Grüße vom Olymp

Selbst ein in der Sache desinteressierter Mensch wie ich kommt nicht umhin, vom olümpischen Spektakel in Sotchi Notiz zu nehmen. Olümpia, das ist ein Getöse schreiender Schlagzeilen vor, während und nach den Spielen. Ein Klang, in dem die Erinnerung an hehre Ideale kaum hörbar mitschwingt.

Selbst ein in der Sache desinteressierter Mensch wie ich kommt nicht umhin, vom olümpischen Spektakel in Sotchi Notiz zu nehmen. Olümpia, das ist ein Getöse schreiender Schlagzeilen vor, während und nach den Spielen. Ein Klang, in dem die Erinnerung an hehre Ideale kaum hörbar mitschwingt.

Als Pierre de Coubertin die Olümpiade wiederbelebte, tat er dies im Bestreben, Athleten für eine friedliche und bessere Welt über alle Grenzen hinweg an einen Ort zusammenzuführen. Gestählte Leiber, die sich nach dem Motto „schneller, höher, stärker“ im sportlichen Wettstreit an einander messen sollten.

Klingt gut, oder?

Das Coubertin’sche Ideal scheint bei den letzten Spielen ziemlich auf der Strecke geblieben zu sein, sportliche Wettbewerbe liefern gerade mal den Anlass für eine – Obacht, bullshitbingoverdächtiges Schlagwort – gigantische Vermarktungsmaschinerie. Einen solchen Schreidruck seitens der Medien kann nicht einmal ich völlig ignorieren.
Es schreit, es tönt, es wird erzählt und interpretiert. Und wenn das nicht ausreicht, lässt sich immer noch spekulieren.

Während der Spiele? Nicht nur.

Denn seit unserer Kindheit wissen wir, dass eine lange ausgekostete Vorfreude beinahe schöner ist als das Ereignis an sich, erfreut uns heutzutage die Medienwelt mit eifriger Berichterstattung im Vorfeld.

Das Tolle daran: es ist für jedweden Geschmack etwas dabei! Aufreger und Faszinosum, je nach Blickrichtung und persönlicher Präferenz.
Moralisten dürfen sich darüber erregen, dass die Spiele erstens überhaupt und zweitens auch noch in Russland stattfinden, während der Promikultanhänger im selben Zeitraum die Gelegenheit bekommt, in einem knallharten Casting seinen persönlichen Lieblingsathleten anhand von Home-, Love-, und Sensationsstories aus der Masse junger gutaussehender Menschen herauszupicken.
Dass Politiker gerade diese Profilierungssucht nicht ungenutzt verstreichen lassen, ist so klar wie frischer Sportlerschweiß. Es ist putzig mitanzusehen, wie sie sich gegenseitig ein- und wieder ausladen.
Höhepunkt des olümpischen Vorspiels waren in dieser Hinsicht die diversen Absagen. Diesmal haben sie es dem pösen Putin wirklich gezeigt!

Auf einem weiteren Nebenspielplatz reiben sich Vermarktungsgenies die Hände ob soviel medialer Aufmerksamkeit, da stört es die Geschäfte kaum, wenn ein Tscherkesse die Spiele in Berlin hungerbestreikt. Nicht missverstehen, bitte: er streikt in Berlin, die Musik spielt nach wie vor in Sotchi.

Ach, die Musik. Es muss traumhaft anzusehen gewesen sein, wie Frau Höfl-Riesch die Fahne schwenkte ohne dabei zu schwanken. Alleine dafür sollte es Medaillen geben. Gold für stilsicheres schwenken. Ich persönlich würde ihr Punkte abziehen, deutet der Doppelname doch auf eine geschlossene Ehe hin. Wo doch der Marktwert von Weltklassesportlern auch von den Träumen schmachtender Fans bestimmt wird. „Er / sie ist noch nicht vergeben…“. Theoretisch bestünde ja der Hauch einer Chance, dass der fettleibige, bewegungsunwillige Fernsehzuschauer als Traumpartner entdeckt wird. Theoretisch.

Zusätzlich zum Schwenkegold bekäme Höfl-Riesch von mir einen Kulturpreis. Ich verstehe überhaupt nicht, dass außer mir keiner das Synergiepotential erkennt. Wofür? Nun, gerade wegen des Doppelnamens. Traditionell wird er immer noch von leicht angespießten Pädagogenpaaren getragen. Man denkt unwillkürlich an CordhosInnen und Müllsortierung, an Dosenpfand und „Tanz‘ mal deinen Namen“. Und nun holt eine junge, hippe Sportlerin den Bindestrich aus dem immer noch miefigen Dunstkreis lehrerhafter Peinlichkeit heraus. Ob sie ihren Namen schwenken kann?

