Die menschliche Seite des Eichhörnchens

Mühsam, so weiss der Volksmund, ernährt sich das Eichhörnchen. Aber es ernährt sich, und nicht nur Streakrunner wissen, dass kleine, häufige Trainingsdosen recht schnell ordentliche Ergebnisse bringen. Ich hatte mich an meine Angstübung gewagt: Klimmzüge.

ringeMühsam, so weiss der Volksmund, ernährt sich das Eichhörnchen. Nuss für Nuss knabbert es mal hier, mal dort, legt einen Vorrat für den Winter an und erfreut den menschlichen Betrachter mit beneidenswert leicht erscheinenden Kletterkünsten. Aber, wie gesagt: es ernährt sich mühsam. Ich finde aber, dass der Satz sehr negativ klingt, indem er die Nahrungssuche bejammert. Ach, ist das Dasein des eichelnden Hornes ein Jammertal, wo es sich im täglichen Kampf ums Überleben müht. Dabei geht doch vollkommen unter, dass es sich ernähren kann! Ist das kein Grund zur Freude?

Hurra, darauf gönnen wir uns eine Nuss!

Guten Appetit.

Wenn wir unseren aufs Eichhorn gerichteten Fokus etwas erweitern, fällt uns die nähere Umgebung dieses possierlichen Tierchens auf. Als ob es dem Bussard und anderen Fressfeinden des geeichten Hörnchens einfach gemacht würde, immerhin müssen sie warten, bis ein hinreichend fleißig gewesenes, nahrhaftes Eichhorn in ergreifbare Nähe kommt. Für mich ist das genauso anstrengend, allenfalls weniger putzig.

Wir halten also fest, dass kleine, regelmäßig angewandte Dosen auf langes Sicht zum Erfolg führen. Als Läufling kennt man das – wir werden ja dauernd ermahnt, lieber einmal täglich ein bisschen zu tränieren, statt uns einmal in der Woche einen Marathon, oder vergleichbare „Strapazen“ zuzumuten. Abgesehen von den Mahnungen erleben wir am sprichwörtlichen eigenen Leib, dass uns häufiges Naschen kleinerer bis mittelgroßer Sporteinheiten schnell fit macht.

So ein Eichhorn mampft schließlich auch keine drei Kokosnüsse, um anschließend auf der Eichhorncouch seinen Verdauungsschlummer zu genießen.

Also kleine, häufige Dosen.

Was Laufen und Kettlebellen betrifft, kann ich die Wirksamkeit dieses Prinzips voll und ganz bestätigen; damit mein Leib auch in den Genuss von ganzkörperlichen Zugübungen kommen möge, hatte ich mir vor einigen Monaten Turnringe beschafft, um dortselbst Klimmzüge zu vollziehen. Nun sollte ich erwähnen, dass ich, was Klimmzüge betrifft, eine Komplettnull bin. Ein, zwei kann ich an der Stange mühsam (aha, da ist das Wort wieder!) hochwürgen, mehr aber auch nicht. Jetzt also an den Ringen.

Die Monate zogen nach dem Prinzip „alle zwei Wochen mal hochziehen“ ins Land, bis ich Anfang Juli den Entschluss fasste, jeden Tag einen Klimmzug zu vollführen. Losgelöst und unabhängig vom normalen Träning.

Egal wann.

Tag ist bei mir die Phase zwischen Aufstehen und Hinlegen, es ist mir also wurscht, wenn ich um ein Uhr nachts klimmziehe. Hauptsache, ich ziehe und klimme.

Fragt nicht nach den ersten Tagen.

Elend, erbärmlich hing ich wie der sprichwörtliche nasse Sack an den Ringen, konzentrierte mich voll und ganz auf das, was unweigerlich kommen musste, spannte meine Rumpfmuskulatur an, fokussierte mich auf das Ausatmen…..

….und zog.

