Ampel Getrampel

Es wird ja oft beschmunzelt, wenn ein Läufling an einer roten Ampel, im Stand vor sich hintrabt anstatt still zu verharren. Welche Alternativen gibt es zum Ampel Getrampel – und wie können sie sich auf Läufling und Zuschauer auswirken? Schauen wir uns die Hitliste der verschiedenen Möglichkeiten an…

Das Bild eines an einer roten Ampel im Stand vor sich hintrabenden Läuflings ist, seien wir ehrlich, ein erbärmliches.
Was aber kann der Läufling tun, wenn er sich nicht zum Gespött machen will? Werfen wir einen Blick auf die Alternativen.

1) Ampel Getrampel
Der Klassiker – und Anlass dieser Übersicht.
Über Jahrzehnte wurde das Ampel Getrampel von führenden Leichtathleten empfohlen, seine Ursprünge werden in jener Zeit vermutet, als man „Dauerlauf“ sagte. Als man noch nicht zwischen Jogging und Running unterschied.
Ein Vorteil des Laufens auf der Stelle ist sicherlich, dass der Puls nicht zu stark absinkt.
Auf der Soll-Seite steht dem entgegen, dass genau diese Form der nicht fortbewegenden Bewegung andernorts als aktive Erholung praktiziert wird. Andernorts bedeutet: der an der Ampel trampelnde Läufling rückt in verdächtige Nähe zu Zumba und Aerobic.
Diese Nähe wiederum ist es, die zur Ächtung des Ampel Getrampels führte.

2) Der stille Stand
Die logische Konsequenz, will der Läufling sozial akzeptiert bleiben: er verharrt. Still. Immobil.
Bei kühler Witterung setzt er sich damit der Gefahr des Auskühlens aus – und letzten Endes sieht das Publikum einen Menschen, der in Laufkleidung an einer Ampel steht. In deutschen Innenstädten wird er sich schnell unkorrekt gekleidet fühlen – nicht nur der sportiven Ausdünstungen wegen das Naserümpfen der Umstehenden ertragen müssen.
Sollte das der Weisheit letzter Schluss sein?

3) Auskeuchen
Besser als beim Stillstand macht es der Läufling, der, die Hände auf den Knien abgestützt, die Ampelpause zum Auskeuchen nutzt. Doch Vorsicht! Das ist nur sinnvoll, wenn vorher schnell genug gerannt wurde. Fehlende Gesichtsröte, ausbleibender Schweiß entlarven schnell den Poser.
Und überhaupt: wer wollte den Rhythmus seines Tempotränings schon von Ampeln bestimmen lassen?

4) Seilhüpfen
Authentischer als Variante 1) wirkt es, wenn der Läufling den erzwungenen Ampelstopp zum Seilhüpfen nutzt. Im Prinzip, könnte man argumentieren, ist dies dem Ampel Getrampel sehr ähnlich, nur wirkt es weniger peinlich. Als erfreulichen Nebeneffekt findet tatsächlich ein alternatives Träning statt. Dieses setzt ausreichend Platz voraus, was in dichten, auf grünes Licht wartenden, Fußgängertrauben schwierig ist.
Natürlich muss man das Seil irgendwie transportieren.

5) Gymnastik
Wer kein Seil mitschleppen möchte, kann immer noch gymnastische Übungen einflechten. Ein paar Dehnübungen, oder eine kleine Dosis Gelenkmobilisation zeigen den Umstehenden: hier meint es jemand ernst.
Die Frage ist nur: welchen sportlichen Nutzen hat solcherlei Tun mitten in der Laufeinheit?

6) Krafttraining
Vom Träningseffekt lässt sich Kraftträning eher vertreten. Viele erfolgreiche Sportler schieben gerne mal ein paar Körpergewichtsübungen ein. Ein paar Klimmzüge, Liegestütze oder Sit-Ups können förderlich sein.
Indes sind am Boden durchgeführte Übungen im urbanen Geläuf aus hygienischen Gründen nicht unbedingt ratsam.

