Resportlerisierung

Wenn ein Mensch nach längerem Knastaufenthalt aus dem Staatsdienst entlassen wird, findet er über Resozialisierungsprogramme in die Gesellschaft zurück. Für Sportler, die wegen Verletzung oder Krankheit zu einer längeren Trainingspause gezwungen waren, fehlt ein solches Angebot. Ich hätte da eine Idee….

Wenn ein Mensch nach längerem Knastaufenthalt aus dem Staatsdienst entlassen wird, findet er über Resozialisierungsprogramme in die Gesellschaft zurück. Auch für jenen Personenkreis, der gerne mit an den Schaltstellen der Macht sitzend umschrieben wird, als da wären Manager oder Politiker, stehen Heerscharen von Bewährungshelfern, Psycho-, Sozio- und andere -logen bereit, um ihn auf dem Rückweg ins Leben zu begleiten.

Und Sportler?

Sportler, die wegen Verletzung oder Krankheit zu einer längeren Trainingspause gezwungen waren, wären für ein vergleichbares Angebot gewiss dankbar. Schließlich drohen mannigfaltige Gefahren, wenn sich ein ehemals topfitter Mensch, an den geregelten Ablauf von Training und Ruhepausen gewöhnt, urplötzlich in einer Situation wiederfindet, die ihn zu Ruhe – ohne Training – zwingt. Wiederum hieran gewöhnt, vielmehr: sich damit abgefunden habend, infolgedessen gleichermaßen ausgehungert, wie dem mental abgespeicherten und somit als normal empfundenen Tagesablauf entgegenfiebernd, wird sich ein leidenschaftlicher Sportler nach überstandener Durststrecke mit ähnlicher Inbrunst in die körperliche Betätigung stürzen wie ein Casanova (oder eine Casanovin) nach jahrelanger Einsiedelei auf eine zufällig daherkommende Maid (oder Mann).

Lüstern.

Ungestüm.

Als Betroffener vermag ich das Lied des sanften Übergangs zu singen. Nehmen wir mich als Beispiel für einen Läufling, der behutsam in den Schoß des Sports zurückgeht. Da hatte ich vor ein paar Wochen wieder einmal eine Erkältung überstanden, lediglich ein kleiner Restschnupfen blieb. Wirklich ein Restschnupfen? Es könnte auch eine Allergie sein. Bin ich geheilt? In einer solchen Lage ist es doch kein Wunder, wenn mit der Resterkältlichkeit nur ein kümmerliches Überbleibsel der läuflingshaften Selbstsicherheit im Kopf umherschwirrt. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Dieb, der sich, frisch aus dem Knast entlassen, an einer Freibiertheke wiederfindet.

Ist das wirklich kostenlos, oder suggeriert mir die Phantasie, dass ich zugreifen darf?

Bin ich wirklich gesund, oder wartet ein widerliches Bakterium nur darauf, dass ich mein Immunsystem mit sportlicher Aktivität schwäche?

Was tun?

Sachte anfangen. Gaaanz vorsichtig. Einmal täglich ging ich an die frische Luft, um abwechselnd gemütlich zu Joggen (o ja, das Wort gibt es noch!) oder umherzuspazieren. Joggen, das ist Spaziergang mit Flugphase. Niedrigpulssport.
Drei Wochen ging das. Drei Wochen, in denen ich mit mir sehr zufrieden war, hatte ich sogar die Klimmzüge wieder aufgenommen. Einen pro Tag, schließlich wollte ich mich nicht anstrengen.

Bis zu jenem Tag.

Rückfall.

Halsweh, Schnupfen, Husten, Schwäche am gesamten Organismus einschließlich des Hirns.

Wie konnte das geschehen?

Ich hatte nicht bedacht, dass es zwischen der Wiedereingliederung in das sportliche, und der Rückkehr ins bürgerliche Leben mehrere Parallelen gibt. Eine davon ist, ich hätte es gleich wissen müssen, das Milieu. Ich hatte mich in schlechte Gesellschaft begeben, leider muss ich mein gleichermaßen geschätztes wie gewohntes Umfeld so bezeichnen. Dieser unvorteilhafte Umgang mit Menschen, die Krankheitserregern als Wirtstiere dienen, streckte mich vergangene Woche erneut nieder. Wo, so rufe ich aus, wo war da mein Bewährungs…äh…Genesungshelfer?

