Sport und Feindbild
So als sportbegeisterter Mensch nehmen wir zuweilen an einem Wettbewerb teil. Den wenigsten Läuflingen ist es vergönnt, einen solchen zu gewinnen. Meistens ist jemand schneller als wir. Sehr viele Jemande trifft es besser. Wenn ein Rücken entzücken kann, um wieviel besser muss der Anblick von etlichen Rücken sein, die sich in beschwingtem Trab vor uns bewegen? Unaufhaltsam. Uneinholbar.
Hand aufs Herz, wir Normalschnaufer rechnen fest mit der Ankunft unter ferner liefen. Wir reden uns ein, es ginge um das Laufen an sich. Gewinnen wollen wir eh‘ nicht. Glauben wir.
Gewinnen ist nicht alles – es ist das Einzige!
Das einzige, was uns davon abhält, sind die Läuflinge vor uns.
Selten, ganz selten hegen wir einen Groll gegen diese Leute.
Warum eigentlich nicht?
Wir könnten diese lästigen, nagenden Selbstzweifel – „bin ich nicht gut genug?“ – vermeiden. Und die sind nur der Anfang. Später ertappen wir uns dabei, wie wir nach Mitteln und Wegen suchen, um in Zukunft besser abzuschneiden.
Früher oder später kommt der Klugschwätzer in uns daher: Ich weiss nicht, ob du besser wirst, wenn du etwas änderst. Aber ich weiss, dass du etwas ändern musst, damit du besser werden kannst.
Dann stellen wir unser bisheriges Träningssystem in Frage und ändern unsere Ernährung.
Das nagt. Langsam aber sicher beginnen wir uns zu fragen, ob eine Zeit von knapp unter fünf Stunden für einen Marathon herausragend ist, wenn andere in zweifuffzich laufen.
Stop. Machen wir es uns doch leichter!
Vierfünfundfunfzig sind super. Siegverdächtig. Von dieser Prämisse gehen wir aus. Fühlt sich gleich besser an, oder?
Wenn andere bei unserem Zieleinlauf schon geduscht und auf dem Heimweg sind, ist das deren Problem. Wir können nichts dafür, denn wir sind gut (siehe unsere Prämisse oben).
Daraus folgt: Wer schneller ist als wir, lässt jeden Sportsgeist vermissen. Die sind schuld an unserer schlechten Platzierung!
Wenn die nicht wären, wäre uns der Treppchenplatz sicher.
Unsportliches Gesindel.
Davon abgesehen ist natürlich Amazon schuld. An allem.
Hamwanich
Jüngst wollte ich ein Paar wasserdichte Handschuhe von Sealskinz erstehen. Handschuhe probiere ich lieber an, also begab ich mich in ein kleines Sportfachgeschäft. Inhabergeführte Läden sind mir sympathisch, dort arbeiten Menschen, die mit Herzblut bei der Sache sind. Felxibel auf Kundenwünsche reagierend, so ganz anders als die großen Ketten.
Indes antwortete man mir: „Sealskinz? Hamwanich.“
Ich erlaubte mir, vorsichtig auf die Möglichkeit einer Recherche hinzuweisen. Es gäbe, so sprach ich, neuerdings dieses „Internet“. Dort könne man nachsehen, Kontakt zum Lieferanten aufnehmen und möglicherweise bestellen.
Verständnisloser Blick.
Das sei, so meine suggestiv geäußerte These, eventuell gar der Beginn einer wunderbaren Geschäftsbeziehung. Gerade jetzt, wo die kalte, nasse Jahreszeit begänne, würden viele Läuflinge nach guten, wasserfesten Handschuhen Ausschau halten. Wäre doch toll, wenn…
Meinem Gegenüber entgleisten die Gesichtszüge.
Ich verstand.
Mit „Hamwanich“, also haben-wir-nicht, wollte mir der freundliche Mensch keineswegs den aktuellen Lagerbestand kundtun. Ich hatte kurz, ganz kurz, einige Nanosekunden lang wahrlich in Betracht gezogen, dass der folgende Satz die Richtung von „wir kriegen das schon hin“ einschlagen würde.
Tatsächlich hatte ich ihn mißverstanden.
Hamwanich ist die Vorstufe zum unwillig geäußerten „hmmm…das müsste ich bestellen“. Und das wiederum steht im Geiste von „draußen nur Kännchen“.
