Keen Marshall

Keen kennt man – zumindest ich – in erster Linie von Trekkingsandalen. Aber: Keen stellt auch Wanderschuhe her – der Marshall ist ein solcher mit wasserdichter, atmungsaktiver Membran. Wie schlägt er sich an des Läuflings Fuß?

KEEN Marshall
Keen kennt man – zumindest ich – in erster Linie von Trekkingsandalen. Aber: Keen stellt auch Wanderschuhe her – der Marshall ist ein solcher mit wasserdichter, atmungsaktiver Membran. Wie schlägt er sich an des Läuflings Fuß?

Beschreibung
Keen Marshall
Der Marshall von Keen ist ein Halbschuh, der für Wandern und Geländelaufen konzipiert ist. Die Membran namens KEEN.DRY verspricht atmungsaktiv und wasserdicht zugleich zu sein.

Material: Obermaterial aus Kunstfasergewebe mit atmungsaktiver Membran. Sohlenaufbau Gummi außen, PU-Zwischensohle, herausnehmbare Innensohle.
Gewicht: 434 g (Größe 44, gewogen)
Farbe: grau / orange

Test
Erster Eindruck
Ich hatte mich für Größe 44 entschieden – gut eineinhalb Größen mehr als ich von der Länge her brauche. Beim Auspacken konnte ich einen Freudenschrei nur schwer unterdrücken: sollte KEEN zu jenen Herstellern gehören, die ein Herz für breite Füße haben? Flugs flog ein Fuß in den Schuh: sie haben! Es passt nicht nur in der Länge, sondern auch in der Breite! Dergestalt positiv voreingenommen machte ich mich an einen ersten Spaziergang, von dem nichts Sensationelles zu berichten ist. Das bedeutet: sehr bequemer Schuh, sitzt gut, ich kann mir vorstellen, ihn über längere Zeit zu tragen.

Was das Thema Membran betrifft, bin ich mittlerweile recht skeptisch, gerade bei Schuhen. Wasser, das über den Rand in den Schuh hineinläuft, braucht unverhältnismäßig lange, um wieder nach draußen zu gelangen: der Fuß bleibt nass. Außerdem sind meine Füße schnell warm, so dass mir jedes Quäntchen Luft willkommen ist.
Andererseits weiss ich es zu schätzen, wenn ich trockenen Fußes durch flache Pfützen, oder über eine feuchte Wiese laufen kann. Gerade bei letzterem konnte ich den Marshall intensiv auf den Zahn fühlen. Die Wasserprobe, sozusagen.

Laufen
Bedingungen: ca. 20 °C, Sonne, Asphalt, Waldwege
Drunter: Icebreaker Merinosocken
Als ich mit den Marshall an den Füßen loslief, tat ich dies aus zwei Beweggründen: ich wollte herausfinden, wie sich die Fortbewegungsart „mit Flugphase“ in den doch vergleichsweise Schuhen anfühlt, und natürlich ging es mir bei den hohen Temperaturen um Erkenntnisgewinn auf mikroklimatischer Ebene vulgo: schwitzen die Haxen?

Alldieweil die Marshall konzeptionell bei den Wanderschuhen angesiedelt sind, hatte ich kaum mit leichtfüßigem Rennen gerechnet, trotzdem „geht“ auch Laufen. Abrollen klappt – und dieser Platz in der Zehenbox!
Was das Fußklima betrifft, würde ich beim Laufen die Obergrenze deutlich unter den 20 Grad ziehen, bei denen ich unterwegs war. Wie gesagt, meine Füße brauchen eher Kühlung als Heizung.

Gehen / Wandern / Alltag
Bedingungen: verschieden (auch drinnen getragen), Asphalt, nasse Wiese, Feldweg, Trails
Drunter: Verschiedene Socken
Was sie wirklich draufhaben, konnten die Keen vergangenen Oktober anlässlich des OMM in Wales zeigen. Gelaufen bin ich nicht in ihnen, trug sie allerdings während der Anreise und, vor allem, im Camp, welches witterungsbedingt größtenteils aus aufgeweichter Wiese bestand. Um es kurz zu umreißen: wir waren das einzige Team, welches ohne Gummistiefel herumlief.