Ach so.

Gibt’s nicht.

Dann beginne ich wieder von vorne.

Spaziergang gestern, warm eingepackt.

Warm halten, viel Trinken und so weiter und so fort.

In einigen Wochen bin ich wieder eingegliedert in die Läuflingswelt.

Resportlerisiert eben.

Risikosport Laufen

Die meisten Menschen halten Laufen für einen sehr beschaulichen, sicheren Zeitvertreib. Wie ich kürzlich lernen konnte, stimmt das so nicht, im Gegenteil: Laufen ist eine Risikosportart! Für manche Menschen jedenfalls.

Risikosport Laufen
Die meisten Menschen halten Laufen für einen sehr beschaulichen, sicheren Zeitvertreib. Wie ich kürzlich am fremden Leib (zum Glück nicht am eigenen, das wäre ja noch schöner!) lernen konnte, stimmt das so nicht, im Gegenteil: Laufen ist eine Risikosportart, mindestens so gefährlich einzuschätzen wie Apnoetauchen, Canyoning oder S-Bahn-Surfen.

Ich meine damit nicht das gewohnte Verletzungspech von Ultraläuflingen, die hunderte Trailkilometer Über Stock und Stein, durch Berg und Tal, Wüste und Schlamm hinter sich bringen, bloß um auf den letzten hundert Metern Asphalt vor dem Ziel umzuknicken. Nein, hiervon rede ich nicht. Die Tücken ebenen Asphalts hebe ich mir für einen eigenen Artikel auf. In diesem Beitrag will ich an einem traurigen Beispiel zeigen, dass das Laufen an sich ein hohes Risiko darstellt – für manche Menschen zumindest.

Das betroffen machende Einzelschicksal mag uns vor Augen führen, in welche Gefahr wir uns begeben, wenn wir mal eben kurz eine Runde an der frischen Luft drehen wollen. Einige von uns jedenfalls.

Um dem Kind einen Namen zu geben, spreche ich fortan von P., wobei ich den Anfangsbuchstaben natürlich geändert habe. Überhaupt sind etwaige Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen rein absichtlich, wenngleich ich just diesen Sachverhalt jederzeit abzustreiten bereit bin. Lassen wir P. schlicht für Person stehen, streng geschlechtsneutral, auf dass niemand glauben soll, er könne auf diesem Wege eine Identifikation zu erreichen.

Bevor ich auf die einzelnen Hin- und Unfälle zu sprechen komme, möchte ich vorwegschicken, wie ich den menschlichen Körper dafür bewundere, dass er innerhalb kürzester Zeit eine derart große Zahl an Verletzungen verarbeiten kann. Und natürlich hat auch P. meine Hochachtung, wenn es um das Wiederaufstehen (nein, nicht Auferstehen, so schlimm war’s dann doch nicht) geht. Ein Stehaufmännchen, sozusagen. Womit kein Hinweis auf das Geschlecht gegeben sei, das Stehaufmännchen kann auch ein Weibchen sein – und, wo ich grad‘ beim Thema bin: der Genderkram kann auch, und zwar mich.

Die Misere begann zu Beginn dieses Jahres, als P., ein fröhliches Lied vor sich hinpfeifend, auf einer gefrorenen Pfütze ausglitt. Reaktionsschnell leitete P. ein Abfangmanöver mit dem Arm ein, konnte so das Aufschlagen mit dem Kopfe vermeiden – allerdings um den Preis einer verstauchten Schulter. Weil der gemeine Läufling hauptsächlich mit den Beinen zu laufen pflegt, blieb das sportliche Tun nur unwesentlich eingeschränkt, den sich zwangsweise einstellenden uneleganten Laufstil nahm P. gerne in Kauf, weil die Alternative Trainingspause hieß.

