Wo sind die Igel?

So als sportbegeisterter Mensch nehmen wir zuweilen an einem Wettbewerb teil. Den wenigsten Läuflingen ist es vergönnt, einen solchen zu gewinnen. Meistens ist jemand schneller als wir. Sehr viele Jemande trifft es besser.
Wir Normalschnaufer rechnen damit, unter ferner liefen anzukommen.
Ganz ganz selten hegen wir einen Groll gegen jene, die die Ziellinie vor uns überquerten.

Warum eigentlich nicht?

Sport und Feindbild
So als sportbegeisterter Mensch nehmen wir zuweilen an einem Wettbewerb teil. Den wenigsten Läuflingen ist es vergönnt, einen solchen zu gewinnen. Meistens ist jemand schneller als wir. Sehr viele Jemande trifft es besser. Wenn ein Rücken entzücken kann, um wieviel besser muss der Anblick von etlichen Rücken sein, die sich in beschwingtem Trab vor uns bewegen? Unaufhaltsam. Uneinholbar.
Hand aufs Herz, wir Normalschnaufer rechnen fest mit der Ankunft unter ferner liefen. Wir reden uns ein, es ginge um das Laufen an sich. Gewinnen wollen wir eh‘ nicht. Glauben wir.
Gewinnen ist nicht alles – es ist das Einzige!
Das einzige, was uns davon abhält, sind die Läuflinge vor uns.
Selten, ganz selten hegen wir einen Groll gegen diese Leute.

Warum eigentlich nicht?

Wir könnten diese lästigen, nagenden Selbstzweifel – „bin ich nicht gut genug?“ – vermeiden. Und die sind nur der Anfang. Später ertappen wir uns dabei, wie wir nach Mitteln und Wegen suchen, um in Zukunft besser abzuschneiden.
Früher oder später kommt der Klugschwätzer in uns daher: Ich weiss nicht, ob du besser wirst, wenn du etwas änderst. Aber ich weiss, dass du etwas ändern musst, damit du besser werden kannst.
Dann stellen wir unser bisheriges Träningssystem in Frage und ändern unsere Ernährung.
Das nagt. Langsam aber sicher beginnen wir uns zu fragen, ob eine Zeit von knapp unter fünf Stunden für einen Marathon herausragend ist, wenn andere in zweifuffzich laufen.

Stop. Machen wir es uns doch leichter!

Vierfünfundfunfzig sind super. Siegverdächtig. Von dieser Prämisse gehen wir aus. Fühlt sich gleich besser an, oder?
Wenn andere bei unserem Zieleinlauf schon geduscht und auf dem Heimweg sind, ist das deren Problem. Wir können nichts dafür, denn wir sind gut (siehe unsere Prämisse oben).
Daraus folgt: Wer schneller ist als wir, lässt jeden Sportsgeist vermissen. Die sind schuld an unserer schlechten Platzierung!
Wenn die nicht wären, wäre uns der Treppchenplatz sicher.
Unsportliches Gesindel.

Davon abgesehen ist natürlich Amazon schuld. An allem.

Hamwanich
Jüngst wollte ich ein Paar wasserdichte Handschuhe von Sealskinz erstehen. Handschuhe probiere ich lieber an, also begab ich mich in ein kleines Sportfachgeschäft. Inhabergeführte Läden sind mir sympathisch, dort arbeiten Menschen, die mit Herzblut bei der Sache sind. Felxibel auf Kundenwünsche reagierend, so ganz anders als die großen Ketten.

Indes antwortete man mir: „Sealskinz? Hamwanich.“

Ich erlaubte mir, vorsichtig auf die Möglichkeit einer Recherche hinzuweisen. Es gäbe, so sprach ich, neuerdings dieses „Internet“. Dort könne man nachsehen, Kontakt zum Lieferanten aufnehmen und möglicherweise bestellen.

Verständnisloser Blick.

Das sei, so meine suggestiv geäußerte These, eventuell gar der Beginn einer wunderbaren Geschäftsbeziehung. Gerade jetzt, wo die kalte, nasse Jahreszeit begänne, würden viele Läuflinge nach guten, wasserfesten Handschuhen Ausschau halten. Wäre doch toll, wenn…

Meinem Gegenüber entgleisten die Gesichtszüge.

Ich verstand.

