Träume, Licht und Schatten

Wir leben in einer schönen Zeit, in der wir uns vom gemütlichen Wohnzimmer aus einen Überblick über die Versuchungen in Form von, sagen wir: Sportbekleidung, verschaffen können. Weltweit. Wenn es allerdings darum geht, solchen Versuchungen nachzugeben, trennt sich, wie man so schön sagt, oft die Spreu vom Weizen.

Wir leben in einer schönen Zeit, in der wir uns vom gemütlichen Wohnzimmer aus einen Überblick über die Versuchungen in Form von, sagen wir: Sportbekleidung, verschaffen können. Weltweit. Wenn es allerdings darum geht, solchen Versuchungen nachzugeben, trennt sich, wie man so schön sagt, oft die Spreu vom Weizen.

Ich muss mich dann daran erinnern, dass wir das Jahr Zweitausendundsechzehn schreiben. Und immer wenn ich das tue, sehe ich mich gezwungen, anzuerkennen, dass einige Menschen den Schlag namens „Internet“ noch nicht gehört haben. Obzwar er seit mindestens zwanzig Jahren deutlich vernehmbar dröhnt.

Wovon ich rede?

Von einem meiner Lieblingsthemen: Unternehmen und Kommunikation.

Am besten zeige ich das anhand zweier Traumleibchen, wie für meinen Leib nebst zugehöriger Seele geschneidert – und dem Versuch ihrer habhaft zu werden. Oder zumindest Informationen zur Beschaffung zu erhalten.

Da gab es vom italienischen Hersteller Montura das Trail Move Maglia, ein wunderbares T-Shirt, wie ich es mir für Trails wünsche: tolles Material, langer Frontreißverschluss, große Netztaschen vorne und, das ist der Clou: es ist mit einem Bolero gepaart, der im Falle des Falles zusätzlichen Wetterschutz bietet.
Auf einer japanischen Website gibt es Bilder davon.

Wie gesagt: ein Traum.

Mein Traum.

Schade, dass das Teil seit geraumer Zeit nur noch restpostenhaft erhältlich ist – nicht in meiner Größe. Was also liegt näher, als beim Hersteller höflich nachzufragen, ob man an eine Neuauflage denkt. Der muss schließlich wissen, ob ich mir Hoffnung machen darf. Leider habe ich nicht damit gerechnet, dass Montura zwar tolle Klamotten konzipiert, aber keine Lust hat, mit potentiellen Endkunden in Kontakt zu treten (wozu haben die eigentlich ein Kontaktformular auf der Website?). Kurzum: man fand mich keiner Antwort für würdig.

Klar, höre ich da jemanden sagen, ein Unternehmen hat ein Marketing-, Vertriebs-, PR-, Kommunikationskonzept. Manche setzten eben ausschließlich auf den Handel als Schnittstelle zum Markt. Wahrscheinlich gibt es hierfür auch einen denglischen Begriff wie „Point of Interest“. Als einzelner Anfrager falle ich halt durchs Raster. Wo käme man denn hin, wenn man jeden bedienen wollte, der den vorgegebenen Pfad verlässt? Montura setzt auf Alpstationen , ein Konzept, dessen Name meines Wissens Flagship Store heißt, eine direkte Anfrage in der Zentrale ist nicht vorgesehen. Selbst wenn ich tausend Shirts auf diesem Wege hätte ordern wollen: es ist der falsche Weg.

Tatsächlich?

Ist er das?

Erwarte ich Unmögliches, wenn ich eine dargebotene Kommunikationsmöglichkeit nutze? Ist es nicht vielmehr so, dass ich mich als Verbraucher heutzutage sehr gut informieren kann über das, was am weltweiten Markt verfügbar ist (und war), und auf Grund dieser Informiertheit einen anderen Anspruch an die Qualität der Kommunikation haben kann? Ein Anspruch, aus dem sich eine Herausforderung für Unternehmen ableitet, welche da schlicht lautet: ihr müsst Schritt halten!

Ihr müsst damit rechnen, dass ein chilenischer Sportverein zwanzig Hosen bestellt, die euer globales Marketing eigentlich für den koreanischen Markt vorgesehen hat. Und wisst ihr was? Die haben Recht. Ihr produziert das, ihr macht es bekannt weil ihr es verkaufen wollt – also sorgt gefälligst dafür, dass die Chilenen ihre Hosen bekommen.