Von diesen Kleinigkeiten abgesehen, ist Sotchi business as usual. Erstens Business, und zweitens „as usual“, weil der Hochsicherheitstrakt Sotchi sich vom Hochsicherheitstrakt London vermutlich nur in der Geographie unterscheidet.

So wie immer eben.
Eines ist in Sotchi allerdings anders als bei den meisten Olümpiaden der letzten Jahrzehnte.

Das Ideal ist wieder da!

Eine kleine Gruppe von Idealisten hat sich vom Streben nach materiellen Gütern losgesagt. Es sind die Bauarbeiter nämlich, die ohne Lohn geschuftet haben, um dieses Olümpia zu ermöglichen.

Sie leben den olümpischen Gedanken: dabeisein ist alles!

Rough Stuff Lodenweste

Loden ist, was Softshell gerne wäre: wind- und wasserabweisend, warm, geruchsneutral, und, und, und. Von Rough Stuff aus Gütersloh gibt es eine Weste, die sich Läufer näher ansehen sollten. Ich habe genau das getan.

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Loden? Zum Laufen? Spinnt er jetzt völlig? Keineswegs. Im Gegenteil, ich habe alle meine Sinne beisammen. Denn Loden ist, was Softshell gerne wäre: wasserabweisend, winddicht, warm, robust… Und obendrein geruchsabweisend. Wenn das kein Grund ist, die Weste von Rough Stuff auf ein Läufchen mitzunehmen!

Beschreibung Rough Stuff Weste
Material: 100% gewalkte Schurwolle, Netzfutter aus 100% Polyestergewebe
Farbe: schwarz / grau
Gewicht: 477g (Größe M, gewogen)

Die hüftlange Weste mit Stehkragen hat vorne einen Reißverschluss mit Windschutz. Drei Taschen (eine davon als Napoleontasche in Brusthöhe sind aus Netzstoff, so dass sie geöffnet als zusätzliche Belüftung dienen. Schnürzug im Bund.

Erster Eindruck
Die Weste fasst sich genau so an, wie ich es mit Loden verbinde: einerseits weich, aber doch etwas steif und rau. Nichts, was ich auf der bloßen Haut tragen wollte, stattdessen Vertrauen einflößend. Etwas Pathos gefällig? Der Stoff scheint mir zuzuraunen: lass‘ uns nach draußen gehen, ich passe auf dich auf. Geduld, werte Weste, gleich geht’s raus.

Weil ich von Textiltechnik überhaupt keine Ahnung habe, schaue ich auf das Offensichtliche. Ob Nähte krumm verlaufen, Fäden lose herumhängen, oder irgendwas schief sitzt, oder sonst komisch ausschaut. Soweit ich es als Laie beurteilen kann, ist die Verarbeitung perfekt.

Mir passt die Weste in Größe M wie angegossen: Sie sitzt einfach „satt“ am Körper. Nichts zwickt, nichts engt ein – und nichts schlabbert herum, wobei ich noch genug Platz habe, um einen Pullover drunter zu tragen.

Es folgt der für mich unvermeidliche Kragentest: Reißverschluss zu – und intensiv auf den Halsbereich konzentrieren. Wie sitzt der Kragen? Vermag er den Hals zu schützen, ohne mir die Luft abzuschnüren? Stört der Reißverschluss?

Hohe Ansprüche, ich weiß.

Bei der Rough Stuff Weste ist die Höhe perfekt, ebenso der Umfang. Es bleibt ein knapp fingerbreiter Spalt, der für mich völlig in Ordnung ist. Wäre er enger, würde der Loden an seine Grenzen stoßen (Loden dehnt sich weniger als etwa Fleece), und das „drunter“ dürfte seinerseits keinen Kragen haben. Auch der Reißverschluss ist kaum zu spüren, dem kleinen Schutz sei Dank. Besser wäre nur noch ein diagonal verlaufender Reißverschluss. Rough Stuff hat meinen kritischen Kragentest mit Bravour bestanden.

Und die Armlöcher? Auch da bin ich kritisch, seit ich als Kind mal einen Pulli hatte, der mich einschnürte. Nach zweimaligem Tragen habe ich mich ihm verweigert. Die Lodenweste werde ich öfter tragen!

