Als das Wetter Fieber hatte. Kein Stück in drei Akten.

Erster Akt,
worin Menschen sich an der Sonne erfreuen.
Die Temperatur erregt Besorgnis.

Vor nicht allzu langer Zeit, als das junge Eis in den gleichnamigen Dielen wuchs, begaben sich die Menschen Tag um Tag in die Natur, wo sie sich an der Sonne ergötzten.
Allzu gut erinnerten sie sich an den langen, dunklen Winter.

Sonne_Fieber.pngErster Akt,
worin Menschen sich an der Sonne erfreuen.
Die Temperatur erregt Besorgnis.

Vor nicht allzu langer Zeit, als das junge Eis in den gleichnamigen Dielen wuchs, begaben sich die Menschen Tag um Tag in die Natur, wo sie sich an der Sonne ergötzten.
Allzu gut erinnerten sie sich an den langen, dunklen Winter.

Während der schönen Tage stieg die Temperatur auf fünfundzwanzig Grad. Welch schöner Sommer!
Läuflinge griffen zu knappster Laufkleidung, lange Ärmel sah man allenfalls auf Fotos von Trailläufen. Im Gebirge.

Bei über dreißig Grad zur Mittagszeit trennte sich die Spreu derer, die entweder am frühen Morgen oder überhaupt nicht liefen, vom Weizen. Jene Läuflinge hatten sich angepasst, sie rannten schweißüberströmt durch die trockener werdende Natur.

Als die Quecksilbersäule schließlich über siebenunddreißig Grad Celsius kletterte, wo sie tagelang verharrte, blickten Läuflinge auf verdorrte Pflanzen, die ihre letzte Kraft aufboten, um ein wenig Schatten zu spenden. Wer genug Flüssigkeit im Leibe hatte, vergolt die Spende, indem er von seinem Überschuss abgab. Nicht wenige Läuflinge sahen sich in einer Schicksalsgemeinschaft mit der Pflanzenwelt. Ihre miktionsgelben T-Shirts mit dem Aufdruck „Ich bin ein Miktant“ sollten der heimischen Flora vor allem eines zeigen: eure Schattenspende soll nicht umsonst gewesen sein!

Andere hingegen erinnerten sich daran, dass ein Mensch oberhalb von 37° Körpertemperatur krank ist.
Bange Blicke hafteten auf den Messgeräten, bis allen klar wurde: das Wetter hat Fieber!

Was tun?

Ein fiebernder Mensch tut gut daran, sich zuhause – im Bett – aufzuhalten. Er bleibt Schule, Büro und Baustelle fern, er ruht sich aus.
Indes bleibt dies dem Wetter versagt. Es ist immer im Dienst. Ein Tag ohne Wetter? Undenkbar!

Zweiter Akt.
Ein Läufling hat eine rettende Idee.

Für guten Rat hätten wir damals jeden Preis bezahlt, wäre er denn feilgeboten worden. Manchen schien es sinnvoll, einige Tranchen wohlfeilen Geldes in südliche Länder zu übertragen – in der Hoffnung, von dort wenigstens einen rettenden Hinweis zu erhalten.
Andere dagegen pflegten eine Ausprägung sportlichen Tuns, die ich als „gut behütet“ bezeichne: Kopfbedeckungen aller Art konnten auf Läuflingshäuptern bewundert werden: Mützen, Tücher, Buffs, selbst Strohhüte konnte man sehen.

Dazu achteten sie penibel darauf, immer und überall gut hydriert zu sein. Viele hingen beim Thema Hydration der Vision pittoresk Fontänen versprühender Hydranten nach, wie wir sie von Bildern aus New York kennen. Diese blieben leider aus, zudem denken die meisten wohl insgeheim, dass selbst im Land der unbegrenzten Wasservorräte nur für Fotografen mit Wasser gespielt wird. Alle anderen – so auch wir – hingen an der Flasche.