Mit „Hamwanich“, also haben-wir-nicht, wollte mir der freundliche Mensch keineswegs den aktuellen Lagerbestand kundtun. Ich hatte kurz, ganz kurz, einige Nanosekunden lang wahrlich in Betracht gezogen, dass der folgende Satz die Richtung von „wir kriegen das schon hin“ einschlagen würde.
Tatsächlich hatte ich ihn mißverstanden.
Hamwanich ist die Vorstufe zum unwillig geäußerten „hmmm…das müsste ich bestellen“. Und das wiederum steht im Geiste von „draußen nur Kännchen“.

Eines meiner Ohren meldete mir einen Vorschlag. Von Pumadas oder Asicjackwolfshaut oder sonst irgendeiner Massenmarke hätten sie Softshell-Handschuhe. Wasserabweisend. Nicht was ich suche. Kostet dafür die Hälfte mehr als in diesem „Internet“ – und somit fast so viel wie wasserdichte Handschuhe.

ALternativen? Vielleicht andere Modelle des Herstellers? „Nur das, was da ist.“

Ist klar.

Als ich mich dankend der Tür zuwandte, fiel mein Blick auf ein Plakat, welches meine Solidarität mit dem Händler um die Ecke begehrte. Solidarität oder Nostalgie? „Nur das, was da ist“ finde ich genauso niedlich wie „Draußen nur Kännchen“. Niedlich, wohlgemerkt. Nicht erhaltenswert.

Davon abgesehen ist natürlich Amazon schuld. An allem.

Und dieses Internet erst.

Underdogs und Unternehmer
Wir alle mögen Underdogs. Ich stelle die Behauptung in den Raum, wo es ihr ergeht wie weiland Martin Luther: so steht sie hier und kann nicht anders. Damit sie nicht ganz alleine herumsteht, stelle ich ihr ein Beispiel zur Seite.

Läuflinge träumen davon, flink durch Feld und Flur zu springen wie ein Hase.
Doch halt! Zeigt die Geschichte des Wettrennens zwischen Hase und Igel nicht etwas völlig anderes?
Wie heißt das geflügelte Wort, welches der Igel – oder seine Frau – dem ankommenden Hasen entgegenriefen? „Ick bün als hier“ – Ich bin schon da. Und dem unverständigen Hasen, der sich weiterhin im Wettrennen wähnte, blieb aus seiner Sicht nichts anderes übrig, als nochmal zu rennen. Schneller diesmal. Noch schneller. Bis zur völligen Erschöpfung. Gewonnen haben die Igel, während der Hase wegen seines erhöhten Pulses dahinschied.

Höre ich jemand nach Spielregeln rufen?

Wer sagt denn, dass der Igel im ungleichen Spiel nach Regeln spielen muss?

Underdogs – noch eine Behauptung von mir – sind in ihrer vermeintlichen Unterlegenheit im Vorteil. Sie sind es jedenfalls dann, wenn sie flexibel, klug und agil handeln. Wenn sie sich Herausforderungen in einer Weise stellen, in der sie ihre Überlegenheit ausspielen können.

Womit wir beim Thema Internet ankommen, ohne den Sport zu verlassen.

Mit Amazon besteht ein griffiges Feindbild, das für jeden einzelnen Euro Umsatzeinbuße im Einzelhandel herhalten muss.
Konkurriert der Sportladen von oben mit Amazon? Kommt drauf an. Eventuell würde er sich eher wünschen, die RunnersPoint Filiale dreihundert Meter weiter verschwände. Oder weder das eine, noch das andere.

Je mehr Konzerne sich miteinander balgen, egal, ob sie das online oder offline tun, desto größer werden die Nischen für kleine Unternehmen. Ich mag Unternehmen, die von Unternehmern geführt werden.
Was aber ist ein Unternehmer?
Peter Drucker, ein großer Management-Vordenker, hat es treffend formuliert: Ein Unternehmer ist ein Mensch, der Chancen sucht und Risiken eingeht.

Das größte Risiko ist ein „weiter so“.

Mit dem gleichen Sortiment wie Runners Point, Amazon, Real? Jackwolfskinisierung allüberall? Das Massenzeug kaufe ich dort, wo es am billigsten ist.
Was sollte mich zum kleinen Laden bringen? Die selben Klamotten zum höheren Preis. Und ich muss noch hinfahren, Parkplatz suchen… Also rein ins Netz, an die Packstation liefern lassen und fertig.

Also, wo sind die Chancen?

Warum fahre ich freudig zwei Orte weiter in meinen Lieblingsbuchladen?
Warum ist nicht „das Internet“ schuld, wenn es „dem Einzelhandel“ schlecht geht?

