Neunzehnhundertsechsundfünfzig

Ach wie romantisch war’s doch früher, als wir noch Wandern sagten. Gemütliche Rast am Wegesrand, ganz anders als heute. Mancherorts scheint die Zeit stehen geblieben.

Ach wie romantisch war’s doch früher, als wir noch Wandern sagten. Schon das Wort „Wandern“ weckt Erinnerungen an die beschaulichen Jahre der Wirtschaftswunderzeit. Die Welt war noch klar aufgeteilt in Ost und West, gut und böse – wobei die jeweilige Zuordnung von der politischen Einstellung abhing. Heimatfilme ließen etliche Marias und Johannes‘ zueinander finden (sie trugen oftmals andere Namen, das Prinzip war stets dasselbe), die sich nicht selten bei einer Wanderung näher kamen.
Auch der Durchschnittsmensch wanderte gerne. Wie Johannes. Oder Maria. Meistens Johannes und Maria, schließlich brauchten sie etwas Zeit für sich alleine.
Man trug Kniebundhosen aus Cord, dazu ein rot-weiß kariertes Hemd. Im Rucksack aus Segeltuch, dem das Sackartige deutlich anzusehen war, fand sich eine zünftige Brotzeit, die zur Rast auf dem ebenfalls karierten Tischtuch (mangels Tisch zum Tuch degradiert) ausgebreitet wurde.

Das war 1956.

Über die folgenden Jahrzehnte änderte sich kaum etwas, eventuell wurde Baumwolle durch Kunstfasern ersetzt, und der Rucksack verlor seine Sackhaftigkeit.

Heute gibt es diese Läuflinge. Sie rasten nicht, sie hasten, denn ihre Zeit ist kostbar, entsprechend selten halten sie zur Brotzeit inne.
Nahrung nimmt man gerne während der Bewegung zu sich.

Dieses Ansinnen steht im Widerspruch zur Sitte der Rast, schließt es doch aus, das man den Rucksack, absetzt. Also bleibt der Rucksack dort, wo er gemäß seiner Bezeichnung hingehört: auf dem Rücken.

Da befindet sich also das Essen.

Und leider ist es dem Menschen nicht gegeben, dort in gleicherWweise zu hantieren wie an der Vorderseite seines Leibes.

Noch bedauerlicher ist, dass sich diese brandneue Verwendung von Rucksäcken bislang nur wenigen Rucksackbauern erschlossen hat. Sie leben wie eh und je das romantische Rasten am Wegesrand.

Wie damals.

Ich stelle mir ein typisches Büro beim Rucksacktischler vor: an der Wand hängt ein Kalender, blockiert im Jahre 1956 wie eine stehen gebliebene Uhr. Das Motiv zeigt – was schon? – eine typische Rastszene. Bergkulisse. Maria und Johannes sitzen, einander anschmachtend, in cordsamtenen Kniebundhosen bei Schwarzbrot und Schinken auf einer grünen Wiese, während im Hintergrund ein Hirsch brünftig röhrt. Der Rucksack, achtlos beiseite gelegt, harrt seiner Wiederaufnahme auf Johannes‘ Rücken.

Wundert sich irgendwer, wenn des Läuflings Bedürfnis nach griffbereiter Nahrung nur selten erfüllt wird? Immerhin, bisweilen ist eine widerwillig angebrachte Netztasche seitlich vorhanden. Um die dort untergebrachten Utensilien zu entnehmen, empfiehlt sich eine ausgerenkte Schulter und ein zweifach gebrochener Arm. Dann würde man zwar immer noch nicht sehen, was in der Tasche ist, käme aber wenigstens dran.

Ich will weder böse Absicht, noch Ignoranz unterstellen. Vielmehr scheint mir diese gewisse Form von Laufrucksäcken Ausdruck eines ernsten Bildungsnotstandes. Es gebricht den Entwicklern an grundlegenden Kenntnissen menschlicher Anatomie.
Wo kommt man mit den Händen bequem hin?