Globalisierung nennt man das.

Liebe Unternehmen: ihr befürwortet die Globalisierung, also globalisiert auch euch selbst.

Erzähle mir bitte niemand von einer Vielzahl an Anfragen, die nicht handhabbar sei, von Unternehmen schon mal gleich gar nicht.

Erzähle mir bitte niemand davon, dass Leute wie ich nur Einzelfälle sind – ich bin versucht, von bedauerlichen Einzelfällen zu sprechen. Bedauernswerte, arme Seelen, die den Ruf der Wirtschaft störe meine Kreise nicht ignorieren. Egozentriert erwarten wir allen Ernstes, dass man unsere Wünsche erfüllt; Wünsche, die man selbst geweckt hat. Sollen wir doch das kaufen, was man uns anzubieten bereit ist.

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

Von wegen.

Wir spielen das Spiel nicht, weil es auch anders geht. Weil es Händler und Hersteller gibt, die das Spiel des Kunden spielen.

Auf den Tisch kommt, was der Kunde essen möchte. Er will das serviert bekommen, was er auf der Speisekarte findet – kein Ding, wenn Zutaten fehlen: darüber lässt sich reden. Genau das muss der Wirt aber auch tun. Wie gesagt: es geht.

Und wie es geht, zeigt eine sehr schöne Erfahrung mit einem anderen Traumleibchen.

Der britische Hersteller Ashmei fertigt es.

Ein Hoodie aus einem Merino-Mischgewebe (hier ein Link dorthin), mit – und jetzt kommt’s – Daumenlöchern und einem zusätzlich aus dem Ärmel herausstülpbaren Handschuh. Von so etwas träume ich seit Ewigkeiten. Die Kapuze lässt sich übrigens mit einem Knopf fixieren, damit sie nicht durch Gebaumel nervt.

Ich hatte ein paar Fragen zur Größe und zu ebenjenen integrierten Handschuhen, von denen auf der Website leider keine Fotos vorhanden sind. Am späten Abend kurz angechattet (ja, Website mit Chat), am nächsten Tag hatte ich eine Email im Posteingang, in welcher man nach kurzem Bedauern darüber, dass man nicht persönlich da war, meine Frage nett beantwortete. 24 / 7 brauche ich wirklich nicht, ich muss nicht nachts um halb eins sofort Antwort bekommen. Ein, zwei Tage kann ich mich vor allem bei kleinen Unternehmen gedulden. Meine nächste Frage stellte ich übrigens zu Geschäftszeiten, so dass ein schöner Dialog mit Hannah zustande kam.

Ich werde mir das Ashmei-Hoodie gönnen, um meinen ersten Auftritt als Coach Siggi zu feiern.

Viel Licht.

Erfüllter Traum.

Ashmei zeigt stellvertretend für viele andere, dass es geht!

Gute Kommunikation mit dem Markt ist möglich.

Buchbüchertipps für lesende Sportlinge

Eine der schönsten Kombinationen meiner Leidenschaften Sport, Lesen und Lernen ist natürlich die Lektüre von Ratgebern zum Thema Sport. Neulich fiel mir auf, dass mich eine Handvoll Bücher nachhaltig beeindruckt hat. Besonders wertvoll, und deshalb eine klare Empfehlung wert.

Eine der schönsten Kombinationen meiner Leidenschaften Sport, Lesen und Lernen ist natürlich die Lektüre von Ratgebern zum Thema Sport. Neulich fiel mir auf, dass mich eine Handvoll Bücher nachhaltig beeindruckt hat. Besonders wertvoll, und deshalb eine klare Empfehlung wert.

Jetzt frag‘ ich mich: was genau machte diese Bücher für mich zu etwas besonderem? Ja, ich stehe auf durchdachte Argumentation, darauf, dass ein Autor sich unterschiedliche Positionen zumindest angesehen hat. Oder, wenn er das nicht tat (warum auch immer), will ich als Laie wenigstens das Gefühl vermittelt bekommen, ich kann nachvollziehen, woher Ratschläge kommen. Unhinterfragte Weisheiten irgendwelcher Gurus scheinen mir oftmals als das, was sie vermutlich oft sind: Dogmen.

Lieber Leser, mach‘ das genau so, wie ich es dir sage.