Weil es weder „das Internet“, noch „den Einzelhandel“ gibt. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, erkennt zwei große Trends: Masse und Individualität. Mal ehrlich, wenn der kleine Händler um die Ecke das weiter tun will, was er immer getan hat – „normale Sportklamotten“ verkaufen – darf er sich nicht nur mit den großen Ketten herumschlagen, sondern auch mit dem Wettbewerb aus dem Internet: auch hier den großen und den kleinen.

Warum gehe ich zum Lieblingsbuchladen?
Ich kann Bücher, die mich interessieren, über deren Website vorbestellen. Jedes Buch, das mich interessiert. Der Laden hat eine unheimlich tolle Atmosphäre – und die Leute, die dort arbeiten, sind selbst belesen. „Hamwanich“ kommt in deren Wortschatz nicht vor.

Individualität.

Viele andere Unternehmer (!) haben die Chancen des E-Commerce für sich entdeckt und fahren gut damit. Wer sonst auf die Laufkundschaft in der Fußgängerzone angewiesen ist, erreicht auf einmal ein überregionales Publikum. E-Commerce ist eine Chance, die genutzt werden will!
Ich hatte in der Einleitung von „bestellen“ gesprochen. Zur Anprobe. In der Tat.
Auch von etwas ungewöhnlichen Herstellern abseits des Mainstream. Kleine, feine Marken, die für neue Händler offen sind, gibt es genug.

Kleine Unternehmen sind die Underdogs, die Amazon, RunnersPoint & Co entgegenrufen: „Wir sind schon da!“

Sie sind die Underdogs, die nach ihren eigenen Regeln spielen können.

Sie sind die Underdogs, die gemeinsam mit ihren Partnern glückliche Kunden haben – wo die der Konzerne bestenfalls „zufrieden“ sind.

Ein Läufling hat beim Ultratrail irgendwo in Südamerika den genialen Trinkrucksack einer chilenischen Marke entdeckt? Er betritt den Laden seines Vertrauens in Potsdam, wo der freundliche Mitarbeiter ein Exemplar per Email ordert. Oder gleich zehn.
Das Beispiel ist naiv? Selbstverständlich ist es das!

Es ist die Antithese zum „Hamwanich“.

Es ist vor allem die Antithese zum Gejammer über die schlechte eigene Platzierung im Wettbewerb.

Ist Amazon wirklich an allem schuld?

David und die Igel
Ich hatte einen Traum. Massenweise Erkenntnispartikel und Inspirationsteilchen schwirrten durch Raum und Zeit, um paarweise auf Menschenhirne zu treffen. Im Universum ein äußerst seltenes Phänomen, denn es führt dazu, dass nicht nur der „Aha“ Effekt ausgelöst wird – hierfür ist das Erkenntnispartikel zuständig, sondern sich durch das Inspirationsteilchen auch noch Ideen manifestieren. Im selben Moment, im selben Gehirn.

Als ich den Sportladen wieder betrat, sprach mich der Inhaber an, weil ich doch neulich nach Sealskins gefragt hätte. Er hätte weiter geforscht, es gäbe da eine Alternative, die von einem schwedischen Outdoormagazin sogar besser getestet worden sei.
Und ob ich nicht kleinere Marken kennen würde, mit denen er sein Sortiment klarer von RunnersPoint abheben könnte?

Ich war im Begriff, eine Aufzählung zu starten, als ich aufwachte.

Aus der Traum. Oder doch nicht?

Werden die hochgerüsteten, agilen, und vor allem kundennahen Davids dem tumben Goliath „amazon“ den Garaus machen? Wohl kaum. Wozu auch, schließlich hat jedes Geschäftskonzept seine Stärken und Schwächen. E-Commerce existiert, und es wird immer andere geben, die im Wettbewerb besser sind. Nicht größer, aber besser.

Im Rennen bleiben ist alles.

Man muss das sportlich sehen.

David passt als Vergleich nicht recht, der Igel gefällt mir mehr, wobei sich weder Hase noch Goliath darüber allzu sehr freuen dürften, schließlich erlitten beide in ihrem persönlichen Wettstreit mit dem überlegenen Underdog eine nachhaltige Niederlage. Sei’s drum.
Der – die – Igel haben die Regeln des Wettbewerbs kreativ ausgelegt, man könnte ihnen vorwerfen, sie hätten wider den Geist des Rennens gehandelt. Statt mithalten zu wollen, was weder ihnen gegeben war, noch dem einzelnen kleinen Unternehmen möglich ist, spielten sie ihre Stärke gegen die Schwäche des Gegners aus.