Zur Abhilfe bedarf es keines Hochschulstudiums, in unserem Fall – wir wollen lediglich lernen, wo ein Rucksack Taschen haben kann, an die man schmerzfrei herankommt, ohne ihn abzusetzen – genügt ein Kinderbuch. Grundschule. oder noch jünger.
Noch simpler ist der Selbstversuch. Ich schlage jedem Sackschmied vor, an sich herumzufingern, dann zeigt sich ihm schnell was geht und was nicht. Mutige dürfen ihren Körper gerne auch unterhalb der Gürtellinie erfahren. Dabei entfernen sie sich zwar vom Rucksack, kommen sich dafür aber näher. Oder jemandem anderen, wenn es nicht der eigene Gürtel ist. Johannes trug damals übrigens Hosenträger.

Als ergebnis solcherlei Tuns stellen er dann wenig überraschend fest: ein gescheiter Laufrucksack hat auch vorne Taschen. So wie es Nathan oder Ultimate Direction schon seit einiger Zeit vormachen. Gerne auch am Hüftgurt, und da auch seitlich. Obacht, die Ellenbogen brauchen Platz um vorbeizuschwingen, und zwar auch dann, wenn die Taschen prall gefüllt sind. Derleit Gedanken sollten zwar selbstverständlich sein, aber die Erfahrung zeigt, dass man besser darauf hinweist.

Ich möchte eine weitere Anregung geben: macht Taschen auf die Schultern, mit der Öffnung nach vorne. Ich habe vor einigen Jahren welche nachgerüstet, meine Handschuhe reisten prima im Obergeschoss. Einfach hinein- und herauszunehmen. Außerdem wäre dort noch Platz für Schlaufen, die eine kleine Lampe aufnehmen falls die Stirnlampe aus irgendeinem Grund keine Alternative ist. Oder wenn sie frische Batterien braucht.
Ich fand diesen Ort jedenfalls super.

Eine zusammengerollte Picknickdecke für die zünftige Gipfelrast findet dann umso mehr Platz im Hauptfach auf dem Rücken.

Sie passt gut zum rot-weiß-karierten Laufshirt.

Das Hunde-Experiment

Als ich neulich den Gladiator Bag testweise in meinen Fängen hatte, erinnerte mich seine Form an einen Dackel. Ein Gedanke, der mich einerseits schmunzeln, mich im selben Augenblick jedoch ernsthaft an einen tierischen Träningspartner denken ließ.
Warum, so fragte ich mich, sollte ich es nicht mit einem Hund versuchen?

Als ich neulich den Gladiator Bag testweise in meinen Fängen hatte, erinnerte mich seine Form an einen Dackel. Ein Gedanke, der mich einerseits schmunzeln, mich im selben Augenblick jedoch ernsthaft an einen tierischen Träningspartner denken ließ.

Warum, so fragte ich mich, sollte ich es nicht mit einem Hund versuchen?

Zumal, das möchte ich vorausschicken, in meiner Nachbarschaft ein geeignetes Exemplar wohnt. Helene von der Wiesenweide ist eine zauberhafte Dackeldame mit kurzem, tizianroten Haar. Ob die adlig Geborene zum gemeinsamen Schweißvergießen ausführen dürfte? Zaghaft trug ich mein Ansinnen ihrem Herrchen vor. Selbstverständlich, gab er zur Antwort, ein wenig Sport hat sie schon lange nötig!
Dergestalt offene Türen eingerannt habend, versagte ich mir den Gedanken zu äußern, der mir auf den Lippen lag: wo doch auch Herrchen etliche überflüssige Pfunde, beinahe gar einen Zentner zuviel mit sich herumträgt. Sei’s drum, das Einverständis ist gegeben, und nur das zählt.