Nur wenig später, es war an einem milden Frühlingstag, ging es in lockerem Trabe einen Pfad hinab, als sich ein böswilliger Stein unter den linken Schuh von P. rollte. Trotz eleganten Abrollens über die zwischenzeitlich genesene Schulter blieb der Abgang am Abhang nicht verletzungsfrei: Mit aufgeschlagenem Knie humpelte P. zum Ausgangsort zurück, wo der Medizinkasten zur Linderung zumindest der physischen Verletzungen beitrug.

Während die nächste Zeit vergleichsweise ereignislos blieben, schlug das Schicksal bald darauf wieder zu.

Die letzten Schorfreste waren gerade abgefallen, es muss ein paar Wochen nach dem Vorfall mit dem Stein gewesen sein, als ein schlammiger Graben die Kulisse für den nächsten Akt bildete. Ein Schuh blieb beim Absprung im Matsch stecken, der Schwung trug P. nicht ganz bis ans andere Ufer, wodurch dem Körper keine andere Wahl blieb als der Schwerkraft zu gehorchen. Bei jedem anderen Menschen wären lediglich schmutzige Hände und Socken die Folge gewesen, nicht so bei P.: während sich die Finger halt- und chancenlos in die gegenüber liegende Uferböschung krallten, schlug die Stirn dortselbst ein – leider auf eine vorstehende Wurzel.

Nun ist es keineswegs so, dass es sich bei P. um einen motorisch herausgeforderten oder unvorsichtigen Menschen handeln würde, ganz im Gegenteil. Auch versucht P. seine Route um besonders gefährliche Stellen herumzuführen. Wie das jüngste Ereignis zeigt, muss selbst ein harmloser Feldweg am Rande eines Apfelhains für hochgradig gefährlich gelten. Ein unachtsamer Tritt auf einen halb verfaulten Apfel, der sich auf den Weg geworfen hatte, führte in letzter Konsequenz zum Bänderriss.

Dieses ist, ich will nochmal darauf hinweisen, die Chronik des Jahres 2015.

Und das Jahr ist noch nicht vorbei.

Was aber schließen wir daraus? Ist Laufen generell eine Risikosportart? Oder gibt es einfach Pechvögel? Wie können wir ihnen helfen?

Schutzkleidung scheint auf den ersten Blick eine Lösung für P. zu sein. Ich fürchte jedoch, dass sie nichts nutzen wird. Murphys Gesetz weiss, wie kreativ der Teufel, der bekanntermaßen ein Eichhörnchen ist, sein kann.
Jede Wette, sollte P. in Watte gepackt mit Helm und stahlkappenbewehrten Schutzstiefeln unterwegs sein, fällt ihm (oder ihr, wer weiß…) ein Baumstamm so auf den Haxen, dass die Stahlkappen erst aufgebogen werden müssen, bevor man sich um den gebrochenen Mittelfußknochen kümmern kann.

Möglicherweise empfiehlt sich eine weniger risikoreiche Sportart: Schafkopf zum Beispiel. Auch Base Jumping mit Wingsuits hat viele Freunde in aller Welt.

Vielleicht wird’s einfach im kommenden Jahr anders.

Ich danke für die Anregung und wünsche gute Besserung! 😉

Sportler, Stöcke und das Rätsel der Sphinx

Würde sich ein in sportlichen Dingen unbedarfter Mensch an die Strecke bei einem Traillauf zusehen, böte sich ihm das folgende Bild: Sportliche, topfit aussehende Menschen bewegen sich zügigen Schrittes durch die Natur – und fast alle gehen am Stock. Sind Trailläufer verstockte Zeitgenossen?

Würde ein in sportlichen Dingen unbedarfter Mensch an die Strecke bei einem Traillauf zusehen, böte sich ihm das folgende Bild: Sportliche, eigentlich topfit wirkende Menschen bewegen sich zügigen Schrittes durch die Natur – und fast alle gehen am Stock. Nur einige wenige verstocke Ausnahmen machen ausschließlich von ihren eigenen Beinen Gebrauch..

Der Singular am Stock ist nur die halbe Wahrheit, der moderne Trailläufling verwendet, passend zur Zahl seiner Hände, derer zwei. Ich bin übrigens auch einer von denen, die mit Stöcken über Stock und Stein stöckelnd beim unbestockten Stockfisch mildes Kopfschütteln auslösen.