Und sinnierten, wie dem fiebernden Wetter wohl zu helfen sei.

Eines Tages wurde ein Läufling vom Blitz getroffen. Von einem Geistesblitz, um genau zu sein. Wenn, so dachte er, dem Menschen kalte Güsse und Wadenwickel Linderung versprechen, dann sollte es beim Wetter genauso wirken!

Flugs machten er und viele, viele andere sich auf die Suche nach des Wetters Waden.
Weil jeder mithelfen wollte, stieg die Zahl der gelaufenen Wochenkilometer rapide an. Fieberhaft wurde nach den Waden des Wetters Ausschau gehalten, allerdings ohne, dass irgend jemand fündig geworden wäre. Kalte Güsse ergossen sich bloß in Münder und benetzten bedeckte Köpfe.

Besorgnis erregte die Gemüter der ach so hilfsbereiten Läuflinge, die dennoch unverzagt ihre Runden am Busen der Natur drehten (den zu berühren sie übrigens ebensowenig im Stande waren, wie bei des Wetters Waden).

Dritter und letzter Akt,
worin das Wetter zeigt, was es kann.

Die Situation spitzte sich weiter zu – es war unerträglich schwül geworden, und dunkle Wolken zogen auf.

Ach käme doch nur ein Gewitter!

Zwei Tage lang hielt drückende Schwüle auch die hartgesottensten unter den Läuflingen von ihrer Lieblingsbeschäftigung fern. Die meisten jedenfalls.
Bis, ja bis eines Tages eine mustergültige Schau dargeboten wurde. Wie nach einem Drehbuch hielt das Wetter, das sich offenkundig auf dem Weg der Genesung befand, eine perfekte Dramaturgie ein.

Zuerst wurde es noch ein wenig schwüler. Stickig. Kein Blatt bewegte sich.

Die Luft, nun, hätte man gewollt, man hätte sie in Brocken mit sich herumtragen können.

Dunkle, sehr dunkle Wolken am Horizont.

Leichter Wind, der bald auffrischte.

Türen schlugen, Gießkannen wurden umgeweht.

Dumpfes Grollen, Wetterleuchten aus der Ferne.

Und dann ging es los: Blitz und Donner, Sturm mit Hagel und kalten Güssen, es schüttete wie aus Kannen, der Himmel öffnete seine Schleusen, Wolkenbruch, Wolken erbrachen sich über die Landschaft, um Mensch und Natur zu erfrischen!

Gewitter, sie bieten eine tolle Show und kühlen gleichzeitig ab.
„Donnerwetter!“ sagen wir anerkennend.

Einunddreißig Grad am nächsten Tag.

Das Wetter war wieder gesund.

Eigentlichereien: der angekündigte Misserfolg

Vor dem Lauf ist die Zeit des Konjunktiv: Ich werde mein bestes Ergebnis gelaufen wären. Was sich wie ein verkorkster Satz liest, ist der Kern dessen, was manchen Läuflingen dann entschlüpft. Sie wissen genau, welche Umstände ein Topresultat würden verhindert haben.

Vor dem Lauf ist die Zeit des Konjunktiv: Ich werde mein bestes Ergebnis gelaufen wären. Was sich wie ein verkorkster Satz liest, ist der Kern dessen, was manchen Läuflingen dann entschlüpft. Sie wissen genau, welche Umstände ein Topresultat würden verhindert haben.

Der Konjunktiv ist wichtig.

Es könnte ja sein, dass eine persönliche Bestleistung herauskommt.
Und wenn nicht? Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Deshalb baut man vor, das erspart peinliche Fragen. Der angekündigte Misserfolg ist unsere Versicherung gegen unerwünschte Ergebnisse.

Mögliche Schadensfälle gibt es genug.

