Ich hab’s getan: b2run

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Das LauferEi am Start

Manche Dinge sind einfach peinlich. Irgendwie. Obwohl, vielleicht sogar weil, sie von vielen Menschen praktiziert werden. Masturbation zum Beispiel. Oder Firmenläufe. In Karlsruhe gibt es den b2run, an dem ich, ich oute mich, dieses Jahr schon zum dritten Mal teilnahm.
Jetzt muss ich mich wohl erklären.
Firmenläufe sind für den Läufling, was dem Literaten Groschenhefte sind: übelster Kommerz ohne jeden Anspruch. Genutzt von Banausen. Pfui!
Ja, das Ding ist kommerziell: Setze ich die Teilnahmegebühr von irgendwas um 14 Euro netto in Relation zu den 5,6km Streckenlänge, komme ich auf stolze 2,5 Euro pro km! Dagegen sind selbst die mittlerweile teuer gewordenen Städtemarathons ein Schnäppchen, von den vom Idealismus geprägten kleineren Läufen ganz zu schweigen.
Nun gut, in den meisten Fällen zahlt’s die Firma. Wenn die etwas spendabler ist, mietet sie für weiteres Geld einen Firmenstand im Zielgelände. Der Veranstalter freut sich bestimmt, wenn er dazu noch die Shirts liefern kann. Oder gleich das Premiumpaket, welches neben 100 Startplätzen auch noch 100 Fan-Tickets (In den Zielbereich gelangt man nur mit gültigem Ticket), zwei VIP Tickets und den Teamstand zum Schnäppchenpreis von knapp 1800 Währungseinheiten beinhaltet. Das gilt für den günstigen Frühlingstarif. Sommer kostet mehr. Keine Frage also, b2run will Geld verdienen.

Was aber bewegt Menschen, sich beim Firmenlauf zu bewegen? Vermutlich eine Mischung aus Teamgeist und Gruppendruck. Ich habe bei Kollegen gesehen, mit welch ungeahntem Eifer sich Leute vorbereiten, die sich selbst jedweden sportlichen Ehrgeiz absprechen. Nach dem Lauf: reine Freude, unbändiger Stolz auf die eigene Leistung. Wer hier einmal das Strahlen in den Augen eines ansonsten unsportlichen Menschen gesehen hat, weiss, wovon ich rede. Hier liegt meines Erachtens, allen Unkenrufen zum Trotz, ein Verdienst von Firmenläufen: etwas mehr körperliche Aktivität wird angeregt. Und in der Tat trägt der Vergleich gelaufener Zeiten, die Freude über das geleistete und das gemeinsame Nach-Lauf-Getränk im Ziel zur Teambildung bei. Macht Spaß.

Also nur was für Nichtläufer? Durch die sportliche Brille des Ultraläuflings betrachtet, ist ein Lauf mit 5,6 (in Worten: fünfkommasechs) Kilometern wirklich nur unter dem Aspekt einer Tempoeinheit betrachtbar. Selbst ein schneller Mittelstreckler wird in diesem Rahmen nicht nach einer neuen persönlichen Bestzeit trachten. Nicht in dieser Enge.
Vor dem Start stehen, nach Veranstalterangaben, viertausend Menschen dicht gedrängt auf einer Fläche, die, würde es sich um Legehennen handeln, sämtliche Tierschutzvereinigungen auf den Plan riefe. Aber mit Läuflingen kann man’s ja machen. Vermutlich, weil sie derlei Dinge in ihrer Freizeit tun und nicht von Berufs wegen, wie die Hennen. Mehr Raum? Da lachen ja die Hühner. Und zwar die Läuflinge aus.
Damit die sauerstoff-lose halbe Stunde bis zum Start nicht zu lang wird, lauschen wir zwei Radiomoderatoren, die auf von einer Arbeitsbühne herab ihr Bestes geben, um gute Laune zu verbreiten. Sie werden zwischendurch von einer Fitnesstränerin unterbrochen, die auf ebenjener Bühne Aufwärmübungen zu Musik vorübt. Sie übt vor, damit wir es nachmachen. Ohne Platz und Luft ist das nicht ganz einfach. Wir strecken unsere Arme nach oben, und versuchen, die Nasen unserer Nachbarn nicht zu brechen. Den meisten gelingt das.
Währendessen geriert sich die Vorturnerin als Gute-Laune-Bombe. Wie buchstabiert man eigentlich Lustschreie? „Houuuhuuuuuuuuuu“? Ihre mehrfach geäußerte Bitte um Feedback („Seid ihr gut drauf“?) wurde vom drei Meter weiter unten stehenden Volk wahrheitsgemäß mit „joooo schon“ beantwortet. Ich will endlich laufen.
Nun denn, auf- und ab Hüpfen geht ja, ist mir immer noch lieber, als stocksteif zu stehen.