In Fachkreisen übrigens, das sind zum Beispiel Sportgeschäfte, Messestände oder Events, gilt es, das Wort Stock unter allen Umständen zu vermeiden. Wem es an der notwendig robusten Psyche gebricht, pikierte Blicke, genervtes Schnauben und in deutlichen Worten formulierte Belehrungen zu ertragen, sagt von vorne herein Poles, gerne auch Trekking, oder Hiking Poles. Zur Bereicherung des Marketingsprech ist der Begriff Trailrunning Pole ebenfalls statthaft, während die Avantgarde ihr Gegenüber mit Sky Running Pole in Verzückung versetzt.

Dergestalt mental vorbereitet, schwebt das Fragezeichen der Neugier leicht blasser geworden über dem Schopf des Fragenden.

Was machen die damit?

Womit er die Stöcke Poles meint.
Rein optisch gemahnen Stöcke* an das Arbeitsgerät der Picadores , welche den Nacken des Stieres mit kleinen Lanzen pieksen. Bunt genug sind sie allemal, und ob die im stierischen Nacken landen, oder tierischen Schmerz in der Wade des Vordermannes auslösen, ist ja nun wirklich egal. Allerdings, so ist es nicht. Selbst der ehrgeizigste Trailläufling wird seine teuren Spitzen nicht mit dem billigen Blute der Konkurrenz besudeln. Außerdem gilt gerade im Gebirge der Grundsatz: wozu zu den Piken greifen, wenn der Abgrund liegt so nah?
Wo ich von der Farbenpracht sprach: bekleidungstechnisch steht der typische Trailläufling dem typischen Stierkämpfer nur wenig nach: farbenfroh gleichermaßen, körperbetontes Beinkleid. Ob diese kurzen Jäckchen mit Goldstickerei beim Laufen unbedingt sein müssen? Mein Geschmack wär’s nicht, ich denke, das überlassen wir dem iberischen Traditionssport.

* Ha! Ich bin mental stark genug, Stöcke zu sagen, jawoll! Macht mich halt an, disst mich, seid pikiert! Ich pikiere euch, meine Stöcke seien die Piken in euren Waden, ich der Pikenier eurer Seele!

Doch gehen wir zurück zur Frage, wozu die Stöcke?
Wer schon Trails gelaufen ist, kennt den praktischen Nutzen dieser Dinger. Selbst langjährige Stockmuffel ergreifen zunehmend ihre Griffe, um schneller, und vor allem sicherer, zu Berg und Tal unterwegs zu sein.

Ist das schon alles? Mitnichten, einen Punkt habe ich noch nicht angesprochen. Historisch betrachtet, fällt mir nämlich das berühmte Rätsel der Sphinx ein, die, als sie die Stadt Theben belagerte, Reisenden dieses Rätsel aufgab:

„Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“

Die Sphinx fraß denjenigen, der eine falsche Antwort gab. Ein ausgesprochen rüdes Verhalten, das den Tourismus in der Region beeinträchtigt haben dürfte.

Ödipus (der in einer kreativen Phase seines Daseins den gleichnamigen Komplex erfunden hat) löste das Rätsel, dessen Antwort „der Mensch“ ist: Als Kleinkind krabbelt er auf allen vieren, als Erwachsener geht er auf zwei Beinen und im Alter braucht er einen Stock als drittes Bein. Als Ödipus die richtige Antwort sprach, stürzte sich die Sphinx von ihrem Felsen und starb.

Das berühmte Rätsel würde der Sphinx heutzutage keinen Rechtfertigungsgrund liefern, um vorbeiziehende Reisende als Nahrungsquelle zu nutzen.
Angesichts bestockter Trailläuflinge würde ihr vor Verwirrung die Nase abfallen.

Mein Abendbrot. Hommage an eine banale Köstlichkeit.

Wenn ich erkältungsbedingt schon trainingspausiere, kann ich doch wenigstens ernährungsmäßig auf dem rechten Weg wandern. Also gab’s gestern abend ein – Tomatenbrot. Und ich war begeistert.