Es kann nicht schaden, im Zusammenhang mit dem Gladiator Bag meine diesbezügliche Vorliebe für Dackel zu erläutern. Zunächst einmal weisen Dackel eine ähnliche Größe auf, während das eine Ende des Bags vom Schweif des Hundes, das andere hingegen von dessen Schnauze widergespiegelt wird. Selbige Schnauze ist entscheidend: sie liegt wunderbar griffig in der geschlossenen Hand.
Am äußeren Umfang eines Gladiator Bags befinden sich bekanntlich drei weitere Griffmöglichkeiten, von denen zwei ihre Entsprechung in den Beinpaaren des Hundes finden. Gerade ein kurzbeiniger Teckel könnte also für sportliches Tun kaum besser geeignet sein! Lange Zeit schwankte ich, ob ich des zusätzlichen Griffes wegen nicht besser nach einem Rüden ausschau halten sollte, entschied mich schlussendlich jedoch für ein Weibchen – der Größenunterschied zu den zusammengenommenen Beinen schien mir für ernsthaftes Träning ungeeignet.

Nun galt es noch ein Problem zu lösen: Das Gewicht.

Ich war an einen Gladiator Bag mit zwölf Kilogramm Gewicht gewöhnt, während Helene lediglich derer acht auf die Waage bringt.

Was tun?

Meine Recherchen führten mich zu Michael W. aus Wuppertal-Oberbarmen, der es als Hundeflüsterer zu bescheidenem Ruhm gebracht hat. An ihn wandte ich mich mit meinem Problem. Ich war nicht wenig erstaunt, als er mir eröffnete, dass solche Gewichtsveränderungen in Züchterkreisen durchaus üblich seien. Durch eine kräftige Gewichtssteigerung könne, erklärte er mir, ein mäßig begabter Dackel auf Hundeschauen durchaus als kleinwüchsiger Schäferhund durchgehen.

Er schien meinen zweifelnden Blick bemerkt zu haben, denn er kramte aus seinen Unterlagen ein Album hervor, welches die von ihm aufgestellte Behauptung anhand von Fotos und Urkunden eindrucksvoll belegte.
Seine Methode besteht darin, den natürlichen Fressdrang des Hundes dahingehend zu beeinflussen, dass dieser Appetit auf eine speziell von ihm erdachte Quarzsandmischung entwickelt. Diese würde sich durch biophysische Prozesse gleichmäßig im hundischen Leib verteilen, und so zur gewünschten Gewichtszunahme führen. Die Dosierung war übrigens sehr simpel: einfach die fehlende Masse an Quarzsand zufüttern.

In der Folge des Einflüsterns durch Herrn W. begann Helene tatsächlich den von ihr hochgeschätzten Sand als Nachtisch zu verlangen. Ihr Gewicht stieg und stieg, bis sie eines Tages die 12 kg erreicht hatte. Nach einem weiteren Wochenendworkshop mit Hundehypnose kannte sie nur ein Ziel: Gewicht halten.

Das Träning konnte beginnen.

Wir hatten unglaublich viel Freude, wenn wir im Garten miteinander herumtollten. Helene schien zu spüren, wenn eine Träningseinheit anstand, denn an diesen Tagen rannte sie mir auf ihren kurzen Beinchen besonders schnell entgegen. Ich gebe zu, dass der Anfang nicht frei von Schwierigkeiten war, weil Helene sich nach den Schleuderübungen auf meinen Nacken zu erbrechen pflegte. Doch dies legte sich zum Glück recht schnell.

So hätte es immer weitergehen können.

Hätte, denn nach einem Vierteljahr musste ich das Hunde-Experiment abbrechen.

Zwei Monate im Träning fiel mir eine leichte Steifheit in Helenes rankem Körper auf. Zuerst dachte ich an verklebte Faszien, welche ich mit gezielten Übungen zu lockern hoffte. Eine Hoffnung, die mich leider trog. Helene wurde zusehends ungelenk. Ein Besuch beim Tierarzt offenbarte das Unglaubliche: der Quarzsand in ihrem kleinen Körper hatte sich mit Wasser, welches sie trank und dem von einer nahe gelegenen Baustelle herbeigewehten Zement zu Mörtel verbunden.

