Galilei, gestern.

Galilei, das war der mit der Erde und der Sonne. Der herausbekommen hat, dass die Erde nicht so ganz im Zentrum des Geschehens steht, wie manche seiner Zeitgenossen das gerne gehabt hätten. Und dann muss er es auch noch öffentlich machen, dieser whistleblowende Wissenschaftler.
Ihm widme ich meine gestrige Laufeinheit.

Galilei, das war der mit der Erde und der Sonne. Der herausbekommen hat, dass die Erde nicht ganz so im Zentrum des Geschehens steht, wie manche seiner Zeitgenossen das gerne gehabt hätten. Und dann musste er es auch noch öffentlich machen, dieser whistleblowende Wissenschaftler.
Ihm widme ich meine gestrige Laufeinheit.

Denn eigentlich wollte ich gestern überhaupt nicht mehr laufen. Besser gesagt: ich wollte schon, doch halb hielt es mich, halb lag ich herum. Oder frei nach Karl Valentin: mögen hätte ich schon gewollt, aber machen habe ich nicht gekonnt.
Müde war’s, drinnen und draußen. Als hätte mir jemand den Stecker gezogen. Allein der Gedanke an das geplante Tempoträning hätte meinen Pulsschlag angstvoll steigen lassen, nur: nichtmal das gelang mir.
Stehend k.o. nennt man das wohl.

Rückblickend, nach dem Lauftraining (womit ich die Spannungskurve ansatzlos ins Bodenlose stürzen lasse, denn jetzt ist es raus: ich bin doch noch gelaufen!), fiel mir ein, dass ich tagsüber kaum etwas Vernünftiges gegessen hatte. Prima, als ob Müdigkeit alleine nicht ausreichen würde! Weder Kreis- noch Geradeauslauf ließen sich in meiner Nähe blicken, erst recht nicht, als es spät und später wurde. Anscheinend haben diese Intriganten darauf spekuliert, der Tag würde ohne weitere körperliche Ertüchtigung enden. Ein halbes Stündchen mit der Kettlebell zu mittag, soll das alles gewesen sein?

Beine, schwer wie – nein, umgekehrt: Blei würde meine Beine als Metapher für sich selbst genommen haben. „Hach bin ich fertig heute, ich fühle mich schwer wie Bein“. So in etwa hätte sich des Bleis Gejammer angehört.
Diese Beine schleppte ich also herum, um mich zum Träning fertig zu machen. Ich betone: ich schleppte die Beine, nicht sie mich.

Erschwerend (sic!) hinzu kam, dass ich mir Fahrtspiel nach Pi vorgenommen hatte. Die ersten 8 Stellen von Pi, als Minuten interpretiert, schnell gelaufen. Danach ebenso lang als aktive Erholung in langsamem Tempo.
In Zahlen sind das 3 – 1 – 4 – 1 – 5 – 9 – 2 – 6 Minuten.
Die Koordinationsleistung aufzubringen, um mich mit dem Springseil aufzuwärmen, schien mir illusorisch, ich entschied mich für das traditionell-langweilige Warmlaufen. Macht „man“ heutzutage nicht mehr, ich weiß. Gestern war mir das wurscht. Öde, monotone Fortbewegung war das Äußerste was ich mir abverlangen konnte.

Am Anfang.

Zweihundert Meter später: „Hallo linkes Bein. Schön, dass du da bist!“

Fünfzig weitere Meter: „Hey, rechtes Bein, auch dabei? Klasse!“

Der erste halbe Kilometer ließ mich glauben, ich könnte tatsächlich mit dem Träning beginnen. Drei Minuten schnell. Und ich muss ja nicht alle acht Stellen „machen“. Vielleicht nur die vier ersten? Oder nur, bis die kurze fünfkommaknapp Kilometer lange Runde vorbei ist?

Also los, drei Minuten….

GO!