Dann, ziemlich pünktlich um halb acht: der Start. Hurra!
Um sich ein Bild davon zu machen, stelle man sich vor, dass viertausend Menschen auf einer Strecke laufen wollen – müssen!, die gerade mal drei Meter breit ist. Um das gewünschte Tempo zu gehen, hätte ich mich entweder gaaaaaanz weit vorne hinstellen müssen (das ist dort, wo die Cracks sind, die weniger als zwanzig Minuten für die Strecke brauchen), oder nicht mitmachen. Aber ich wollte es ja. Und so bemühe ich mich auf den beiden ersten Kilometern, zwischen Wiese, Gebüsch und auf der Strecke, um eine halbwegs konstante Geschwindigkeit. Dann lichtet sich das Feld, weil einem noch so großen Feld auf einer noch so kurzen Strecke nichts anderes übrig bleibt, als sich auseinander zu ziehen. Das ist ein Naturgesetz.
Über die verbleibenden dreikommasechs Kilometer gibt es nicht viel zu berichten, außer vielleicht, dass mir der kleine Hügel kurz vor dem Ziel ein kleines Erfolgserlebnis bescherte, denn ich habe ihn kaum gespürt. Wir merken uns: Ultratrails helfen beim Karlsruher Firmenlauf.

Alles schlecht, oder was? Nein. Wenn dem so wäre, würde ich nicht dreimal teilgenommen haben. Ich wusste ja, was mich erwartet (erwähnte ich das schon?). Und: als Tempolauf ins Wochenprogramm eingebaut, hilft’s sogar weiter, mit 23:02 Minuten ist die Zeit recht passabel, was ich nach der Würgerei zu Beginn, und den anders gesetzten Schwerpunkten der Saison wirklich nicht erwartete. Ich endeckte gar unerwartet Wettkampfstimmung in mir, als ich einen Gedanken wahrnahm, der mir „die drei Sekunden hätteste locker noch rausholen können“ vorfaselte.
Der Reiz liegt für mich aber woanders: im gemütlichen Beisammensein mit aktuellen und ehemaligen Kollegen. Danach dann.

Ja, b2run will Geld verdienen, weshalb der läuferische Idealismus bei solchen Veranstaltungen auf der (Lauf-)Strecke bleibt. Aber das weiss man vorher. Firma zahlt, Spaß dabei, nette Gesellschaft danach. Firmenläufe muss man sportlich sehen.