Hauptsache, die Nasenspitze kam zumindest einigermaßen auf Handhöhe. Genauer wollte ich es da nicht nehmen.
Dieses Spiel spielte ich jeden Tag, zwei Wochen lang, bis ich erstaunt feststellte: geht ja recht leicht, ich brauche mich nicht mehr dermaßen konzentrieren.

Es gab nur eines Konsequenz.

Doppelte Dosis.

Drei weitere Wochen später stellte ich erstaunt fest: das geht ja recht leicht. Schon entsann ich mich der goldenen Regel, wonach aller guten Dinge derer drei sind.

Erstens an Ringen.

Zweitens am Stück.

Drei Klimmzüge.

Ich!

Wer hätte gedacht, dass sich die Zahl der Wiederholungen so schnell steigern lässt? Nix druff haben hat auch Vorteile: es wird in Nullkommanix besser!

Freilich fallen mir meine täglichen Klimmzüge zum Teil schwer, wenn ich zum Beispiel von harten Träningseinheiten mit den Kettlebells oder anderen Geräten regeneriere. Aber das ist völlig in Ordnung, genauso wie es klar geht, wenn ich überhaupt nichts auf die Reihe kriege, und doch mal einen Tag ausfallen lasse.

Mittlerweile mache ich gerne mal einen Klimmzug zum Aufwärmen, oder einfach so, wenn ich an den Ringen vorbeilaufe. Anstrengend sind die Dinger immer noch, es gibt aber einen großen Unterschied zum Anfang meines Eichhornprogramms: Wenn ich klimmziehe, treibt es mir rasch den Schweiss aus den Poren. Zu Beginn schwitzte ich schon, bevor ich klimmzog.

Aus Angst.

Jetzt freue ich mich auf mein Betthupferl, und schwitze vor Anstrengung.

Die tägliche Mühe lohnt sich, das wird jedes Eichhörnchen bestätigen.

Byebag

Dass jedwedes Ding ein Ende hat, ist eine Binsenweisheit, und warum sollte dem Besitz einer Sporttasche anderes widerfahren? Dennoch verdient die treue Begleiterin einen würdigen Nachruf.

byebag2Ein jegliches Ding hat ein Ende, dieser Binsenweisheit gesteht der Dichter lediglich eine einzige Ausnahme in Gestalt der Wurst zu, welche bekanntlich über zwei Enden verfügen darf. Sporttaschen, und speziell der Besitz derselben verhalten sich in Bezug auf Binsenweisheiten völlig regelkonform, was wiederum bedeutet, dass ich mich von meiner alten Sporttasche trenne – bevor ein offener Reißverschluss zum Verlust von Laufutensilien führt, was wiederum einen Lauf in die sprichwörtlichen Binsen gehen lassen könnte.

Lange hat sie mir gedient, schätzungsweise zwanzig Jahre oder noch länger. Eher mehr. Damals, in jener Phase meines sportlichen Daseins, als zehn Kilometer weit waren, und ein Marathon als theoretische Größe zwar bekannt, aber keineswegs erwogen wurde. Wenn ich die etlichen Male erinnere, in denen sie meine schweißtriefenden Klamotten im außenliegenden Netzfach aufnahm, kann nur sagen: Alle Achtung!

Bisweilen habe ich mir eine wasserdichte Tasche gewünscht. Bei meinem ersten Lauf über 24 Stunden zum Beispiel, oder einem Hunderter mit dem optionalen (und darob gerne genommenen) Wolkenbruch hätte ich mir das Hantieren mit Müllsack (um Tasche) und Tasche (im Müllsack) sparen können.