Regen, teils arg heftig, matschige Wiese, 10° Celsius: Perfekte Bedingungen, um Wanderschuhe zu testen.
Ich konstatiere hocherfreut, dass meine Füße warm und trocken blieben.

Nicht nur der Vollständigkeit halber habe ich die Schuhe danach ab und an auf kleineren Wanderungen getragen. Nachdem sie bereits gezeigt hatten, bei welchem Wetter ihre Stärken (aber auch Grenzen) liegen, wollte ich die restlichen Punkte auf meiner inoffiziellen Checkliste abhaken.

KEEN Marshall Sohle
Wie steht’s um die Griffigkeit der Sohle?
Auf Steinen (jetzt frage bloß keiner, welche Gesteinsart, ich habe keine Ahnung. Was auch immer im Pfälzer Wald anzutreffen ist) gab es ebenso wenig Grund zur Klage, wie auf Waldboden. Die sprichwörtliche nasse Wiese hatten wir schon, auch dort war alles bestens, wobei sich sämtliche Versuche oberhalb des Gefrierpunkts abspielten.

Und der Halt im Schuh daselbst? Schützten Schuhe die Füße?
Zuweilen hält die Sohle bombenfest im Untergrund, in den sie sich förmlich hineinkrallt – nur der Fuß rutscht im Schuh umher. Dazu spürt man jedes Steinchen durch die Sohle.
Letzteres habe ich kaum erwartet, Keen sorgte mit der Sohlenkonstruktion dafür, dass Prinzessinnen über Erbsenplantagen wandern können, ohne den zarten Füßlein Gewalt anzutun.
Zumindest meine Füße behielten ihren angestammten Platz im Schuh ohne große Rutscherei. Das Band, welches seitlich am Fuß von der Schnürung zur Sohle geht, mag hierzu einen Beitrag leisten.

Übrigens: auch bei fester Schnürung fühlen sich die Füße nicht eingeschnürt an.

Fazit
Als ich den Artikel schrieb, drängte sich ein Begriff in den Vordergrund, der die Keen Marshall für mich gut bezeichnet: der Landrover unter den Schuhen. Klar, sie sind als Wanderschuhe gedacht, eignen sich mit Abstrichen aber auch für eine Vielzahl anderer Aktivitäten.
Ich stelle sie mir zum Beispiel als Universalschuh vor, wenn ich mal mit wenig Gepäck reisen möchte: als Reiseschuh, für den Stadtbummel, eine Wanderung – und für den verlockenden Trailrun zwischendurch.

KUT 2014: Heiße Szenen im Wald.

Der KUT in Reichweiler ist einer der anspruchsvollsten Ultratrails, Eric Tuerlings sorgt mit Hingabe dafür, dass es so bleibt. Bei der gestrigen Veranstaltung, in deren Rahmen die deutsche Meisterschaft im Ultratrail stattfand, legte die recht spontan einsetzende Hitze eine gute Schippe drauf…

Es gibt einen Streckenabschnitt, den ihr nicht laufen könnt. Es geht dann rechts ab, senkrecht den Hang hoch. Da ist kein Weg, folgt einfach der Markierung.
Selbst für ausgeprägte Morgenmuffel wie mich ist ein solcher Satz ein klares Signal: ich bin zur rechten Zeit am rechten Ort. Beim Briefing kurz vor dem Start zum KUT in Reichweiler – und ich lausche den Worten von Eric Tuerlings.

Kurz zuvor hatte er uns noch treuherzig versichert, einen Weg in eine Wiese gemäht zu haben. Zwischenzeitlich hatte jemand den Rest ebenfalls gekürzt – der Weg sei somit weg. Solch Kleinkram vermag die Szene der Ultratrailläufer kaum irritieren, im Startfeld herrschte bereits allgemeine Vorfreude auf die kommenden 85 Kilometer.