Das Wetter könnte nicht mitspielen – wobei damit keine Aussage darüber getroffen wird, welche Art Wetter denn ein gutes Wetter ist. Das weiss man immer erst hinterher. Falls beim Marathon endlich die Drei-Stunden-Marke fällt, ist alles in Ordnung. Aber wehe, die Uhr bleibt bei 3:04 stehen. Dann ist es gut, wenn man schon mal vorgesorgt hat: „ich habe ja gesagt: wenn bloß das Wetter passt.“

Eigentlich, sagen wir uns, eigentlich bin ich super.
Aber die Umstände!
Die Strecke könnte uns nicht ganz liegen. Bloß nicht zu konkret werden! Denn wenn „es“ dann doch klappt, setzen wir uns für den nächsten Lauf unter günstigen Bedingungen unter Druck.

Wie bügeln wir das ab? Ganz einfach: eigentlich (!) wären wir noch fünf Minuten früher ins Ziel gekommen. Mindestens.
Doch Vorsicht! Man kann sich schnell in ein Gespinst aus Widersprüchen verstricken. Denn wenn beim nächsten Mal ein Hemmnis wegfällt, muss er sich etwas Neues einfallen lassen.
Virtuosen im Spiel des angekündigten Misserfolgs gehen daher mit unerwarteten Erfolgen souveräner um: Sie verkünden rechtzeitig, dass sie sich unter Erfolgszwang sehen. Der setzt sie unter Druck und macht – vielleicht – langsamer. Eine ganz befreiende Form des Druckes, oder?

Ganz wichtig: immer an die Möglichkeitsform denken. Gelobt sei der Konjunktiv! Könnten wir einen Erfinder identifizieren, wir müssten ihm ein Denkmal setzen.

Zum angekündigten Misserfolgt gehört das Publikum, das seine Rolle wie einstudiert spielt. Auf einen Satz wie „eigentlich bin ich ganz fit, aber die Strecke ist ja auch eine der schwersten“, nicken wir, die Umstehenden, reflexartig, um mit ernstem Gesicht vorsorglich Trost zu spenden.

Das liegt im eigenen Interesse. Weil unsere Schuhe drücken manchmal komisch drücken. Wenn sie es nicht täten, würden wir morgen auch Bestzeit gelaufen wären.

Perspektivenwechsel

Am letzten Wochenende fanden in Karlsruhe die deutschen Meisterschaften im 24-Stundenlauf statt, organisiert von „meinem“ Verein, der LSG Karlsruhe. Wie ist so eine Veranstaltung wohl aus der Helferperspektive? Ich unternahm den Selbstversuch.

Nachts. Foto: Günter Kromer
Nachts.
Foto: Günter Kromer
Am letzten Wochenende fanden in Karlsruhe die deutschen Meisterschaften im 24-Stundenlauf statt, organisiert von „meinem“ Verein, der LSG Karlsruhe. Wie ist so eine Veranstaltung wohl aus der Helferperspektive? Ich unternahm den Selbstversuch.

Seit ich zunehmend Trails laufe, hat das Runden drehen über vierundzwanzig Stunden seinen Reiz ziemlich verloren. Irgendwie ist er doch noch da, der Reiz.
Woran ich immer gerne denke, ist der Übergang in die Nacht. Wenn ich 24 gelaufen bin, war’s im Sommer, und dementsprechend heiss. Tagsüber. Falls nicht gerade ein Gewitter herniederging. Je später der Tag, desto angenehmer wurden die Temperaturen, und wenn die Sonne in den wohlverdienten Feierabend entschwand, dunkelte es. Die schönsten Stunden begannen. Das waren jene, in denen es an der Strecke ruhiger wurde. Betreuer saßen in Campingstühlen, in warme Decken und Schlafsäcke gehüllt.

Als Läufling hat man es ja leicht, wach zu bleiben. Oder wenigstens so zu tun, als ob.
Ein, zwei Stunden später waren nur noch wenige Helfer zu sehen.
Diese friedvolle Atmosphäre hatte es mir angetan. Irgendwann, schwor ich mir oft, will ich mich dieser Stimmung hingeben können.

