerationsmaßnahmen näher beleuchten möchte.

Fazit: ein gutes, thematisch rundes Buch über „Fit werden zum Laufen“.

50 km Rodgau

Der 50 km Lauf des RLT Rodgau Ende Jaunuar ist so etwas wie das inoffizielle Jahrestreffen der Ultraszene. Für die einen ein langer Träningslauf, während andere, in der Nachsaison fleißiger träniert habend, schon den Saisonbeginn feiern.
Damit man auf fünfzig Kilometer kommt, muss die 5 km lange Runde nach Adam Riese zehn mal umrundet werden. Klingt langweilig? Im Grunde schon, wäre da nicht der Zeitpunkt, zu dem die Veranstaltung stattfindet. Ende Januar, das liegt bekanntlich mitten im Winter.

Und das bedeutet wiederum: In Rodgau ist es kalt und rutschig. Ich gehe einen Schritt weiter, indem ich behaupte: ein Läufling war nur dann in Rodgau, wenn er fror und rutschte.
Meistens ist noch Wind. Wer die Strecke kennt, weiss, was ich meine: auf der freien Fläche pustet es dann kräftig. Nicht dieses Jahr allerdings.
Dafür boten gut drei der fünf Kilometer eine geschlossene Schneedecke, die je nach Abschnitt fröhliche Abwechslung bot: mal festgetrampelt auf Eis, dann wieder etwas weicher, damit die Füße Löcher strampeln konnten. Wer Lust hatte, konnte die Bedeutung des Wortes Propriozeption (Eigenwahrnehmung) am eigenen Leib erfahren. Mal ein wenig rutschen, dann wieder freudig in eine Unebenheit. Für Beine und Gleichgewichtssinn gab es einiges zu tun!

Soviel, dass ich mich zu einem Adjektiv inspiriert sah: einen Lauf, bei dem es kalt, und die Strecke rutschig ist, nenne ich fortan „rodgau“. Rodgau war dieses Jahr sehr rodgau.
Was wiederum gut ist. Wäre Rodgau weniger rodgau, weil man den Lauf zum Beispiel im Mai veranstaltet, dann, ja dann würden wir von einem popeligen Fuffziger auf einer stinklangweiligen Fünfkilometerrunde reden. Da kommt doch keiner. Ultras wollen leiden. Je rodgau ein Lauf ist, desto besser.

Und Rodgau ist meistens rodgau, deshalb ist der Rodgauer Fünfziger ein fest etablierter Anziehungspunkt für Ultras, dessen Attraktivität sich in steigenden Teilnehmerzahlen zeigt.
Es erstaunt mich immer wieder, wie gut es dem RLT gelungen ist, damit Schritt zu halten. Mittlerweile starten über achthundert Läuflinge, die von den freundlichen Helfern bestens betreut werden. Sie waren eifrig damit beschäftigt, die sehr schwere Strecke mit viel Einsatz (Split streuen, Eis hacken) für die Läuflinge wenigstens einigermaßen laufbar zu machen. „Es“ war stärker als sie, der Weg wurde im Laufe des Tages eher noch rutschiger.

Parkplätze sind übrigens knapp – kein Problem, die freundlichen Einweiser geben Tipps, wo sich das Auto in der näheren Umgebung legal abstellen lässt. Es wäre schließlich zu dumm, nach fuffzich Kilometern in der Kälte zu einem längst abgeschleppten Auto zu laufen.

Laufen, genau. Von der „Infrastruktur“ zu Start und Ziel liegt ein runder Kilometer, der per Pedes zurückgelegt werden will. Die meisten legen sich warme Klamotten bereit (dafür steht etwas Grillhütten-Ähnliches im XXL-Format zur Verfügung). Umziehen gestaltet sich dank steifer Beine (vom Laufen) und Finger (von der Kälte), nun, sagen wir: interessant. So mancher Läufling erwarb seine Daunenjacke einzig zu dem Zweck, den Weg „zurück“ in leidlichem Komfort zurückzulegen. Ich phantasierte in meiner letzten Runde davon, mein Chauffeur (den ich nicht habe) stünde mit dem vorgeheizten Rolls-Royce (den ich auch nicht habe) direkt nach der Ziellinie bereit, um mich gepflegt nach Hause zu chauffieren. Ist schließlich sein Job als Chauffeur. Schon die Berufsbezeichung „Chauffeur“, die sich vom Französischen „Heizer“ (frz. chaud = heiss) herleitet, schickt warme Schauder über meinen Rücken.
Mangels Rolls und Chauffeur griff ich notgedrungen auf meine warme Kleidung zurück. Selbst das: ein Labsal!