Vorfreude, in die sich zumindest bei den Wiederholungstätern die Frage mischte, welche kleinen Bosheiten sich Eric wohl hatte einfallen lassen, um den KUT noch ein klein wenig anspruchsvoller zu machen. Womit ich nicht sagen will, dass der KUT hier ein Defizit hätte.
Im vergangenen Jahr stellte ich noch die These auf, Eric würde im Bunde mit finsteren Mächten Höhenmeter züchten KUT 2013, ein Gegenbeweis konnte bisher nicht erbracht werden.
Möglicherweise hegt Eric als gebürtiger Holländer (ist Niederländer gar die korrekte Benennung) ein besonders inniges Verhältnis zur Vertikalen. Auch dieser Fragestellung werde ich zu gegebener Zeit einen Artikel widmen.

Es sei, wie es sei, der KUT ist definitif hart. Sehr hart. Und vor allem technisch nicht einfach zu laufen, bewegt sich der geneigte Läufling doch zum großen Teil auf Single-Trails, steil hinauf und hinab, durch Gestrüpp, über Stock und Stein. Wenn dann doch mal aus Versehen einige hundert Meter breiter Waldweg oder gar eine Schotterstraße unvermeidlich schien (Eric, hier gibt es noch Raum für Verbesserungen!), ertappte ich mich dabei, dass ich das Warnschild vermisste.

Vorsicht, befestigter Weg!

Schließlich ist es ein offenes Geheimnis unter Trailläufern, dass Verletzungen meistens auf den einfach laufbaren Abschnitten auftreten. Was also liegt näher, als genau davor zu warnen?

Worauf Eric indes keinen Einfluss zu haben scheint, ist das Wetter, wie er mir höchstpersönlich versicherte. Der frische Frühling begeisterte den Großteil der Pfingsturlauber mit recht spontan auftretender Hitze – die meisten KUT-Teilnehmer wurden von den mehr als dreißig Grad jedoch recht empfindlich getroffen.

Auch ich.

Ich bin kein Hitzeläufer.

Ich muss mich langsam anpassen.

Was also tun, wenn die Wetterfrösche eine Woche vorher den Sommereinbruch ankündigen? Genau: ich tat, was mir die Vernunft gebot: Voodoo. Beschwörungen. Nächtelang schwebte ich, wild vor mich hin ommmmmmmend, in einem Meter Höhe, um kühle Temperaturen herbeizuführen. Durch gleichzeitig abgesandte Gebete an jegliche bei Wikipedia bekannte Gottheit wollte ich nichts dem Zufall überlassen.

Doch leider kam es anders.

Als am Freitag jegliche Hoffnung auf eine gnädige Wettervorhersage geschwunden war, beschloss ich, meine Strategie zu ändern. Wenn die Wettergötter nicht kooperieren wollen, modelliere ich mich eben selbst um. Autosuggestion ist schließlich eine erprobte Methode, und so bestimmte ein Mantra für die nächsten Stunden mein Dasein:

Ich bin Hitzeläufer.

Ich bin Hitzeläufer.

Ich bin Hitzeläufer.

Shit.

Leicht, und zu meinem Mißvergnügen durfte ich ab rund 45 km meinen persönlichen Niedergang erleben. Etwas Reflexion ist ja schön, aber muss das unbedingt beim KUT sein? Klasse, wenn sich die Symptome deuten lassen – Puls geht nicht runter, Kreislauf unwillig, Koordination wie sonst direkt nach dem Aufstehen…. – weniger toll, wenn die Gegenmittel (Salz, Essen, Trinken…) nicht anschlagen.

Bei km 56 war der KUT dann für mich vorbei. Der KUT 2014, meine ich. Aber dass ich nächstes Jahr wieder dabei bin, brauche ich wohl kaum erwähnen, oder?