Parcours Training: cooles Video auf Youtube

Jüngst entdeckte ich auf Youtube ein Video, in dem ein paar Jungs aus Manchester demonstrieren, wie sie sich für ihren Sport – Parcours – fit machen.
Und wie fit sie sind, da kann ich nur den Hut ziehen und mich tief verneigen!
Davon abgesehen finde ich die Übungen sehr inspirierend. Manche der Übungen hilft dem Läufling, besonders dem Trail-Läufling, auch weiter, und es spricht ja einiges dafür, dem Träning Würze zu verleihen. Einfach dadurch, dass man ganz banale Gegenstände an der Laufstrecke, oder geeignete Abschnitte für zusätzliche Reize (miss-)braucht. Ehrlich, von den Übungen im Clip, die wie Turnübungen aussehen, würde ich kaum eine hinkriegen (meine Lieblingsstelle ist die mit dem Pfahl, ab 2:17….). So manch andere erinnert mich an Stichworte wie „allgemeine Athletik“ oder „Sprungübungen“. Ausserhalb der gewohnten Umgebung (Turnhalle?) macht’s mehr Spaß!

Nun will ich euch nicht länger auf die Folter spannen, hier geht’s zum Clip: Strength Training and Conditioning for Parcour

Schmutzfuß oder auf sauberen Sohlen? Laufschuhe reinigen.

Welche Farbe haben eure Laufschuhe? Nein, nicht die Farbe, die sie beim Kauf hatten, sondern jene, die ihr seht, wenn ihr jetzt (jetzt!) nachseht. Meine sind größtenteils von einer graubraungrünen Schicht überzogen, durch die die serienmäßige Farbe gleichermaßen tapfer wie erfolglos hindurchzuschimmern versucht.
Und weil sich im Innern gerne Teile der heimischen Natur Moos, Tannennadeln, Hölzchen, Kleinlebewesen zu einem meiner Ansicht nach wenig schützenswerten Biotop zusammenfinden, sehe ich mich zeitweilig genötigt, dem Treiben ein Ende zu bereiten. Weil’s nervt, wenn Fauna sich in Füße bohrt.

Also Schuhe putzen.

Wirklich? Schuhe? Putzen?

Schauen wir uns die Dinger in ihrem natürlichen Lebensraum genauer an: artgerecht gehalten, tragen wir sie bei jedem Wetter nach draußen. Wenn ich von meiner mitteleuropäisch geprägten Läuflingsexistenz ausgehe, ertragen sie nicht nur mein Körpergewicht, sondern Temperaturen zwischen minus zwanzig, und, wenn es hoch kommt, vielleicht mal plus vierzig Grad Celsius.
Sie werden mit Sand, Staub, Erde, Dreckwasser, Schlamm und allem anderen besudelt, was der Untergrund eben so hergibt. Als ob das nicht genügen würde, helfen des Läuflings Füße durch eifrige Schweißproduktion mit, Laufschuhe in Objekte von auserlesener farblicher und olfaktorischer Zusammensetzung zu verwandeln.
Zudem dringen kleine Steine, Moos- und Graspartikel und was weis ich noch in sie ein. Wenn ich meine Latschen davon befreie, beschleicht mich zuweilen der Anflug eines schlechten Gewissens. Zerstöre ich möglicherweise ein wertvolles Biotop? Mache ich mich des Artensterbens schuldig?

Bislang hat noch jedes Mal mein Bedürfnis, in bröckchenfreien Schuhen unterwegs zu sein, obsiegt.

Also doch saubermachen, nur: wie?

Dreckkrusten außen machen nicht nur das Laufen unschön, sie neigen dummerweise auch dazu, sich dort abzulösen, wo sie Kollateralverschmutzungen anrichten. In Wohnungen, Autos, und eben sonst, wo es Teppiche gibt. Und so nehme ich mir ein Beispiel an den Wandersleuten. Die schlagen seit Generationen ihre Schuhe gegeneinander, dass der Schmutz nur so spritzt!
Und innen? Bei meinen gefühlten Anschlägen auf die Biodiversität nehme ich die Innensohle heraus, entferne alles, was stören oder gar Blasen bilden könnte, um dann das Gleiche mit dem Restschuh zu tun. Hartnäckige Grassamen, Stacheln oder Dornen, die sich in die Polsterung gebohrt haben, werden ausgezupft.

