Galilei, gestern.

Galilei, das war der mit der Erde und der Sonne. Der herausbekommen hat, dass die Erde nicht so ganz im Zentrum des Geschehens steht, wie manche seiner Zeitgenossen das gerne gehabt hätten. Und dann muss er es auch noch öffentlich machen, dieser whistleblowende Wissenschaftler.
Ihm widme ich meine gestrige Laufeinheit.

Galilei, das war der mit der Erde und der Sonne. Der herausbekommen hat, dass die Erde nicht ganz so im Zentrum des Geschehens steht, wie manche seiner Zeitgenossen das gerne gehabt hätten. Und dann musste er es auch noch öffentlich machen, dieser whistleblowende Wissenschaftler.
Ihm widme ich meine gestrige Laufeinheit.

Denn eigentlich wollte ich gestern überhaupt nicht mehr laufen. Besser gesagt: ich wollte schon, doch halb hielt es mich, halb lag ich herum. Oder frei nach Karl Valentin: mögen hätte ich schon gewollt, aber machen habe ich nicht gekonnt.
Müde war’s, drinnen und draußen. Als hätte mir jemand den Stecker gezogen. Allein der Gedanke an das geplante Tempoträning hätte meinen Pulsschlag angstvoll steigen lassen, nur: nichtmal das gelang mir.
Stehend k.o. nennt man das wohl.

Rückblickend, nach dem Lauftraining (womit ich die Spannungskurve ansatzlos ins Bodenlose stürzen lasse, denn jetzt ist es raus: ich bin doch noch gelaufen!), fiel mir ein, dass ich tagsüber kaum etwas Vernünftiges gegessen hatte. Prima, als ob Müdigkeit alleine nicht ausreichen würde! Weder Kreis- noch Geradeauslauf ließen sich in meiner Nähe blicken, erst recht nicht, als es spät und später wurde. Anscheinend haben diese Intriganten darauf spekuliert, der Tag würde ohne weitere körperliche Ertüchtigung enden. Ein halbes Stündchen mit der Kettlebell zu mittag, soll das alles gewesen sein?

Beine, schwer wie – nein, umgekehrt: Blei würde meine Beine als Metapher für sich selbst genommen haben. „Hach bin ich fertig heute, ich fühle mich schwer wie Bein“. So in etwa hätte sich des Bleis Gejammer angehört.
Diese Beine schleppte ich also herum, um mich zum Träning fertig zu machen. Ich betone: ich schleppte die Beine, nicht sie mich.

Erschwerend (sic!) hinzu kam, dass ich mir Fahrtspiel nach Pi vorgenommen hatte. Die ersten 8 Stellen von Pi, als Minuten interpretiert, schnell gelaufen. Danach ebenso lang als aktive Erholung in langsamem Tempo.
In Zahlen sind das 3 – 1 – 4 – 1 – 5 – 9 – 2 – 6 Minuten.
Die Koordinationsleistung aufzubringen, um mich mit dem Springseil aufzuwärmen, schien mir illusorisch, ich entschied mich für das traditionell-langweilige Warmlaufen. Macht „man“ heutzutage nicht mehr, ich weiß. Gestern war mir das wurscht. Öde, monotone Fortbewegung war das Äußerste was ich mir abverlangen konnte.

Am Anfang.

Zweihundert Meter später: „Hallo linkes Bein. Schön, dass du da bist!“

Fünfzig weitere Meter: „Hey, rechtes Bein, auch dabei? Klasse!“

Der erste halbe Kilometer ließ mich glauben, ich könnte tatsächlich mit dem Träning beginnen. Drei Minuten schnell. Und ich muss ja nicht alle acht Stellen „machen“. Vielleicht nur die vier ersten? Oder nur, bis die kurze fünfkommaknapp Kilometer lange Runde vorbei ist?

Also los, drei Minuten….

GO!