Eric könnte sich überlegen, die Teilnahme im Abonnement zu vertreiben. Nicht im Sinne von zehnmal laufen, neunmal zahlen, sondern um den Startplatz zu sichern. Denn KUT macht süchtig. Und wer würde den alljährlich anreisenden Abhängigen ihre Droge vorenthalten wollen?

Besinne dich deiner holländischen Herkunft, Eric, und gib uns das Abo!

Bericht (mit Fotos!) bei laufticker.de

Maslow, ganz oben: Kossmann Laufdesign

Es ist etwas besonderes, den eigenen Namen auf „seinen“ Produkten zu lesen. André Kossmann hat sich diesen Traum mit einem Label für Laufkleidung erfüllt – Qualitätsanspruch inklusive.

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Es ist etwas besonderes, den eigenen Namen auf „seinen“ Produkten zu lesen. André Kossmann hat sich den Traum eines Labels Laufkleidung erfüllt – Qualitätsanspruch inklusive. Wenn mein Name irgendwo draufstünde, würde ich für würdige Produkte sorgen. André sieht das offenkundig genauso.

die Story
Wir schreiben das Jahr 2009. André Kossmann beschließt, endlich auf eigene Rechnung zu arbeiten, anstatt als unbequemer Mahner andere Unternehmen zu ihrem Glück zwingen zu wollen. Anders formuliert: er wusste, dass er es besser weiss – und schritt zur Tat.

Besser, das bedeutet zum Beispiel zu zeigen, dass sich erstklassige Laufbekleidung auch in Deutschland herstellen lässt. Dass sich Nachhaltigkeit, menschenwürdige Produktion und Spaß ander Arbeit sehr wohl miteinander vereinbaren lassen. Umweltfreundliche, schadstofffreie Textilien sind selbstverständlich.

Das kommt bekannt vor, oder?

Liest man immer wieder, auch und gerade bei kleineren Labels. Ich finde es vollkommen normal, denn bei Gründungen spielen Ideale eine viel größere Rolle als in „der Industrie“. Vor allem lassen sie sich schneller umsetzen. „Wertegetriebenes Unternehmen“, noch so’n Schlagwort. Funktioniert prima, wenn das Unternehmen mit Werten – nein, wegen der Werte! – gegründet wird. So wie André Kossmann eben. „Ich kann’s besser – schaut her, ich zeige es euch.“

Yes!

So soll’s sein!

Um an besondere Laufklamotten dranzukommen, geht man gerne etwas weitere Wege – die meisten Läuflinge sind schließlich Ausdauersportler – denn noch hinkt der Handel hinterher, wenn es um neue Marken geht. Einige Händler führen Kossmann, und zum Glück gibt es das Internet!

Übrigens: wie kam das Corvara Top zu seinem Namen? Nun, in diesem Ort kam André die Idee zum Design!
Ich liebe solche Anekdoten!

der Macherkossmann3
André Kossmann war früher selbst Leistungssportler – wenn er seinem Foto auch nur halbwegs ähnelt, würde ich sagen: das sieht man ihm an. Wobei er die übliche Metamorphose zum Genussläufer hinter sich hat: Entspannung und Spaß an der Bewegung sind ihm lieber als die Jagd nach dem letzten Zehntel.

So rank und schlank wie er selbst ist auch seine Organisation, ein Kernteam von vier Leuten entwickelt die Kollektion. Auch das – ich reite immer gerne darauf herum – zeichnet die coolen Firmen aus: klein und agil sind sie!

Was macht André am meisten Spaß im Job? Die Menschen sind es – Kunden, Kollegen, allesamt Sportler wie er selbst, und natürlich Produktion, das Tüftlen an der Kollektion.

Und da schließt sich der Kreis, denn der kreative Input für die Kollektion speist sich aus Andrés Freude am Laufen.

die Produktekossmann2
André will nichts mehr und nichts weniger als erstklassige Laufbekleidung anbieten. Eine nicht repräsentative Studie untermauert den hohen Anspruch. Hübsch geschwollen ausgedrückt, oder? Na gut, ich habe ein paar Lauffreunde gefragt, die mit Kossmann laufen, und die sind alle hochzufrieden.