Erste Minute: …puh ist das zäh…

Zweite Minute: …geht besser als gedacht…

Zweieinhalb Minuten: …huch, das Tempo ist nicht übel, deutlich unter vier Minuten je Kilometer…strengt an…und später dräut der lange Teil mit neun Minuten…naja, erstmal drei Min zu Ende bringen…

Drei Minuten: …sehr schön, erstmal locker…endlich…als nächstes zum Glück nur eine Minute, das geht schnell vorüber…

Um es kurz zu machen: ich bin die Einheit komplett gelaufen. Zur Halbzeit gesellte sich freundlicherweise mein Kreislauf dazu, während gegen Ende der Magen die sportliche Runde mit Defätismus erheiterte.
Mitten in der neunminütigen Tempoeinheit musste ich mir anhören, er sei leer. Weiß ich doch! Beine, stets offen für Anregungen, nahmen das sogleich zum Anlass, ihre Kraftlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Auch das war mir nicht neu, der Informationsgehalt gleich Null.
„Ja und?“ rief ich meinem Leibe lächelnd zu, „Ist das etwa ein Grund, auf Tempo zu verzichten? Wir laufen, so schnell wir können!“
Genau das tat ich dann auch. So schnell ich konnte – in Anbetracht der Umstände zolle ich mir ein dickes Lob, dass die schnellen Phasen alle deutlich unter 4:30 lagen.

Wieder daheim, begab ich mich unverzagt wie unverzüglich in einen Zustand fortgeschrittener Apathie. Ich inhalierte einen Berg Spaghetti. Falls heute der Nudelpreis-Index irgendeiner Warenterminbörse explodiert, wodurch Italien seine Staatsschulden mit Teigwaren tilgen kann: Leute, ich hatte Hunger. In meinem gestrigen Zustand war mir die Weltwirtschaft herzlich egal.

Lieber Galileo Galilei, Ehre sei dir. Hättest du mich gestern gesehen, du würdest ausgerufen haben: „Und er bewegt sich doch!“

Papalagi

Als der Häuptling Tuiavii Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Europa bereiste, wunderte er sich des Öfteren über eigenartige Verhaltensweisen. Warum in aller Welt sollte man seine Wohnung abschließen? Und dieses ständige Hetzen nach Besitz von rundem Metall und bedrucktem Papier – Geld – schien ihm gleichermaßen absurd wie schädlich. Außerdem sind alle von der Krankheit des Denkens befallen.
Was würde Tuiavii wohl sagen, wenn er uns heute Sport treiben sähe?

Als der Häuptling Tuiavii Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Europa bereiste, wunderte er sich über eigenartige Verhaltensweisen der Einheimischen. Warum in aller Welt sollte man seine Wohnung abschließen? Und dieses ständige Hetzen nach Besitz von rundem Metall und bedrucktem Papier – Geld – schien ihm gleichermaßen absurd wie schädlich. Außerdem seien alle von der Krankheit des Denkens befallen.
Was würde Tuiavii wohl sagen, wenn er uns heute Sport treiben sähe?

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Europa von Polynesien mindestens so weit entfernt wie Polynesien von Europa.
Oder war es umgekehrt?
Räumlich sowieso, aber es sind gerade die kulturellen Unterschiede, die Tuiavii dazu bewogen, seine Mitmenschen in elf kleinen Reden über das zu informieren, was dem Europäer damals wie heute selbstverständlich ist.

Über Zeitschriften berichtet Tuiavii zum Beispiel: In diesen Papieren liegt die große Klugheit des Papalagi. Er muss jeden Morgen und Abend seinen Kopf zwischen sie halten, um ihn neu zu füllen und ihn satt zu machen, damit er besser denkt und viel in sich hat; wie das Pferd auch besser läuft, wenn es viele Bananen gefressen hat und sein Leib ordentlich voll ist.

Was würde Tuiavii wohl denken, käme er heute in eine europäische Stadt, um sich das Leben hier anzusehen? Vor allem: wie würde er unsere Sportkultur bewerten?

Bilder aus fernen Ländern – Polynesien – zeigen meist gut tränierte Körper; Muskeln in einer Definiertheit, wie sie im Buche steht. Wo dem Betrachter das Talent zum Neid fehlt, blickt er voll Anerkennung auf Leiber, die das darstellen, was sich der Sport treibende westeuropäische Mensch von seiner persönlichen Ertüchtigung erhofft.
„Hier“, scheinen die Bilder zu rufen, „hier kannst du sehen, wohin du gelangt sein wirst, wenn du dort ankommst, wo du hinwillst!“

Der Betrachter folgert messerscharf: die Leute sind fit. Sie sind es, weil ihr Lebenswandel sie dazu macht.
„Seht ihr“, spräche Tuiavii, „wir rudern unermüdlich in unseren Booten, verlassen uns nicht auf den Gott der Motorisierung. Wir erklettern die Palme, um eine Kokosnuss zu essen, und bauen unsere Hütten aus dem, was wir dem Walde entnehmen. Der Papalagi kennt die Kokosmilch nur von Nüssen aus Metall, die er in eigenen Hütten gegen buntes Papier eintauscht“

Nüsse aus Metall – Dosen – gewiss, ob die wirklich das enthalten, was unser freundlicher Häuptling als Kokosmilch kennt? Wenn der wüsste, was auch wir lieber nicht wissen wollen….
….