Warum?

Deshalb: jede Behauptung mit Begründung, jede Begründung mit Diskussion.

Nicht nur des guten Eindrucks wegen.

Freilich habe ich nicht an jedes der Bücher die oben skizzierte Messlatte angelegt, indem ich jede Argumentationskette formal analysiert hätte. Es ist halt auch so ein Gefühlsding. Aber, und das zeichnet all diese Werke aus, die Autoren liefern fundiertes Wissen, keine bloßen Behauptungen. Sie gehen systematisch vor – jeder auf seine eigene Weise, auf unterschiedlichem Niveau – und sie betten ihre Empfehlungen in einen stützenden Rahmen.

Unter dem Strich hat das bei mir dazu geführt, dass ich sie alle sehr gerne gelesen, und als ausgesprochen lehrreich im Sinne praktischer Tipps und horizonterweiternd empfunden habe. Außerdem nehme ich sie von Zeit zu Zeit gerne in die Hand, wenn ich etwas nachschlagen will, oder um mein Training zu verbessern.

Muss ich noch ansprechen, dass mich ein schöner Schreibstil anspricht?

Muss ich erwähnen, dass die Aufforderung zum Selbstdenken auf Basis neu erworbenen Wissens mich für ein Buch einnimmt?

Los geht’s, hier ist die Liste.

Running Sciencerun_science
Noch ein Laufbuch? Echt? Wo doch unter den am Meere liegenden Sandkörnern das geflügelte Wort kursiert „das gibt’s doch wie Laufbücher im Regal“, sobald von großen, tendenziell unnötig großen, Mengen die Rede ist.
Also ein weiteres Laufbuch. Allerdings eines, das die meisten anderen bei Weitem überragt, wie eine Sandburg am Strande. Weshalb? Nun, nicht von ungefähr trägt das Buch Science im Titel. Anderson greift althergebrachte Trainingsweisheiten auf – im Winter machen wir die langen, langsamen Läufe, gell?! – berichtet über die Studien, die ihren Ursprung lieferten, und diskutiert sie. Diskutieren heißt wirklich diskutieren, nicht verwerfen. Allerdings gelangt er oft zum Ergebnis, dass es andere, bessere (sprich: effektivere) Wege zum Ziel gibt.

Unter dem Strich ist Running Science ein angenehm zu lesendes, äußerst lehrreiches Buch, welches ich häufig zur Hand nehme.

Running Science
Owen Anderson
Verlag: Human Kinetics (8. August 2013)
ISBN-10: 073607418X

Overcoming Gravityov_gravity
BWE – bodyweight exercises – reiten auf der trendigen Welle, die vom Gerätetraining wegschwappt, um auf den Callisthenics-Ozean Richtung Functional Training zu überqueren. Dabei vergessen wir gerne, dass Turner nichts anderes tun, als mit ihrem Körpergewicht zu arbeiten. Steven Low, seines Zeichens einer jener Turner, liefert mit Overcoming Gravity eine umfassende Betrachtung vom Körpergewichtstraining, freilich durch die Brille des Turners betrachtet. Freunde von Umgangston und Übungen des militärischen Drills werden nicht auf ihre Kosten kommen.
Wer dagegen auf eine fundierte Hinführung zum Thema Aufwärmen, Abkühlen, Krafttraining, Prä- und Rehabilitation steht, und reichlich Futter für die individuelle Programmgestaltung: das ergänzt den reinen Übungsteil.
A porops Übungsteil: Low baut auf zunehmend schwerer werdende Übungstypen, wer den vorgestellten Progressionen bis zum Ende folgt, findet sich schlussendlich auf dem Niveau eines wettkampftauglichen Turners wieder. Ich für meinen Teil setze meinen Ehrgeiz darin, die drei ersten Einstiegsstufen erfolgreich absolviert zu haben.

Lockerer Schreibstil und der häufig zu findende Hinweis, der Leser solle selbst denken, statt dem Buch nicht wortgetreu folgen, machen Overcoming Gravity zu einem meiner liebsten Trainingsbücher.