Damit wäre der mechanische Teil erledigt. Und der Rest wie Gerüche oder Farbveränderungen, vulgo Dreckschlieren? Hier scheinen sich die Geister zu scheiden. Neue Schuhe kaufen, Waschmaschine oder Handwäsche? Und welches Waschmittel? Etliche Treffer der Google-Suche nach dem Stichwort „Laufschuhe reinigen“ warnen eindringlich davor, sie in die Waschmaschine zu stecken. Nienicht, auf gar keinen Fall!
Das häufigste Argument, sagt, die Temperatur sei zu hoch, möglicherweilse könnte sich der Klebstoff auflösen. Ich kann dem nicht folgen. Nehmen wir einen hübsch heißen Sommertag, sagen wir: 35°C Außentemperatur. Wir lassen außer Acht, dass der Asphalt, auf dem wir laufen, eventuell noch wärmer ist. Von innen versuchen die Füße gegenzuhalten, sagen wir, mit knapp unter 30°C (wer mehr wissen will: Temperaturverteilung menschlicher Körper. Ich kenne niemanden, Badwater Finisher ausgenommen, der jemals über temperaturgeschädigte Klebeverbindungen berichtet hätte. Sicherheitshalber werde ich ein paar Schuhhersteller fragen, für welche Temperaturen sie ihre Produkte auslegen.

Was ich sagen will: die Temperaturen in der Waschmaschine sind auch nicht höher als im normalen Leben eines Schuhs. Nein, Schuhe sind natürlich keine Kochwäsche!
Ich vermag mir weder unter mechanischen, thermischen, noch chemischen Aspekten ein Risiko für die Schuhe vorstellen, das sie mehr schädigen kann als ….. Laufen.

Stark, damit meine ich wirklich starrrrrrrk, also total verdreckte Latschen, bei welchen sich der Dreck schon in der Polsterung festgesetzt hat, um im Laufe der folgenden Monate herauszubröseln, kommen bei mir in die Waschmaschine. Separat, bei 30° ohne Waschmittel.
Handwäsche mit sanfter Seife (was auch immer das ist, vermutlich Schmierseife) wird ebenso häufig propagiert, wie man von der Waschmaschine abrät. Dazu empfiehlt die Arbeit mit einer nicht allzu harten Bürste – die Variante mit Drahtbürste in der Bohrmaschine scheidet also aus. Ich bin für derlei schlicht zu faul. Was nicht abfällt, oder in der Waschmaschine entfleucht, bleibt halt dran. Kein strahlendes Weiss, keine leuchtenden Farben. Sei’s drum.

Trocknen können die Schuhe, wenn ich sie denn einer Feuchtreinigung unterzogen habe, an ihrem angestammten Lagerort. In der Zwischenzeit, bis sie wieder einsatzfähig sind, darf eines der anderen Paare herhalten. Ich weiss nicht, was ich täte, wenn ich nur einen Satz hätte, oder wenn ich mein Lieblingspaar unbedingt und schnellstmöglich wieder nutzen wollte. Wahrscheinlich würde ich dem Vorschlag folgen, sie mit Papier auszustopfen, um das Ensemble (Innensohlen irgendwo obendrauf!) in einen trockenen Raum oder die Nähe einer Heizung zu stellen, selbstredend würde ich die Grenzen der thermischen Belastbarkeit respektieren…

Mikrowelle geht leider nicht, die ist nur für Pudel.

Glaube ich.