Tuiavii würde die blassen, fetten Leiber hierzulande in Zusammenhang mit dem bewegungsarmen Leben der meisten Leute hier bringen.
Das würde ihn weder überraschen, noch irritieren.

Er würde dem Bemühen um Ausgleich seinen Respekt zollen, jedenfalls behaupte ich das. „Das, was der Papalagi seinen Beruf nennt, zwingt ihn oft, seinen Leib tagein, tagaus auf einem Fleck sitzen zu lassen. Er versucht, den Verfall abzuwenden, indem er rituelle Bewegungen verschiedenster Art ausführt. Der Papalagi sagt dazu, er treibe Sport.“

Soweit würde Tuiavii unsere Art, Sport zu treiben gutieren. Er würde jedoch äußerst konsterniert zu Kenntnis nehmen, dass Menschen bei herrlichstem Wetter im geschlossenen Raum – er würde von Hütten reden – tränieren. Eingeschlossen, statt draußen an der frischen Luft zu sein.

Noch mehr würde er sich über unnatürlich erscheindende Maschinen wundern. Sie ersetzen einen großen Teil des Leibes, damit ein anderer, kleiner Teil gekräftigt werde. Wozu alles andere fixieren, damit nur der Bizeps benutzt werde?
Es erschiene ihm widersinnig, einem funktionsfähigen Körper so viel Unterstützung zu geben, wo doch ein gesunder Mensch ohne Weiteres in der Lage ist, ein Gewicht zu bewegen.
Würde er verstehen, weshalb viele von uns „geführte Bewegungen“ bevorzugen, an Maschinen tränieren, obgleich unseren Körpern diese Form der Hilfe gerade dann, wenn wir die mühsam antränierte Kraft nutzen wollen, nicht zur Verfügung steht?

Klimmzugstangen ließen ihn fragen „Die Welt des Papalagi hat mehr Bäume, als wir Sandkörner am Ufer, und doch baut er sich künstliche Äste in seine Hütte, an denen er sich hinaufzieht. Hat der Papalagi denn vergessen, dass ein Baum Äste hat?“

Ich glaube, Tuiavii wäre ein Freund von „Functional Fitness“. Er würde erfreut zusehen, wie mancher mit freien Gewichten arbeitet. All das würde ihn an Vernunft im Europäer glauben lassen.

Eine Sache allerdings bliebe ungeklärt.
Draußen ist wunderbares Wetter, sagen wir: dreiundzwanzig Grad und Sonne. Durch die große Scheibe eines Fitness-Clubs sieht Häuptling Tuiavii, wie Menschen auf Laufbändern vor sich hin traben.
Er würde es nicht nur nicht verstehen, er würde es nicht bemerken, weil sein Gehirn solch wunderliches Bild nicht verarbeiten könnte.
Da geht es ihm wie mir.

Test Feelmax Osma 3

IMG_3763Barfußschuhe, Minimalschuhe, Natural Running. Verwirrend, oder? Das heißt: nicht ganz, wenn ich mir den gemeinsamen Nenner dieser Schlagworte vor Augen halte. Er besteht mehr oder minder in einem Schuh, den man kaum als Schuh wahrnimmt. Der finnische Hersteller Feelmax bietet für ein Beinahe-Barfußgefühl beim Laufen den Osma 3 an.

Beschreibung
Der Osma 3 fühlt sich überaus weich an. Seine Sohle, die aus unterschiedlichen Gummisorten besteht, ist höchst flexibel, während das netzartige Obermaterial sehr atmungsaktiv aussieht. Die Fersenkappe ist an der Innenseite mit einem weichen, wildlederartigen Material gefüttert. Auch das: superweich!