Essen. Facebook ist bekanntlich voll davon. Über dreiundneunzig Prozent aller dort geposteten Bilder zeigen Speisen, gefolgt Katzenfotos (vierundachtzig Prozent) und Katzen beim Essen (siebenundvierzig Prozent). Fotos von Katzen als Essen landen mit nur 0,7 Prozent weit abgeschlagen am unteren Ende der Rangliste.

Dafür bestehen wiederum mehr als drei Viertel aller Kommentare aus Klugscheißereien. Zum Beispiel klugdefäkiert man gerne, dass die Zahlen oben weit mehr als hundert Prozent ergeben.

Essen scheint also vielen Menschen wichtig.

Theoretisch auch mir, besonders dann, wenn ich Hunger habe.

Ich gebe aber zu, dass ich (ja, selbst ich als Sportler) oft zu faul bin, mir ein gescheites Mahl zu bereiten. Hunger ist akut, Essen machen braucht hingege Zeit, also gibt’s was Schnelles. Und kaum eine Mahlzeit geht schnella als drei Esslöffel Nutella.
Das ist natürlich übertrieben, gar so schlimm ist es nicht, denn auch als bekennender Fauler Sau ist mir der Zusammenhang zwischen Ernährung und Wohlbefinden geläufig. Bekanntlich macht ja die Dosis das Gift, und auf Dauer hilft nur Hirnpower, also die Kunst, verstandesmäßige Erkenntnis in Verhaltensänderungen umzusetzen.

Wie praktisch ist doch da eine kleine Erkältung, die mich vom Trainieren ab-, und zur gesünderen Lebensführung anhält.

Also griff ich gestern abend nicht zum Käse am Stück, auch nicht zu Keksen oder dem beinahe obligatorisch gewordenen Spiegelei, sondern ich folgte meinem Bedürfnis, etwas „Leichtes“ zu mir zu nehmen. Ein Tomatenbrot sollte es sein. Eigentlich zwei.

Zwei Scheiben Kommißbrot fanden ihren Weg aus dem Tiefkühlfach in den Toaster, um anschließend dünn mit Frischkäse bestrichen zu werden (mehr dazu im Haushaltstipp). Salz und Pfeffer druff, Cocktailtomaten halbiert und darauf verteilt: welch ein Genuss!

Haushaltstipp: Frischkäse verklebt Brot und Tomaten, wodurch die Dinger beim Essen nicht runterkullern. Aus dem selben Grund erst Salz und Pfeffer drauf. Genial, was? 🙂

Was soll ich sagen? Klasse war’s, und lag nicht schwer im Magen.

Hach, das einfache Essen. Ich bin nicht der erste Mensch, der darüber schreibt: schon Otto Wallkes, der bekannte Experte für gesundes Leben beschrieb in einem seiner bekannten Vorträge die Zubereitung eines Tomatenbrotes. Aus Sicht der beteiligten Tomaten eher ein Gematsche, für meine Begriffe hätte er auch eine Dose mit passierten Tomaten auf dem Brot verschmieren können. Das Ergebnis seines Tuns sah wirklich aus, als müsste man fragen, was den passierten Tomaten denn passiert sei, denn die appetitlich-rote Urexistenz der Tomaten war längst passé.

Ganz anders Wolfram Siebeck, der, ganz dem einfachen Leben verpflichtet, wie man ein simples Butterbrot zu schmieren habe. Nicht irgendein Brot, versteht sich, sondern ein echtes Poilâne-Brot. Darauf bretonische Bauernbutter, auf welche Knoblauch und Trüffeln geschnippelt werden. Oder gehobelt. Möglicherweise gar geraspelt. Als zweitoberste Schicht empfiehlt er einen Gruyère. Zur Deckschicht schweigt er sich seltsamerweise aus, der Wolfram. Angesichts der gewählten Zutaten für ein so scheinbar bodenständiges Mahl, und in Anbetracht seiner extatisch-detailverliebten Beschreibung von Herstellungsprozess und Zutaten glaube ich zu wissen, weshalb: mir scheint, ihm ist peinlich von seiner autoerotischen Erfahrung zu berichten. Und davon, dass er das Brot mit seinem eigenen Ejakulat, nun, deckt.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen, sag‘ ich nur.