Overcoming Gravity
Steven Low
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (12. November 2011)
ISBN-10: 1467933120

Kettlebell RxKB_Rx
Ich habe Kettlebell Rx an anderer Stelle schon rezensiert, weshalb ich mich hier relativ kurz fasse. Martone ist, soweit ich weiß, einer der ersten RKC Instruktoren, insofern also Mann der ersten Stunde. Mit Kettlebell Rx hat er meiner Ansicht nach eines der hilfreichsten Bücher zum Kettlebelltraining verfasst: anders als die meisten anderen sind die einzelnen Übungen äußerst detailliert beschrieben und durch Korrekturübungen ergänzt.
Zudem beschreibt er ausgesprochen viele Übungen. Man merkt, dass sich Martone mittlerweile der CrossFit-Bewegung angeschlossen hat, so führt er den American Swing als Übung auf, dessen Sinn ausgesprochen zweifelhaft ist. Würde ich eine Bewertung erwarten? Nein. Martone zählt die Übungen auf, ohne sich zu positionieren. Hier bleibt es dem Leser überlassen sein eigenes Urteil zu bilden. Da Anfänger im Kettlebelltraining ohnehin auf einen qualifizierten Trainer zugreifen sollen, bleibt Kettlebell Rx ein klasse Buch zum Thema.

Kettlebell rx
Jeff Martone
Verlag: Victory Belt Publishing; Auflage: Original. (15. Dezember 2011)
ISBN-10: 1936608995

Handbuch TrainingslehreHB_Trainingslehre
Soweit ich mich erinnern kann, war das mein erstes Buch zum Thema „Training“, das ich in grauer Vorzeit mal irgendwo am Wühltisch ergatterte. Damals, als zehn Kilometer noch eine lange Strecke waren…
Wenn ich es heute zur Hand nehme, stelle ich fest, dass viele Dinge im Training relativ gleich geblieben sind. Auch damals – 2000 liegt über 15 Jahre zurück – unterschied man Tempoeinheiten von Läufen im aeroben Bereich. Und die Autoren setzen den Begriff der Kondition schlüssig aus seinen Einzelkomponenten zusammen. Heute orientiere ich mein Training lieber an Running Science (siehe oben), dessen ungeachtet bleibt das Handbuch für mich ein Nachschlagewerk mit soliden Grundlagen.

Dietrich Martin, Klaus Carl, Klaus Lehnertz
Verlag: Hofmann; Auflage: 3., unveränd. Aufl. (2001)
ISBN-10: 3778040030

SporternährungSporternährung
Der Name des Autors weckt Kindheitserinnerungen in mir, denn zu meiner liebsten Lektüre gehörten damals die Geschichten um den Meisterdetektiv Konopka, der erfreulicherweise nicht damit sparte, Tipps aus seinem Handbuch „Meine Methoden“ preiszugeben. So erfuhr ich, dass es zu seinen Prinzipien zählt, sich als Blinder Passagier stets vor dem Start in ein Flugzeug zu stehlen. Ein Grundsatz, der meinem kindlichen Gemüt damals einleuchtete, und den ich bis heute beherzige: auch als zahlender Fluggast nehme ich immer vor dem Start Platz.

Da kann man mal sehen, wie sehr die Kindheit für das Leben prägt.

Inhaltlich – jetzt wende ich mich der Sporternährung zu – liefert mir der Band aus dem BLV-Verlag genau die Informationen, die ich als Ernährungsmuffel gerne vorgekaut serviert haben will. Ich lerne von den Bedürfnissen meines Körpers und bekomme den Glykämischen Index und andere Begriffe leicht verdaulich präsentiert.
Zum Glück beschreibt Konopka (der Ernährer, nicht der Detektiv) auch verschiedene Nahrungsmittel im Hinblick auf ihre Zusammensetzung. In Kochbüchern fehlt sowas meistens, und was hilft es mir, wenn ich weiß, dass Glukose wichtig ist, wenn mir keiner sagt, dass ich dafür nur Zucker futtern muss. Ungefähr so komme ich mir oft vor wenn es um’s Essen geht.

Schöne Einführung ins Thema für essenstechnische Laien, die Sport treiben.