7) Statistik
Sauberer ist dagegen die ohnehin beliebte Läuflingsbeschäftigung namens Statistik. Wenn man eh‘ schon zum Stehen verdonnert ist, kann man geschwind die bisher angefallenen Daten auswerten. Mit Strecke, Kalorienverbrauch, Durchschnittstempo, Maximalpuls lässt sich eine Ampelphase ohne Weiteres füllen.
Aber: Zuviele Ampeln an der Strecke lassen den Sportler die Sinnfrage stellen.
Soll er wirklich alle dreihundert Meter auswerten?

8) Körperpflege
Nutzer anderer Verkehrsmittel – speziell Autofahrer – haben Rotphasen längst als Gelegenheit zur Körperpflege entdeckt. Nase bohren und Lippen nachziehen sind nur zwei von vielen Möglichkeiten.
Dem Läufling bietet sich sogar die Chance, Verdauungsendprodukte zu entsorgen – vielmehr: sie böte sich, denn moderne Ampelanlagen stehen selten einmal in geeigneter Umgebung. Zudem birgt eine zu kurze Schaltung das Risiko, die Grünphase zu verpassen.
Wenn „es“ mal länger dauert…

9) Nahrungsaufnahme
Wer den Warenausgang betrachtet hat, mag sein Augenmerk sogleich auf den Wareneingang richten, denn Essen und Trinken können bequem während der Wartezeit auf „grün“ erledigt werden. Die Sinnhaftigkeit von Ampelphasen als Vesperpause ergibt sich wiederum aus der Anzahl der Ampeln.
Im schlimmsten Fall droht Völlerei – und auf lange Sicht gar Gewichtszunahme.

10) Weiterlaufen
Der große Vorteil des Läuflings, kein Nummernschild zu tragen, führt zum Ignorieren der Ampel als Gegenentwurf zum Stillstand. Wir wollen hier nicht hinterfragen, wie sich derlei Missachtung auf die Psyche einer Ampel auswirkt, allerdings gilt es zu bedenken, dass die Verkehrslage unter Umständen zu ungeplantem Sprintträning zwingen kann.

Letzten Endes bleibt die unschöne Erkenntnis: wie man es macht, macht man’s verkehrt. Der glückliche Läufling ist der mit ampelfreier Strecke.

Test Smartwool PhD Run Socken

Smartwool PhD Nachdem ich am Oberkörper zum Freund von Merinokleidung geworden bin, waren meine Füße bis dato meist in reine Kunstfaser gehüllt. Von Smartwool gibt es eine ganze Reihe an Socken für unterschiedliche Zwecke. Ich habe die Smartwool PhD Run Mini getestet.

Beschreibung
PhD steht laut Smartwool für „Performance highest Degree“, ein wahrhaft hoher Anspruch. Das Mischgewebe aus Wolle, Nylon und Elasthan verspricht gute Passform und Robustheit, der Hersteller verspricht, das 4-Degree Elite Fit System verhindere ein Verrutschen der Socke. Konkret besteht dies aus zwei gekreuzten Kanälen auf dem Fußrücken, einem Stützband am Knöchel sowie einem am Fußgewölbe.
Belüftungszonen an mehreren Stellen der Socke sorgen dafür, dass es dem Fuß nicht allzu warm wird.
An Fußballen und Ferse finden sich gepolsterte Zonen – mich erinnern sie an Frottee, wobei „Schlingen“ wohl der passendere Begriff wäre.
Ich wählte mit „Mini“ die mittlere, über die Knöchel gehende Höhe. Wer es sneakermäßig mag, greift zu „Micro“, für mehr Stoff am Unterbein gibt es auch höhere Varianten.

Material: 74% Wolle, 23% Nylon, 3% Elasthan
Farbe: schwarz mit blau-weissen Streifen

Test
Erster Eindruck
Als ich die PhD ausgepackt hatte, waren meine ersten Gedanken, in der Reihenfolge ihres Auftretens:
„wow, schön flauschig“
„Mensch, hoffentlich machen die Socken meine Füße nicht noch breiter als sie eh‘ schon sind“
„bestimmt recht warm, ich werde sie beim Zugspitz Ultra schnell gegen dünnere Socken auswechseln“

Es folgte ein weiterer Geistesblitz, als ich die die Belüftungszonen bemerkte. Klasse Sache, denn ich zähle zu jenen Läuflingen, die eher warme als kalte Füße haben.