Erste Minute: …puh ist das zäh…

Zweite Minute: …geht besser als gedacht…

Zweieinhalb Minuten: …huch, das Tempo ist nicht übel, deutlich unter vier Minuten je Kilometer…strengt an…und später dräut der lange Teil mit neun Minuten…naja, erstmal drei Min zu Ende bringen…

Drei Minuten: …sehr schön, erstmal locker…endlich…als nächstes zum Glück nur eine Minute, das geht schnell vorüber…

Um es kurz zu machen: ich bin die Einheit komplett gelaufen. Zur Halbzeit gesellte sich freundlicherweise mein Kreislauf dazu, während gegen Ende der Magen die sportliche Runde mit Defätismus erheiterte.
Mitten in der neunminütigen Tempoeinheit musste ich mir anhören, er sei leer. Weiß ich doch! Beine, stets offen für Anregungen, nahmen das sogleich zum Anlass, ihre Kraftlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Auch das war mir nicht neu, der Informationsgehalt gleich Null.
„Ja und?“ rief ich meinem Leibe lächelnd zu, „Ist das etwa ein Grund, auf Tempo zu verzichten? Wir laufen, so schnell wir können!“
Genau das tat ich dann auch. So schnell ich konnte – in Anbetracht der Umstände zolle ich mir ein dickes Lob, dass die schnellen Phasen alle deutlich unter 4:30 lagen.

Wieder daheim, begab ich mich unverzagt wie unverzüglich in einen Zustand fortgeschrittener Apathie. Ich inhalierte einen Berg Spaghetti. Falls heute der Nudelpreis-Index irgendeiner Warenterminbörse explodiert, wodurch Italien seine Staatsschulden mit Teigwaren tilgen kann: Leute, ich hatte Hunger. In meinem gestrigen Zustand war mir die Weltwirtschaft herzlich egal.

Lieber Galileo Galilei, Ehre sei dir. Hättest du mich gestern gesehen, du würdest ausgerufen haben: „Und er bewegt sich doch!“

Papalagi

Als der Häuptling Tuiavii Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Europa bereiste, wunderte er sich des Öfteren über eigenartige Verhaltensweisen. Warum in aller Welt sollte man seine Wohnung abschließen? Und dieses ständige Hetzen nach Besitz von rundem Metall und bedrucktem Papier – Geld – schien ihm gleichermaßen absurd wie schädlich. Außerdem sind alle von der Krankheit des Denkens befallen.
Was würde Tuiavii wohl sagen, wenn er uns heute Sport treiben sähe?

Als der Häuptling Tuiavii Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Europa bereiste, wunderte er sich über eigenartige Verhaltensweisen der Einheimischen. Warum in aller Welt sollte man seine Wohnung abschließen? Und dieses ständige Hetzen nach Besitz von rundem Metall und bedrucktem Papier – Geld – schien ihm gleichermaßen absurd wie schädlich. Außerdem seien alle von der Krankheit des Denkens befallen.
Was würde Tuiavii wohl sagen, wenn er uns heute Sport treiben sähe?

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Europa von Polynesien mindestens so weit entfernt wie Polynesien von Europa.
Oder war es umgekehrt?
Räumlich sowieso, aber es sind gerade die kulturellen Unterschiede, die Tuiavii dazu bewogen, seine Mitmenschen in elf kleinen Reden über das zu informieren, was dem Europäer damals wie heute selbstverständlich ist.

Über Zeitschriften berichtet Tuiavii zum Beispiel: In diesen Papieren liegt die große Klugheit des Papalagi. Er muss jeden Morgen und Abend seinen Kopf zwischen sie halten, um ihn neu zu füllen und ihn satt zu machen, damit er besser denkt und viel in sich hat; wie das Pferd auch besser läuft, wenn es viele Bananen gefressen hat und sein Leib ordentlich voll ist.

Was würde Tuiavii wohl denken, käme er heute in eine europäische Stadt, um sich das Leben hier anzusehen? Vor allem: wie würde er unsere Sportkultur bewerten?