Peter Konopka
Verlag: BLV Buchverlag; Auflage: 16 Neuausg. (15. September 2015)
ISBN-10: 3835415026

Fixing Your FeetFYFeet
Auch Fixing Your Feet habe ich schon rezensiert, und seither etlichen Läuflingen ans Herz gelegt. Eigentlich gibt es dazu nichts weiter zu vermelden außer: Wenn du für deinen Sport die Füße brauchst, besorg‘ dir dieses Buch!
John Vonhof
Verlag: Wilderness Press; Auflage: 0004 (12. Juli 2006)
ISBN-10: 0899974171

Von Profis und Amateuren

„Ein Amateur trainiert, bis er es richtig macht. Ein Profi trainiert, bis er es nicht mehr falsch machen kann“. Dieser Satz fesselt mich, seit ich ihn zum ersten Mal gelesen habe. Was genau bedeutet das fürs Training?

Ein Amateur trainiert, bis er es richtig macht. Ein Profi trainiert, bis er es nicht mehr falsch machen kann„. Dieser Satz fesselt mich, seit ich ihn zum ersten Mal im Buch Kettlebell Rx von Jeff Martone gelesen habe.

Im Kontext des sehr techniklastigen Trainings mit der Kettlebell hat der Satz für mich ohne jeden Zweifel seinen festen Platz, nicht umsonst habe ich mich mit RKC einer Organisation angeschlossen, die einen beinahe manischen Anspuch an die technisch perfekte Ausführung der einzelnen Übungen hat.

Aber, je länger sinniere, desto sicherer bin ich mir, dass der Ausspruch universell gültig ist. Vergessen wir Profis und Amateure, und schreiben den Satz um zu

Trainiere nicht so lange, bis du es einmal richtig hinbekommst, sondern so lange, bis du es nicht mehr falsch machen kannst.

Dann fällt mir meine Schulzeit ein. Ich erinnere mich nur ungern, muss jedoch gerade daran denken, dass meine üblichen mäßigen Noten auch daran lagen, dass ich mich damit zufrieden gegeben hatte, einmal eine Aufgabe halbwegs richtig…. Ok, ich flunkere. Meistens habe ich nicht gelernt, insofern ich in Klausuren stets Neuland betrat. Sportlich gesehen würde ich mich ohne Training an den Start eines Trailmarathons gestellt haben. So etwas soll ja bisweilen klappen.

Ich formuliere nochmal um, indem ich den sportlichen Aspekt entferne

Übe nicht so lange, bis du es einmal richtig hinbekommst, sondern so lange, bis du es nicht mehr falsch machen kannst.

Wie lange wäre das denn? Wittgenstein hat sich, in anderem Zusammenhang, mit dem Lernens befasst. In seinem Spätwerk Philosophische Untersuchungen geht er der Frage nach, wann man denn davon sprechen könne, ein Schüler (im weitesten Sinne als jemand aufgefasst, der etwas lernen soll) würde eine Reihe von Zahlen korrekt fortführen. Wann können wir davon ausgehen, dass er es kapiert hat?

Und dies wird nur der Fall sein, wenn ihm dies oft gelingt, nicht, wenn er es einmal unter hundert Versuchen richtig macht.

Wie geht es weiter? Hundert richtige Versuche bedeuten, er hat es drauf? Oder tausend? Freundlicherweise hat der gute Ludwig eine Antwort hierfür parat.

Das System innehaben (oder auch, verstehen) kann nicht darin bestehen, dass man die Reihe bist zu dieser, oder bis zu jener Zahl fortsetzt; das ist nur die Anwendung des Verstehens. Das Verstehen ist ein Zustand, woraus die richtige Verwendung entspringt

Das springen wir freudig zurück zum Sport, denn diesen Zustand, aus dem die richtige Verwendung entspringt, kennen wir irgendwie alle als jene Fähigkeit, eine bestimmte Leistung sofort abrufen zu können. Leistung meine ich hier im weitesten Sinne. Ihr kennt alle die nette Anregung, man muss uns nachts wecken können, worauf wir sofort….(bitte einsetzen: Salto schlagen, Seilhüpfen, etc.).

…bis du es nicht mehr falsch machen kannst.

Mit anderen Worten, bis wir die Bewegung so verinnerlicht haben, dass wir über sie nicht mehr nachdenken müssen. Bis wir mitten in der Nacht, im strömenden Regen, nach hundert Ultratrailkilometern auf einer Wurzel ausrutschen können, und dank unserer Reflexe und gut trainierter Haltemuskulatur unverletzt bleiben.

Dazu passt das Stichwort Technikerwerbstraining. Es besteht, habe ich gelesen, im Aufbrechen etablierter und dem Einschleifen neuer Bewegungsmuster. Das klingt gut, und es fügt sich nahtlos in die Zitate von oben ein.