„Anders“ statt „mehr desselben“.

Man darf das nicht sportlich sehen.

Bitte mehr Igel.

Zehn kleine Nägelein

Typisches Schicksal von Läuflingszehennägeln, beinahe wirklichkeitsgetreu in einem nahezu selbstgeschmiedeten Reim verpackt.

Typisches Schicksal von Läuflingszehennägeln, beinahe wirklichkeitsgetreu in einem nahezu selbstgeschmiedeten Reim verpackt.

Zehn kleine Nägelein sind an den Füßen fein,
doch leider war ein Schuh zu eng, so waren’s nur noch neun.

Neun kleine Nägelein, sie rannten durch die Nacht,
einer stieß stets vorne an, so blieben nur noch acht.

Acht kleine Nägelein, die war’n beim Ultratrail,
bergab hat’s dabei zwei erwischt, es waren nur noch sechs.

Sechs kleine Nägelein beim Berglauf in der Schweiz,
eins wurd‘ erst bunt, dann fiel es ab – es hingen bloß noch fünf.

Fünf kleine Nägelein, sie rannten Rund‘ um Rund‘
doch zwanzig Stunden war’n zu viel – zwei fielen in den Grund.

Drei kleine Nägelein, Etappenlauf macht Bock
zwei war’n danach recht bindungslos, sie hingen in der Sock‘

Ein kleines Nägelein, die Kräfte werden knapp,
der Trainingslauf war schon zuviel, die Zehe stieß es ab.

Kein kleines Nägelein, das macht die Zehen nackt,
zum Glück gibt es die Winterpaus‘, dann wachsen zehne nach.

Schrott gesucht

Gibt es das heutzutage eigentlich noch? Schrott? Völlig wertlosen Kram, der so gar nicht taugt? Mir kommt die meisten käuflichen Dinge zumindest brauchbar vor.

Selbst die Laufklamotten vom Discounter übrigens, und sogar deren Schuhe – der Selbsttest steht allerdings noch aus.

Aber richtiger Schrott? Woran erkenne ich, dass ich unbrauchbaren Krempel von echtem Schrott und Korn gefunden habe?

Ich begebe mich also auf die Suche nach irgend etwas, von dem ich nicht genau weiss, wie es beschaffen ist. Das ist ein bisschen wie Ostern, ohne Eier zu kennen. Eigentlich ein witziger Gedanke: irgendjemand muss während der Suche darüber nachdenken, was ein Ei ist. Sozusagen die Eihaftigkeit von Hühner- und Schokoeiern begreifen. Eihaftigkeit? Eisamkeit gefällt mir besser!

Schnappe ich mir den erstbesten Gegenstand, um ihn auf seine Schrottsamkeit hin zu prüfen? Dann den nächsten, und so weiter? Viel zu mühsam, außerdem habe ich Glück, weil mir ein schönes Wort in den Sinn kommt: Ein Begriff, der so inflationär gebraucht wird, dass ich mich scheue, ihn hier hinzuschreiben. Ich tue es trotzdem: die Rede ist von „Qualität“.

Alles ist, ein jedes hat Qualität, selbst der Krempel, dessen einzige Qualität darin besteht, dass er am Ladentisch herumliegt. Irgendwo steht geschrieben, Qualität würde messen, wie gut ein Produkt die gestellten Anforderungen erfüllt. Nicht schlecht.

Schrott als schlechte Qualiät, das hilft mir weiter.

Im Laufladen meines Vertrauens fällt mein Blick auf Kompressionskleidung. Ich hatte es vor Jahren mal ausprobiert, es war fürchterlich. Eingeengt nach innen, Presswurst nach außen, was für ein Schrott! Doch halt, viele schwören ja drauf. Wenn ich meine persönlichen Vorlieben als Kriterium heranziehe, werde ich kaum fündig. Nichts mit Ostern.

Am Schuhregal höre ich im Geiste eine Stimme – Lieber Leser, das bedarf keineswegs eines Kommentars wie „er hört Stimmen, ich hab’s schon immer gewusst“ – eine Stimme, die ganz osternhaft „waaarm….wääärmer…..“ flüstert. Komme ich dem Schrott näher? Was habe ich schon Blasen gehabt, Schmerzen erduldet, nur weil ich trotz zwei, drei Nummern größer gekaufter Schuhe an den Zehen zu wenig Platz hatte. Ja, ich habe breite Füße! Wieso gibt es nur diese dämlich schmalen Schuhe?