Ultra ohne Uhr

Zeit-los
zeit-los Laufen ohne Uhr
Würde man einen Läufling auffordern, eine „typische“ Handbewegung zu machen, es würde jene kominierte Rotations- und Schwenkbewegung des zumeist linken Armes ausgeführt, welche den Blick auf die Uhr kennzeichnet. Ich kenne viele Menschen, die sich köstlich über den Uhrblick nach der Ziellinie amüsieren. Gleich nach dem Hochreißen der Arme, und stets begleitet von jenem beseelten Lächeln, das man außerhalb des Sports allenfalls mit HIlfe von bewusstseinserweiternden Substanzen hinbekommt.
Besagter Kontrollblick nach dem Ziel ist nur die Spitze des Eisbergs, denn wir nutzen die tragbaren Kleincomputer bereits während des Laufes so ausgiebig, dass ich mich manchmal frage, wann ein Modell herauskommt, das mir den Blick in die Natur / auf den Weg komplett „erspart“. Puls, Strecke, gestoppte Zeit, momentane und durchschnittliche Geschwindigkeit, Höhe (aktuell und zurückgelegte Höhenmeter), die Strecke als Grafik, das alles will vom menschlichen Gehirn erfasst und überwacht werden. Diverse Träningsprogramme mahnen mich piepsend, wenn es an der Zeit ist, mit dem Tempo rauf oder runter zu gehen. Und mit dem „Virtual Partner“ bin ich nie alleine unterwegs!

Irgendwann begann ein leiser Zweifel an mir zu nagen. Der Zweifel, ob ich die angebotenen Informationen immer brauche. Muss ich, wenn ich einfach mal ein Stündchen vor mich hin traben will, wirklich wissen, ob ich dabei 9, 10, oder 11,018 Kilometer zurückgelegt habe? Brauche ich Informationen über meine Herzfrequenz, wenn ich gar nicht vorhabe, in einem definierten Pulsbereich zu bleiben? Und so wagte ich mich zaghaft an die ersten Laufeinheiten ohne Uhr. Ganz ohne Uhr. Keine Zeit, kein Puls, nichts. Wahrlich, anfangs befiel mich beim Blick auf mein nacktes, leeres Handgelenk eine innere Unruhe. Irgendwann hatte ich mich jedoch dran gewöhnt, so dass ich den Handgelenkscomputer nunmehr nur noch einsetze, wenn ich die Informationen auch wirklich nutzen will. Ja, das gilt auch für die Streckenlänge, seit ich mich von der Kilometersammelei verabschiedet habe: Mein Haus. Mein Boot. Meine Wochenkilometer.

Alsbald fühlte ich mich reif, das uhrenlose Laufen im großen Rahmen, gar im Wettkampf, durchzuführen. Beim Keufelskopf Ultratrail lies mich die Angst vor der eigenen Courage kurz vor dem Start noch einen Rückzieher machen. Weshalb nur? Welchen Halt hätte mir die Uhr geben können? Ein Beispiel, das illustriert, welch eigentümliche Blüten eine als solche empfundene psychische Abhängigkeit treiben kann. Ich schob meinen Selbstversuch daher auf, nicht ohne mich über mich selbst und über meine Feigheit zu ärgern. Wenn ich schon zunächst kalte Füße bekommen hatte, wollte ich es mir gleich bei einem anspruchsvollen Ultra zeigen: vier Wochen später, beim Zugspitz Ultratrail. So glasklar der Entschluss war, so frei blieb ich von jeglichem unguten Gefühl (huch, ohne Uhr?). Beim Zugspitz Ultra findet es statt, das zeit-lose Experiment.

Wie war es für mich?
Schön war’s! Zu keiner Zeit habe ich irgendwas vermisst, im Gegenteil: mein Kopf war frei, ich konnte mich, ganz wie geplant, auf den Lauf konzentrieren, habe mich ausschließlich auf mein Körpergefühl verlassen. Dazu fielen zwei mögliche Aspekte komplett weg: einerseits der selbsterzeugte Druck, der durch das Schielen auf die Cutoffzeiten bzw. den erst größer, dann eventuell kleiner werdenden Puffer entsteht: „was? nur noch 110 Minuten Puffer? Bei der letzten VP waren es noch 122 Minuten“. Andererseits die gemütliche Aussicht auf eben jenen Puffer: „schön, zwei Stunden Zeitguthaben, da kann ich mir Zeit lassen.“ Weder das Eine, noch das Andere: einfach nur laufen!