Aber Spaß beiseite: einmal ansehen macht klar, dass Kossmann den Premium-Anspruch lebt.

Was mir beim Durchblättern des Online-Katalogs aufgefallen ist: André hat ein sehr klares System. Überschaubar, kann man es auch nennen. Keine fünfundachtzig unterschiedlichen Materialien, Kollektionen, Farben, die alle irgendwie das Gleiche können, sondern wohldurchdacht. Richtig cool finde ich übrigens die Materialkunde auf der Website. Nicht nur „cool“, sondern für textiltechnologische Laien wie mich auch notwendig.

Was darf ich dort lesen?

Wir wollen Transparenz bieten statt Anglizismen und Euphemismen zu verbreiten.

Sehr gut!

kossmann6Das RV Competition Shirt ist aus Meryl – dass der Stoff weich und geruchsneutral ist, will ich gern glauben. Und T-Shirts mit reißverschließbarem Dekolleté finde ich im Sommer cool. Im wahrsten Sinne des Wortes.

kossmann5Etwas lockerer sitzende Shorts und Hosen („Trail Shorts“) lassen sich auch jenseits des Wettkampfmodus tragen. Schaut tiefenentspannt aus – und der Träger weiß, dass er könnte, wenn er denn wollte. Dem spontanen Entschluss, auf dem Heimweg vom Bäcker eine Tempoeinheit einzustreuen steht dann wirklich nichts im Wege!

Wer auf dem Foto genau hinschaut, erkennt die Kapuze am T-Shirt. Witzige Idee, gibt’s leider nur beim Damenmodell, dafür jedoch mit langem und kurzem Arm. Die blaue Dame ganz oben trägt es übrigens zusammen mit einer schmucken blauen Laufjacke. Damit mich niemand missversteht: Shirt und Jacke sind blau, nicht die Dame.

Wo ich gerade von Farben fabuliere, kann ich gleich einstreuen, dass ich als Freund kräftiger Farben freudig lächle, sobald mein Blick auf blau, orange, petrol (ist das petrolgrün?) fällt. Schwarz ist…nunja, auch in meiner Garderobe Standard. Leicht und bunt lautet das aktuelle Motto bei Kossmann. Gerne!

die Vision
Für die Zukunft heißt die Devise klein und fein. Mich beruhigt das, denn so brauchen wir keine Jackwolfskinisierung der Marke befürchten.
Stattdessen dürfen wir uns darauf freuen, dass die Kollektion überschaubar bleiben und sich immer weiter verändern wird. Yes!

Was denkbar ist, ist auch möglich.

Motivationsseminar der ganz harten Sorte. Ich sehe ihn vor mir, den Träner: die Laune genauso blenden wie seine Zähne, dunkler Maßanzug, gegeltes Haar…. Ja, ich pflege meine Klischees! Es wird still im Saal, knisternde Spannung ist spürbar. Das Publikum fiebert einer Weisheit entgegen.

Motivationsseminar der ganz harten Sorte. Ich sehe ihn vor mir, den Träner: die Laune genauso blenden wie seine Zähne, dunkler Maßanzug, gegeltes Haar…. Ja, ich pflege meine Klischees!

Die Dramaturgie der Veranstaltung sieht vor, dass der sorgsam aufgebaute Spannungsbogen in einen einzigen Satz mündet. Ein Satz von universeller Weisheit, gültig für alle Zeiten. Die Spannung steigt im gleichen Maße, wie sich erwartungsvolle Stille über das Publikum senkt.
Dann wird er ausgesprochen. Er, der Satz: „was denkbar ist, ist auch möglich!„. Von Wittgenstein! Einem Giganten der Philosophie! Wenn der es sagt, muss es einfach stimmen!

Und schon spüre ich die Wirkung des Satzes.

Ich denke, ich laufe den Marathon unter drei Stunden.