Vor den Siegerzeiten in 3:08 (Männer) bzw. 4:04 Stunden (Frauen) kann ich nur ehrfürchtig erstarren. Ich selbst lief 5:05:26, womit ich aus meiner bescheidenen Sicht mehr als zufrieden bin, hatte ich mich im Winter doch mehr auf Athletik konzentriert.

Wie ich schon sagte: Du warst nur in Rodgau, wenn es kalt und rutschig, also rodgau, war. 2013 war Rodgau sehr rodgau. Hurra, ich war in Rodgau!

Projekt Phönix (2): wie läuft’s?

Das Projekt Phönix, das mich zu einem „besseren“ Läufling machen soll, läuft seit dem 5. November des letzten Jahres. Da kann ich kurz innehalten, und mich fragen: was hat sich geändert?

Was wollte ich überhaupt verändern?
Ein besserer Läufling werden, das war und ist mein Ziel.
Besseres Träning, mehr Träningsdisziplin. Freilich erwarte ich mir auch bessere Zeiten bei Wettkämpfen. Der Lohn der Mühen darf sich gerne in Ergebnislisten niederschlagen.

Und wie sollte das gleich wieder vonstatten gehen?
Ich zitiere den ersten Artikel der Serie zum Projekt Phönix, denn ich bin ein faules Stück und stehe dazu!
– Aufbauträning ab 5. November. Schwerpunkt Athletik (Kettlebells, Seilhüpfen und Gelenkmobilisation, vier- bis sechsmal wöchentlich). Wenig Laufen, vielleicht zweimal in der Woche, ab Januar dann mehr.
– ich bilde einen Träningssockel. Darunter verstehe ich die tägliche Dosis Träning, die ich zu mir nehme.
– schöne Saisonplanung. Das Zeug mit den Mikro- und Makrozyklen…
– ganz wichtig: ich führe wieder ein Träningstagebuch!

Ach wie ist es schön, wenn ich mein Träningstagebuch ansehe, das ich in einer hübschen Tabelle meines Computers pflege. Und wie ich mich freue, wenn ich etwas neu eintragen kann. Wie herrlich, wenn ich den Plan mit dem ausgeführten Träning vergleiche! Selbst wenn ich mal weniger tränierte als geplant: egal.
Denn erstens klappte es auf Anhieb, einen Träningssockel zu bilden, und zweitens habe ich eine schöne Kontrolle über die Zyklisierung: bei den Makrozyklen bedeutet das, drei Wochen langsam steigern, dann eine Woche locker. Ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert, wenn ich schwarz auf weiss sehe, dass ich tatsächlich so träniert habe, wie ich sollte.

Angefangen habe ich damit, dass ich viermal in der Woche ein Kettlebellprogramm absolvierte. Nicht immer die gleiche Abfolge, schließlich will ich Spaß dabei haben. Darüber, was ich genau treibe, schreibe ich in einem eigenen Artikel. Dazu kommt ein bis dreimal Laufträning wöchentlich.

Was ich als Morgenmuffel nur empfehlen kann: erstmal mit Gelenkmobilisation hübsch aufwärmen. Mein träger Leib lässt sich austricksen, wenn ich schon im Bett mit leichten Übungen beginne.
Ob es daran liegt oder am Bellen, ich bin weniger verspannt als sonst. Bürojobs lassen Nackenmuskeln gerne aushärten wie Beton im Sommer. Eine Woche vor dem Computer, und der Rücken ist hart wie Siegfrieds Haut nach dem gemeinsamen Bad mit dem Drachen. Und jetzt? Locker und luftig. Meistens jedenfalls.
Klar, dass ich kettlebelltechnisch Fortschritte mache. Ist nicht das primäre Ziel, aber ich nehm’s gerne mit! Genauso übrigens beim Seilhüpfen. Meine Güte, wenn ich mir vorstelle, wie krampfig das zu Beginn nicht funktioniert hat. Mittlerweile wage ich gar herumzuspielen.

Was bringt’s?
Das wichtigste zuerst: ich spüre wieder Leidenschaft! Wenn ich an das Träning der beiden letzten Jahre zurückdenke, kommen mir eher Gedanken an „Einheitsbrei“ in den Sinn als Erinnerungen an Würze und Abwechslung. Mal zwischendrin Gas zu geben, die Sau rauslassen! Dann wieder fröhlich Bellen! Und den Fortschritt dokumentieren. Tief durch, ein, ausatmen. Die Vögel zwitschern…nein, das nicht, wir haben noch Winter.