Ein Beispiel gefällig?
Letztes Jahr habe ich die EOFT (European Outdoor Film Tour) im Kino besucht. Am meisten haben mich dabei zwei Slackliner beeindrucht. Nicht ihrer herausragenden Kunststücke wegen, nein, sondern weil der Film auch gezeigt hat, wie oft die Jungs im Training im wahrsten Sinne des Wortes auf die Fresse geflogen sind.

…bis du es nicht mehr falsch machen kannst.

Das, was bei Trailläufern im technisch schwierigen Geläuf, bei Slacklinern, Kettlebellsportlern und vielen anderen so elegant, so traumwandlerisch sicher aussieht, ist die schöne Fassade, die auf einem stabilen Fundament aus langem, zähem Training ruht. Sie ist Ausdruck eines

…Zustandes, woraus die richtige Verwendung entspringt

Wie wir Sportlinge wissen: It’s hard, before it gets easy.

Wovor läufst du weg?

Früher oder später wird ein jeder Läufling mit einer Frage konfrontiert, die den Nicht-Läufling offenbar sehr beschäftigt: wovor läufst du weg? Hierauf gäbe es viele Antworten, sollte man meinen. Lässt sich überhaupt etwas sinnvolles entgegnen?

Früher oder später wird ein jeder Läufling mit einer Frage konfrontiert, die den Nicht-Läufling offenbar sehr beschäftigt. Meistens wird sie gestellt, wenn man schon ein wenig geplaudert hat. Sobald dem nicht laufenden Gesprächspartner klar ist, dass er mit einem Läufling redet, spüren sensible Zeitgenossen, wie die Frage aller Seinsfragen des Nicht-Läuflings Auslass begehrend an seine Lippen klopft. Zunächst scheint er sich noch zurückzuhalten, doch das Unausweiliche ist unzurückhaltbar.

Dann ist sie da, die Frage.

Wovor läufst du weg?

Tja.

Hierauf gäbe es viele Antworten, sollte man meinen. Allerdings frage ich mich, ob sich überhaupt etwas sinnvolles entgegnen lässt.

Ich kleide die Standardreplik gerne in ein Experiment, indem ich mein Gegenüber bitte, mich zu begleiten: komm‘ mit, ich zeig’s dir. Dann gehe ich. Irgendwo entlang, vollkommen egal, denn je nach Geduld meiner Begleitung höre ich bald die Frage:

Wohin gehen wir eigentlich?

Darauf habe ich nur gewartet, um mir einen kleinen erbärmlichen Triumph zu gönnen. Siehste, du fragst nach einem Ziel! Man kann also nicht nur vor etwas weg, sondern vor allem auch auf etwas zu laufen. Schmunzeln auf allen Seiten, nur – ist die Frage damit meiner Meinung nach nicht beantwortet, sondern zurückgewiesen. Freilich könnte eine Antwort auch lauten Wovor ich weglaufe? Vor dem Start, den will ich hinter mir lassen. Aber auch das trifft den Kern der Frage nicht, die auf die Beweggründe zielt. Wir brauchen uns, denke ich, nicht darüber unterhalten, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge gerne tun, und deshalb bisweilen Schwierigkeiten haben, die Begeisterung anderer nachzuvollziehen. Tanzen? Ich? Nie und nimmer! Weder zehn Pferde, noch schöne Damen werden es schaffen, dass ich jemals Freude an dieser Form der Aktivität empfinden könnte. Von letzteren könnte ich mich unter Umständen zur widerwilligen Teilnahme überreden lassen. Naja, vielleicht auch nicht. Ob es mir gelänge, meinen Unwillen soweit zu kaschieren, dass ich mich nicht unbeliebt mache? Das dürfte die betreffende Dame entscheiden, nachdem ich sie vorgewarnt hatte….

Selbst unter systematisch trainierenden Sportlern bilden sich Lager heraus. Da schimpfen Kraftsportler über jedwede Form des Ausdauertrainings (die Begründung geht meistens auf den Punkt, wonach Cardiotraining grundsätzlich abzulehnen sei. Wie schön, wenn auch gut ausgebildete Trainer nicht zu einer differenzierten Betrachtung in der Lage sind), während Ausdauersportler in panischer Angst zu leben scheinen, Krafttraining würde plötzlich gigantische Muskelberge wachsen lassen (wie schön, wenn auch gut ausgebildete Trainer nicht zu einer differenzierten Betrachtung in der Lage sind).