Bleibt der Rest: die Taschen sitzen dort, wo ich sie erwarte, um meine Hände zu wärmen oder Gegenstände unterzubringen. Weil die Netze, aus denen die eigentlichen Taschen genäht sind, an drei seiten festgenäht wurden, bilden sie sogar nach oben offene Innentaschen. Ich würde wahrscheinlich nichts dick auftragendes hineinstopfen wollen, weil die Weste gar so gut am Körper sitzt. Aber es ist schön zu wissen, dass ich könnte, wenn ich wollte.
Am Saum gibt es einen Gummizug, mit dem er sich dichtziehen lässt.

Bevor ich es vergesse: als feinmotorisch herausgeforderter Mensch weiß ich es sehr zu schätzen, dass der Reißverschluss sich gut einfädeln lässt. Zum Hinsetzen wäre ein Zweiwege-RV praktisch, der sich auch von unten öffnen lässt, damit die Weste nicht hochrutscht.

Leicht ist sie mit ihren knapp 500 g übrigens nicht. Grammjäger werden nach Alternativen suchen; ich für meinen Teil sehe sie als Universalweste mit breitem Einsatzbereich. Auch und gerade für die Phase nach dem Training, wenn ich etwa noch kurze Zeit im Auto unterwegs bin. Da lobe ich mir die Klimaanlage am Körper. Was kratzen mich da ein paar Gramm mehr.

Test
Wetter: etwa 6°C, windig, bedeckt. Teils leichter Nieselregen
Drunter: Craft Zero Longsleeve

„Schütze deinen Rumpf“ hört und liest man ja immer wieder, und eine Weste trägt ihren Teil dazu bei, was den oberen Teil des Leibes betrifft. Das Wetter schien mir daher für einen Test der Lodenweste goldrichtig, denn Dauerregen hätte trotz der wasserabweisenden Eigenschaften von Loden nach einer Regenjacke verlangt, während mich höhere Temperaturen nur hätten schwitzen lassen.

So aber: Weste an und hinaus!

Wie immer ist es zu Beginn eines Laufes etwas kühl an den Armen. Nachdem ich das schon kenne, lief ich frohen Mutes weiter, und achtete auf das Wohlbefinden am Oberkörper: warm. Angenehm warm. Es fühlte sich an wie von einem kleinen Ofen beheizt. Daran änderte sich nichts, als ich auf „Betriebstemperatur“ war, mein Körper also mehr Wärme abführen musste. Das also bedeutet Temperaturausgleich bei Loden. Ich bin beeindruckt.

Selbst kräftigere Windböen kamen nur soweit durch, dass ich sie wahrnehmen konnte. Ich hatte während des gesamten Laufes den Eindruck, gut belüftet, jedoch nicht zugig unterwegs zu sein. Der auch bei Membranjacken und Windbreakern oft vorkommende Wärmestau blieb aus. Auch auf Loden trifft zu, was mir bei anderen Kombinationen mit Naturstoffen schon aufgefallen war: sie schaffen ein tolles Körperklima!
Oder, wie im Netz über Loden zu lesen steht: das Material wirkt temperaturausgleichend. Stimmt!

Leichter Nieselregen zwischendrin perlte an der Weste ab wie Tautropfen auf einem frisch lackierten Ferrari. Zu poetisch? Nicht doch, der Satz ist mir gerade eingefallen, jetzt bleibt er drin. Nochmal sachlich: leichter Regen perlt ab. Sollte es stärker gießen, dringt das Wasser zwar durch, der Stoff hält trotzdem warm.

Zwischenzeitlich war ich ein paar Mal mit der Weste unterwegs gewesen – ich kann bestätigen, dass sie keinerlei Geruch entwickelt hat. Spart auf Etappenläufen schonmal ein Kleidungsstück, denn diese Weste macht auch „zivil“ eine gute Figur. Samstag Wandern, Sonntag Laufen – Montag ins Büro: das geht!

Fazit
Wenn’s nicht auf das Gramm ankommt: schick und mit beeindruckender Funktion. Klimaanlage für den Oberkörper!

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wenn ich will, kann ich auch lächeln

Vom Bedenk

So ein Bedenk ist ein eigentümliches Ding. Es springt uns an, damit wir es tragen.