Schrott! Oder? Irgendwie nicht.

Ich werfe den Schuhherstellern vor, dass sie zwar unterschiedliche Längen, aber nicht Weiten im Angebot haben. Mich ärgert, wenn ich mich wieder einmal die Balance „zu lang“ und „zu eng“ finden muss. Für „Schrott“ reicht das leider nicht aus.

Ich suche weiter.

Da kommt mir in den Sinn, dass sich neulich jemand echauffierte, weil er im Regen trotz Jacke völlig durchnässt wurde. Heureka! Endlich bin ich fündig geworden! Das habe ich mir so lange eingebildet, bis ich die Jacke gesehen habe. Es war eine Windjacke. Sündteuer zwar, aber eben eine Windjacke. Wasserabweisend, nicht wasserdicht. Superleicht, aber für starken Dauerregen nicht gedacht.

Ich sehe mich am Ende einer Sackgasse.

Am besten, ich drehe um, und setze die Suche anderswo fort. In Japan, um genau zu sein. Dort lebt Herr Kano, der das Kano-Modell erdacht hat. Vielleicht hat er’s auch von seinen Studenten erdenken lassen, der Mensch ist schließlich Professor, und in so einer Position braucht man nicht mehr selbst denken. Wie dem auch sei, das Kano-Modell befasst sich mit Qualität. Was mir weiterhilft, ist die Unterscheidung zwischen Basis- und Begeisterungsmerkmalen.

Basismerkmale, das sind die Eigenschaften, die ich erwarte, ohne nachdenken zu müssen. Die mir oft nicht einmal bewusst sind. Und wehe, wenn das nicht stimmt: Schrooooootttt!

Klamotten zum Beispiel: lockt es irgendwen hinter dem Ofen hevor, wenn jemand erzählt, dass die Nähte halten? Das ist selbstverständlich, oder? Klares Zeichen für ein Basismerkmal. Wenn so eine Naht nach kurzer Zeit aufgeht, ärgert man sich.

Ich glaube, meine Kano-Tour hat sich gelohnt. Schrott erkenne ich daran, dass selbstverständliche Erwartungen nicht erfüllt werden.

Windjacken von Aldi halten den Wind ab. Sie sind vielleicht etwas schwerer als die der Premium-Marken, passen etwas schlechter, die Farben sind weniger stylish, aber, und das ist der entscheidende Punkt, sie halten den Wind ab. Also kein Schrott.

Schrott, das weiss ich mittlerweile, geht mir auf den Sack. Das ist bei mir ein untrügliches Zeichen. Ich benutze irgendein Produkt für den gedachten Zweck, und es nervt mich. Zum Glück kommt sowas nur selten vor, aber ich weiss jetzt, dass ich fündig geworden bin.

Ich besitze einen Trinkrucksack, dessen Tragegurte an den Verstellungen durchrutschen. Alle halbe Stunde muss ich sie nachziehen, weil sie wieder ein paar Zentimeter länger geworden sind. Tragegurte, das ist kein High-Tech, bei dem sich die Entwickler noch an die optimale Lösung herantasten müssen. Popelige Gurte an einem Laufrucksack. Die Aufgabe besteht für den Hersteller schlicht und ergreifend darin, eine geeignete Werkstoffpaarung von Gurt und Schnalle, von mir aus auch die passende Geometrie oder sonstwas so auszuwählen, dass sich die Länge leicht einstellen lässt – und eine einmal eingestellte Länge bleibt. Und die Anforderung ist nicht neu, sowas gab es schon vor hundert Jahren, damals noch mit gelochten Lederriemen. Es gibt also keine Ausrede für den Hersteller. Sein Produkt erfüllt ein Basismerkmal nicht.

Welch ein Schrott!

Des Büchers Bildband

Der Ultraläufer und Vortragsredner Norman Bücher bereist von Berufs wegen einige der schönsten Gegenden dieser Erde. Das macht den Gedanken, dies in einem Bildband zu verarbeiten, zu einem nahe liegenden. In „Extreme Abenteuer“ begleiten wir Norman auf einigen seiner langen Läufe.

CoverbildDer Ultraläufer und Vortragsredner Norman Bücher bereist von Berufs wegen einige der schönsten Gegenden dieser Erde. Das macht den Gedanken, dies in einem Bildband zu verarbeiten, zu einem nahe liegenden. In „Extreme Abenteuer“ begleiten wir Norman auf einigen seiner langen Läufe.