Erfreulicherweise darf ich konstatieren, dass die Reißverschlüsse nach wie vor tadellos funktionieren. Ich weiss, dass ich im ersten Absatz vom offenen Zipper geschrieben habe; jene an der Tasche sind von Zipperlein verschont geblieben. Wenn ich von Versagensängsten rede, meine ich sie beispielhaft im übertragenen Sinne.
Nachgiebig, gar aufgelöst sind andere Dinge, namentlich das Innenleben. Bröckchen um Bröckchen löst sich eine Schicht am Inneren der Tasche, um sich fetzenweise in den transportierten Kleidungsstücken zu finden – die der Österreicher bei hinreichendem Alter ebenfalls Fetzen nennen würde, um sogleich hinterher zu schieben, dass sich Gleich und Gleich eben gern gesellte. Eine Einschätzung, die ich nicht teile. Laufklamotten und Tascheninnenlebenfetzen sind für mich zwei verschiedene, getrennte Dinge.

Obendrein neigen die Innenlebenfetzen dazu, sich allzu innig mit dem Reißverschluss zu verbinden. Ich missbillige das entschieden, schließlich wissen wir doch alle, wohin sowas führen kann.

Und dann zeigt auch noch die Netztasche Auflösungserscheinungen in Form von Löchern, die deutlich größer sind als jene, die das Netz von Haus aus mitbringt. Freilich kommt dadurch noch mehr Luft hinein, mehr Mief hinaus, allerdings unter Umständen nicht nur der, sondern auch getragene, und somit geruchstragende Kleidung. Für Socken reicht’s schon.

Deshalb fiel, frei nach Schiller, mein Entschluss: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.
Ich zelebriere den Abschied also mit einem Artikel, einem Wortspiel – nur: welches Wortspiel wäre dem Anlass wohl angemessen?

Byebag? Klingt als Alliteration nicht schlecht, taugt auch als Überschrift, aber sonst?

Oder etwas Melancholisches sein in der Art von time to say goodbye? Echt nicht, bei solchem Jammergesang würde ich freiwillig mit in die Mülltonne hüpfen, um meine Ruhe zu haben.

Tasche To Go? Da denkt doch jeder gleich an Kaffee, und mindestens hundertvierzig von hundert Menschen hat lautmalerisch das Land namens Togo im Kopf, was so falsch nicht ist, denn Togo zählt zu den Ländern, die Kaffee exportieren.

Bei Tschau Tasche, vom italienischen Ciao geklaut und in Form einer Alliteration geprügelt, fangen meine Finger an zu krampfen. Sie wollen’s ums Verrecken nicht tippen. Nur mein Versprechen, dass auch dieser Abschiedsgruß als verworfenes Beispiel ebenso wie die anderen auf dem Müllhaufen der Geschichte landen wird, nötigt sie zum widerwilligen Gehorsam.

byebag1Beim Blick auf jene Exempel niederer Origialität muss ich meinen Fingern Recht geben. Die kann man allesamt in die Tonne treten. Wie die Tasche gestern, obwohl ich sie nicht trat, sondern sanft stopfte.

Nun ist also die Tasche tot, es lebe die Tasche.

Nur welche?

Es ist Zeit für eine neue Tasche, die mich idealerweise wieder zwanzig Jahre klag- und problemlos zu Sportveranstaltungen begleitet und gerne mal das Wochenendgepäck aufnimmt.

Die Suche beginnt…

…5…

…4…

…3…

…2…

…1…

jetzt.

Wettersbacher Funkturmlauf

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah…? Eben. Und wenn ein hübscher Elfer in Spuckweite von meinem Heim stattfindet, wäre ich doch mit dem Klammerbeutel gepudert….also nix wie hin!

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah…?

Eben. Da hatte er Recht, der gute Johann Wolfgang. Unser Goethe.

Und wenn ein hübscher Elfer in Spuckweite von meinem Heim stattfindet, wäre ich doch mit dem Klammerbeutel gepudert, würde ich darauf verzichten. Zumal mir die Startzeit mit 19 Uhr sehr entgegenkam: kurz nach Sechs raus aus dem Büro, umgezogen, und ab zum Start. Liegt ja bloß gut zwanzig Minuten von der Stätte meines segensreichen Wirkens weg.