Denke weiter, es ist möglich!

…zweizwanzig….achwas, 1:50!….halbe Stunde….in Nullkommanix!….ja, es ist möglich!….ich bin vor dem Start im Ziel!

Ich denke, also ist es möglich!

Ja, JA, JAAA, TSCHAKAAAAAAAAA………….!

Äh.

Nein.

Wie war das gleich wieder? „Wenn es denkbar ist, ist es auch möglich“.

Es ist ein Satz, der von jener Sorte Motivationsträner ge- beziehungsweise missbraucht wird, deren Platitüden jeder sofort und gerne zustimmt. Träner, deren Worte bei weiterem Nachdenken jedoch Tränen in rollende Augen treten lassen.

Wird ein einzelner Satz einfach so aus seinem Zusammenhang gerissen, um danach in einer Umgebung wieder aufzutauchen, die ihm nicht gerecht wird, kommt mir das wie Diebstahl vor. Als würde ein Diamant aus seiner Fassung gebrochen, weil man ihn so leichter verkaufen kann.

„Was denkbar ist, ist auch möglich“ lebt stattdessen von der Fassung in Form der ihn umgebenden Sätze, stellt man ihn einfach anderso vor, ist es ein banaler Satz. Eine leicht widerlegbare Behauptung, die nur deshalb im Seminar wirkt, weil so gerne das Zauberwort „Wittgenstein“ dazu genannt wird.

Der Satz ist von Wittgenstein, deswegen müsst ihr eurem Tränerguru glauben.

Ich hoffe, das Zerrbild fällt auf.

Zitate sind super, wenn sie auf Substanz hindeuten. Unser Satz ist oft nur eine von vielen Häuten einer Zwiebel. Zieht man eine Haut ab, gelangt man an die nächste. Und so weiter, bis am Ende feststeht, dass nichts da war außer Hülle.

Was hat das mit Laufen zu tun? Nichts. Noch nichts.

Wir kratzen weiter an der Oberfläche, bewegen wir uns doch ein Stück weiter zu einer Stelle, an der wir hoffen dürfen, mehr zu finden als – nichts.

Dazu bleiben wir bei Wittgenstein, ich erspare ihm nicht, auch von mir für meine Zwecke vereinnahmt zu werden. Wenigstens dient es mit der Kurzweil meiner Leserschaft einem guten Zweck.
Wittgenstein. Gutsituierter Industriellensohn, Architekt, Typograph, Philosoph. Vor allem Philosoph, der den berühmten Tractatus wenigstens teilweise im Schützengraben verfasste. Zu jener Zeit tobte gerade der erste Weltkrieg. Allzu sehr wird er nicht immer getobt haben, so dass Ludwig Zeit zum Schreiben blieb.

Im Tractatus, nein, ich bleibe kurz bei Wittgenstein selbst, weil ich den Typen ziemlich schräg finde. Erzählte er der Prüfungskommission bei der Doktorprüfung doch wohlwollend, sie würden seine Gedanken eh‘ nicht kapieren.
Und im Vorwort des Tractatus schreibt er, er habe sich nicht die Mühe gemacht, nachzuprüfen, ob seine Gedanken schon jemand anderes gehabt hatte. An die Adresse moderner Polit- und Prestigedoktörchen: Leute, ihr seid nicht Wittgenstein. Ihr müsst leider ordentlich zitieren!

„Ich muss ordentlich zitieren.“ Das schreibt ihr bis morgen hundert Mal. Mit Quellenangabe.

Nun steht im Tractatus also jener unschuldige Satz: „wenn man etwas denken kann, ist es auch möglich“. Aus dem Zusammenhang herausgeschält, mutterseelenalleine ohne die ihn stützenden, ihn ins rechte Licht setzenden Sätze gerät er leicht auf die eingangs erwähnten Abwege.