So ein Bedenk ist ein eigentümliches Ding. Es springt uns an, damit wir es tragen. Oft kommt es in Rudeln daher, in welchem Falle wir von Bedenken sprechen. Doch bleiben wir bei einem Bedenk, das reicht meistens schon.

Wie gesagt, es will getragen werden, was uns zu Bedenkenträgern macht, ob wir das wollen oder nicht. Das ist sehr unschön, weil Bedenken tragen träge macht. Wenn ein solches Bedenk nämlich das, was es für ein Argument hält, in die Waagschale wirft, wiegt es schwer. Sehr schwer.
Diese Last macht uns langsam, bisweilen bis zur Bewegungslosigkeit.

Nehmen wir an, eine Woche vor einem Wettkampf läuft unsere Nase. Nur ein wenig. Was tut das Bedenk? Es sagt nicht, „du bist krank“. Das wäre zu einfach. Nein, es sät Zweifel in der Art von „oh…wenn das mal nur ein harmloser Schnupfen ist….“.

Nun gut, wir können sagen, es würde sich ja herausstellen. Mit einem harmlosen Schnupfen kann man ohne Weiteres laufen.
Der Einwand des Bedenks folgt auf dem Fuße. Einwand? Der alles hinwegfegende Bedenken-Tsunami!

„Herzmuskelentzündung“.

Kann man von sterben. Muss man natürlich nicht. Wird man auch kaum, aber egal. Die Saat verstärkten Zweifels ist gesät. Sie sind ja nicht doof, diese Widerlinge. Im Gegenteil, sie sind wandlungsfähiger als der mutationsfreudigste Bazillus.

Was tun? Bereden lässt sich das Bedenk mit anderen schon, allerdings ist dabei Vorsicht geboten, denn allzuschnell findet es gerade in einem solchen Gespräch weitere Nahrung. Beredt sind sie nicht, die Bedenken, aber wehe, wenn der mögliche Einfluss eines Gesprächs nicht bedacht wird.
Daher muss der Gesprächspartner mit Bedacht gewählt werden. Nichtsportler scheiden aus. Wer deutlich kürzer läuft als wir, ebenfalls. Medizinisches Personal ist kritisch, die wissen zu viel.

Bedenken hilft übrigens auch, um ein Bedenk loszuwerden. Kritisches, analytische Bedenken, meine ich. Davor haben sie Angst, denn es geht an’s Eingemachte.
Am besten geht das schriftlich – oder wir nehmen das „innere Team“ in die Pflicht. Nachdem wir das Bedenk im inneren Widerstreit ausgiebig diskutiert haben, zerlegt und wieder zusammengesetzt, Risiken und Chancen abgewogen, kommen wir meistens zu einem vernünftigen Entschluss.

In der Tat: vernünftig.

Die Vernunft ist eine süße Medizin gegen den Befall durch ein Bedenk.

Manchmal kommt es sogar vor, dass die Vernunft dem Bedenk zustimmt.

Manchmal gibt das Bedenk etwas Bedenkenswertes zu bedenken.

Dann können wir uns beim Bedenk bedanken.

50 km Rodgau – 2014 war’s nicht rodgau

Im vergangenen Jahr nannte ich einen Lauf „rodgau“, wenn es kalt, rutschig und überhaupt schwer zu laufen ist. So wie normalerweise in Rodgau. 2014 war Rodgau nicht rodgau, für das Leiden habe ich selbst Sorge getragen.

Im vergangenen Jahr nannte ich einen Lauf „rodgau“, wenn es kalt, rutschig und überhaupt schwer zu laufen ist. So wie normalerweise in Rodgau. 2014 war Rodgau nicht rodgau, für das Leiden hatte ich selbst Sorge getragen.

Weder Schnee, noch Wind und schon gar kein Schnee oder Eis ließen die hartgesottenen Wiederholungstäter (gibt es die Teilnahme eigentlich im Abonnement? Die meisten kommen sowieso jedes Jahr) fassunglos am Start stehen. Kühle, aber nicht zu kalte fünnef Grade über Null kamen zumindest meinem Temperaturempfinden höchst gelegen, und die Strecke zeichnete sich durch ordentlichen Griff aus. Wie gesagt, wer typisch Rodgauer Verhältnisse erwartet hatte, wurde enttäuscht.

Als nostalgisches Feigenblatt wirkte immerhin ein kurzer Abschnitt der 5 km – Runde, der seine griffige Blöße mit einer dünnen Schlammschicht bedeckte. Eine nette Geste des guten Willens, wie ich finde.