Bilder aus fernen Ländern – Polynesien – zeigen meist gut tränierte Körper; Muskeln in einer Definiertheit, wie sie im Buche steht. Wo dem Betrachter das Talent zum Neid fehlt, blickt er voll Anerkennung auf Leiber, die das darstellen, was sich der Sport treibende westeuropäische Mensch von seiner persönlichen Ertüchtigung erhofft.
„Hier“, scheinen die Bilder zu rufen, „hier kannst du sehen, wohin du gelangt sein wirst, wenn du dort ankommst, wo du hinwillst!“

Der Betrachter folgert messerscharf: die Leute sind fit. Sie sind es, weil ihr Lebenswandel sie dazu macht.
„Seht ihr“, spräche Tuiavii, „wir rudern unermüdlich in unseren Booten, verlassen uns nicht auf den Gott der Motorisierung. Wir erklettern die Palme, um eine Kokosnuss zu essen, und bauen unsere Hütten aus dem, was wir dem Walde entnehmen. Der Papalagi kennt die Kokosmilch nur von Nüssen aus Metall, die er in eigenen Hütten gegen buntes Papier eintauscht“

Nüsse aus Metall – Dosen – gewiss, ob die wirklich das enthalten, was unser freundlicher Häuptling als Kokosmilch kennt? Wenn der wüsste, was auch wir lieber nicht wissen wollen….
….

Tuiavii würde die blassen, fetten Leiber hierzulande in Zusammenhang mit dem bewegungsarmen Leben der meisten Leute hier bringen.
Das würde ihn weder überraschen, noch irritieren.

Er würde dem Bemühen um Ausgleich seinen Respekt zollen, jedenfalls behaupte ich das. „Das, was der Papalagi seinen Beruf nennt, zwingt ihn oft, seinen Leib tagein, tagaus auf einem Fleck sitzen zu lassen. Er versucht, den Verfall abzuwenden, indem er rituelle Bewegungen verschiedenster Art ausführt. Der Papalagi sagt dazu, er treibe Sport.“

Soweit würde Tuiavii unsere Art, Sport zu treiben gutieren. Er würde jedoch äußerst konsterniert zu Kenntnis nehmen, dass Menschen bei herrlichstem Wetter im geschlossenen Raum – er würde von Hütten reden – tränieren. Eingeschlossen, statt draußen an der frischen Luft zu sein.

Noch mehr würde er sich über unnatürlich erscheindende Maschinen wundern. Sie ersetzen einen großen Teil des Leibes, damit ein anderer, kleiner Teil gekräftigt werde. Wozu alles andere fixieren, damit nur der Bizeps benutzt werde?
Es erschiene ihm widersinnig, einem funktionsfähigen Körper so viel Unterstützung zu geben, wo doch ein gesunder Mensch ohne Weiteres in der Lage ist, ein Gewicht zu bewegen.
Würde er verstehen, weshalb viele von uns „geführte Bewegungen“ bevorzugen, an Maschinen tränieren, obgleich unseren Körpern diese Form der Hilfe gerade dann, wenn wir die mühsam antränierte Kraft nutzen wollen, nicht zur Verfügung steht?

Klimmzugstangen ließen ihn fragen „Die Welt des Papalagi hat mehr Bäume, als wir Sandkörner am Ufer, und doch baut er sich künstliche Äste in seine Hütte, an denen er sich hinaufzieht. Hat der Papalagi denn vergessen, dass ein Baum Äste hat?“

Ich glaube, Tuiavii wäre ein Freund von „Functional Fitness“. Er würde erfreut zusehen, wie mancher mit freien Gewichten arbeitet. All das würde ihn an Vernunft im Europäer glauben lassen.

Eine Sache allerdings bliebe ungeklärt.
Draußen ist wunderbares Wetter, sagen wir: dreiundzwanzig Grad und Sonne. Durch die große Scheibe eines Fitness-Clubs sieht Häuptling Tuiavii, wie Menschen auf Laufbändern vor sich hin traben.
Er würde es nicht nur nicht verstehen, er würde es nicht bemerken, weil sein Gehirn solch wunderliches Bild nicht verarbeiten könnte.
Da geht es ihm wie mir.

Das Ölen und Zen

„Verdammte Hitze“. Mit diesem Gedanken wache ich seit Tagen auf, denn es ist Hochsommer. Die Zeit, in der mir die Sonne schon am frühen morgen auf den…jedenfalls fühlt es sich an, als würde sie ihn mir versengen.

„Verdammte Hitze“. Mit diesem Gedanken wache ich seit Tagen auf, denn es ist Hochsommer. Die Zeit, in der mir die Sonne schon am frühen morgen auf den…jedenfalls fühlt es sich an, als würde sie ihn mir versengen. Ich stehe auf, um die Jalousien herunter zu lassen. Verdunkelung ist keineswegs nur in Kriegszeiten notwendig.