Material: Oben Coolspacer, Velukid Suede
Sohle NatuRun Minimo 2,5 mm, Gummiverbundsohle
Farbe: Sohle schwarz / rot, Obermaterial grau / rot
Gewicht: 181 g je Schuh (gewogen)

Test
Bevor ich die Osma testete, hielt ich es für ratsam, zunächst meine Erwartungen zu formulieren. Wofür will ich die Schuhe verwenden?
Meine bisherigen Erfahrungen mit Minimalschuhen beschränken sich auf ein Paar Strandschuhe, die ich vor ein paar Jahren in Kroatien für eine Handvoll Euro erwarb. Angezogen habe ich sie für Seilhüpfen und Kettlebelltraining wenn mir der Boden zum Barfußtraining zu kalt war, und ich nutzte sie für gelegentliches Lauf-ABC. Wenn ich den lächerlich niedrigen Preis bedenke, haben sie mich nicht enttäuscht.
Nachdem die Osma deutlich besser aussehen, will ich sie außerdem gelegentlich im Alltag tragen.

Erster Eindruck
Die Sohle wirkt, als könnte man sie bei mannigfaltigen Laufeinsätzen verwenden. Das Profil verspricht ausreichend Traktion auch jenseits von Asphalt, dabei ist sie weich genug, um den Fußsohlen das feinsinnige Erfassen des Untergrundes zu erlauben.
Beim Anziehen rollte sich die Zunge ein wenig, so dass ich sie per Hand glattstreifen musste. Danach konnte ich beglückt feststellen: die Osma 3 sind Schuhe für Menschen mit breitem Fuß! Auch wenn die Metapher reichlich ausgelutscht ist, hier passt sie wie die Faust aufs Auge (noch ’ne Metapher….), denn die Osma sitzen wie ein Handschuh am Fuß.
Dazu trägt das Schnürsystem bei, welches nicht nur einen Klemmverschluss aufweist, vor allem dienen Gummischnüre als Schnürsenkel.
Nach wenigen Minuten des Tragens ertappte ich mich beim Blick nach unten. Habe ich wirklich Schuhe an?

Seilhüpfen und Athletik (drinnen)
Wie gesagt: normalerweise trainiere ich barfuß. Ist der Boden dafür zu kalt (oder im schweißtriefenden Sommer zu rutschig), greife ich zu Schuhen.
Der Einsatz definiert, was die Schuhe können müssen: sie dürfen die Sensorik der Fußsohlen nicht beeinträchtigen. Einmal habe ich Seilhüpfen mit Joggingschuhen versucht: furchtbar. Eine dünne, flexible Sohle ohne Sprengung muss also sein.
Außerdem braucht man einen stabilen Stand. Selbst wenn die Schuhe selbst nicht auf dem Untergrund rutschen, kann es immer noch vorkommen, dass der Fuß im Schuh gleitet. Wenn jemand mit einer 24 kg Kettlebell trainiert, während er versucht, in rutschigen, instabilen Schuhen das Gleichgewicht zu halten, sieht das von außen bestimmt lustig aus. Es macht aber keine Freude, derjenige zu sein, der es tut.

Die Osma kommen dem Barfußtraining sehr nahe. Das bedeutet, ich hatte stets gute Rückmeldung von meinen Fußsohlen. Seilhüpfen ging so gut wie sonst. Oder so schlecht, allerdings lag das immer an mir. Und beim Kettlebelltraining hatte ich einen sicheren Stand.

An dieser Stelle will ich hervorheben, dass der atmungsaktive Oberstoff meine Füße hübsch kühl hielt. Selbst im Winter glühen die Füße relativ schnell, und so ist mir jede Belüftung beim Indoortraining hochwillkommen.

Laufen
Es soll ja Leute geben, die sogar Bergmarathons in Barfußschuhen laufen. Mag sein, dass es eine persönliche Entwicklung in diese Richtung gibt, die jeden unausweichlich trifft, der einmal mit „weniger“ Schuh beginnt. Wenn dem so ist, stehe ich noch am Anfang dieser Reise (wenn es denn eine ist). Und so trug ich die Osma beim Tempotraining, für Lauf-ABC und gelegentliches Hügeltraining auf MTB-Downhillstrecken.