Wie gesagt, am letzten Wochenende war die perfekte Gelegenheit dazu. Beinahe perfekt, weil just an diesen beiden Tagen die Jahrestagung nebst Symposium der Gesellschaft für Kreativität stattfand, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. Für Sonntag nachmittag stand ein Krankenbesuch auf dem Programm. Egal, Hauptsache, die Nacht gehörte mir.

Als Streckenposten hatte ich einen wunderbaren Blick auf das Geschehen. Campingstuhl inklusive, achtete ich darauf, dass kein Radfahrer allzu unvorsichtig die Kreise der Läuflinge störte. Wohlgemerkt, es war die Nacht von Samstag auf Sonntag im Karlsruher Unigelände, anders formuliert: nichts los. Nur die Läuflinge.
Dabei hatte ich mir schon einen mahnenden Spruch zurechtgelegt, der des akademischen Rahmens würdig sein sollte: „Störe ihre Kreise nicht!“ wollte ich jedem Radler entgegenrufen, der sich anschickte, wild auf der Laufstrecke herumzuradeln. Kam nur keiner. Vielleicht war es besser so, denn historisch gesehen hätte solcherlei Ruf leicht mit meinem gewaltsamen Ableben enden können.

So genoss ich das Défilé der Läuflinge. Hier ein Lächeln, dort ein kleiner Scherz, da eine Aufmunterung. In der müden Phase, ab vielleich zwei, drei Uhr, wurde es sehr ruhig. Sehr müde. Mutter Natur hatte eine erfrischende Dusche in Form eines Gewitters vorbereitet; unter Baum, Schirm und Poncho ließ sich der Regenguss leicht ertragen. Vollkommen unbeeindruckt auch die aktiven Teilnehmer, die unverzagt weiter liefen. Ich kann das gut verstehen, bekanntlich gibt es kein schlechtes Wetter. Wäre ich lieber gelaufen? Würde ich im Regen lieber laufen, oder wäre Immobilität vorzuziehen? Eine gute, Frage, die ich mir noch nicht beantworten kann. Wahrscheinlich hängt es an der Situation, and der inneren Haltung. Ich muss weiter grübeln.

Als es dann tagte, bemerkte ich einen Anflug von Lust, trotz aller Trailverliebtheit doch mal wieder einen 24er zu laufen. Erstaunlich, ich bin gespannt, wie lange das anhält.

Richtig schön – aus der Perspektive eines Umstehenden – wurde die letzte Stunde des Rennens. Wo zuvor, besonders mit beginnendem Tageslicht noch kommunikative Menschen um die Ecke bogen, blickte ich in leere Blicke. Hüllen menschlicher Existenz, reduziert auf die biologischen Grundfunktionen: Atmen, Essen, Laufen.

„Laufen“ sollte hier als Metapher verstanden werden.
War das, was man an Laufstilen geboten bekam, zuvor schon von einer bizarren Vielfalt, die jeden Laufcoach schluchzend und mit Schaum vor dem Mund zu Boden sinken ließe, bot sich nunmehr ein grausiges Bild.
Eine Geisterbahn zog vorbei.
Für den nächsten Zombie-Film genügte es, eine Kamera an den Rand zu stellen, und einfach laufen zu lassen.

Das änderte sich in der letzten Viertelstunde vor Schluss schlagartig. Als hätte man den Geist hinter den Gesichtern der Läuflinge wieder eingeschaltet, strahlten die ausgemergelten Gesichter, funkelten uns glückliche Augen an.
Sie liefen, gingen, humpelten nicht, sie wurden von Euphorie getragen. Selbst an den langsamsten Schlurfern, die sich auf den Resten dessen, was nur einen Tag zuvor noch Füße gewesen waren, dahinschleppten, konnte ich den einen oder anderen euphorischen Hüpfer beobachten. Vielleicht hatte ich es mir auch nur eingebildet.