Nun steht Helene starr und steif, mit ruckartig wedelndem Schweif auf der Fensterbank, von wo aus sie mit traurigen Augen auf die Stätte unseres Glückes schaut. Ich glaube, das Wort Dackelblick bekommt erst jetzt, erst durch sie seine wahre Bedeutung. Natürlich, so haben mir alle konsultierten Fachleute, vom Veterinär über Herrn W. bis zum Bauingenieur versichert, baut Mörtel sich im Hundekörper binnen einiger Woche ab, doch gemeinsamen Sport wird es danach nicht mehr geben.

Denn mit 8 Kilogramm ist Helene ein allzu leichtes Mädchen.

Es geht!

So verschieden die Läuflinge, so unterschiedlich sind ihre Füße. Sie sind groß oder klein, und ganz breit bis superschmal. Eigentlich sollte es der Schuhbranche selbstverständlich sein, bei gleicher Größe in unterschiedlichen Weiten anzubieten. Eigentlich. Die Lebenserfahrung zeigt stattdessen ein ernüchterndes Bild. Doch ich sehe einen Silberstreif am Horizont.

zappos1So verschieden die Läuflinge, so unterschiedlich sind ihre Füße. Sie sind groß oder klein, und ganz breit bis superschmal.
Gespräche mit anderen Läuflingen legen ein universelles Problem offen: es gibt selten Laufschuhe, die wirklich passen. Wenn dem so ist, dann hauptsächlich deshalb, weil der Fuß zum Schuh passt. Ein Fuß, der dem genormten Verhältnis von Länge und Breite entspricht – wessen Laune wir das auch immer verdanken.

Glück gehabt, kann ich da nur neidlos sagen.

Passende Gene.

Meine Füße sind breit, also bleibt mir die Wahl zwischen Pest und Cholera. Das heißt, die Zehenbox bietet genug Raum, dann sind die Schuhe meistens zu lang. Oder ich lege Wert auf Halt in den Schuhen, und darf mich auf längeren Strecken vom einen oder anderen Zehennagel verabschieden. Nun gut, es sind derer Zehn, da kommt’s nicht auf jeden einzelnen an. Schade ist es trotzdem, besonders für die Nägel. Sie hängen an mir.

Was tun eigentlich Leute mich schmalen Füßen? Stopfen die sich zusammengerollte Socken in die Schuhe?

Manche Marken haben den Ruf, besonders eng zu schustern. Bei anderen heißt es, ihre Schuhe fielen weit aus. Weshalb, frage ich mich, nimmt niemand die Verschiedenartigkeit von Läuflingsfüßen zur Kenntnis?
Hat Prokrustes die Branche gewechselt und baut statt eiserner Betten nunmehr Schuhe? Flugs träume ich von einem modernen Theseus, der Schuhschuster von ihrer eigenen Medizin zu kosten gibt: hundert Kilometer in unpassender Fußbekleidung.

Möget ihr unsere Schmerzen spüren!

Lernet daraus!

Seit Jahren schon will die Gerüchteküche wissen, dass einige Hersteller ihre Produkte in verschiedenen Weiten anbieten. Nur: wo gibt es sie zu kaufen?
Im Laden gab es die allseits bekannte Aussage Hamwanich. Kennichnich. Weissichnich. Bestenfalls könne man mal nachfragen.

Selbst im Internet, sonst ein Born der Kundenfreundlichkeit lassen sich Schuhe nur per Größe ordern. Sogar Amazon und Zalando, scheint die Anatomie menschlicher Füße unbekannt.

Sollten passende also wirklich passende Schuhe nur per Maßfertigung zu bekommen sein?