Flugs über die Füße gestreift, kann ich zur Passform nichts anderes sagen als: perfekt. Ich spürte kaum, dass ich überhaupt Socken trug. Normalerweise neige ich dazu, mir bei Temperaturen oberhalb von 30° jegliches Textil vom Leib zu reißen – ich lasse nur das an, was möglichst luftig ist, und öffentliches Aufsehen verhindert. Auch die PhD zog ich wieder aus, nur ohne das panische „nichts wie runter damit“.
Obwohl die Haptik der PhD der klassischen Wollsocke nahekommt – etwas steif und wollig, zeigt sich auch bei ihnen ein herausragender Zug von Merinowolle: super Klimakomfort!

Mit den unterschiedlichen Zonen für Polster, Belüftung, Stütze und dem ganzen Rest, der sie Zonen zur Socke verbindet, betreibt Smartwool das, was andernorts „Bodymapping“ heißt. Hier würde wohl „Footmapping“ passen.
Meine solcherart footgemapptem Gehwerkzeuge überzeugten mich innerhalb weniger Sekunden, die PhD nach kurzer Handwäsche beim Zugspitz Ultratrail einzuweihen.
Sollte mich irgendwas stören, so dachte ich mir, könnte ich immer noch zu den Reservesocken im Rucksack wechseln.

Laufen
Wetter: 10 bis 25 Grad, meist trocken, teils neblig, kurzer Regen.
Um es vorweg zu nehmen: ich behielt die PhD den ganzen Lauf über an – beim planmäßigen Stop (km 56) erfreute ich meine Füße mit einem frischen Paar.

Während des gesamten Laufes hatte ich stets ein angenehm gepolstertes Gefühl an den Füßen. Die sonst üblichen rötlich-wunden Fußsohlen blieben mir dieses Mal erspart, gerade beim Bergablaufen zum Ende eines langen Laufes schmerzen die Sohlen gerne. Nicht in diesem Jahr.

Warme, teils zu warme Füße sind bei mir oberhalb von „ganz kalt“ Standard, weshalb ich nur am Rande darauf achtete, ob es „zu warm“ werden würde. Es wurde nicht. Klar, sommerlich heiß war’s nicht, doch immerhin so warm, um einen Eindruck zu gewinnen. Entscheidend ist ja vor allem das Fußgefühl, und das war klasse, andere Socken kommen mir auf längeren Strecken irgendwann nass vor.
Wobei ich zwischendrin in Bäche platschte, und die überquerten Schneefelder ihren Teil zu nassen Füßen beitrugen.

Der Witz bei den PhD ist, dass die Füße tatsächlich feucht waren, sie haben sich nur nicht so angefühlt.
Feuchte Füße werden früher oder später zu Füßen mit schrumpeliger, weisser Haut, so auch bei diesem Lauf. Allerdings war der Schrumpelgrad deutlich niedriger als ich es bei vergleichbaren Bedingungen sonst kenne.

Erstklassiges Feuchtemanagement, kann ich da nur sagen!

Hier zeigt sich, dass Merinowolle in der Lage ist, deutlich mehr Feuchtigkeit zu speichern, als dies Kunstfasern vermögen. Das wiederum resultiert in dem Klimakomfort, den ich bei diesen Klamotten so schätze. Bei Socken kommt zum Komfort noch die Gesundheit dazu, denn wenn die Haut länger trocken bleibt, läuft es sich angenehmer – oder mit weniger Fußpflege. Beim ZUT genügte der geplante Stop bei Kilometer 56, bei welchem ich die Füße mit Puder trocken legte, und frische Socken (wieder PhD) anzog.

Fazit
Neue Lieblingssocken für die langen Kanten.

Zugspitz Ultratrail 2013 – Phönix reckt sein Haupt

…und zum Dritten!
zum dritten Male fand 2013 der Zugspitz Ultratrail über 100 km statt, und zum dritten Mal war ich dabei.
Beim Lauf selbst ist alles beim, zwiefach bewährten, Alten geblieben, für mich bildete der diesjährige ZUT das erste Highlight der Saison, und somit einen Testfall für das Projekt Phönix.

…und zum Dritten!
zum dritten Male fand 2013 der Zugspitz Ultratrail über 100 km statt, und zum dritten Mal war ich dabei.
Beim Lauf selbst ist alles beim zwiefach bewährten Alten geblieben, für mich bildete der diesjährige ZUT das erste Highlight der Saison, und somit einen Testfall für das Projekt Phönix.