Mein Kreislauf und ich gehen in dieser Zeit getrennte Wege. Ich stehe auf, um mein Tagwerk zu verrichten, er bleibt im Bett. Abends geselle ich mich wieder zu ihm. Ob er sich darüber freut? Ich weiss nicht recht, er wirkt eher unbeteiligt. Vielleicht nimmt er mir übel, dass ich nicht im Kühlhaus übernachte. Zickiges Kerlchen, so ein Kreislauf. Wie gut, dass ich auch ohne ihn klarkomme.

„Scheiß Hitze“. Allein die Vorstellung, bei sengender Sonne Sport zu treiben, treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich bin schon beim Anziehen erschöpft.
Wie heiß es ist? Keine Ahnung. So heiß jedenfalls, dass das Thermometer die Dreißig-Grad-Marke schon lange hinter sich gelassen hat. Im Rückspiegel kann es diese Marke vielleicht gerade noch erkennen. Aber ich weiss es wirklich nicht, denn schaue schon lange nicht mehr aufs Thermometer. Kann dessen flehenden Blick nicht ertragen, mit dem es mich um Schatten bittet.

Und die Schwitzerei. Alles ist klebrig, ölig. Die ganze Haut mit einer Schmierschicht überzogen. Kaum habe ich frische Klamotten an, sind sie nassgeschwitzt und ich verspüre den Drang sie zu wechseln. Ekelhaft.

Ich hoffe täglich auf ein Gewitter, mag die Show. Schwüle, dann ziehen Wolken auf, aus der Ferne lässt sich ein Grollen vernehmen. Wetterleuchten, Wind kommt auf. Dann das ganze Programm. Tags darauf ist die Luft gereinigt, es ist kühl.

Von wegen.

Kein Gewitter.

Stabile Wetterlage, hochsommerlicher Art.

Ich suche nach einer alternativen Formulierung für „die Sonne knallt unerbittlich…“. Mir kommt es vor, als würde seit Karl May keinem mehr was anderes einfallen als die Worte Sonne und unerbittlich in einen Satz zu packen, wenn es darum geht, Hitze zu beschreiben. Kara Ben Nemsi hat bei seinen Reisen, die ihn nicht nur durch die Wüste geführt haben, gewiss noch mehr Wärme abbekommen als wir hier.
Jetzt fällt mir etwas ein: „gnadenlos“ wir auch gern genommen, damit bekommen wir Westernatmosphäre, wir erinnern uns an die alten Holywoodschinken, in denen es nie regnet. Staubfahnen hängen über der Prärie, der obligatorische Kugelbusch kullert hinterdrein. Und zwei Typen stehen einander gegenüber, belauern sich. Irgendwann schießt einer, der andere fällt. Zumindest dann, wenn’s der Böse ist. Die Guten treffen immer, ballern zwanzig Mal aus dem fünfschüssigen Revolver. Durst löschte man damals übrigens mit Whisky. Das waren noch Zeiten.
Damals, als die Sonne noch – nein, nicht „sang“ – als sie noch sengte.
Sonne sengt von jeher, wahrscheinlich, weil sich aus dem Verb „sengen“ mit dem Gestirn eine Alliteration basteln lässt. Die sengende Sonne.

Sengen, das tut sie.

Scheiß Hitze.

Es ist Sommer.

Ich komme vom Laufen zurück, der Körper glüht. Erfrische mich mit einem leckeren Mix aus ACE und Milch. Trockenes T-Shirt drüber, um einen gefühlten Hektoliter Schweiß aufzunehmen, damit nicht die ganze Wohnung geflutet wird.
Nach endlos langer Kühlphase springe ich kurz unter die Dusche, um mir kurz danach die Sinnfrage zu stellen. Wozu?
Ich öle wieder ein.

Die stickige Luft im Schlafzimmer kommt mir nicht mehr gar so übel vor, am nächsten Morgen kitzelt mich die Sonne wach. Der Tag verspricht wieder heiß zu werden.
Irgendwie bin ich munterer als noch vor einer Woche, nicht schon vom Aufstehen völlig platt, geschweige denn vom Laufen.