Höheres Tempo scheint mir zumindest auf kurzen Strecken leichter zu fallen. Ich drücke mich absichtlich vorsichtig aus, weil ich keine Ahnung habe, ob das Bellen alleine einen Beitrag geleistet hat, ob ich mehr Biss entwickelte, oder, oder, oder.
Wieso das Bellen? Vor drei Wochen habe ich bei den Swings meinen Pulsgurt getragen. Ich staunte nicht schlecht, dass die Herzfrequenz in dem Bereich lag, in dem ich Tempoträning mache. Gepaart mit Seilhüpfen wird es sich zumindest nicht nachteilig ausgewirkt haben.
Wo ich mir sehr sicher bin: Bellen hilft bergauf und bergab. Sonntag im hügeligen Odenwald merkte ich deutlich, dass mich die Kraftanstrengung bergauf weniger anstrengte als sonst. Ich mache mir ein Kompliment für den letzten Satz: „die Kraftanstrengung strengt mich weniger an“. Da klopf‘ ich mir selbst auf die Schulter und frage mich, ob ich eine Fußballkarriere anstreben soll. Die nötige Rhetorik bringe ich mit.

Aber ich schweife ab. In der nächsten Zukunft will ich den Anteil des Laufens am Träning steigern. Ich bin mir noch unschlüssig, wie weit ich das Ergänzungsträning reduziere. Ob ich das Ergänzungsträning reduziere. Bis jetzt hatte ich allenfalls sieben Stunden in der Woche träniert, da ist genug Raum nach oben. Bellen und Laufen, eine schöne Kombination für eine Träningseinheit mit großem Nachteil: es dauert länger. Und das bedeutet, noch früher aufzustehen. Ich bin Morgenmuffel.

Beim Laufen selbst ist sicher, dass ich stärker differnziere. Hatten wir ja schon: ein Bergträning sei ein Bergträning, Tempo sei Tempo und herumgekaspert wird sowieso. Wenn ein hübsches Hügelchen in der Landschaft herumsteht, werde ich ihn mir gönnen!

Morgen ist in Rodgau ein erster Test kurz vor Saisonbeginn. Lange Läufe hatte ich kaum gemacht, der längste vor einer knappen Woche. Und selbst das keine drei Stunden. Andererseits meine ich, dass ich insgesamt besser vorbereitet bin als, sagen wir: letztes Jahr. Ist das „gefühltes Träning“?
Egal, ich werde sehen was passiert. Freu‘ mich drauf. Und werde berichten.

Über die Pflichtausrüstung

Ende August, irgendwo im Mont-Blanc-Massiv, irgendwann mitten in der Nacht. Es ist mit rund 5 Grad lausig kalt und diesig. Schneeregen und Wind verleihen dem Wetter das Prädikat „usselig“, wie der Kölner es ausdrücken würde. Mit Regenhose und Poncho über den Laufklamotten ist mir zumindest warm. Im Rucksack wartet ein trockenes Laufleibchen vergeblich darauf, dass es noch kälter wird. Gut zu wissen, dass ich im Falle des Falles noch nachlegen könnte.
Wir springen in der Zeit drei Tage zurück. In herrlichem Sonnenschein warte ich mit etlichen anderen Läuflingen bei der Startnummernausgabe des UTMB darauf, dass man unsere Pflichtausrüstung kontrolliert.

Pflichtausrüstung ist bei Ultra-Trails üblich. Pflichtausrüstung. Pflicht! Ich kann es auf den Tod nicht leiden, wenn man mir Vorschriften macht. Vor allem dann, wenn die Ausrüstungsliste (nur) das enthält, was ich sowieso mitnehmen würde. Weshalb muss das denn Pflicht sein? Und dann wird sie auch noch kontrolliert! Das gibt mir ein déjà-vu, schließlich war ich beim Bund. Hamse jedient? Jawoll! Und jetzt wollen wildfremde Menschen schon wieder einen Blick in mein Allerheiligstes werfen? Als wüsste ich nicht selbst, was ich brauche. O warum nur, warum?

Tja, wieso gibt es diese Pflichtausrüstung? Ich wortklaube, zerlege das Wort in seine Bestandteile, das hilft mir meist bei der Suche nach Erkenntnis. Ich grübele über „Ausrüstung“. Und über die „Pflicht“, sie mitzunehmen. Grobe Pflichtverletzungen werden ja bekanntlich sanktioniert mit Fegefeuer und Startverbot.

Die Frage, mit der ich mich dem Thema „Ausrüstung“ annähern will, stelle ich mir im Kontext dieser Situation:
Ich gedenke, mich im Gebirge sehr, sehr lange zu bewegen. Sagen wir, über eine Distanz von hundert Kilometern. Ich werde auch bei Nacht unterwegs sein.

Was nehme ich mit?