Lassen wir aber die Hilfe seiner Vorfahren zu, so kommen wir nicht umhin, seinen auf die Sprache eingeschränkten Geltungsbereich wahrzunehmen. Mit der „Möglichkeit“ meint Läuferfreund Ludwig nämlich, dass alles was irgendein „Ding“ tun oder sein kann, schon irgendwie in diesem Ding steckt. Als Möglichkeit.
Ein Laufshirt kann gebügelt oder zerknüllt sein, stinken oder nicht, am Körper getragen werden oder nicht. Undsoweiter.

Möglichkeiten eines Laufshirts.

Wird Wittgenstein mit „dem“ Satz zitiert, handelt es sich um Sprachphilosophie. Hat also mit dem Ansatz der Seminarbrangsche wenig zu tun.
Was fängt der gemeine Läufling jetzt damit an? Ich schlage vor, wir klauen den Satz aus dem Tractatus, so wie viele andere vor uns. Wir bleiben aber nicht dabei stehen, sondern nehmen noch ein paar andere Gedanken mit. Wo wir schon mal da sind….

Das solcherart erworbene Diebesgut packen wir in den Sack, auf dem jetzt nicht mehr „Sprachphilosophie“, sondern etwas wie „erkenne dich selbst“ steht. Oder „Potentialanalühse“, wenn wir uns fremdwortreich ausdrücken wollen. Bei den Dingen wissen wir, dass sie „Möglichkeiten“ haben. Weil ein Ding dumm ist, kennt es seine Möglichkeiten nicht, so wie wir das tun. Das heißt: Wie ist das mit unseren Möglichkeiten? Wir sollten, nein wir müssen sie kennen, damit wir sie nutzen können.

Schwupps, sind wir mittendrin im Motivationsthema!

Wenn ich meine Grenzen auslote, weiß ich, dass ich mich innerhalb dieser Grenzen, im Rahmen meiner Möglichkeiten, bewegen kann. Dann kann ich denken, dass es, was es auch immer ist, hinhaut.
Wortspiel am Rande: ich kann mir denken, dass das möglich ist. Alle möglichen (!) Zweifel kann ich mir sparen!

Marathon in Nullvierzig? Vergiss‘ es.

Marathon in…wasauchimmer? Freilich!

Ist das Mentaltraining? Vielleicht.

Hat es mit Zielfindung und dergleichen zu tun? Banales Zeug? Aber sicher!

Läuflingsfreund Ludwig, den ich zum Schluss wieder mißbrauche, könnte gesagt haben… nein, ich lege ihm keinen Satz in den Mund.

Wenn es möglich ist, kann man es auch denken. Und dann kann man es tun.

Parallelweltenbummelei

Sobald man sich aus dem Haus begibt – etwa, um zu laufen – ist man von Feindbildern umringt: Wanderer hassen Mountainbiker, diese wiederum Läufer, welche ihrerseits die Walker verachten. Heute muss ich in einer Parallelwelt unterwegs gewesen sein.

Begibt man sich heutzutage nach draußen, um der Bewegung an frischer Luft zu frönen, ist man unweigerlich gefährdet.
Eine sehr reale Gefahr, die, sofern man Medienberichten glauben darf, im direkten Kontakt mit Feinden besteht.

Obgleich kein eifriger Medienkonsument, brauche ich mich kaum anstrengen, um ad hoc eine Handvoll liebevoll aufgebauter Feindbilder zu erinnern. Selbst wenn nur ein Bruchteil davon zuträfe, herrschte in unseren Wäldern mehr Feindseligkeit als damals im Teutoburger Wald, als Arminius des Cäsars Legionen den Garaus machte.

Feinde, in trauter Gegnerschaft vereint.

Wanderer zum Beispiel hassen Mountainbiker. Die wiederum können Läuflinge nicht ausstehen, welche ihrerseits einen üblen Hass auf Nordische Walker verspüren. Wer nordisch walkt, tut dies mit einem furchtbaren Groll Spaziergängern gegenüber, und jene mögen Hunde nicht. Ihre Frau- und Herrchen noch weniger. Hundegassigänger hassen Forstarbeiter, die, und hier schließt sich der Kreis, Wanderer am liebsten an einem noch ungefällten Baum aufknüpfen würden.