„….zum zweiten….und zum…..“
Hätte tatsächlich ein Auktionator versucht, am Morgen vor dem Start seinem Beruf nachzugehen, ein frustrierendes Erlebnis wäre ihm sicher gewesen. Einige hundert Läuflinge harrten des Startsignals. Je nach Temperament, Abgeklärtheit und Schlafentzug beschäftigten sie sich entweder damit, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, oder sie hüpften hibbelig umher.
Der arme Auktionator, er hätte die echte Mona Lisa für zweifuffzich ausrufen können: der Geist eines jeden Läuflings war von einem, und zwar genau einem Gedanken voll ausgelastet, nämlich der Vorfreude auf einen schönen Tag in der Bergwelt.

Von der letztjährigen Spannung in Bezug auf die Nahrungssituation (wird man Cola ausschenken) war nichts zu spüren, der ZUT hat sich den Ruf eines Laufes mit karger Kost erworben. Wobei „karg“ relativ zu sehen ist. Wer sich biegende Tische à la UTMB oder Sri Chinmoy erwartet, sieht sich dem Mangel ausgesetzt. Wer unbedarfter herangeht – oder gar den Nur-Wasser-und-nichts-als-Wasser-KUT als Maßstab heranzieht, wähnt sich im siebenten Himme. Er freut sich über Bananen und weiteres Obst, Brot, Käse, Kuchen, Wurst, Gurken und fallweise Suppe mit Nudeln drin. Wie schon der große nichtlaufende Physiker Einstein treffend erkannte: alles ist relativ.

Verhungert ist meines Wissens bislang niemand.
Ob am Gerücht, der Sponsor High Five würde gegen den Ausschank von Cola intervenieren, was dran ist?
Diesen No-Cola Standard, mit dem der ZUT sich vom Immer-Cola-Standard abhebt, nutzen einzelne Verpflegungspunkte, um eben doch das begehrte Getränk vorzuhalten. Das erinnert mich an das Prinzip der „Bückware“, welche Händler unter dem Ladentisch für besondere Kunden bereithielten.

Eindeutig anders als sonst war dieses Mal das Wetter.
Über den Winter, der sich bis weit in den Juni hinein hartnäckig an der mitteleuropäischen Landschaft festklammerte, ist schon genug geschrieben worden, weshalb auch ich mich weiterer Worte enthalte. Dauerregen in den Wochen vor dem Lauf – in größeren Höhen als Schnee – ließ mich um die Streckenführung fürchten. Es hätte uns eine Schlechtwetterroute treffen können. Indes, wir hatten Glück: die ZUT-Website meldete einige Tage vor dem Lauf weitgehende Schneefreiheit.

Schneefrei bedeutet „getauter Schnee“, und das wiederum „Wasser“. Kurzum, es war rutschig, dieses zudem höchst variantenreich.
Nur Schlamm, wie letztes Jahr beim UTMB, das wäre langweilig gewesen. Weitere Rutschvariationen bot die Vielfalt an Schnee, nassem Gras, nassen Steinen, nassem Holz, und mehr Matsch.
Am wenigsten griffig sind nach meiner Erfahrung übrigens die in Wanderwege versunkenen nassen Steine.
Und wo nichts rutscht, kann es immerhin noch rollen: Steine und Erdkrümel helfen auch dem technisch unbedarften Läufling, den Unterschied zwischen Gleit- und Rollreibung zu verstehen.
Den technisch Interessierten sei kundgetan, dass vereinzelt sogar Haftreibung aufgetreten sein soll. Das ist dann, wenn der Läufling nicht nur glaubt, sicheren Halt zu haben.

Wie trügerisch der Glaube an sich sein kann, zeigte sich beim Blick auf Kleidung der Teilnehmer.
Katzenhafte Reflexe hatten mich bislang weitgehend vor der Peinlichkeit bewahrt, braune Flecken auf den Beinkleidern erklären zu müssen.
Sei’s drum, dieses Jahr holte ich vieles nach. Einmal Schnee, einmal Gras, zweimal Steine und mindestens einmal Matsch brachten mich zu Fall. Spielte Schlafdefizit eine Rolle? Ausreichend gepennt hatte ich beileibe nicht.
Egal, ich nutzte die Vielfalt der Sturzmöglichkeiten weidlich aus, um dem Untergrund gesund und unverletzt näher zu kommen.