Mir fallen die Survival-Ratgeber wieder ein, die ich als Teenie verschlungen habe. Gebirge, das heisst, es kann kalt werden, das Wetter kann schnell umschlagen. Ich kann mich verletzen, und muss vielleicht auf Hilfe warten.
Nein, das ist kein City-Marathon, wo sich im schlimmsten Fall zwanzig Zuschauer um mich kümmern. Bei Trails wie dem Ultra Trail du Mont Blanc liegen die Verpflegungsstellen rund zehn Kilometer auseinander, teilweise mehr. Auch wenn Rettung naht: es kann dauern, bis sie nah genug ist.

Was nehme ich mit?

Nachts wird es bekanntlich dunkel. Mit leeren Batterien macht die Sache wenig Freude. Noch weniger, wenn der Weg schlecht und holprig ist. Soll in den Bergen ja vorkommen. Also Lampe und Ersatzbatterien.
Was haben wir bisher in der Bilanz möglicher Unannehmlichkeiten? Scheißwetter, ziemlich weit weg vom Schuss, Wege bieten die Chance auf Umknkicken, Abstürzen, und dergleichen mehr. Ich könnte Hunger haben. Der Abstand zwischen zwei Verpflegungspunkten kann sich ziehen. Und wo ich schonmal dabei bin, gleich ein Erste-Hilfe-Set; das Fußplege-Kit ist sowieso dabei.
Im Notfall jemanden anrufen, das wär’s natürlich! Gesegnet sei der Mobilfunk. Einschließlich geeigneter Nummer. Nein, nicht die von Tante Elsa, mit der sich so trefflich plaudern lässt. Hoffentlich gibt’s Netz da oben. Und wenn nicht? Trillerpfeife. Man weiss ja nie.

Ach ja, das Wetter. Soll im Gebirge zickiger sein als jede Tussi. Warme Klamotten wiegen fast nix, und dann noch was gegen Regen.

Also nochmal: Was nehme ich mit?
In meinen Rucksack packe ich all das, was mir der angewandte gesunde Menschenverstand eingibt. Am Ende steht eine Liste, die sich kaum von dem unterscheidet, was im Reglement unter „Pflichtausrüstung“ aufgeführt ist.

Von der Kür gelangen wir zur Pflicht. Wieso sagt man den Teilnehmern nicht, worauf sie sich einlassen, um dann eine Ausrüstungsempfehlung zu geben? Wenn dann jemand meint, er müsste unbedingt in kurzen Hosen und Singlet nächtens von Pass zu Pass springen, mag er das gerne tun. Auf eigenes Risiko. In dieser Hinsicht bin ich bekennender Darwinist.

Die Krux scheint mir darin zu liegen, dass Veranstalter von der öffentlichen Meinung abhängig sind. Falls etwas passieren sollte, liegt die Schuld nicht bei dem Vollpfosten ohne vernünftige Ausrüstung, sondern wir dürften Schlagzeilen erwarten in der Art von „wieder Katastrophe bei einem Berglauf“. Dann kommt unweigerlich jemand darauf, dass „Ultra“ weiter ist als ein Marathon. Und schon der ist ja eine ganz extreme Sache. Mithin ist Ultra per se Wahnsinn. Noch dazu in den Bergen.
Schuld hat natürlich wer? Genau, der Veranstalter. Weil er den Teilnehmern keinen beheizten Ruheraum hinterherträgt. Oder weil er zulässt, dass diese Wahnsinnigen ihren Wahnsinn betreiben. Und, vor allem, weil er der Veranstalter ist. Auf Eigenverantwortung hinzuweisen, ist ja leider aus der Mode gekommen.

Ich gebe es ungern, und nur protestierend mit den Zähnen knirschend, zu: ich kann den Zwang, bestimmte Dinge mit sich herumzutragen, nachvollziehen. Auch die Kontrollen.
Nun ist jedes System höchstens so gut, wie das System, welches es schlägt. Deshalb wird es Leute geben, die viel Überlegung dareinstecken, wie sie einen Teil ihrer Pflichtausrüstung zur Nichtausrüstung machen können. Wenn es dann unterwegs kalt und usselig wird, wenn Hunger und Kälte nagen, wenn gar die körperliche Unversehrtheit gefährdet ist: selbst schuld. Der Veranstalter kann auf sein Reglement verweisen und ist zumindest halbwegs aus dem Schneider.

Pflichtausrüstung? Angewandter gesunder Menschenverstand. Über einzelne Positionen lässt sich diskutieren. Die Sache mit dem Zwang aber…
Ich fürchte, der ist nicht für uns Läuflinge gedacht (auch nicht für die ohne Ausrüstung). Sondern für die Medien konsumierenden Sportmuffel. Ich höre mich wieder knirschen.