Oder sind die Gerüchte wahr? Werden eventuell doch verschiedene Breiten hergestellt? Aber wo? Von wem? Gibt es in finsteren Kellern heimliche Werkstätten, wo ergraute Schuhmachermeister in seligem Angedenken an frühere Zeiten die Füße ihrer Kunden im Blick haben? Leisten in vielen Weiten wurden bei Nacht und Nebel von Hand gefertigt, um auf gefahrvollen Pfaden gen Asien geschmuggelt zu werden wo sie seither in einer eisernen Werkzeugkiste verwahrt werden.
Den Schlüssel verwahrt der älteste Meister, der ihn vor seinem Tode mit an den Nachfolger weitergibt. Dabei spricht er die mahnenden Worte:

Leisten, bleib‘ bei deinem Schuster.

Ja, das ergibt einen Sinn.

Sind diese besonderen Schuhe nur durch Beziehungen zu bekommen? Herausgeschmuggelt, um auf konspirativen Treffen in Bahnhofstoiletten den Besitzer zu wechseln?
Wenn ich Recht habe, dürfte Beschaffungskriminalität auch in Läuflingskreisen ein Thema sein. Mir fallen Kriegsgeschichten ein. Früher sei man auf Schlachtfeldern umhergegangen, um den Toten die Stiefel von den Füßen zu ziehen. Wundert mich das? Meine Güte, da liegt ein Läufling mit solch magisch passenden Schuhen am Wegesrand…
Regt sich kaum. Mit den Schuhen kann er sowieso nichts mehr anfangen, jedenfalls nicht auf den nächsten zehn Kilometern. Ob er tot ist? Meine Güte, bin ich Arzt?

Mir ist jedenfalls klar: wer eine Quelle für Schuhe in passender Breite kennt, wird sie niemals verraten.

Doch.

Ich tue es.

Jetzt.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich dem Schwarzmarkt damit die Lebensgrundlage entziehe, ich mich unter falschem Namen in einer fremden Stadt verstecken, und unter ständiger Bedrohung durch wen auch immer mein künftiges Dasein fristen muss: ich werde nicht länger schweigen.

Zappos.

Bei Zappos lässt uns nicht nur die Größe, sondern auch die Weite auswählen. Leider liefern sie nur in die USA, aber wer jemanden kennt, der von jemandem weiß, der dort eine Adresse (Briefkasten genügt) hat….

Bin ich begeistert? Ja!
Wobei es mir schwerfällt, diese meine Begeisterung im Zusammenhang mit meinem geliebten Kano-Modellzu sehen. Kano, das ist der Mensch, der bei Anforderungen von Kunden unter anderem zwischen Basis- und Begeisterungsfaktoren unterscheidet. Basismerkmale sind für mich selbstverständlich – wie zum Beispiel, dass ein frisch gekauftes Brot frei von Schimmel ist. Begeisterungsaspekte lassen mich jubeln.

Aber der Schuhkauf nach Größe und Weite?
Es ist eine beileibe uralte Erkenntnis, dass menschliche Füße kein konstantes Verhältnis von Länge zu Breite haben. Insofern ist sehe ich es als Basismerkmal an, wenn Hersteller und Handel dem Rechnung tragen. Dessen ungeachtet freue ich mich natürlich, dass Zappos nun als erstes Unternehmen den Tiefschlaf einer ganzen Branche beendet.
Besonders pikant an der Geschichte ist übrigens, dass Zappos seit 2009 Tochter von Amazon ist.

Hallo, Amazon? Aufwachen!

Ich für meinen Teil werde eine Testbestellung bei Zappos platzieren. Test, denn nach einem Leben in der Servicewüste muss ich mich auch erst an den Schuhkauf mit zwei Parametern – Größe und Weite – gewöhnen.

Aber, und das ist das wichtigste: es geht.

Hurra!

Alte Blätter

Alte Blätter, also Ur-Laub ist, was ich mir gegönnt habe. McAllen im schönen Texas lässt mich den Sommer verlängern – gelaufen wird natürlich auch!

Im Herbst fallen sie bekanntlich, die Blätter. Was hat das mit dem Artikel zu tun? Nichts.
Alte Blätter, bildungssprachlich Ur-Laub, bezeichnen jenen Zeitraum den der arbeitende Mensch zu Erholung und zum Erweitern des geistigen Horizonts nutzt.