Schnell bestätigte sich mein erster Eindruck von den Sohlen, denn sie haben sich gut bewährt, egal was ich mit den Schuhen anstellte. Was ich nicht gemacht habe, waren spitze Steine, oder Schlamm. Denn Trailschuhe sind die Osma nicht.
Davon abgesehen, sind sie auf Asphalt, Gras, aber auch in leichtem Gelände (wie gesagt: Waldwege, Single Trails…) allererste Sahne.
Wie die Badeschuhe lassen die Osma keinen Zweifel am Untergrund, darüber hinaus zeigt sich ein deutlicher Unterschied in dem Sinne, dass die Osma als Laufschuhe konzipiert sind. Er wurde besonders beim Tempotraining auf Asphalt und Waldwegen deutlich.
Lief ich schneller? Nein. Aber das ist nicht der springende Punkt. Ihn kann ich am besten als „Teil des Ganzen sein“ ausdrücken. Nachdem ich zum Vergleich normale Laufschuhe angezogen hatte, fühlte ich mich sofort abgetrennt vom Boden auf dem ich lief. Die Osma machen den Läufer zum Bestandteil des Laufens, und, dessen bin ich sicher, sie tragen dazu bei, das sensomotorische System zu trainieren.

Im Alltag
Das lässt sich kurz sagen: sehen cool aus, superbequem, atmungsaktiv.

Fazit
Als erste „echte“ Barfußschuhe haben mich die Feelmax Osma 3 wahrlich beeindruckt.

Das Ölen und Zen

„Verdammte Hitze“. Mit diesem Gedanken wache ich seit Tagen auf, denn es ist Hochsommer. Die Zeit, in der mir die Sonne schon am frühen morgen auf den…jedenfalls fühlt es sich an, als würde sie ihn mir versengen.

„Verdammte Hitze“. Mit diesem Gedanken wache ich seit Tagen auf, denn es ist Hochsommer. Die Zeit, in der mir die Sonne schon am frühen morgen auf den…jedenfalls fühlt es sich an, als würde sie ihn mir versengen. Ich stehe auf, um die Jalousien herunter zu lassen. Verdunkelung ist keineswegs nur in Kriegszeiten notwendig.

Mein Kreislauf und ich gehen in dieser Zeit getrennte Wege. Ich stehe auf, um mein Tagwerk zu verrichten, er bleibt im Bett. Abends geselle ich mich wieder zu ihm. Ob er sich darüber freut? Ich weiss nicht recht, er wirkt eher unbeteiligt. Vielleicht nimmt er mir übel, dass ich nicht im Kühlhaus übernachte. Zickiges Kerlchen, so ein Kreislauf. Wie gut, dass ich auch ohne ihn klarkomme.

„Scheiß Hitze“. Allein die Vorstellung, bei sengender Sonne Sport zu treiben, treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich bin schon beim Anziehen erschöpft.
Wie heiß es ist? Keine Ahnung. So heiß jedenfalls, dass das Thermometer die Dreißig-Grad-Marke schon lange hinter sich gelassen hat. Im Rückspiegel kann es diese Marke vielleicht gerade noch erkennen. Aber ich weiss es wirklich nicht, denn schaue schon lange nicht mehr aufs Thermometer. Kann dessen flehenden Blick nicht ertragen, mit dem es mich um Schatten bittet.

Und die Schwitzerei. Alles ist klebrig, ölig. Die ganze Haut mit einer Schmierschicht überzogen. Kaum habe ich frische Klamotten an, sind sie nassgeschwitzt und ich verspüre den Drang sie zu wechseln. Ekelhaft.

Ich hoffe täglich auf ein Gewitter, mag die Show. Schwüle, dann ziehen Wolken auf, aus der Ferne lässt sich ein Grollen vernehmen. Wetterleuchten, Wind kommt auf. Dann das ganze Programm. Tags darauf ist die Luft gereinigt, es ist kühl.

Von wegen.

Kein Gewitter.

Stabile Wetterlage, hochsommerlicher Art.