Ich muss grinsen, als ich mich für mein Kettlebelltraining aufwärme. Kalt sind die Muskeln wahrlich nicht. Erstaunlich: es ist heiß, ich schwitze wie sonstwas, halte aber mein Pensum ohne Weiteres durch.

„Ganz schön heiß heute“.

Die abendliche Laufrunde – immer noch weit über dreißig Grad – fällt etwas kürzer aus.

Kürzer und langsamer war geplant.

Es ist halt warm. Ich genieße die warme Luft auf meiner Haut, dank des Netzleibchens gibt es reichlich Kontaktfläche. Schweiß scheint mich zu überfluten, rinnt und fließt, badet mich. Klatschnasse Haare. Ich grinse mir eins und ziehe das Tempo an. Die Hitze alleine macht einen schon fertig, aber ein Tick kann ich noch draufgeben.
Nach dem Lauf klaube ich ein altes Shirt aus der Wäsche, setze mich auf ein Handtuch.
Heute mal kühles Wasser mit Holundersirup, den meine Tante „Hollersaft“ nannte. In der Tat: Österreicherin.
Mit dem Glas in der Hand öle ich entspannt vor mich hin.

„Geiler Lauf, coole Hitze“ *

Es ist Sommer.

Ein richtig schöner, heißer Sommer.

Im Sommer bin ich genauso leistungsfähig wie sonst, nur benötigt mein Leib einen Teil der Leistung dafür, mit der Hitze klarzukommen. Das tut er sehr gut.
Ich schwitze eben, wenn’s notwendig ist auch den ganzen Tag. Einen Satz wie „Ich mache mich mal frisch“ kann ich in seiner Bedeutung erst richtig würdigen. Schön ist es, aus dem kühlen Nass zu steigen. Abtrocknen spare ich mir, zu schön ist die Kühle auf der Haut.
Noch vor einer Woche haderte ich mit jedem Grad, jedem Schweißtropfen. Jetzt denke ich nichtmal mehr dran.

Es ist, wie es ist.

Es ist Sommer.

* für das Wortspiel klopfe ich mir auf die Schultern: Coole Hitze. Ein Oxymoron.

Ampel Getrampel

Es wird ja oft beschmunzelt, wenn ein Läufling an einer roten Ampel, im Stand vor sich hintrabt anstatt still zu verharren. Welche Alternativen gibt es zum Ampel Getrampel – und wie können sie sich auf Läufling und Zuschauer auswirken? Schauen wir uns die Hitliste der verschiedenen Möglichkeiten an…

Das Bild eines an einer roten Ampel im Stand vor sich hintrabenden Läuflings ist, seien wir ehrlich, ein erbärmliches.
Was aber kann der Läufling tun, wenn er sich nicht zum Gespött machen will? Werfen wir einen Blick auf die Alternativen.

1) Ampel Getrampel
Der Klassiker – und Anlass dieser Übersicht.
Über Jahrzehnte wurde das Ampel Getrampel von führenden Leichtathleten empfohlen, seine Ursprünge werden in jener Zeit vermutet, als man „Dauerlauf“ sagte. Als man noch nicht zwischen Jogging und Running unterschied.
Ein Vorteil des Laufens auf der Stelle ist sicherlich, dass der Puls nicht zu stark absinkt.
Auf der Soll-Seite steht dem entgegen, dass genau diese Form der nicht fortbewegenden Bewegung andernorts als aktive Erholung praktiziert wird. Andernorts bedeutet: der an der Ampel trampelnde Läufling rückt in verdächtige Nähe zu Zumba und Aerobic.
Diese Nähe wiederum ist es, die zur Ächtung des Ampel Getrampels führte.

2) Der stille Stand
Die logische Konsequenz, will der Läufling sozial akzeptiert bleiben: er verharrt. Still. Immobil.
Bei kühler Witterung setzt er sich damit der Gefahr des Auskühlens aus – und letzten Endes sieht das Publikum einen Menschen, der in Laufkleidung an einer Ampel steht. In deutschen Innenstädten wird er sich schnell unkorrekt gekleidet fühlen – nicht nur der sportiven Ausdünstungen wegen das Naserümpfen der Umstehenden ertragen müssen.
Sollte das der Weisheit letzter Schluss sein?