Seltene Einigkeit herrscht Jägern gegenüber: alle hassen Jäger.

Das gehört sich so.

Ist politisch opportun.

Wobei Jäger zu ihrem Glück meist im Morgengrauen unterwegs sind, selten am Sonntag Nachmittag.

Davon abgesehen ist Krieg in der Natur.

Der Kriegssschauplatz „Wald“ zeichnet sich, so dürfen wir immer wieder lesen, durch zähnefletschendes Gegeneinander aller in ihm unterwegs seienden Gruppierungen aus. Lustige Wandersleut‘ machen sich einen Spaß daraus, einem jeden Mountainbiker den Wanderstab in die Speichen zu stecken. Es soll sogar schon Wettbewerbe für den schönsten Abflug geben, der Sieger darf sich eine Kerbe in den Stock schnitzen.
Der gemeine Bergradler hingegen prescht mit Vorliebe in dahinspazierende Gruppen hinein, und freut sich, weil diese so lustig beiseite spritzen.
Und wer würde einem Hundebesitzer verübeln, wenn er seinem vierbeinigen Liebling gestattet, sich ein Stück wohltränierten Läuflingshintern aus ebenjenem herauszubeißen. Frischer geht’s nicht, und es schont die Haushaltskasse.
Weil der betroffnene Läufling solch artgerechter Form hündischer Nahrungsaufnahme in der Regel wenig Sympathie entgegenbringt, folgt dem Biss ein Schrei. Dieser stört den Meditierenden bei seiner innigen Umarmung eines Baumes, wodurch auch dieser zu hassen beginnt.

Der Umarmende, nicht der Baum.

Dem Baum ist das egal.

Eine Spirale von Hass und Gewalt ist der medial transportierte Eindruck. Nun will ich die öffentliche Darstellung, noch weniger die ebensolche Meinung keineswegs der Hysterie bezichtigen, deshalb formuliere ich mit Bedacht: dieser Eindruck deckt sich nicht mit meinen Beobachtungen. Man mag mich vertrauensselig, gar naiv schelten, doch gehe ich meist unbewaffnet nach draußen.

Auch heute.

Ich begab mich auf eine Hrunde in den Hodenwald. Eigentlich war es eine schnöde Runde im Odenwald, ich wollte bloß nicht auf den Kalauer verzichten. „Hodenwald“, alles klar? Echter Schenkelklopfer! Schenkel klopfen lockert Verhärtungen. In den Beinmuskeln. „Verhärtungen“, noch so’n Ding. Wenn ich mich dem Niveau der Scherze annähern wollte, müsste ich graben.

Lassen wir das, zurück zum Geschehen.

Auf einem wunderschönen Single-Trail, den ich hinan lief, kamen mir zwei Bergradler entgegen. Langsam wie ich war, trat ich beiseite, um sie passieren zu lassen. „Danke“ klang mir entgegen, was ich mit einem freundlichen „Bitte“ vergolt. „Viel Spaß noch“ hörte ich vom zweiten Radler.
Kurz darauf war es an mir, „Danke“ zu sagen, als eine weitere Gruppe Mountainbiker angesichts meiner Nähe auf den Genuss eines Sprunghügels verzichtete – war recht eng für Akrobatik und Läufling.
Frohgemut lief ich weiter, begegnete einem Frauchen mit Hund. Ein hübscher Hund, groß und wuschelig, wie ich ihn mir an kalten Winterabenden als Fußwärmer vorstelle. Sie nahm den Winterhund beiseite, um das von mir lächelnd geäußerte „Hallo“ zu erwidern.

So verging manche Stund‘ im Walde mit Lächeln, Grüßen und Dänken. Keine Feinde, weder zu mir, noch untereinander. Von Feindbild keine Spur, nicht einmal das Bild eines Feindes.

Ich muss in einer Parallelwelt unterwegs gewesen sein.