Was also lässt einen Läufling laufen?

Der Blick auf die Oberfläche greift mir zu kurz. Wir laufen weder vor etwas weg, noch auf ein Ziel hin – auch dann nicht, wenn wir am Ende eines Laufes ein Transparent mit der Aufschrift ZIEL unterqueren. Weglaufen sicher nicht. Wie war das mit dem Eskapismus? Ist Wittgenstein davongelaufen, als er seinen Tractatus im Schützengraben schrieb? Wenn wir uns andererseits daran erinnern, dass unser Sport uns ausgeglichener werden lässt, dass wir nach einer Laufrunde Stress und Ärger abgebaut haben, könnte man eine Bewegung weg von schlechter Laune unterstellen. Oder hin zu guter Stimmung? Da haben wir wieder die beiden Seiten der Ausgangsfrage.

Warum laufen wir?

Vielleicht bringt uns ein Blick auf die Motivationstheorie weiter, die uns so hübsche Begriffe wie basale Motive liefert. Basale Motive, das sind Motive, die schon in frühester Kindheit angelegt werden und äußerst stabil bleiben. Am bekanntesten dürften die Motive Macht Anschluss Leistung sein. Hilft uns das? Ein ausgeprägtes Machtmotiv würde ich dem Läufling nicht unterstellen, ich würde eher darauf tippen, dass wir sehr leistungsmotiviert sind. Uns geht’s gut, wenn wir laufen. Von mir aus lassen sich noch Anreiz- und Belohnungssysteme betrachten, wobei Mihály Csíkszentmihályi nicht fehlen darf, wenn wir über Motivation reden.

Ich finde schon den Namen cool. Noch besser gefällt mir seine Theorie des Flow-Erlebens, das Läuflinge als Runner’s High kennen. Und warum geraten Läuflinge beim Laufen in den Flow-Zustand? Flucht können wir wohl ausschließen, schon alleine deshalb, weil wir dann von einer negativen Motivation ausgehen müssten. In diesem Fall müssten wir nach Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie aus Hygienefaktoren und Motivatoren davon ausgehen, dass wir negatives vermeiden wollen, was nicht geeignet ist, unsere freudigen Gesichter, das Lachen – und unser Glücksempfinden zu erklären.
Bekanntlich können wir nicht in andere hineinsehen, vielleicht sind wir nicht einmal in der Lage, uns selbst zu durchschauen. Von Descartes kennen wir den Ausspruch:

Ich denke, also bin ich.

Immerhin, ich bin. Wenigstens etwas.

Ich denke, dass ich laufe, also bin ich auf der Flucht

Das, denke ich, können wir ausschließen.

Wir müssen unsere Perspektive ändern. Bislang haben wir die Endpunkte unserer Bewegung betrachtet, indem wir die Frage so aufgefasst hatten, als würden wir uns von etwas weg, oder auf etwas zu laufen. Und wir konnten in keinem dieser Endpunkte den Anlass für das Laufen so klar erkennen, dass wir hätten sagen können: Genau, das ist es! Wenden wir uns dem bisher übersehenen Teil zu, nämlich der Phase dazwischen, in der wir Flow-Zustände erleben können, während der körpereigene Belohnungssysteme aktiv sind, die ihrerseits mit basalen Motiven zu tun haben. Wenn es eine Erklärung für das Warum? gibt, dürfte sie hier zu finden sein.

Wir laufen nicht vor etwas weg.

Wir laufen nicht auf etwas zu.

Wir laufen.

Lodenwalker Lodenweste

Ich mag Westen. Und ich mag mittlerweile Naturstoffe wie Wolle, Loden und dergleichen. Eine Lodenweste löst deshalb bei mir gleich doppelte Sympathien aus, zumal, wenn sie aus einem Familienbetrieb mit jahrhundertelanger Tradition kommt. Auftritt: die Lodenweste von Lodenwalker.

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Ich mag Westen. Das heißt, ich mag die Westen als Kleidungsstücke. Über den Westen als – als was eigentlich? – Wertesystem? Wirtschaftlich-politischen Oberbegriff für alles Mögliche und Unmögliche mag ich nicht schreiben, sonst wird’s noch politisch. Naja, und der Westen als Himmelsrichtung ist sowieso da.