Es war vollkommen problemlos, wobei ich mich frage, welche Probleme denn hätten auftreten können. Anders ausgedrückt: welche Informationen, die mir Garmin oder eine andere Uhr bieten, hätte mir durch ihr Fehlen denn Schwierigkeiten bereiten können?
– Puls? Ich lief ausschließlich nach Körpergefühl. Dass der Puls bergauf, in größeren Höhen oder wann auch immer etwas ansteigt, merke ich auch so. Ich muss das nicht numerisch haben.
– Strecke? Ist ausreichend markiert, also auch nicht notwendig.
– Zeit? Ich sah die Cutoff-Zeiten nicht als Problem an, ebensowenig bin ich schnell genug, als dass Best- und sonstige Zeiten für mich relevant wären.

Fazit.
Polar, Garmin & Co bieten uns Breitensportlern Möglichkeiten, von denen noch vor zehn Jahren keiner geträumt hat. Ich wechsle die Perspektive, indem ich, statt „irgendwas“ mit den gelieferten Daten zu tun, die Frage stelle: Welche Informationen will ich nutzen?
Genau die sind es, die ich gezielt abfrage. Ist der Kontext ein anderer, lasse ich die Uhr weg, um befreit zu laufen.

Zugspitz Ultratrail 2012

Zugspitz Ultratrail
Zugspitz Ultratrail (Foto: Günter Kromer)

Grainau, 23.Juni 2012, kurz vor sieben Uhr morgens. Über vierhundert müde, aber gut gelaunte Läuflinge warten auf den Start zur zweiten Auflage des Zugspitz Ultratrail. Ich auch.
Im Vorfeld beherrschte eine wesentliche Frage das Denken: Wird das Wetter halten?
Dazu drängte sich den Köpfen all jener, die schon 2011 dabei waren, eine zweite Frage in den Vordergrund: Wird es diesmal Cola geben?
Die Spannungskurve verlangt, dass ich mich zunächst dem Wetter widme, dann inhaltlich den Verlauf des Laufes beschreibe, bevor ich das Rätsel um die Darreichung von Koffein und Zucker beinhaltender Flüssigkeit löse. Der Cliffhanger des letzten Jahres soll nicht umsonst gewesen sein!

Wir bleiben daher bei den Meteorologen, deren Prognosen im Laufe der Woche immer mehr zur Trockenheit tendierten. Und siehe da, am Renntag selbst konnten wir das erleben, was man in Bayern den Weiss-Blauen Himmel, auf dem österreichischen Streckenabschnitt historisch bedingt dagegen Kaiserwetter nennt. Strahlendes Blau, Sonnenschein. Als Daylight Finisher – ich war langsam genug – erlebte ich einen herrlichen Sonnenaufgang im Gebirge. Kann es besser sein? Klar doch: Mir war’s mit mehr als 25° C zu warm. Ich bin halt anspruchsvoll, außerdem zählt es zum guten Ton, über das Wetter zu meckern. Im Ernst: natürlich hätte ich eine Temperatur von 15° vorgezogen. Nachdem ich mich, wie wohl die meisten, auf Regen, zumindest aber gelegentliche Schauer eingestellt hatte, ließ das Wochenende keinerlei Wünsche offen.