Beim Elfer handelt es sich übrigens keineswegs um ein Erzeugnis des Hauses Porsche, sondern um den Wettersbacher Turmlauf, der auf seinen 11,11 Kilometern Länge noch rund zwohundertfuffzich Höhenmeter mitliefert.

11,11 Kilometer. Und mir Faschingsmuffel fällt das nicht auf. Zum Glück ist Sommer, pappnasenfreie Zeit. Eigentlich würden sich ja knallrote Nasenpflaster anbieten. Erinnert sich noch jemand an die Dinger, die vor zwanzig Jahren mal der letzte Schrei waren. Bis zum letzten, dank Pflaster angeblich besonders tiefen, Atemzug kämpften damals nasenbepflasterte Fußballer, Radfahrer und überhaupt viel sportliches Volk um Bestmarken. Dass diesseits gebrochener Nasenbeine heute niemand mit Nasentuning zu sehen ist, sät Zweifel an der Wirksamkeit des damaligen Wundermittels.

In Wettersbach war’s unbepflastert, dafür tummelten sich Läuflinge und Helfer um den Sportplatz des SC Wettersbach e.V., voller Vorfreude auf die liebevoll organisierte Veranstaltung. Einige hatten mit dem vorher stattgefunden habenden Lauf über 5,3 km bereits eine kleine Vorspeise zu sich genommen – entweder war das Abendmahl damit ebenso erschöpft wie der Läufling, oder aber er nahm im Anschluss den Hauptgang über besagte 11 Kilometer zu sich.

Hätte ich vor dem Start noch das Wasser abschlagen sollen?

Ich hatte mir, mangels hinreichendem Zutrauen in meine Fitness (zum Ausgleich vertraute ich der Unfitness meines Leibes blind), vorgenommen, einfach locker und zügig zu laufen. Mal schauen, was so geht. Und es ging sogar recht passabel. Nachdem die Höhenmeter im Wesentlichen in zwei Raten ausbezahlt wurden, war der Rest der Strecke recht flach, und somit schön konstant zu laufen.

Kurz vor der Hälfte zog sich ein baustellenhaftes, eine Handvoll Meter breites, Schotterband quer über den dort ansonsten asphaltierten Streckenteil, das von zwei freundlichen Menschen betreut wurde, die vor eben jenem Schotterstück warnten. Im Hirn eines Trailläuflings wirkt sowas direkt putzig.

Der Blasendruck wurde stärker. Verflucht, ich hätte noch gehen sollen.

Einmal um den Turm, gerade weiter zum Ort zurück, ging es die recht steile Straße wieder hinunter, die wir zuvor hinaufgelaufen waren.

Jetzt über die eigenen Hax’n stolpern und hinfallen, das wär’s.

An diesem Stück muss es ein Voodoo-Dings geben, weil nicht nur ich diesen Gedanken kurz im Kopf hatte, sondern auch jeder andere mit dem ich mich nach dem Lauf unterhielt.

Scheiße, ich muss pinkeln!

Zum Ausgleich war die Steigung kurz vor dem Ziel deutlich flacher, als sie es nach dem Start beim Runterlaufen gewesen ist. Wieso machen die das? Lasst eure Hügel doch so wie sie sind!

Gleich im Ziel, gepriesen sei das Dixi-Klo!

Nach dem Lauf erfreute meine Uhr mich mit der Information, ich sei knapp unter einer Stunde unterwegs gewesen. Wie gut, dass ich dem Druck standgehalten hatte. Wer weiß, wieviel Zeit ich mit Bremsen, Laufenlassen und Loslaufen zugebracht hätte.

Geiler Lauf zum Wochenabschluss, nächstes Jahr garantiert wieder.
Und dann gehe ich vorher….

Sporno? Spex? Hauptsache rhythmische Bewegung!