Ich suche nach einer alternativen Formulierung für „die Sonne knallt unerbittlich…“. Mir kommt es vor, als würde seit Karl May keinem mehr was anderes einfallen als die Worte Sonne und unerbittlich in einen Satz zu packen, wenn es darum geht, Hitze zu beschreiben. Kara Ben Nemsi hat bei seinen Reisen, die ihn nicht nur durch die Wüste geführt haben, gewiss noch mehr Wärme abbekommen als wir hier.
Jetzt fällt mir etwas ein: „gnadenlos“ wir auch gern genommen, damit bekommen wir Westernatmosphäre, wir erinnern uns an die alten Holywoodschinken, in denen es nie regnet. Staubfahnen hängen über der Prärie, der obligatorische Kugelbusch kullert hinterdrein. Und zwei Typen stehen einander gegenüber, belauern sich. Irgendwann schießt einer, der andere fällt. Zumindest dann, wenn’s der Böse ist. Die Guten treffen immer, ballern zwanzig Mal aus dem fünfschüssigen Revolver. Durst löschte man damals übrigens mit Whisky. Das waren noch Zeiten.
Damals, als die Sonne noch – nein, nicht „sang“ – als sie noch sengte.
Sonne sengt von jeher, wahrscheinlich, weil sich aus dem Verb „sengen“ mit dem Gestirn eine Alliteration basteln lässt. Die sengende Sonne.

Sengen, das tut sie.

Scheiß Hitze.

Es ist Sommer.

Ich komme vom Laufen zurück, der Körper glüht. Erfrische mich mit einem leckeren Mix aus ACE und Milch. Trockenes T-Shirt drüber, um einen gefühlten Hektoliter Schweiß aufzunehmen, damit nicht die ganze Wohnung geflutet wird.
Nach endlos langer Kühlphase springe ich kurz unter die Dusche, um mir kurz danach die Sinnfrage zu stellen. Wozu?
Ich öle wieder ein.

Die stickige Luft im Schlafzimmer kommt mir nicht mehr gar so übel vor, am nächsten Morgen kitzelt mich die Sonne wach. Der Tag verspricht wieder heiß zu werden.
Irgendwie bin ich munterer als noch vor einer Woche, nicht schon vom Aufstehen völlig platt, geschweige denn vom Laufen.

Ich muss grinsen, als ich mich für mein Kettlebelltraining aufwärme. Kalt sind die Muskeln wahrlich nicht. Erstaunlich: es ist heiß, ich schwitze wie sonstwas, halte aber mein Pensum ohne Weiteres durch.

„Ganz schön heiß heute“.

Die abendliche Laufrunde – immer noch weit über dreißig Grad – fällt etwas kürzer aus.

Kürzer und langsamer war geplant.

Es ist halt warm. Ich genieße die warme Luft auf meiner Haut, dank des Netzleibchens gibt es reichlich Kontaktfläche. Schweiß scheint mich zu überfluten, rinnt und fließt, badet mich. Klatschnasse Haare. Ich grinse mir eins und ziehe das Tempo an. Die Hitze alleine macht einen schon fertig, aber ein Tick kann ich noch draufgeben.
Nach dem Lauf klaube ich ein altes Shirt aus der Wäsche, setze mich auf ein Handtuch.
Heute mal kühles Wasser mit Holundersirup, den meine Tante „Hollersaft“ nannte. In der Tat: Österreicherin.
Mit dem Glas in der Hand öle ich entspannt vor mich hin.

„Geiler Lauf, coole Hitze“ *

Es ist Sommer.

Ein richtig schöner, heißer Sommer.

Im Sommer bin ich genauso leistungsfähig wie sonst, nur benötigt mein Leib einen Teil der Leistung dafür, mit der Hitze klarzukommen. Das tut er sehr gut.
Ich schwitze eben, wenn’s notwendig ist auch den ganzen Tag. Einen Satz wie „Ich mache mich mal frisch“ kann ich in seiner Bedeutung erst richtig würdigen. Schön ist es, aus dem kühlen Nass zu steigen. Abtrocknen spare ich mir, zu schön ist die Kühle auf der Haut.
Noch vor einer Woche haderte ich mit jedem Grad, jedem Schweißtropfen. Jetzt denke ich nichtmal mehr dran.

Es ist, wie es ist.

Es ist Sommer.

* für das Wortspiel klopfe ich mir auf die Schultern: Coole Hitze. Ein Oxymoron.

night52

Manch spontaner Entschluss stellt sich schlussendlich als goldrichtige Entscheidung heraus. Mir ging es zumindest so, nachdem ich letzten Samstag den „night52“ genannten Lauf in und um Bretten genossen hatte.

Manch spontaner Entschluss stellt sich schlussendlich als goldrichtige Entscheidung heraus. Mir ging es zumindest so, nachdem ich letzten Samstag den „night52“ genannten Lauf in und um Bretten genossen hatte.