Der Veranstalter hatte die Streckenführung des letzten Jahres bis auf ein, zwei kleine Änderungen zu Beginn und Ende beibehalten; warum auch nicht, barg die Runde zumindest aus meiner Sicht kein Verbesserungspotential. Schön waren die Ausblicke auf die Gebirgslandschaft, herrlich der Wechsel zwischen bergauf- und bergabführenden Abschnitten, zwischen Bergtrails und Wanderwegen. An einigen Stellen in höher gelegenen Streckenabschnitten war sogar hin und wieder ein Schneefeld zu überqueren. Besonders spektakulär, zumindest für Flachlandtiroler wie mich, eine schneebedeckte Fläche, die recht steil bergab führte. Sie zu überwinden wandten die Läuflinge vorwiegend drei Techniken an:
1) alpin Tränierte mit Erfahrung im Skifahren nahmen Anlauf, um auf zwei Beinen gleichermaßen rasant wie elegant nach unten zu gleiten
2) wer mit weniger Selbstbewusstsein und / oder Gleichgewichtssinn gesegnet war, setzte sich „ich falle wahrscheinlich eh‘ hin“ auf den Hosenboden, um auf eben jenem zu rutschen.
3) Vierbeiner – die mit Stöcken – gingen langsam, aber stetig hinab. Das mag weder sportlich noch mutig gewesen sein, hielt dafür edle Körperteile trocken und warm.
Es gab natürlich noch jene, welche umfallbedingt zu Variante 2) genötigt wurden. Wer es wissen möchte: ich entschied mich für Variante 3), die ich beibehielt, bis ich wieder festen, griffigen Boden unter den Füßen hatte.

Ach ja, die Strecke. Ich war immer wieder erstaunt, über wieviel detaillierte Streckenkenntnis mancher Mensch verfügt. „nach dem Zwergenzipfl geht es dann runter über die Huberbuam-Alm, und dann kommt nach 4,7 km die Verpflegung“. Gut, das mit der Verpflegung kriege ich auch noch hin. Was die Sache mit den Benennungen angeht, ich weiss nicht. Einerseits ist es schön, die Namen markanter Punkte zu kennen, andererseits denke ich, jedenfalls beim Laufen, eher in Kilometern und Abschnitten zwischen zwei Verpflegungsstellen.
Hätte ich die Sache mit den Namen besser drauf, könnte ich euch zum Beispiel genau sagen, wie meine Lieblingsstelle heißt. Fließend hingestammelt rede ich von jenem Anstieg ziemlich zu Beginn, die letzte jener Spitzen, die ich für mich als die „drei Schwestern“ bezeichne. Man steigt einen recht steilen, grasbewachsenen Sattel empor, links und rechts ein wunderschöner Blick in die Berglandschaft. Da es dort, wie schon im letzten Jahr, ausgesprochen windig ist, erhält die Szenerie etwas urwüchsiges. wie gesagt, der für mich schönste Punkt der Strecke.
Die Kehrseite führt kurz vor der 80 km – Marke über etwa vierhundert Höhenmeter nach unten. Dies über endlos scheinende, in Serpentinen angelegte Naturtreppen. Fünf Treppen, etwas gerade, Kehre. Wieder fünf Treppen, etwas gerade, Kehre. Neun Treppen, eine etwas höhere Stufe, gerade, Kehre. Fünf Treppen, scheiße, beinah hingefallen!

Nun gut, aber auch das geht vorüber, und am Ende dieser Bergabpassage wartet eine Verpflegungsstelle mit – Achtung, Auflösung – Cola! Diese, wie auch die nächste Station, die zweimal angelaufen wird, führte tatsächlich das begehrte, und so oft vermisste Getränk. Nachdem mich 2011 ein Cola, das ich mir auf einer Hütte gönnte, gefühlt aus einer tiefen läuferischen Krise gerettet hatte, stellte ich dieses Jahr, nicht mit Cola rechnend, fest: es geht auch ohne! Schöne Erkenntnis!

Wo ich gerade von Erkenntnissen rede, will ich auf ein Experiment hinweisen, über das ich noch einen Beitrag schreiben werde: ich wollte ausprobieren, wie es sich denn ganz ohne Uhr läuft, ergo habe ich sie weggelassen. Mehr dazu hier.

Wer sich die Resultate en Detail zu Gemüte führen möchte, findet sie auf der Website der ZUT: ZUT Ergebnisse

Und hier geht’s zum Film von Günter Kromer.