Als der Schluss-Schuss erklang, wiederholt und verstärkt durch Druckluft-Tröten, hatte in allen Antlitzen ein Ausdruck unbeschreiblichen Glückes jegliche Mattheit verdrängt.
Körper waren wieder zu Menschen geworden. Menschen auf Zeit, denn später schlugen Anstrengung und Schlafentzug wieder zu.
Bis dahin gab es nur Sieger, stolz und glücklich.

Und die Helfer? Müde, glücklich und im Geiste schon beim Aufräumen.
Ein aufmerksamer Beobachter hätte den wohl interessantesten Anblick am Montag gehabt:
Mehrere Menschen hockten um einen Müllhaufen herum. Aufgerissene Säcke hatten ihn auf die Wiese erbrochen, auf dem tags zuvor noch das Verpflegungszelt gestanden hatte. Sie wühlten im Haufen, um ihn nach Bechern und anderen Gegenständen zu sortieren. Verklebt mit Speiseresten wie Gel oder Suppe. Kalte Widerwärtigkeiten, die vom Sportler übrig gelassen, verschmäht, verbraucht und verworfen worden waren.

Ein Bild, das sonst nur von Reportagen aus Slums in der dritten Welt geläufig ist.
Ein Bild, das, hätte man es aufgenommen, zweifellos im Wahlkampf ausgeschlachtet worden wäre: „Verarmte Akademiker unterstützen. Pfandflaschenquote im Hausmüll! Jetzt!“

Aber keine Sorge, es waren nur die Reste. Die der Veranstaltung. Und von uns.

Sag‘ bitte nichts.

Social Media läuft, das tut es bekanntlich seit Jahren, worin es eine frappierende Ähnlichkeit mit uns Läuflingen hat. Es ist ja nett, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Verschiedenen Sinnes bin ich allerdings mit runtastischen Selbstquantifizierern. Mein Freund René ist so einer…

Social Media läuft, das tut es bekanntlich seit Jahren, worin es eine frappierende Ähnlichkeit mit uns Läuflingen hat. Es ist ja nett, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Verschiedenen Sinnes bin ich allerdings mit runtastischen Selbstquantifizierern. Mein Freund René ist so einer…

Eigentlich kann ich die Quantified Self Bewegung verstehen. Deren Anhänger erfassen Daten ihrer Körper, die sie mit anderen austauschen. Für Diabetiker ist es selbstverständlich, bestimmte Werte regelmäßig zu messen – und wenn Spitzensportler ebenso wie Weight Watcher damit erfolgreich sind, ihre Messergebnisse einem interessierten Publikum mitzuteilen: warum nicht?

Eigentlich ist es auch eine tolle Sache, so ein Sportdatenerfassungsgerät. Bequem mit Schnittstellen zu allen möglichen Diensten und Geräten.

Ich betone nochmal den Konjunktiv: eigentlich.

Denn das interessierte, hochverehrte Publikum darf, den technischen Errungenschaften sei Dank, vom Daten erfassenden Menschen ziemlich frei festgelegt werden.
Es gibt Direktanschluss an FacebookTwitterGoogleplusundsoweiterundsofort. Und an den heimischen Rechner, sämtliche Sportvereine, die Firma, Familie, Freunde (auch außerhalb des Internets), und sämtliche Komilitonen, Alumni, Mitschüler, Mitkindergartenkinder und überhaupt: alle.

René (das ist der mit der kreativ erworbenen Marathonbestzeit) ist derart begeistert auf den Zug aufgesprungen, der da vom Bahnhof „Körperfunktion“ nach „Ich will, dass es ALLE wissen“ fährt, dass ich mir beinahe Sorgen mache, er könnte im Zug sitzen, während er ihn – den Zug – gleichzeitig überholt.

Nicht um René sorge ich mich. Auch nicht um den Zug. Mich bangt, die Relativitätstheorie könnte kippen, und alle Nerds würden ihr Einsteinposter – das mit der herausgestreckten Zunge – durch das Konterfei von René ersetzen.