Ansonsten zeigte sich der 50 km Lauf sehr typisch: dem RLT Rodgau gelingt es, eine Super-Veranstaltung für mittlerweile weit über 800 Teilnehmer auf die Beine zu stellen. Wie immer mit dabei war Gabi Gründling von laufticker.de, die im wohlbeheizten Moderationsmobil für jeden den Zielbereich durchquerenden Läufer einen netten Gruß über die Lautsprecher schickte. Angesichts der Teilnehmerzahl, von denen die meisten die vollen zehn Runden durchgelaufen sind, finde ich es beachtlich, dass Gabi danach noch genug Stimme für ein Pläuschchen hatte.

Gelegenheit zum sozialen Austausch gibt es in Rodgau immer. Nicht nur nach dem Lauf an der Kuchentheke, sondern – besser gesagt: vor allem – währenddessen. Du erkennst jemanden wieder, den du vor etlichen Jahren mal bei irgendeinem Lauf kennenlerntest.

Seither sieht man sich jedes Jahr in Rodgau.

Beim Ultraläuflingskongress.

Andere Interessengruppen treffen sich alljährlich in Davos, wir in Rodgau.

Dem Wiedererkennen schließt sich üblicherweise ein nettes Gespräch an, bis die verschiedenen Tempi den Abstand größer werden lassen. Bis zum nächsten Jahr. Zum nächsten Lauf. Oder an der Kuchentheke. Oder per Email.
So überschaubar die Ultragemeinde ohnehin ist, Rodgau macht die Kontaktpflege einfacher, irgendwie ist der Zeitpunkt im Januar gut gewählt, so zwischen Winterpause und Weihnachtsrestspeck.

Winterpause, ein schönes Stichwort. Im Vorjahr war mein Projekt Phönixim vollen Gange, 2014 eher weniger. Ewige Zeiten (gefühlt seit September) herumgeschnieft, wollte sich bei mir kein regelmäßiges Träning einstellen. Die Woche vorher spielte ich mal wieder das Spielchen „Hatschi & Hust“. Nicht gescheit krank, aber eben auch nicht richtig gesund.

Ich haderte.

Grübelte.

Soll ich? Soll ich nicht?

Zuletzt war ich beim OMM länger als drei Stunden auf den Beinen gewesen, das war Ende Oktober. Donnerstag, zwei Tage vor Rodgau, gab ich Spike (Spike stelle ich euch in einem anderen Artikel vor, soviel Spannung muss sein ) eine klare Instruktion und beschloss, an den Start zu gehen.

Was soll schon passieren?

Ich habe kaum trainiert.

Kann mich überhaupt nicht einschätzen.

Ich werde leiden.

Was soll’s, ich will ja bloß ankommen. Nicht umsonst heißt es: „wenn nichts geht, 50 km gehen immer“. Damit es nicht allzu einfach werden möge, den Wahrheitsgehalt des Spruches zu überprüfen, hatte sich mein Verdauungssystem etwas Besonderes einfallen lassen. Details erspare ich euch, nur soviel: unschönes Reißen in Leibesmitte begleitete mich die meiste Zeit, und ich fand es überaus erfreulich, dass ein Großteil der Strecke im Wald lag. Zweimal, folgte ich dem Gesetz des Waldes: Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch. Das fand ziemlich am Anfang statt, ab der vierten Runde konnte ich schön laufen.

Immer hübsch langsam, locker.

Lächeln. Die gute Laune wurde mit jedem Schritt besser.

Runde um Runde genoss ich es, endlich wieder eine längere Strecke unterwegs zu sein! Herrlich, so ein Tag an der frischen Luft! Irgendwann am Nachmittag war ich dann im Ziel. Die Zeit? Keine Ahnung, die war mir von Beginn an egal. Ich schätze zwischen 5:15 und 5:20.

Passt schon.

Ich hatte einen geilen Tag!

Kommäärz!

Ich liebe diese unsere heutige Steinzeit.

Nein, ich bin keineswegs verrückt geworden, nicht mehr jedenfalls, als serienmäßig in mich verbaut wurde. Auch mein Kalender geht nicht nach.

Doch ich erkenne, wie wir ein seit Jahrtausenden bewährtes Werkzeug noch immer frohgemut einsetzen: Die Keule. Egal worüber geredet wird, eine passende argumentative Keule ist zur Hand.

Die Kommerzkeule zum Beispiel.