Die Weste als Oberbekleidung sei also hier das Thema.

Und ich mag, wie der geneigte Leser weiß, mittlerweile Naturstoffe wie Wolle, Loden und dergleichen. Eine Lodenweste löst deshalb bei mir gleich doppelte Sympathien aus, zumal, wenn sie aus einem Familienbetrieb mit jahrhundertelanger Tradition kommt. Auftritt: die Lodenweste von Lodenwalker.

Des Englischen mächtige Zeitgenossen werden möglicherweise einen starken Drang verspüren, den Namen Lodenwalker englisch auszusprechen, wohl wissend, dass Walking soviel wie Gehen bedeutet. Und hierfür scheint die Weste trefflich geeignet, oder?

In der Tat, das ist sie.

Nachdem ich meinen inneren Drang (den von oben) überwunden hatte, erinnerte ich mich and die Herstellungsart von Loden, das Walken (deutsch ausgesprochen, also Wallken). Die Familie Steiner betreibt in Ramsau am Dachstein eine Lodenwalke – das tut sie, wie die Website weiß, seit 1434 (!). Wir können gespannt sein, ob die Geschäfte der Familie Zuckerberg von ähnlicher Dauer sein werden.

Aus der Lodenwalke entstammt besagte Weste, die man mir netterweise zur Verfügung gestellt hat. Wie es meiner Art und dem Charakter solcher Outdoor-Bekleidung entpricht, durfte sie mich zu allen möglichen Einsätzen begleiten: zum Laufen (ja, das muss fast immer sein!), Wandern, auf Spaziergänge – in den Bergen, im Büro und auf dem Rad habe ich sie getragen.

Aber zunächst will ich ein paar Worte zur Weste selbst verlieren. Der Stoff ist erstens sehr weich und anschmiegsam, zweitens angeraut, und damit überaus warm. Der Süddeutsche gebraucht in solchem Fall den Fachbegriff sakrisch. Zwei seitliche Taschen und die Napoleontasche in Brusthöhe (genial für’s Handy, schön dass sowas mittlerweile fast zum Standard zählt!) verfügen über Reißverschlüsse mit sehr wertig aussehenden Griffen. Oder wie nennt man die Dinger, an denen man zum Öffnen und Schließen anfasst?
Saugeil: der hohe, anliegende und doch anschmiegsame Kragen. Angenehm weich an der Kehle.

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Zurück zu meinen Erfahrungen. Am besten sind Westen bei kühler Witterung über einem T-Shirt oder Longsleeve getragen. Kühl bedeutet zum Beispiel, dass ich mich spazieren gehend in kurzer Hose, T-Shirt und Lodenweste auch bei zehn Grad am Morgen wohl gefühlt habe. Laufend darf’s dann schon noch ein paar Grade weniger haben. Mit dünnem, langärmligem Baselayer drunter erweitert sich der Temperaturbereich noch ein gutes Stück nach unten.
Superklasse macht sie sich in der Fahrradtasche oder im Rucksack, wo sie ihres Einsatzes in der Pause harrt, wo dann durchaus ein leichter Wind gehen kann.

Jetzt, im Winter, freut mein Rumpf sich über die zusätzliche Schicht unter einer wärmeren Jacke, zum Glück trägt eine Weste nicht groß auf.

Wenn ich zurückdenke, taucht als Lieblingserinnerung ein morgendlicher Spaziergang in kurzer Hose auf. Es war im sonnigen Herbst, leichter Morgendunst im Sonnenlicht erfreute mein waches Auge (das andere schlief noch), während die schon angesprochene, zehn Grad kühle Luft meine nackten Waden umzärtelte. Dank Flausch-Loden über’m T-Shirt bewegte sich mein Leib im seelischen Komfortbereich, den ich am besten als zwischen ja, eigentlich könnten einige Körperteile frösteln wollen und es ist so mollig warm am Bauch liegend beschreiben möchte.

Das Wissen um einige Jahrhunderte Handwerkskunst in der Lodenmanufaktur wirkt obendrein wie der Gedanke an ein flackerndes Kaminfeuer.

Ich sag’s ja: ich mag Westen!