Eines meiner Ohren meldete mir einen Vorschlag. Von Pumadas oder Asicjackwolfshaut oder sonst irgendeiner Massenmarke hätten sie Softshell-Handschuhe. Wasserabweisend. Nicht was ich suche. Kostet dafür die Hälfte mehr als in diesem „Internet“ – und somit fast so viel wie wasserdichte Handschuhe.
ALternativen? Vielleicht andere Modelle des Herstellers? „Nur das, was da ist.“
Ist klar.
Als ich mich dankend der Tür zuwandte, fiel mein Blick auf ein Plakat, welches meine Solidarität mit dem Händler um die Ecke begehrte. Solidarität oder Nostalgie? „Nur das, was da ist“ finde ich genauso niedlich wie „Draußen nur Kännchen“. Niedlich, wohlgemerkt. Nicht erhaltenswert.
Davon abgesehen ist natürlich Amazon schuld. An allem.
Und dieses Internet erst.
Underdogs und Unternehmer
Wir alle mögen Underdogs. Ich stelle die Behauptung in den Raum, wo es ihr ergeht wie weiland Martin Luther: so steht sie hier und kann nicht anders. Damit sie nicht ganz alleine herumsteht, stelle ich ihr ein Beispiel zur Seite.
Läuflinge träumen davon, flink durch Feld und Flur zu springen wie ein Hase.
Doch halt! Zeigt die Geschichte des Wettrennens zwischen Hase und Igel nicht etwas völlig anderes?
Wie heißt das geflügelte Wort, welches der Igel – oder seine Frau – dem ankommenden Hasen entgegenriefen? „Ick bün als hier“ – Ich bin schon da. Und dem unverständigen Hasen, der sich weiterhin im Wettrennen wähnte, blieb aus seiner Sicht nichts anderes übrig, als nochmal zu rennen. Schneller diesmal. Noch schneller. Bis zur völligen Erschöpfung. Gewonnen haben die Igel, während der Hase wegen seines erhöhten Pulses dahinschied.
Höre ich jemand nach Spielregeln rufen?
Wer sagt denn, dass der Igel im ungleichen Spiel nach Regeln spielen muss?
Underdogs – noch eine Behauptung von mir – sind in ihrer vermeintlichen Unterlegenheit im Vorteil. Sie sind es jedenfalls dann, wenn sie flexibel, klug und agil handeln. Wenn sie sich Herausforderungen in einer Weise stellen, in der sie ihre Überlegenheit ausspielen können.
Womit wir beim Thema Internet ankommen, ohne den Sport zu verlassen.
Mit Amazon besteht ein griffiges Feindbild, das für jeden einzelnen Euro Umsatzeinbuße im Einzelhandel herhalten muss.
Konkurriert der Sportladen von oben mit Amazon? Kommt drauf an. Eventuell würde er sich eher wünschen, die RunnersPoint Filiale dreihundert Meter weiter verschwände. Oder weder das eine, noch das andere.
Je mehr Konzerne sich miteinander balgen, egal, ob sie das online oder offline tun, desto größer werden die Nischen für kleine Unternehmen. Ich mag Unternehmen, die von Unternehmern geführt werden.
Was aber ist ein Unternehmer?
Peter Drucker, ein großer Management-Vordenker, hat es treffend formuliert: Ein Unternehmer ist ein Mensch, der Chancen sucht und Risiken eingeht.
Das größte Risiko ist ein „weiter so“.
Mit dem gleichen Sortiment wie Runners Point, Amazon, Real? Jackwolfskinisierung allüberall? Das Massenzeug kaufe ich dort, wo es am billigsten ist.
Was sollte mich zum kleinen Laden bringen? Die selben Klamotten zum höheren Preis. Und ich muss noch hinfahren, Parkplatz suchen… Also rein ins Netz, an die Packstation liefern lassen und fertig.
Also, wo sind die Chancen?
Warum fahre ich freudig zwei Orte weiter in meinen Lieblingsbuchladen?
Warum ist nicht „das Internet“ schuld, wenn es „dem Einzelhandel“ schlecht geht?
Weil es weder „das Internet“, noch „den Einzelhandel“ gibt. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, erkennt zwei große Trends: Masse und Individualität. Mal ehrlich, wenn der kleine Händler um die Ecke das weiter tun will, was er immer getan hat – „normale Sportklamotten“ verkaufen – darf er sich nicht nur mit den großen Ketten herumschlagen, sondern auch mit dem Wettbewerb aus dem Internet: auch hier den großen und den kleinen.