Indes, und ich schicke es gleich vorweg, sind Norman und ich seit Jahren gut befreundet. Ich bin also befangen, was sein Werk betrifft, weshalb ich das Buch vorstelle – aber nicht rezensiere.

Nach dem Vorgeplänkel treten wir nunmehr in die Welt der sehr langen Läufe ein, über die Norman in seinen Vorträgen und Büchern berichtet. Ich betone an dieser Stelle, dass ich auf ein Wortspiel mit Normans Nachnamen (wer es vergessen hat: er heißt Bücher) und seiner Autorentätigkeit verzichte. Das ist mir doch zu simpel.

Für den Bildband hat sich Norman die Mitarbeit des Fotografen Christian Frumolt gesichert. Es liegt in der Natur eines Bildbands, dass der Leser zum großen Teil die Rolle eines Betrachters einnimmt, um Landschaften, Szenerien, Gesichter und Stimmungen auf sich wirken zu lassen.
Christian ist, wie wir im Buch lesen dürfen, ein preisgekrönter Fotograf. Was mich als Laien betrifft, will ich das gerne glauben: coole Fotos!

Im Text – ja, auch Bildbände haben Text! – beschreibt Norman die Abenteuer aus seiner persönlichen Sicht. Er legt den Fokus dabei weniger auf das Thema Motivation, das ihn in seinen Vorträgen umtreibt, sondern auf sein Erleben der Projekte: Im Outback Australiens, durch die Atacama-Wüste in Chile, Himalaya oder Kalahari.

Wenn ich es nicht vorher gewusst hätte, spätestens „Extreme Abenteuer“ macht deutlich: Norman hat es gerne warm beim Laufen. Die Daunenjacke, in der er auf einem Bild steckt, tut dem keinen Abbruch. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, bei weit über dreißig Grad (was noch untertrieben sein dürfte) mit Sand in den Schuhen in wüster Gegend zu laufen. Wenn ich mir allerdings die Bilder ansehe, kann ich verstehen, was Norman dorthin zieht. Berge sind eher mein Ding – Hundert Meilen in Nepal, damit könnte ich mich anfreunden, und die Stimmung beim Ultra Trail du Mont Blanc habe ich selbst erlebt.
Es ist wirklich so geil wie auf den Fotos!

Ich habe das Buch übrigens als Bettlektüre: die Kapitel haben genau die richtige Länge, Text und Bilder bringen in traumhafte Stimmung!

Norman Bücher
Extreme Abenteuer
Goldegg Verlag
ISBN: 978-3-902903-07-5

Jackwolfskinisierung

Manche Firmen erwerben sich mit guten Produkten einen guten Ruf. Sie sind vollkommen zu Recht erfolgreich. Und doch muss es irgendwo einen Knopf geben, der, sobald man ihn drückt, einen unaufhaltsamen Verfallsprozess in Gang setzt: die Jackwolfskinisierung.

Als der Sauerländer Förster Jacobinius Sperlingsschnabel im Jahre 1864 einige Stoffreste zu einem Wams vernähte, hätte er sich wohl kaum träumen lassen, dass sein Lebenswerk dereinst Inspiration für einen Blogartikel werden könnte.
Dieser rechtschaffene Mann, der seinen Namen im Laufe der Jahre zunächst in Jacobus Fuchsschwanz, dann in Jakob Wolfsfell und schlussendlich jenen Namen änderte, den wir heute mit dem allseits bekannten, alltäglichen, und vor allen Dingen tatzenhaften Signet verbinden, hatte nichts weiter im Sinn, als sich in den bitterkalten Nächten auf dem Hochsitz ein wenig Wärme zu verschaffen.

Wie hätte er auch ahnen können, dass sein Schaffen in späteren Jahren zum Symbol für ein Phänomen werden sollte, welches eine hochangesehene Marke mit zunehmender Verbreitung zuerst alltäglich, und schlussendlich peinlich werden lässt: die Jackwolfskinisierung.