Die Hitzewelle hatte mich träge, antriebslos werden lassen. Jeglicher Trieb war erschlafft. Als mich die Sonne am kühlen Samstag morgen stürmisch küsste, war mir klar: es wird ein heißes Wochenende.

Die Hitzewelle letzten Wochen hatte es in sich gehabt. Ich verbrachte meine Tage ohne Kreislauf, der sich rundweg geweigert hatte, das Bett zu verlassen. Wenigstens konnte auf diese Weise ein Teil von mir das tun, was dem Rest auch gut gefallen hätte: liegen bleiben.
Es waren Temperaturen, für die selbst völlige Nacktheit noch zu dick angezogen ist.
Ich war träge, matt, müde, antriebslos geworden. Antrieb? Ein jeglicher Trieb war erschlafft.

Libido, was ist das?

Es muss ein Schreibfehler sein, Lido schreibt man ohne bi.

Alle sonstige Körperlichkeit war von mir gewichen, rhythmische Bewegungen führten gerade mal meine Beine aus, wenn ich auf dem Fahrrad saß.

Sport, was ist das?

Muss es nicht Spott heißen, wo mein Zustand jeder Beschreibung spottet?

Der Samstag morgen war anders, das spürte ich sofort, als er mir zunächst kühle Unnahbarkeit entgegenhielt, während mich die Sonne den ganzen Tag lang stürmisch küsste. Es versprach, ein heißes Wochenende zu werden. Doch noch blieb ich cool, genoss das Blasen des Sturms. Bald schon wurde es feucht, ein leichter Regen hatte eingesetzt. Ich saß ruhig auf dem Balkon, scheinbar unbeeindruckt von der mich wollüstig bedrängenden Natur.

Tu‘ es!

Lauf‘ mich!

Ich hielt mich zurück, kostete die Spannung aus, war leicht bekleidet: Gänsehaut, endlich wieder Gänsehaut!

In der Nacht dann, es war halb eins, nahm ich sie endlich, fiel leidenschaftlich über meine Kuschelkugeln her. Eine halbe Stunde voller Begierde im steten Wechsel unserer Lieblingsstellungen. Wir tanzten den Reigen der Positionsfolge, den Turkish Get-Up, gleich mehrfach. O ja, ich stand mehr als einmal, und zwar auf, bevor wir gemeinsam niedersanken. Und wieder aufstanden. Und wieder, und wieder.

Ermattet fiel ich in seligen Schlummer.

Der Sonntag begann ebenso kühl wie der Samstag. Halb zog sie mich, halb rannt‘ ich hin, drang in sie ein – die Natur natürlich, was sonst? Lasziv wandte sich die Strecke vor mir am Boden, und ich bestieg sie mit beiden Beinen. Hätte ich sie links liegen lassen sollen, mitten im Wald? Ich keuchte, schnaufte, freute mich, ergoss Körperflüssigkeit in Form von Schweiß über sie, denn zwischenzeitlich war auch sie heiss geworden.

Nach dem gemeinsamen Akt strahlte die Sonne, ich war gelöst und glücklich.

Doch etwas fehlt in meinem Bericht. Ein Wort, ohne das Bukowski kaum auskommen konnte. Hat DeSade es benutzt? Ich kann mich nicht erinnern. Irgendwas mit -icken.

Egal, ich war -aufen.

Und das war geil!

non olet

„non olet“ – es stinkt nicht – soll Kaiser Vespasian gesagt haben, als man ihn fragte, ob ihm die Latrinensteuer nicht etwas anrüchig vorkäme. Er sprach vom Geld. Auch Merinowolle sagt man nach, sie würde keine Gerüche annehmen. Nichts leichter, als das herauszufinden, dachte ich mir: dreißig Grad, fünf Tage, ein T-Shirt.