Wir dürfen wir uns ihren Gebrauch vorstellen?

Angenommen, einige Menschen sitzen in gemütlicher Runde beisammen. Nehmen wir zudem an, es handele sich dabei um Läuflinge. Früher oder später kommt das Gespräch unweigerlich auf Laufveranstaltungen. Geplante, bewältigte, abgebrochene Läufe. Heldentaten früherer Jahre. Lieblingsläufe.

Dann schlägt sie zu. Die Keule.

„Ist ziemlich kommerziell geworden.“

Kommerziell?

Das Wörterbuch definiert Kommerz als Aktivität, die mit der Absicht auf Gewinn betrieben wird. An sich nicht verwerflich, oder?

Doch halt! Bleibt da nicht der Idealismus auf der Strecke? Ich bin ja auch einer von denen, die hehren Idealen nachhängen. Bilde ich mir jedenfalls ein. Teilweise.

So frage ich mich, ganz der Idealist: gefährdet Gewinnstreben den Idealismus? Und wenn ich beim Laufen bleibe: wann ist ein Lauf denn kommerziell? Obendrein lohnt es meiner Ansicht nach, darüber nachzudenken, ob ein kommerzieller Lauf ein für uns Läuflinge guter Lauf sein kann.

Mir scheint, irgendwie läuft es darauf hinaus, dass Kommerz nerven kann – aber nicht muss.

Meistens beginnt der Abstieg in die verruchte Welt des Mammon ganz harmlos. In die heile Welt des am Orte praktizierten Ideals platzt, sagen wir: der örtliche Bäckermeister. Seines Zeichens wohlbeleibt, doch sportbegeistert, schlägt er vor, im Ziel eine Ladung Laugenbrezeln zu deponieren. Sie mögen, so sagt er, den ausgemergelten Leibern zur Labsal dienen.

Was der wackere Handwerksmann nicht bedacht hat: er setzt damit einen Teufelskreis zur Abhängigkeit vom Geld in Gang, der genau so endet wie man es von einer anständigen Drogenkarriere erwartet: in der Gosse.

Das ist keine Metapher.

Denn nach einem größeren Kommerzlauf ist selbige meist gefüllt mit Prospekten, Plastikbechern und verschiedenen anderen Devotionalien des Hauptsponsors.

Welch wundersame Metamorphose! Ehedem noch unschuldiges Treffen einiger weniger Läuflinge, befinden wir uns mitten in Goethes Ausspruch: „zum Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles.“ Es drängen meist die Läuflinge am Start. Es ist ein klares Indiz kommerzieller Veranstaltungen, denn die Masse macht’s.

Und der Hauptsponsor.

Der macht nichts, aber er zahlt. Für Absperrungen, Feuerwehr. Diverse Genehmigungen, mit und ohne Entscheidungshilfen (andernorts Fakelaki genannt, oder vulgär Bestechungsgelder. Aber bleiben wir beim Sport). Er finanziert die kleinen Aufmerksamkeiten für Helfer. Verpflegung vor, während und nach dem Lauf. Zeitmessung.

Und die Läufergeschenke, sonst läuft ja keiner mit.

Böser Kommerz.

Zur Abwechslung mal ohne Ironie: ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn ein Lauf erfolgreich ist, und der Veranstalter sich Unterstützung holt, um dem größer gewordenen Teilnehmerfeld eine saubere Organisation zu bieten. Auch gegen einen kommerziellen Veranstalter ist nichts einzuwenden, wenn er seinen Job anständig macht. Die Grenze – seit einem gewissen Politikskandal scheue ich mich, das Wort „Rubikon“ zu benutzen – überschreitet ein Lauf, wenn der Sport(ler) leidet.

Kalte Dusche im Ziel spart Kosten.

Lust auf einen 24-Stundenlauf mit Einheitsverpflegung? Sagen wir, einen Tag lang nur Gel essen? Ultramarathonis sind ja mental stark genug, die vertragen das. Und Magenprobleme kriegen sie sowieso.

Neulich träumte mir vom Deutsche Bank Sommermarathon im Juli. Eine herrliche Strecke entlang der Ardèche in Südfrankreich. Blauer Himmel. Dreißig Grad. Weil der Hauptsponsor eine Bank ist, muss schreibt das Reglement das Tragen eines dunklen Anzugs vor. Gelockerte Krawatte führt zur Disqualifikation.

Schweißgebadet wachte ich auf. Ich schrie. Kommäääärz!