Andere Länder, andere Sitten.

Wobei eine klischeehafte Untergruppe der Reisenden mit Horizonterweiterung wenig am Hut hat, das einzig geistige Ziel sind geistige Getränke, während er obengenanntes Motto zu andere Länder, andere Titten modifiziert.

Ich für meinen Teil bin zu Besuch bei meinem Laufkumpel Francisco im texanischen McAllen – direkt an der mexikanischen Grenze. Hocherfreut darf ich anmerken, dass mein Erkältungsrest, der mich wochenlang peinigte, wohl auf dem europäischen Festland zurückgeblieben ist. Möge er verrottet sein, wenn ich wiederkomme.
Infolgedessen gedenken wir am Cactus Rose Trail teilzunehmen – in meinem Fall über 50 Meilen, Francisco wird, wenn es gut läuft, die Hundert vollmachen.

Die erste große Hürde erwartet uns in Form des Starts um fünf Uhr morgens. In Worten: Fünnef. Heiß wird’s werden, aber weniger schwül als hier. McAllen, nahe beim Rio Grande gelegen, hält Schwüle mit 90% Luftfeuchtigkeit bereit. Zeitlebens hatte ich Texas mit Steppenklima verbunden: heiss zwar, aber trocken. Daran hat John Wayne Schuld. Oder Bonanza. Überhaupt alle Western – außer Django. Erst seit Django wissen wir, dass Westernhelden auch mal regennass werden, und im Schlamm der Hauptstraße waten.

Das Straßenbild unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von dem unsrigen: Pickups in Hülle und Fülle. Traumhaft, meine Phantasie schlägt ob dieser Universal-Alltags-Urlaubs-Aktivitätsgerätschaften mit schier grenzenlosem Freizeitwert Purzelbäume.
Hier ist der doppelkabinige fullsize Pickup Standard. Und bei uns? Irgendein Golf.

Rechtzeitig vor dem Lauf erwarb ich in Germans (seinerseits ein Laufkumpel von Francisco) Lauf- und Triathlonshop Valley Running Store ein Paar neuer Trailschuhe in Form der Salomon Fellraiser, dazu Zehensocken von Injinji . Ich bin neugierig, wie „es“ sich in Zehensocken läuft.

Wer bis hierhin aufmerksam gelesen hat, erahnt vermutlich schon die Themen der folgenden Artikel.

Achtung, Selbsttest:
– Cactus Rose 50
– Salomon FellRaiser
– Zehensocken Injinji
– Valley Running Store
– ….und was mir noch so einfällt!

Herbstliches Frühlingsgefühl

Kürzlich erwachte ich früh genug, um eine Runde zu drehen, bevor ich mich ins Büro aufmachte. Bereits der Blick aus dem Fenster machte meine Beine vorfreudig zucken: Morgensonne. Herbst. Herrlich.

Kürzlich erwachte ich früh genug, um eine Runde zu drehen, bevor ich mich ins Büro aufmachte. Bereits der Blick aus dem Fenster machte meine Beine vorfreudig zucken: Morgensonne. Herbst. Herrlich.

Die ganze Zeit war es recht warm gewesen, also sprang ich in eine kurze Tight, bevor ich in der Hoffnung auf kühle Temperatur ein langes Leibchen über das T-Shirt warf.

Ich wurde nicht enttäuscht.

Wie mich ein späterer Blick auf das Thermometer belehrte, erwarteten mich vollzählig angetretene zwölf Grade. Also genau richtig für mich.

Angenehme Kühle umhauchte meine unbedeckten Waden. Unbedeckt? Ich meine mich zu erinnern, dass der andernorts verwandte Fachbegriff hierfür „nackisch“ heißt.

Zwölf Grad, Sonne, nackische Waden.

Das Traumpaar des Jahres, diesmal in Gestalt eines flotten Dreiers.