Dabei begannen die Geschicke der Marke mit dem Pfotenabdruck überaus vielversprechend. Die gute Qualität der von Jacobinius und seiner Frau gefertigten Wämser sprach sich schnell herum, und nach kurzer Zeit waren sämtliche Mägde der näheren Umgebung in einer eigenen Näherei angestellt.
Das, was wir heutzutage als „Expansion“ kennen, nannte Jacobinius‘ Enkel, der das Unternehmen später führte, schlicht „wachsen“. Unter seiner Ägide gedieh der Erbhof mit der Tatze prächtig, hervorragende Kleidungsstücke, später gar Rucksäcke, entsprachen den Bedürfnissen des Wald- und Waidmannes. Drei weitere Generationen später griff die aufkommende Outdoor-Bewegung gerne zu den Produkten des Hauses.

„Die Pfote“, das war lange Zeit Erkennungszeichen outdoorbegeisterter Lehrerpaare. Gute Qualität, gute Funktion, und alle waren zufrieden.

Bis, ja bis der Schalter umgelegt wurde.

Was kam zuerst?
Waren es die Schuhe, die auf einmal „auch noch“ ins Sortiment aufgenommen wurden? Oder begann das Ende damit, dass mindestens zweimal im Jahr eine neue „Kollektion“ ihren Einzug in den Katalog hielt? Etwas anders aussehend, ansonsten genau wie vorher.
Eine ständig neue, verwirrende Vielfalt weitgehend ähnlicher Produkte. Wobei der Produktmanager gemeinsam mit dem Marketing eher von Produktlinien und Marktsegmenten sprechen würde.

Aber „neu“. Der ideale Kunde kauft einmal, trägt im Urlaub, und wirft weg. Klamotten vom letzten Jahr taugen allenfalls noch für die Kleidertonne.

Muss ich, will ich schreiben, dass das Design zum Erkennungsmerkmal dessen wurde, was „neu“ war?
Nein, ich will nicht. Ich tue es nicht, denn ich würde damit ausdrücken, dass sich gute Funktion und gutes Aussehen ausschließen.
Ich wäre der letzte, der das behaupten würde, denn nicht erst das Bauhaus wusste, dass Form der Funktion folgt.
Etwas Funktion muss allerdings sein! Immer öfter fiel auf, dass funktional kaum veränderte Dinge als „neu“ angepriesen wurden.
Für die Herbstkollektion.
Vielmehr: die neue Herbstkollektion, weil die Herbstjacke von letztem Jahr dieselbe ist. Bloß der Grünton ist anders, und die Reißverschlüsse sind jetzt rot.

Die Freaks, Käufer der ersten Stunde fanden rasch heraus, dass sie im Katalog nichts mehr fanden. Lifegestyltes Zeugs hatte die hochgeschätzten Klamotten weitgehend verdrängt. Als nostalgisches Feigenblatt waren gerade ein paar Socken übrig geblieben. Dafür wuchs die Rubrik „Accessoires“ im Katalog: Gürtel, Schlüsselanhänger und Handyetuis.
Und die Uhrenkollektion.
Ganz recht, wir können auch Uhren. Uhren macht schließlich jeder, dem nichts besseres einfällt als seine unverwechselbare Marke bis zur Verwechselbarkeit breitzutreten.
Unsere sind tatziger.

Als nächsten Meilenstein auf dem langen Weg nach unten – damals wähnte man sich in der Geschäftsleitung noch auf dem aufsteigenden Ast – wurden in vielen Städten „Flagship Stores“ eröffnet, Pilgerstätten der Markenfreaks, die ihren Teil zu jackwolfskinisierten Städten beitrugen.

Tatzen. Überall Tatzen.

Wo die Träger derartiger Kleidung, wenn sie sich denn einmal begegneten, in gegenseitigem Verstehen zunicken konnten, von Outdoormensch zu Outdoormensch, war das Nicken längst nicht mehr praktikabel. Vor lauter Nickern hätte jede Einkaufsmeile deutscher Innenstädte an ein Heavy-Metal Konzert erinnert.

Headbanging im Geiste des Wolfs.

A propos deutsche Innenstädte. Sie hatten, das ist eine wenig bekannte Tatsache, längst einen Gesprächskreis gegründet. Monat für Monat saßen sie beisammen und klagten sich gegenseitig ihr Leid: „ich werde dauernd betatzt“.
„Komisch,“ sprach ein Wald, der zufällig zu Gast war, „mir kommt es vor, als stünden überall Schilder, auf denen ‚Pfoten raus‘ zu lesen ist“.

Und es jackwolfskinisierte sich weiter.