Käsebrote machen mich sexuell nicht an, weshalb ich eher Senf nehmen würde.

Oder Merrettich.

Und dann beim Abendrot
mach‘ ich das Abendbrot

Wer kennt sie nicht, diese witzige Weise aus dem Jahre 1929, und wir hoffen, dass nicht die Rede vom Sonntag, den Fünfzehnten war. In diesem Falle wäre zwei Tage zuvor Freitag der dreihzehnte gewesen, an dem es bekanntlich einen üblen Börsencrash gegeben hatte. Mit genug Pech für die Dame, war der Süße am Freitag pleite, das Segelboot verpfändet und die Segeltour nicht das Einzige, was an diesem Wochenende ins Wasser fiel.

Tja, Abendbrot hatte sie auf dem Plan.
Da kommt mir in den Sinn – ja, in den Sinn kommt es, sonst nichts! – dass vielerorts selbst dann von Abendbrot die Rede ist, wenn überhaupt kein Brot auf dem Tisch steht. Solche Benennungen werden einem ja praktisch in die Wiege gelegt, von klein auf praktiziert, bis sie in Fleisch und Blut übergehen. So wie ein Tempo auch dann dankbar genommen wird, wenn das Dargereichte von Softis stammt. Eine Einladung zum Abendbrot ist dann immer mit einem gewissen Risiko verbunden.

„Magst du zum Abendbrot kommen?“
„Gerne, was gibt’s denn?“
„Spaghetti.“

Da bin ich beinahe froh, dass bei uns zuhause von Abendessen die Rede war.

Ich hatte gestern zum Abendessen ein Abendbrot.

Verkörpert durch ein Tomatenbrot.

Fürwahr eine gute Entscheidung!

Potztausend! Trailrunning für die Massen?

Das Trail Magazin fragt, wie denn Trailrunning, mehr Events und mehr Aufmerksamkeit bekommen könnte. Stellen die sich einen Supertoptrail mit dreitausend Teilnehmern vor? Finde ich das witzig? Hab‘ ich Bock, Teil einer Massenveranstaltung zu sein? Nö.

Das Trail Magazin fragt, wie denn Trailrunning, mehr Events und mehr Aufmerksamkeit bekommen könnte. Unwillkürlich schießen Assoziationen durch meinen Kopf, verknpüfen sich, prallen ab, stoßen aufeinander, bis sie sich am Schluss zu einem Bild zusammenfinden.

Und ich frage mich, ob mir das Bild gefällt.

Doch erstmal zitiere ich das Originalposting des Magazins auf Facebook:
Trail-Running wird beliebter, größer und ist mittlerweile ein echter Sport auf der ganzen Welt!
Was muss passieren, dass in Deutschland unser Lieblingssport weiter an Events und Aufmerksamkeit gewinnt?

Trailrunning ist also ein echter Sport. Da bin ich aber beruhigt, ich hatte schon befürchtet, einen unechten Sport zu betreiben. Und zum Glück ist er auf der ganzen Welt als echt anerkannt, was uns regionale Einschränkungen erspart. Nicht auszudenken, wenn es beim Überschreiten einer Staatsgrenze hieße: lauft ruhig, frönt eurem falschen Tun!

So dürfen wir Trailläuflinge weiter das tun, was und Spaß macht: auf Trails laufen.

Soll es mehr Events geben? Mehr Aufmerksamkeit? Was auch immer mehr Aufmerksamkeit bedeutet.
Es ist Zeit, dass ich mein Bild von vorhin beschreibe.

Dabei handelt es sich um eine Collage mit dem Titel: Massensport Trailrunning.

Im Zentrum findet sich ein Plakat, welches für den SUPERSPONSOR POWERTRAIL 3000 wirbt. Die Zahl steht dabei nicht für die Höhenmeter, sondern für die Anzahl der Teilnehmer, die sich auf zwanzig Kilometern austoben wollen. Etwas kleiner sehe ich den Flyer für einen der vielen Indoor Trails, die aus dem Boden schießen wie Champignons in einer artgerecht wohlig feucht-dunklen Höhle. In der Tat ziert das Foto einer solchen Halle den rechten Rand der Collage. Zehntausend Zuschauer fasst sie, die Trail-Events finden im Rahmenprogramm von Motocross- und Mountainbike Wettkämpfen auf dem selben Rundkurs statt. Das ist praktisch, denn die Sprunghügel dienen dem Sammeln der Höhenmeter.