3) Auskeuchen
Besser als beim Stillstand macht es der Läufling, der, die Hände auf den Knien abgestützt, die Ampelpause zum Auskeuchen nutzt. Doch Vorsicht! Das ist nur sinnvoll, wenn vorher schnell genug gerannt wurde. Fehlende Gesichtsröte, ausbleibender Schweiß entlarven schnell den Poser.
Und überhaupt: wer wollte den Rhythmus seines Tempotränings schon von Ampeln bestimmen lassen?

4) Seilhüpfen
Authentischer als Variante 1) wirkt es, wenn der Läufling den erzwungenen Ampelstopp zum Seilhüpfen nutzt. Im Prinzip, könnte man argumentieren, ist dies dem Ampel Getrampel sehr ähnlich, nur wirkt es weniger peinlich. Als erfreulichen Nebeneffekt findet tatsächlich ein alternatives Träning statt. Dieses setzt ausreichend Platz voraus, was in dichten, auf grünes Licht wartenden, Fußgängertrauben schwierig ist.
Natürlich muss man das Seil irgendwie transportieren.

5) Gymnastik
Wer kein Seil mitschleppen möchte, kann immer noch gymnastische Übungen einflechten. Ein paar Dehnübungen, oder eine kleine Dosis Gelenkmobilisation zeigen den Umstehenden: hier meint es jemand ernst.
Die Frage ist nur: welchen sportlichen Nutzen hat solcherlei Tun mitten in der Laufeinheit?

6) Krafttraining
Vom Träningseffekt lässt sich Kraftträning eher vertreten. Viele erfolgreiche Sportler schieben gerne mal ein paar Körpergewichtsübungen ein. Ein paar Klimmzüge, Liegestütze oder Sit-Ups können förderlich sein.
Indes sind am Boden durchgeführte Übungen im urbanen Geläuf aus hygienischen Gründen nicht unbedingt ratsam.

7) Statistik
Sauberer ist dagegen die ohnehin beliebte Läuflingsbeschäftigung namens Statistik. Wenn man eh‘ schon zum Stehen verdonnert ist, kann man geschwind die bisher angefallenen Daten auswerten. Mit Strecke, Kalorienverbrauch, Durchschnittstempo, Maximalpuls lässt sich eine Ampelphase ohne Weiteres füllen.
Aber: Zuviele Ampeln an der Strecke lassen den Sportler die Sinnfrage stellen.
Soll er wirklich alle dreihundert Meter auswerten?

8) Körperpflege
Nutzer anderer Verkehrsmittel – speziell Autofahrer – haben Rotphasen längst als Gelegenheit zur Körperpflege entdeckt. Nase bohren und Lippen nachziehen sind nur zwei von vielen Möglichkeiten.
Dem Läufling bietet sich sogar die Chance, Verdauungsendprodukte zu entsorgen – vielmehr: sie böte sich, denn moderne Ampelanlagen stehen selten einmal in geeigneter Umgebung. Zudem birgt eine zu kurze Schaltung das Risiko, die Grünphase zu verpassen.
Wenn „es“ mal länger dauert…

9) Nahrungsaufnahme
Wer den Warenausgang betrachtet hat, mag sein Augenmerk sogleich auf den Wareneingang richten, denn Essen und Trinken können bequem während der Wartezeit auf „grün“ erledigt werden. Die Sinnhaftigkeit von Ampelphasen als Vesperpause ergibt sich wiederum aus der Anzahl der Ampeln.
Im schlimmsten Fall droht Völlerei – und auf lange Sicht gar Gewichtszunahme.

10) Weiterlaufen
Der große Vorteil des Läuflings, kein Nummernschild zu tragen, führt zum Ignorieren der Ampel als Gegenentwurf zum Stillstand. Wir wollen hier nicht hinterfragen, wie sich derlei Missachtung auf die Psyche einer Ampel auswirkt, allerdings gilt es zu bedenken, dass die Verkehrslage unter Umständen zu ungeplantem Sprintträning zwingen kann.

Letzten Endes bleibt die unschöne Erkenntnis: wie man es macht, macht man’s verkehrt. Der glückliche Läufling ist der mit ampelfreier Strecke.