Lodenwalker
Den römischen Kaiser Vespasian kennen die meisten, wenn sie ihn kennen, von seinem Ausspruch „Pecunia non olet“. Und er hatte natürlich recht, denn auch bei anrüchigen Geschäften eingenommenes Geld stinkt nicht. Für ihn war die Latrinensteuer eine saubere Sache, um die zu seiner Zeit recht leeren Staatskassen zu füllen. Heutzutage würden wir von der Pipi-Tax sprechen, die uns trotz des niedlichen Namens gewaltig stinken würde.

Nicht stinken soll angeblich auch Merinowolle, der man nachsagt, sie würde Gerüche ähnlich ungern annehmen wie der srichwörtliche schweizer Beamte ein Bestechungsgeld: allenfalls, wenn der Drang groß genug wird.

Nun denn, ich habe meine neu entdeckte Freundschaft zu Merino anlässlich eines Kurzurlaubs genutzt, um meine Neugier zu befriedigen. Zu diesem Behufe griff ich (mental gestärkt, doch hauttechnisch immer noch äußerst sensibel) zum weichsten Merino-Shirt im Schrank, welchselbiges mir vom Hersteller Lodenwalker netterweise zu Testzwecken zur Verfügung gestellt wurde. Übrigens: Egal wie gut die englischen Sprachkenntnisse sein mögen, Walker wird genau so ausgesprochen, wie es hier steht: Walker. Der Name rührt von der Verarbeitung des Materials her, und manch ein Mensch, der in den zweifelhaften Genuss autoritärer Erziehung gekommen ist, kennt den davon abgeleiteten Begriff Durchwalken. Wer sich jetzt verstohlen an die Backe gefasst hat – das ist jene, auf der er / sie sitzt, nicht die Wange – darf gerne in Kindheitserinnerungen schwelgen.

„Schläge haben mir nicht geschadet!“

Ach nee. Und wieso fasst du dir dann trauma-induziert an den Arsch?

Walken ist jedenfalls für Loden gedacht, Lodenwalker walkt seit ein paar hundert Jahren, eben Loden. Und produziert T-Shirts aus Merino. Eines davon durfte mich in den Kurzurlaub begleiten: Fünf Tage in die Vulkaneifel.
Ich hatte zwei Dinge im Gepäck: erstens Wechselklamotten, und zweitens den festen Vorsatz, das Shirt täglich zu tragen. Die Wechselshirts wären nur zum Einsatz gekommen, wenn meine Ausdünstungen die Blätter hätten welk, den Asphalt weich und Menschen bewusstlos werden lassen.

Damit der olfaktorische Selbstversuch nicht an allzu günstigen Temperaturen scheitern möge, hatte ich in der Vulkaneifel ordentlich einheizen lassen: Sonne mit locker dreißig Grad machte es unnötig, auf die vulkanische Fußbodenheizung zurückzugreifen.

Allabendlich, wenn ich mich des Leibchens entledigte, führte ich einen Schnüffeltest durch, bei dem ich mich aus Sicherheitsgründen anfangs auf das Bett setzte. Sollte ich ob des Miefs rücklings umkippen, würde ich wenigstens weich fallen.

Jedoch: nichts.

Gar nichts.

Im Sinne von: überhaupt nichts.

Weder am ersten, noch am zweiten auch nicht am dritten Abend. Nun muss ich einschränkend dazusagen, dass ich nicht gerade olfaktorisch hochbegabt bin. Höchste Konzentration war also angesagt, sämtliche anderen Sinne blendete ich aus, um eventuell ein kleines Gerüchlein zu erhaschen.

Wirklich nichts.

Erst nach dem fünften Tag ununterbrochenen (ok, nachts nicht) Tragens, als ich wieder zuhause war, konnte ich mir einreden, es könnte eventuell das Versprechen auf die Andeutung eines Quäntchens Aroma vorliegen.

Ich ließ das Shirt über Nacht draußen hängen. Am nächsten Morgen: keinerlei Geruch außer der Nachtfrische.

Non olet.

Es stinkt wirklich nicht.