Wo der Boden hohe Ansprüche an den Läufling stellte, war das Wetter deutlich weniger sommerlich als sonst – was mir ausgesprochen entgegenkam. Gefühlt um 15 Grad, das ist „meine“ Temperatur. In den Wolken laufend, war die Aussicht natürlich eingeschränkt, äußerst hohe Luftfeuchtigkeit machte das Atmen schwer. Und die Tropfen auf der Stirn – Schweiss oder Nebel? Ich tippte auf beides.
Ein Stündchen Regen ward uns übrigens beschert, sonst erfreute uns (Von Nebel bzw. Wolken abgesehen) trockene Luft. Im Laufe der Nacht klarte es dann auf, um den langsameren Läuflingen eine traumhafte Bergnacht mit abschließendem Sonnenaufgang zu bescheren.

„Mein“ Projekt Phönix erwies sich beim ZUT als Erfolg. Mit 22:24:20 Stunden war ich über zwei Stunden früher im Ziel als 2012 – Phönix entstieg der Asche, um sein Haupt zu recken!

Paracelsus

Man hat mich gewarnt. Schon oft.
Du wirst langsamer, wenn du längere Strecken läufst. Und mit Kniebeugen machst du dir die Knie kaputt. Trinke zuviel Wasser, und du stirbst. Seilhüpfen verursacht Gelenkschäden. Laufen auf Asphalt sowieso.

Man hat mich gewarnt. Schon oft.
Du wirst langsamer, wenn du längere Strecken läufst. Und mit Kniebeugen machst du dir die Knie kaputt. Trinke zuviel Wasser, und du stirbst. Seilhüpfen verursacht Gelenkschäden. Laufen auf Asphalt sowieso.

Lieber lesender Läufling, kommen dir solche Warnungen bekannt vor? Meistens hören wir sie mit einem wohlmeinenden Unterton, der uns sagt „ich will ja nur dein Bestes“.
Wir müssten längst tot sein, wenigstens stark eingeschränkt in unserer Mobilität. Humpelnd. Japsend. Sind wir aber nicht. Weshalb nur?

Werden wir tatsächlich langsamer, wenn wir Langstrecken laufen? Das klingt, als würde uns ein Schicksalsschlag treffen, kaum dass wir eine Linie überschreiten, die irgendwo im fernen Nebel der Distanz verborgen liegt. Zwanzig Kilometer? Fünfzig? Niemand weiss, wo die Grenze liegt, aber eines ist klar: ein einziger Schritt zuviel, und unser Tempo ist dahin.

Kaum zu fassen.

Diese Geschichte mit dem Wasser, sie funktioniert im Prinzip schon, vorausgesetzt, man schafft es, innerhalb kurzer Zeit riesige Mengen zu sich zu nehmen. Mehrere Liter in ein, zwei Stunden. Das Wasser schwemmt dann sämtliche Nährstoffe, Salze und was der Körper sonst noch braucht aus ebenjenem. Darauf reagiert ein Körper ausgesprochen ungehalten.

Kann ich verstehen.

Zuviel hiervon, zuviel davon, dort eine Überdosis – und von anderem zuwenig.

Da kommt mir just eine historische Figur in den Sinn, mit beneidenswertem Namen: Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim.
Bekannter ist er unter dem Namen Paracelsus, was nicht ansatzweise so viel hermacht wie Philippus Theophrastus etc.
Wer einen solchen Namen trägt, braucht keinen Doktortitel. Allerdings eine sehr breite Visitenkarte.

Der gute Theo, der um 1500 als Arzt, Alchemist, Mystiker und Philosoph wirkte, schrieb in seinen Septem Defensiones folgenden Satz:

Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.

Auf einen einfachen Nenner gebracht: Die Dosis macht das Gift.

Klingt plausibel, oder?

Zuviel Asphalt mit unpassenden Schuhen ist sicher ungesund für die Gelenke.
Beim Wasser frage ich mich sowieso, wie es jemand hinkriegt, literweise Wasser in sich zu schütten. Bedarf es des Schließmuskeltrainings? Aber auch da ist es ja nicht das Wasser an sich, sondern zum Beispiel der Mineralstoffmangel. Hyponatriämie und so. Damit ist, wie man sieht, nicht mit zu spaßen.