Die Familie selbst hatte sich längst aus dem Unternehmen zurückgezogen, an einen Investor verkauft.
Auf Investoren dreinschlagen ist wohlfeil. Es gibt genug schlechte Beispiele.
Und sicher ist es für die Herzblut-Fraktion leichter, Anerkennung bei den Fans zu finden.
Ich erlaube mir auch, daran zu zweifeln, dass ein abhängig beschäftigter Geschäftsführer in Dekaden denkt. Dass er den langfristigen, seine eigene Existenz überdauernden Erfolg des Unternehmens im Sinn hat.
Profit ist per se nicht verwerflich, sondern sogar notwendig.
Und auch den Gründern sei von Herzen gegönnt (Aha! Die Herzblutfraktion spricht!), dass sie mit ihren geilen Ideen, den genialen Produkten auch ordentlich verdienen.
Es kommt viel zu oft vor, dass Idealismus Lorbeeren, und zu selten, dass er Reichtum erntet.

Aber – ich wette, liebe Leser, ihr habt die ganze Zeit auf ein „aber“ gewartet. Hier ist es: aber der Bogen kann auch überspannt werden. Die Crux daran ist leider, dass man es erst merkt, wenn es zu spät ist.

Wenn er bricht.

Der Bogen.

Der Marktanteil.

Seltener der Kunde, der die Jackwolfskinisierung nicht mehr erträgt, und stattdessen zu anderen Marken abwandert, die sich längst in jenen Nischen festgesetzt haben, die dem größer gewordenen Unternehmen zu mickrig geworden sind.

Ein Symptom, vielleicht nicht einmal das, eher ein Hinweis auf eine weitere, noch niedrigere Stufe der Jackwolfskinisierung ist ein seltsames Gebaren, wenn es um rechtliche Themen geht.
Man wähnt sich in einem Schutzrecht verletzt, und prompt mahnt man den vermeintlichen Markenverletzer ab.
Vollkommen überrascht vom hereinbrechenden Shitstorm sieht man sich zum Zurückrudern genötigt, und noch während man eifrig paddelt, gelobt man gleichermaßen feierlich wie kleinlaut, man würde künftig mehr Fingerspitzengefühl walten lassen.
Die jackwolfskinisierte Marke ist dermaßen berauscht von ihrer eigenen Bedeutung, dass jede unkontrollierte Nennung des eigenen Namens als Bedrohung wahrgenommen wird. Kein Wunder, wenn der Verstand aussetzt.

Der erfolgreiche Jäger leidet unter Verfolgungswahn.

Ein Gerücht will übrigens von einem Plan wissen, europäische Wölfe auszurotten.
Weil deren Tatzen das Markenlogo kopieren.
Ohne Genehmigung.
Wie gesagt: es ist nur ein Gerücht.

Eine jackwolfskinisierte Firma hat ein großes Problem: weil große Teile der Welt jackwolfskinisiert sind, weil das Logo der jackwolfskinisierten Marke allüberall in Büros, Kinos, Autos, auf Bahnsteigen Autobahnraststätten und in Parks – seltener in der freien Natur, getragen wird. Weil es längst auf Koffern, Taschen, Jacken, Hosen, Gürteln und anderen Bestandteilen der jackwolfskinisierten urbanen Uniform geworden ist, glaubt man die Grenze des Wachstums erreicht.

Was tun?

Es gilt, eine weitere Stufe der Jackwolfskinisierung zu erklimmen. Besser gesagt: zu erstürzen, denn es geht wiederum abwärts. Man entdeckt etwas für sich, das schön mit „neuen Märkten“ umschrieben werden kann. Konkret springt man auf einen Zug, der gen Trailrunning fährt.
Möglicherweise sogar mit brauchbaren Produkten (ich verfüge über keine persönliche Erfahrung).
Schwierig wird die Sache für eine jackwolfskinisierte Marke dadurch, dass sie bereits sehr bekannt ist. Das stellt sie vor die Herausforderung, im neuen Markt ernst genommen zu werden.

Jedem alles sein wollen, das wird nicht leicht, denn everybody’s darling is everybody’s depp.

Jetzt wird also auch Trailrunning betatzt.

Vielleicht klappt’s ja.

Falls nicht, falls der Bogen bricht, erleben wir das Endstadium. Es mündet im Gang zum Discounter. Kappa wird heute bei Lidl verramscht.
Wenn die Marke stark genug ist, erbarmt sich eines Tages vielleicht jemand.
Schrumpft gesund.
Etwas kleiner und viel feiner.
Fokus auf Freaks?

Erst cool, dann überall, am Ende peinlich. Jackwolfskinisierung.