Es begann dem gleichermaßen harm- wie belanglosen „René lief gerade 1,6 runtastische Kilometer um den Aldi-Parkplatz“.
Das war vor ein paar Monaten. René wäre nicht René, wenn er keine Chance wittern würde, jeden über Dinge zu informieren, die niemand wissen will.
Und heute?
Sensoren erfassen jede, aber auch wirklich jede, irgendwie messbare Vitalfunktion seines Körpers, diverse Softwarepakete speichern sie auf mindestens drei Computern und, vor allem: sie publizieren sie sofort.

Sofort und in einem fort.

Jeder Mensch in seinem Dunstkreis weiss sekundengenau mehr über Renés Körper als alle Geheimdienste dieser Erde zusammen. Und das will in unserer Zeit wirklich etwas heißen!

„René ist gerade 29,3 runtastische Meter um sein Auto spazieren gegangen“
„Renés Puls betrug gestern durchschnittlich 76 Schläge in der Minute. Der Mittelwert der vergangenen drei Wochen war…sein BMI ist momentan…er wiegt aktuell….“

Dazu kommen selbstgeschriebene Beiträge, heraus kommt etwas in dieser Art:

„Ich hab‘ Blähungen“
„Geht wieder #furz“
„Ich geh‘ jetzt schwimmen“
„René hat gerade einen Puls von 92 Schlägen in der Minute“
„Erstmal umziehen in die neue Badehose #speedo“
Empfohlener Beitrag „Speedo. Keep going swim after swim“
„Huch, bin in der Damenumkleide gelandet“
„René hat gerade einen Puls von 183 Schlägen in der Minute“
„Hübsch war sie ja…#lechz“
„René hat gerade….#zensiert“
„erste Bahn“
„René hat gerade einen Puls von 112 Schlägen in der Minute“
„zweite Bahn. Schwimme mich langsam warm“

„einunddreißigste Bahn“

Und er schreibt. Und schreibt. Und schreibt. Und schreibt. Und das war nur Twitter.

Ich sehe es vor mir, sehe es wirklich als wäre ich körperlich anwesend: René und andere quantifizierte Selbste, wie sie sich beim monatlichen Stammtisch gegenseitig ihre Daten vortragen.
„Mein Herz ist gesund: Ruhepuls minimal 52 Schläge“
„Einundfünfzig, gewonnen! Ich bin herziger als du!“

Gestern bekam ich es mit der Angst zu tun.
Diese neue App, die Stimmungen erkennt, kratzt mich weniger. Soll meinetwegen jeder wissen, dass René sich freut, verliebt ist oder seines Nächsten Weib begehrt. Nein, was mir den Angstschweiß auf die Stirn treten ließ, war eine kurze Bemerkung Renés. Ein Halbsatz, den er unbedacht vor sich hin murmelte. Er wolle gemeinsam mit einem Unternehmen der Keramikbranche Toilettenschüsseln entwickeln.

Das ängstigt mich. Ein Klo mit Schnittstellen zu Twitter und Facebook. Mit Sensoren für jeden Dreck – und natürlich automatischer Sitzerkennung, damit die Messungen auch ja dem richtigen Account zugeordnet werden.

„René hat gerade ein fantastisches Geschiss gemacht.“

Es folgen Farbe, Gewicht, Konsistenz. Um Himmels Willen, bitte kein Film!

Am schlimmsten daran ist mein schlechtes Gewissen. Denn ich bin schuld an der Informationsdiarrhoe von René.
Ich bat ihn irgendwann: wenn du nichts zu sagen hast, sag‘ bitte nichts.
Das nichts sagen scheint er anders verstanden zu haben, als ich es meinte.
Denn seitdem hört er nicht auf damit, nichts zu sagen.

Heißer Reifen trifft kesse Sohle

Es musste ja so kommen: Continental, als Reifenhersteller bestens bekannt, stellt auch Schuhsohlen her.
Den ersten Satz meine ich übrigens positiv und wörtlich nehmen. Ich finde es wirklich gut!