Wenn ich nur Kilometer sammle, ohne ab und zu aufs Gas zu gehen, passt sich mein Körper dem an: ich werde langsam.
Die Wirkung des Giftes entsteht in dem Fall dadurch, dass kein Gegengift in Form von Tempoträning verabreicht wird. Ich kenn‘ das, kaum ist die erste Ultrasaison vorbei, gibt es nur noch lange Läufe im Komfortzonentempo. Und weil das so schön gemütlich ist, behält der Läufling das Tempo bei kürzeren Strecken bei.

Schon hat man ein Universaltempo für alles.

Es orientiert sich am längsten, mithin langsamsten Lauf.

Zuviel Langsamkeit ist Gift für die Grundschnelligkeit.

Überdosis.

Allein die Dosis machts, das ein Gift kein Gift sei.

Diese Erkenntnis hatte Paracelsus schon vor knapp fünfhundert Jahren.

Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim.

Wer mehr über und von Paracelsus lesen möchte:
Paracelsus
Septem Defensiones bei www.zeno.org

Test Noene Einlegesohlen

Noene, das ist ein Hersteller von Einlegesohlen, der mit dem Anspruch an den Markt geht, schädliche Stöße und Vibrationen vom Körper fernzuhalten. Auf der Website ist gar die Rede von einem „revolutionären“ Material. Grund genug, den Sohlen auf den Zahn zu fühlen.

Bild: Noene

Noene, das ist ein Hersteller von Einlegesohlen, der mit dem Anspruch an den Markt geht, schädliche Stöße und Vibrationen vom Körper fernzuhalten. Auf der Website ist gar die Rede von einem „revolutionären“ Material. Grund genug, den Sohlen auf den Zahn zu fühlen.

Beschreibung
Praktischerweise schickte Noene mir ein Testpaket mit drei unterschiedlichen Sohlen:
– Die nur 1 mm dünnen Invisible SOS1 sollen unter normalen Innensohlen genutzt werden
– Mit 2 mm Dicke sind die Universal NO2 etwas stärker
Ergonomic AC2 dienen als Ersatz der Innensohlen in Sportschuhen.

Als alter Wortklauber stolpere ich gerne über hochtrabende Begriffe wie „revolutionär“. Revolution, da fällt mir die in Frankreich anno 1789 ein, die industrielle Revolution, und in der Technik kann der Citroen DS von 1955 zweifelsohne von sich behaupten, bestehende technische Konzepte über den Haufen geworfen zu haben. Der Journalist Alexander Spoerl hat die Messlatte für revolutionäre Produkte definiert, als er sagte „Dieses Auto ist nicht von morgen. Es ist das Auto von heute. Alle anderen sind von gestern.“

Also hängen wir die Angelegenheit etwas tiefer, und sehen uns die Sohlen näher an. Deren Material, das sagt auch Noene, ist so neu gar nicht, denn es kommt in Antivibrationsmatten ebenso zum Einsatz wie in Werkstätten. Dort verhindert es, dass herunterfallende bzw. abgelegte Werkzeuge wieder hochprallen. Kurzum: anders als andere Elastomere hat es eine höhere Eigendämpfung.
Der Sportler kennt den Unterschied von Weichbodenmatten und Trampolins. Noene übernimmt dabei den Part der Weichbodenmatte, was an und für sich schon gut ist.

Test
Damit ich die Sohlen halbwegs gleichen Bedingungen unterwerfe, habe ich meine relativ wenig gedämpften Mizuno herangezogen in die ich Noene jeweils wie gedacht einlegte (d.h. die dünnen Sohlen unter die vorhandenen, ansonsten ersetzt). Über eine gute Woche dann drehte ich jeweils eine Runde von rund 11 km auf Asphalt, zum Vergleich eine Weitere mit den normalen Sohlen, ohne Noene.

Noene Invisible SOS1
Noene Invisible SOS1

Mit nur einem Millimeter Stärke tragen die SOS1 wenig auf, so dass die Füße in jedem Fall noch genug Platz im Schuh haben. Sollte die Form nicht passen, kann man sie übrigens bequem zuschneiden.