Paracelsus

Man hat mich gewarnt. Schon oft.
Du wirst langsamer, wenn du längere Strecken läufst. Und mit Kniebeugen machst du dir die Knie kaputt. Trinke zuviel Wasser, und du stirbst. Seilhüpfen verursacht Gelenkschäden. Laufen auf Asphalt sowieso.

Man hat mich gewarnt. Schon oft.
Du wirst langsamer, wenn du längere Strecken läufst. Und mit Kniebeugen machst du dir die Knie kaputt. Trinke zuviel Wasser, und du stirbst. Seilhüpfen verursacht Gelenkschäden. Laufen auf Asphalt sowieso.

Lieber lesender Läufling, kommen dir solche Warnungen bekannt vor? Meistens hören wir sie mit einem wohlmeinenden Unterton, der uns sagt „ich will ja nur dein Bestes“.
Wir müssten längst tot sein, wenigstens stark eingeschränkt in unserer Mobilität. Humpelnd. Japsend. Sind wir aber nicht. Weshalb nur?

Werden wir tatsächlich langsamer, wenn wir Langstrecken laufen? Das klingt, als würde uns ein Schicksalsschlag treffen, kaum dass wir eine Linie überschreiten, die irgendwo im fernen Nebel der Distanz verborgen liegt. Zwanzig Kilometer? Fünfzig? Niemand weiss, wo die Grenze liegt, aber eines ist klar: ein einziger Schritt zuviel, und unser Tempo ist dahin.

Kaum zu fassen.

Diese Geschichte mit dem Wasser, sie funktioniert im Prinzip schon, vorausgesetzt, man schafft es, innerhalb kurzer Zeit riesige Mengen zu sich zu nehmen. Mehrere Liter in ein, zwei Stunden. Das Wasser schwemmt dann sämtliche Nährstoffe, Salze und was der Körper sonst noch braucht aus ebenjenem. Darauf reagiert ein Körper ausgesprochen ungehalten.

Kann ich verstehen.

Zuviel hiervon, zuviel davon, dort eine Überdosis – und von anderem zuwenig.

Da kommt mir just eine historische Figur in den Sinn, mit beneidenswertem Namen: Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim.
Bekannter ist er unter dem Namen Paracelsus, was nicht ansatzweise so viel hermacht wie Philippus Theophrastus etc.
Wer einen solchen Namen trägt, braucht keinen Doktortitel. Allerdings eine sehr breite Visitenkarte.

Der gute Theo, der um 1500 als Arzt, Alchemist, Mystiker und Philosoph wirkte, schrieb in seinen Septem Defensiones folgenden Satz:

Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.

Auf einen einfachen Nenner gebracht: Die Dosis macht das Gift.

Klingt plausibel, oder?

Zuviel Asphalt mit unpassenden Schuhen ist sicher ungesund für die Gelenke.
Beim Wasser frage ich mich sowieso, wie es jemand hinkriegt, literweise Wasser in sich zu schütten. Bedarf es des Schließmuskeltrainings? Aber auch da ist es ja nicht das Wasser an sich, sondern zum Beispiel der Mineralstoffmangel. Hyponatriämie und so. Damit ist, wie man sieht, nicht mit zu spaßen.

Wenn ich nur Kilometer sammle, ohne ab und zu aufs Gas zu gehen, passt sich mein Körper dem an: ich werde langsam.
Die Wirkung des Giftes entsteht in dem Fall dadurch, dass kein Gegengift in Form von Tempoträning verabreicht wird. Ich kenn‘ das, kaum ist die erste Ultrasaison vorbei, gibt es nur noch lange Läufe im Komfortzonentempo. Und weil das so schön gemütlich ist, behält der Läufling das Tempo bei kürzeren Strecken bei.

Schon hat man ein Universaltempo für alles.

Es orientiert sich am längsten, mithin langsamsten Lauf.

Zuviel Langsamkeit ist Gift für die Grundschnelligkeit.

Überdosis.

Allein die Dosis machts, das ein Gift kein Gift sei.

Diese Erkenntnis hatte Paracelsus schon vor knapp fünfhundert Jahren.

Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim.

Wer mehr über und von Paracelsus lesen möchte:
Paracelsus
Septem Defensiones bei www.zeno.org