Nachdem ich eine gute Woche vorher auf den night52 aufmerksam gemacht worden war, handelte es sich in der Tat um eine recht spontane Aktion. Warum auch nicht? Es ist Sommer, und die Anfahrt bis Bretten hält sich mit einer knappen Stunde auch in Grenzen.

Der Name „night52“ sagt beinahe alles aus, was der interessierte Läufling wissen möchte: mit 52 Kilometern Länge, und ziemlich nachts, denn er wird um 18 Uhr gestartet, was die meisten Läuflinge bei Dunkelheit ins Ziel kommen lässt. Die beiden Erstauflagen – 2013 war die Dritte – begannen eine Stunde später, was den night52 noch nächtiger (ich weiss, dass „nächtlicher“ weniger grammatikalische Zweifel aufwirft. Ist mir aber wurscht, nächtig liest sich mächtig.) machte. Mir war die vorabendliche Startzeit sehr recht, denn ich bin weder Frühaufsteher, noch laufe ich allzu gerne bei sommerlicher Hitze.

Eine wesentliche Information geht aus dem Namen nicht hervor: die Strecke weist immerhin 900 Höhenmeter auf. Rein landschaftlich gesehen führt sie auf einer schönen Runde durch den Kraichgau und durchquert idyllische Orte. Weil auf Straßen, Feld- und Weinbergwegen gelaufen wird, ist die sehr gut markierte Route technisch gesehen sehr einfach zu laufen.

Wenn ich schriebe, die Organisation wäre für einen sehr jungen Lauf hervorragend, würde ich dem night52 Unrecht tun.
Viele etablierte Läufe könnten sich vom night52 gleich mehrere Scheiben abschneiden, oder von mir aus gleich die halbe Wurst mitnehmen.
Im Ernst: der angemeldete Läufling bekommt im Vorfeld ein wunderbares Infopaket per Email (einschließlich Roadbook), welches selbst die bange Frage nach einem geeigneten Parkplatz in Startnähe beantwortet.
Mit dem Vereinsheim des TV Bretten liegt die Infrastruktur (Duschen, Aufbewahrung von Taschen, Zielverpflegung) in direkter Nähe zu Start und Ziel.
A propos Ziel: auch die Zielverpflegung ist ausgesprochen üppig.

Der night52 ist übrigens eingebettet in den „Sparkasse Kraichgau CityCup“, der diverse Läufe für Jung und alt bietet. Die Koordination der einzelnen Läufe klappt hervorragend: während Punkt 18 Uhr die Läufer der 5 km-Strecke auf die Piste gehen, startet der night52 ein paar Minuten später. Das hatte den netten Effekt, dass wir auf der Runde durch die Altstadt von den führenden „Fünfern“ überholt wurden. Irgendwie witzig, hoffentlich funktioniert es auch dann noch, wenn die Teilnehmerzahlen steigen. Und ich bin sicher, dass sie es tun.

Mich deucht, als würde sich der Kraichgau als Zentrum des Ausdauersports etablieren: Anfang Juni starten Triathleten bei der Kraichgau-Challenge, einen Monat später finden gleichzeitig die Schwesterveranstaltungen CityCup und night52 statt, bis Ende September die Liebhaber von Ultratrails beim KuSuH über 100 Meilen auf ihre Kosten kommen.

Wie erging es mir daselbst? Wie meist ohne Uhr unterwegs, hatte ich mich zu einem für meine Verhältnisse zügigen Tempo entschlossen. No risk, no fun. Interessant fand ich bei diesem vergleichsweise kurzen Ultra den Unterschied im Denken. Als ich am 25 km – Schild vorbeikam, durchfuhr es mich: „oh, nur noch 27 km, da kannst‘ nicht nachlassen. Mal ’ne Viertelstunde locker ist nicht drin. Immer schön Druck auf die Beine geben.“
Immer hübsch Druck auf den Beinen belohnte mich mit immerhin 5:23:53 Stunden. Für 52 km mit 900 Höhenmetern bin ich hochzufrieden.

Ach ja: ich lag kurz vor zwei Uhr im Bett, um den größten Teil des Sonntags erstens im Delirium und zweitens auf der Couch zu verbringen. Meine schmerzenden Beine teilten mir freundlich mit, dass auch sie mit ihrer Leistung und dem Lauf hochzufrieden waren.
Ich interpretiere dies als Wunsch besagter Beine, nächstes Jahr wieder anzutreten. Da sind wir uns einig, meine Beine und ich.