Beim Laufen fiel mir eine etwas besser Dämpfung im Vergleich zu den Standardsohlen ohne Noene auf, wobei sich der Effekt wohl eher auf längeren Distanzen bemerkbar machen dürfte. Interessant finde ich die SOS1 als zusätzliche Dämpfung für sehr lange Läufe – ab 12 h aufwärts.

Ich hatte besonders darauf geachtet, ob sich die beiden Innensohlen in irgendeiner Weise gegeneinander verschieben würden – es wäre ausgesprochen lästig, müsste der Läufling alle paar Kilometer eine zerknüllte Innensohle zurechtrücken. Indes bleiben sämtliche Sohlenschichten genau so aufeinander wie zu Beginn, selbst plötzliche Richtungsänderungen lassen das System unbeeindruckt. Die Spaziergänger, die mich Haken schlagend beobachteten, hatten übrigens einen eigenartigen Gesichtsausdruck.

Universal NO2

Noene Universal NO2
Noene Universal NO2

Solo, also ohne weitere Innensohle eingesetzt, fiel mir zuerst auf, dass die Sprengung der Innensohle wegen der konstanten Stärke deutlich reduziert war, im Gegensatz zur „Serie“. Muss man wissen, und gegebenenfalls berücksichtigen.

Die Stöße schienen mir ähnlich stark gemildert wie bei den Standardsohlen, allerdings, und das halte ich für bedenkenswert bei Laufschuhen, rutscht der Fuß deutlich mehr im Schuh umher, denn die Sohle ist nicht ausgeformt.
Für den Alltag, oder ausgedehnte Sightseeingtouren (Aktion Plattfüße) würde ich die NO2 ohne Weiteres verwenden, zum Laufen eher nicht. Vielmehr: nicht als einzige Sohle, denn was für die SOS1 gilt, kann die NO2 sicher besser, nämlich den bei langen Ultras geplagten Läufling als zusätzliche Dämpfung zu entlasten.

Das Wort „Komfortzone“ kommt mir in den Sinn. Die NO2 würde sie erweitern. Müsste ich mal ausprobieren – und dazu müsste ich mal wieder 24 h laufen. Mal sehen….

Ergonomic AC2

Noene Ergonomic AC2
Noene Ergonomic AC2

Die Ergonomic unterscheidet sich in drei Dingen von den anderen Noene-Sohlen. Zum einen ist sie ausgeformt, wie man es von anderen Sohlen gewöhnt ist, und wie ich es mir für eine Sohle wünsche, mit der ich laufe.
Außerdem findet sich das eigentliche Noene-Material nur an Fußballen und Ferse. Man kann sich die Ergonomic also ungefähr vorstellen, wie eine normale Sportsohle, die an den entscheidenden Stellen mit der SOS1 kombiniert ist.
Das Fußgewölbe wird durch ein kurzes Band aus Kohlefasern zusätzlich gestützt.

Subjektiv konnte ich keinen Unterschied zur Kombination aus normaler Sohle und SOS1 feststellen: Die AC2 ist eine sehr gute Einlegesohle für den Sport, wobei die Intarsien aus Noene-Material leichter sind als eine komplette Sohle.
Als weitere Steigerung bleibt dann noch, zusätzlich SOS1 oder NO2 „drunter“ zu tragen.

Fazit
Eine Sache habe ich bewusst nicht angesprochen: Vibrationen. Mir ist klar, dass der Werkstoff eine höhere Eigendämpfung hat als der Schaumstoff, aus dem Innensohlen normalerweise sind. Was ich nicht weiss: ist das beim Laufen relevant? Und vor allem: ich kann es nicht testen. Also sage ich dazu nichts, bevor ich ins esoterische Reich von „ich glaube, mir kommt es vor als sei…“ abdrifte.

Wunder vermögen – wer hätt’s gedacht – auch Noene nicht zu vollbringen, unterm Strich sind sie sehr gute Einlegesohlen. Meiner Ansicht nach liegt der besondere Reiz vor allem in der Kombinationsmöglichk, durch die sich die Dämpfung von Schuhen bei Bedarf erhöhen lässt.

Mehr Infos (und Bezugsquelle) gibt es beim Hersteller: Noene.com