Warum gehe ich zum Lieblingsbuchladen?
Ich kann Bücher, die mich interessieren, über deren Website vorbestellen. Jedes Buch, das mich interessiert. Der Laden hat eine unheimlich tolle Atmosphäre – und die Leute, die dort arbeiten, sind selbst belesen. „Hamwanich“ kommt in deren Wortschatz nicht vor.
Individualität.
Viele andere Unternehmer (!) haben die Chancen des E-Commerce für sich entdeckt und fahren gut damit. Wer sonst auf die Laufkundschaft in der Fußgängerzone angewiesen ist, erreicht auf einmal ein überregionales Publikum. E-Commerce ist eine Chance, die genutzt werden will!
Ich hatte in der Einleitung von „bestellen“ gesprochen. Zur Anprobe. In der Tat.
Auch von etwas ungewöhnlichen Herstellern abseits des Mainstream. Kleine, feine Marken, die für neue Händler offen sind, gibt es genug.
Kleine Unternehmen sind die Underdogs, die Amazon, RunnersPoint & Co entgegenrufen: „Wir sind schon da!“
Sie sind die Underdogs, die nach ihren eigenen Regeln spielen können.
Sie sind die Underdogs, die gemeinsam mit ihren Partnern glückliche Kunden haben – wo die der Konzerne bestenfalls „zufrieden“ sind.
Ein Läufling hat beim Ultratrail irgendwo in Südamerika den genialen Trinkrucksack einer chilenischen Marke entdeckt? Er betritt den Laden seines Vertrauens in Potsdam, wo der freundliche Mitarbeiter ein Exemplar per Email ordert. Oder gleich zehn.
Das Beispiel ist naiv? Selbstverständlich ist es das!
Es ist die Antithese zum „Hamwanich“.
Es ist vor allem die Antithese zum Gejammer über die schlechte eigene Platzierung im Wettbewerb.
Ist Amazon wirklich an allem schuld?
David und die Igel
Ich hatte einen Traum. Massenweise Erkenntnispartikel und Inspirationsteilchen schwirrten durch Raum und Zeit, um paarweise auf Menschenhirne zu treffen. Im Universum ein äußerst seltenes Phänomen, denn es führt dazu, dass nicht nur der „Aha“ Effekt ausgelöst wird – hierfür ist das Erkenntnispartikel zuständig, sondern sich durch das Inspirationsteilchen auch noch Ideen manifestieren. Im selben Moment, im selben Gehirn.
Als ich den Sportladen wieder betrat, sprach mich der Inhaber an, weil ich doch neulich nach Sealskins gefragt hätte. Er hätte weiter geforscht, es gäbe da eine Alternative, die von einem schwedischen Outdoormagazin sogar besser getestet worden sei.
Und ob ich nicht kleinere Marken kennen würde, mit denen er sein Sortiment klarer von RunnersPoint abheben könnte?
Ich war im Begriff, eine Aufzählung zu starten, als ich aufwachte.
Aus der Traum. Oder doch nicht?
Werden die hochgerüsteten, agilen, und vor allem kundennahen Davids dem tumben Goliath „amazon“ den Garaus machen? Wohl kaum. Wozu auch, schließlich hat jedes Geschäftskonzept seine Stärken und Schwächen. E-Commerce existiert, und es wird immer andere geben, die im Wettbewerb besser sind. Nicht größer, aber besser.
Im Rennen bleiben ist alles.
Man muss das sportlich sehen.
David passt als Vergleich nicht recht, der Igel gefällt mir mehr, wobei sich weder Hase noch Goliath darüber allzu sehr freuen dürften, schließlich erlitten beide in ihrem persönlichen Wettstreit mit dem überlegenen Underdog eine nachhaltige Niederlage. Sei’s drum.
Der – die – Igel haben die Regeln des Wettbewerbs kreativ ausgelegt, man könnte ihnen vorwerfen, sie hätten wider den Geist des Rennens gehandelt. Statt mithalten zu wollen, was weder ihnen gegeben war, noch dem einzelnen kleinen Unternehmen möglich ist, spielten sie ihre Stärke gegen die Schwäche des Gegners aus.
„Anders“ statt „mehr desselben“.
Man darf das nicht sportlich sehen.
Bitte mehr Igel.