Es musste ja so kommen: Continental, als Reifenhersteller bestens bekannt, befasst sich mit Schuhsohlen.
Den ersten Satz meine ich übrigens positiv und wörtlich. Ich finde es wirklich gut.

Continental, das ist eigentlich ein Urgestein der deutschen Autoindustrie. Den meisten wird zuerst das Wort „Reifen“ einfallen, wenn sie an Conti denken, nur produzieren sie weit mehr Gummi. Und, nein, ich habe nicht recherchiert, welche Artikel, die allgemein mit dem Wort „Gummi“ verknüpft werden, bei Conti entwickelt wurden.
Wir bleiben beim Reifen und landen beim Fahrrad, denn auch hier hat Conti ein kräftiges Standbein.
Und wo man sich schon im Sport tummelt, mag man sich gedacht haben, kann man auch Sohlen für Sportschuhe mit entwickeln.

Genau genommen liefert Continental seit 2009 Gummimischungen an Adidas.

Was mir daran gefällt?
Die Transferleistung ist es, über die ich mich freue. Continental überträgt die Erkenntnisse aus der Reifenherstellung auf Gummimischungen für Schuhe. Das bedeutet, dass das Wissen über Kraftübertragung, Nässe- und Trockenhaftung Elastiztät in einen anderen Zusammenhang überführt wird.

Wissen, das ist nach einem platten Spruch eine Ressource, die sich durch Teilen vermehrt. Umso stärker wirkt natürlich der Effekt, wenn Wissen aus verschiedenen Bereichen verknüpft wird, um zu neuen Produkten zu gelangen.
Mein beglücktes Hirn lässt Worte wie „Wissensmanagement“ und „Innovation“ wie Seifenblasen aufsteigen. Nein, Seifenblasen zerplatzen, also schreibe ich über die Worte lieber: sie erblühen wie Blüten.

Soviel Poesie.

Zurück zur Freude.

Da kommt also ein Mensch von Adidas zu Continental und regt an „Leute, ihr habt Ahnung von Gummi. Unsere Kunden wollen bessere Sohlen an ihren Laufschuhen haben. Wir denken an Kraftübertragung, an gute Haftung unter vielen Bedingungen undsoweiter. Wir haben Ahnung von Schuhen. Lasst uns zusammenarbeiten.“

Oder jemand von Continental ruft bei Adidas an: „Wir haben da eine Idee. Eure Schuhe könnten viel besser sein, wenn ihr die Gummimischung anpasst. Wir kennen uns aus. Lasst uns zusammenarbeiten.“

Oder so ähnlich.

PLOPP, ein neues Stichwort: „Ideenmanagement“.

Wo ich doch dies alles und nichts sagende Wort „Management“ nicht mag.

Am Ergebnis ändert das nichts, denn das Wissen über Reifen hat seinen Weg zu den Schuhen gefunden.
In der Pressemeldung steht sogar zu lesen, dass die Conti-Entwickler sich Anregungen bei den Griffmechanismen von Katzen und Eisbären geholt haben. Vor zehn Jahren zog mal das Schlagwort „Bionik“ durch die Lande, genau sowas ist damit gemeint.
Dieser Transfer freut mich. Ein Blick über den Tellerrand der eigenen Branche, der sich in barer Münze auszahlt.
Im Beratersprech von Strategieconsultants heißt sowas dann: man habe sich neue Geschäftsfelder erschlossen.
Ich nenne es: Prima, ihr habt begriffen, dass die Schublade, in der ihr euch wähnt, größer ist, als ihr glaubt.

Trotz der enormen Größe beider Firmen, könnte ich fast an freie Denker dort glauben.
Herzlichen Glückwunsch, bitte mehr davon!

Übrigens: nicht nur bei Adidas, auch Feelmax verwendet Sohlen von Continental.