Lächelnd, das Herz ebenso leicht wie meine Schritte, lenkte ich dieselben gen Ortsrand. Das Gras trug ein kleidsames Kleid aus Tautropfen, die in der Sonne funkelten.
Ich sinniere, ob sie eine poetische Seele nach dem griechischen Buchstaben benannte? Welch ein Glück für die Tropfen, man würde auch Alphatropfen, Gammatropfen oder Omykrontropfen sagen können.
Welch ein Unfug, schalt ich mich grinsend, und versprach mir, gleich nach der Rückkehr ein etymologisches Wörterbuch zu Rate zu ziehen. Denn das griechische Alphabet wird kaum Pate gestanden haben – wie kamen Tautropfen dann zu ihrem Namen? Klar, der Taupunkt. Das Tauen. Woher aber kommt das wiederum?

Ein Blick nach links lies mich diese meine Gedanken unterbrechen. Meine Aufmerksamkeit wurde vom Morgennebel eingefangen, der sich in den Senken gebildet hatte. Beinahe schmerzhaft erfüllte die Landschaft das „Herbstlandschaft“ Klischee. Es gibt ja massenweise Zeitschriften, die irgendwas mit „Land“ im Titel tragen. Über das Landleben als Aufhänger beschwören sie die Vorstellung einer guten alten Zeit, in der sowieso alles besser war. Wetten, dass in den Oktoberausgaben Fotos mit Morgennebel zu finden sind? Im Hintergrund ein bäuerliches Anwesen mit warm erleuchteten Fenstern.

Und Holz. Holz ist wichtig. Holz vor der Hütt’n.

Nicht bei der Dame des Hauses, sondern beim Haus selbst.

Holz transportiert Wärme, genauso wie es Kastanien, Kürbisse und die Farben des bunter werdenden Laubs tun. Um die Dekoration kümmert sich die Dame, nachdem sie vom Artikel „die schönsten Deko-Ideen für den Herbst“ inspiriert wurde. Der zugehörige Herr hat in der Zwischenzeit für eine glaubhafte Menge Holz vor der im Foto abgebildeten Hütt’n gesorgt.

So will es das Klischee.

Auf meiner Runde findet sich weder Hütt’n mit Holz davor, noch eine entsprechend ausstaffierte Dame.

Schön ist es allemal.

Ich freue mich schon auf November, denn im Moment ist das Laub noch ziemlich grün. Noch ein paar Wochen, und es herrschen wärmere Farben vor: rotbraun, gelb, orange.

Herbst eben.

Herr Bst.

Wo, frage ich mich, hat er eigentlich seine Frau gelassen? Frau Bst. So wie Frau und Herkules. Oder das Ehepaar Lich? Regt sich denn keiner der Genderbewegten über sowas auf? Hoch- und Tiefdruckgebiete sind vollverquotet, auch Stürme tragen Männernamen. Mit Ursel haben wir eine Kriegsministerin, die mehr Eier in der Hose zu haben scheint als mancher Vorgänger. Da muss man sich fragen: sind das ihre eigenen? Oder handelt es sich auch um eine Trophäensammlung?

Wir könnten doch wirklich eine Monats- und Jahreszeitenquote einführen.

Im Wechsel.

Dann gäbe es mal Herbst und Fraubst. Im Jahr nach dem männlichen August gäbe es Auguste, welchselbige auf die heiße Julia folgt.

„Bloß nicht aufschreiben, solche Gedanken! Am Ende greift es noch jemand auf, und es wird weitergequotet.“ Ermahne ich mich, bevor ich meine Füßinnen gen Heimat richte.

Leicht verschwitzt (das lange Top trug ich gerade mal zehn Minuten, bevor ich es um die Hüften schlang) schleudere ich die Schuhe von den Füßen und hechte dem Bücherregal entgegen: der Tau gehört zum selben Wortstamm wie Dunst – und hängt darüber mit Rauch, Staub etc. zusammen.

Ahnte ich es doch.

Herrrrlicher Herrrrrbstlauf. Weckt Laune, Lust und Lebensgeister.

Frühlingsgefühle.

Sag‘ ich doch.