Ein Stück weiter oben klebt, beinahe etwas verschämt, das Panorama eines Trails in der Natur. Für den nicht eingeweihten Betrachter wirkt es befremdlich, wie sich eine lange Schlange von fünfzehnhundert Menschen den Single Trail hinaufwindet. Freilich freut der Veranstalter sich über den Erfolg seiner Veranstaltung. Trailrunning ist in.

Das ruft natürlich Begehrlichkeiten auf den Plan.
Hier recken nationale, internationale und globale Trailrunningverbände die Häupter, allesamt bestrebt, dem Trailsport nur das Beste an Fürsorge angedeihen zu lassen. Deshalb gibt es – mein Bild zeigt nur die Titelseite – eine Klasseneinteilung für Trail-Veranstaltungen. Wenn sich dieser Sport (wir wissen: es ist ein echter!) wegen der Vielfalt der Strecken schon einer Vergleichbarkeit entzieht, kann man zumindest ein Klassenregelement einführen, damit Unvergleichliches vergleichbar erscheint.

So ähnlich muss sich ein Funktionärsorgasmus anfühlen.

Direkt daneben sehe ich, wie ein Amtmann sich die Hände reibt. Wo sich Massen mühen, muss geregelt werden. Und wie geregelt wurde, da wünscht man sich die heimelige Zweimeter-Regel der Mountainbiker sehnsüchtig herbei, über die zuvor so herzhaft gelacht wurde. Trails laufende Menschen – und als Trail zählt alles, was keine Asphaltschicht trägt, dürfen in der Natur nicht mehr laufen. Fortbewegung mit Flugphase ist strikt untersagt. Dass das Verbot eingehalten wird, darüber wachen eigens geschulte Mitarbeiter der zuständigen Behörden. In manchen Regionen, so heißt es, sei die Arbeitslosigkeit drastisch gesunken, weil hinter jedem zweiten Baum ein Naturwegsbeauftragter lauert.

O ja, da reibt der Amtsschimmel, und jetzt sind es nicht mehr die Hände, welche unter der Tischkante verschwunden sind.

Massensport Trailrunning steht am linken Bildrand, der Sport für Individualisten! Daneben kleben ganz bescheiden einige Zeilen Text, ein Zitat aus dem Film Das Leben des Brian. Brian hatte eine Menschenmasse darauf hingewiesen, dass jeder einzelne von ihnen ein Individuum sei.
Die Masse antwortet im Chor „wir sind alle Individuen“.
In die sich anschließende Stille ruft eine einsame Stimme: „ich nicht!“.
Für mich eine der großartigsten Stellen der Filmgeschichte. Der einzige Individualist zeigt seine Individualität dadurch, dass er sie leugnet. Grandios!

Halte ich es für erstrebenswert, wenn Trailrunning zum Massenphänomen wird? Nein! Freilich gäbe es mehr Auswahl. An Läufen, an Ausrüstung, Klamotten, usw. Andererseits zeigt alle Lebenserfahrung, dass ein Mehr an Quantität stets mit einem Qualitätsverlust einhergeht. Hundert Teilnehmer kann man jeden Trampelpfad hochschicken, bei tausend wird’s eng. Dann kommen noch die Vollkaskoläuflinge dazu: sie laufen mit, weil’s trendy ist. Tough sein ist in, und daher muss man gut auf sie aufpassen, damit sie sich nicht weh tun.

Ich finde es geil, wenn Leute Spaß daran finden, „Trails“ zu laufen. Unwegsame Wege, manchmal auch weg vom Weg. Ich laufe gerne in Gesellschaft – aber nicht als Teil einer Menschenmenge. Ich freue mich über jeden, der Trailrunning für sich entdeckt, der in die Community eintritt – zum Massenphänonen darf sich der Sport aber nicht entwickeln.

Denn ich laufe Trails, weil ich ein Individuum bin.