Alternatives Alternativträning

Viele wollen es, wenige tun’s: einfach mal was anderes. Die Rede ist vom Ausgleichssport. Wenn man schon mal die Sportklamotten am Leib hat, kann man schließlich gleich richtig …. eben nicht im Alltagssporttrott weitermachen! Zum Glück kennt das Lauferei einen Ausweg. Die Alternative zum Alternativträning.

Viele wollen es, wenige tun’s: einfach mal was anderes. Die Rede ist vom Ausgleichssport. Wenn man schon mal die Sportklamotten am Leib hat, kann man schließlich gleich richtig …. eben nicht im Alltagssporttrott weitermachen! Zum Glück kennt das Lauferei einen Ausweg.

Alternatives Alternativträning heißt die bis heute hochgeheime Zauberformel. Der geheimste Geheimtipp, mit dessen unheimlicher Entheimlichung alle anderen Geheimtipps heimgehen können.

Ich präsentiere: Staubsauging.

Ganz recht. Staubsauging. Arbeiten mit dem Staubsauger.

Wir alle kennen schließlich das Problem, welches durch das Bedürfnis ausgelöst wird, eine dauerhaft reinliche Behausung zu bewohnen. Ob und wann Maßnahmen ergriffen werden müssen – Staubsaugen, dafür hat ein jeder seine eigene Methode.

Ich für meinen Teil bezog meine Inspiration von Berichten über Kanarienvögel, die zu früheren Zeiten in Bergwerken als Gaswarner dienten. Zuviel Kohlenmonoxid, und der Piepmatz fiel von der Stange. Zeit, die Zeche zu lüften.

Mein Indikator für notwendige Saugarbeiten sind Wollmäuse. Eine faszinierende Spezies, die sich unheimlich schnell und wie aus dem Nichts heraus vermehrt: Kaum habe ich ein paar Monate nicht geputzt, bevölkern sie die Wohnung.

Dann ist es Zeit, der Wollmauspopulation den Garaus zu machen.

Dann ist Zeit für Staubsauging.

Staubsauging unterscheidet sich vom Staubsaugen in erster Linie durch die innere Haltung. Staubsaugen ist Putzen, Staubsauging ist Sport. Ausgleichssport. In jedweder Hinsicht mindestens genauso herausfordernd wie Laufen, und vielleicht gerade deshalb eine ideale Ergänzung.

Weshalb?

Beginnen wir mit den rein körperlichen Belastungen, die auf den Körper einwirken. Der typische Staubsauger ist schwer. Schwer genug, um bereits beim Tragen, mehr noch beim Hinterherziehen einen Belastungsreiz für die Rumpfmuskulatur zu setzen. Ein Reiz, der jedes Mal, wenn das Gerät sich mal wieder an irgendeiner Ecke verfangen hat, aufs Neue auftritt. Die zufällige Folge der Hemmungen, noch dazu die unterschiedlichen Winkel, in denen das sogenannte Freiziehen erfolgen muss, vermeiden einseitiges Träning.

Obendrein entspricht die dem Sauger entströmende Abluft in etwa dem, was der typische Stahlkocher zu inhalieren gewzungen war. Im 19. Jahrhundert. Vor der Erfindung von Schutzanzügen und Filtern. Abluft? Abgas wäre zutreffender.
Heiß, übelriechend, trocken. Viertelstündlich gelingt es einem einzelnen Luftmolekül, sich zusammen mit dem Miasmenstrom durch die Höllenmaschine zu mogeln. Der saugende Sportler schnappt danach (von dieser Handlung leitet sich der Begriff Schnappatmung ab), ist glücklich und bleibt am Leben.
Wer regelmäßig saugt, dem wird weder die heiße Luft der Sahara, noch die dünne Atmosphäre im Gebirge etwas anhaben können.

Wären nur die physischen Träningseffekte, ich könnte mein Plädoyer für Staubsauging an dieser Stelle beenden, müsste mir jedoch den Einwand gefallen lassen, ich hätte die wichtigsten Punkte verschwiegen. Ein Vorwurf, der mich vollkommen berechtigt träfe.

Denn der wahre Nutzen von Staubsauging liegt in seiner Wirkung auf des Läuflings Psyche.

Staubsauging ist in erster Linie mentales Träning.

Bereits das Geräusch könnte psychisch instabile Menschen durch Tonlage und Lautstärke in wenigen Minuten in den Wahnsinn treiben. Läuflinge bringen dagegen von Haus aus eine robuste, ausgeglichene Persönlichkeit mit, die sie in die Lage versetzt, auch größere Wohneinheiten ohne bleibende Schäden zu reinigen. Vor zehn Jahren stand zu lesen, Kreuzfahrtschiffe würden sich mit Lärmkanonen als nicht-tödliche Waffen gegen Piratenangriffe wappnen. Leute, rufe ich ihnen zu, ihr braucht die Dinger nicht erfinden. Stellt ein paar Staubsauger an Deck auf. Das genügt, um hoffnungsvolle Piraten zurück ins Meer und in den Wahnsinn zu treiben.
Mit solchen nicht-tödlichen Waffen machen Millionen Menschen ihre Wohnung sauber.

Am stärksten ist der positive Einfluss von Staubsauging allerdings auf das Durchhaltevermögen. Auf Hartnäckigkeit. Langmut. Geduld. Demut.
Staubsauging befähigt den praktizierenden Staubsauger (womit der Sportler gemeint ist, nicht das Gerät), in Situationen ruhig und gelassen zu bleiben, in denen ein Dalai Lama, nach dem dritten Tobsuchtsanfall, mit blutunterlaufenen Augen die zu Krallen gebogenen Finger mit hasserfülltem Blick fixiert. Wer im Staubsaugeträning steht, lächelt entspannt während er sich über hektische Yogis wundert, die sich über jede Kleinigkeit aufregen.

Hindernisse lassen sich weglächeln.

Denn der Staubsauger als Träningspartner ist ein Hindernis. Und wenn er selbst keines zu sein vermag, findet er eines, an dem er sich festhaken kann. Wer dann kräftig am Schlauch zieht, hat bereits verloren.

Wenn du etwas verstärken willst, musst du es bekämpfen. Wer diesen Satz prägte, kennt das Staubsaugen.

Der Staubsauger ist der Esel des einunzwanzigsten Jahrhunderts: störrisch, unwillig, stur. Und nichtmal mit roher Gewalt zu seiner originären Aufgabe, seinem Wesenszweck zu bewegen. Nein, bevor hier friedvolle Lösungswege propagiert werden: er lässt sich auch nicht mit Liebe zu irgendetwas bringen. Ein Staubsauger kann zum Arbeiten weder gezwungen, noch geliebt werden. Auch nicht geduldet.

Inoffiziell kann ich bestätigen: Des Dalai Lamas Anfall ist authentisch. Er geschah, als er bei einem meiner Seminare staubsaugte. Glaubt etwa jemand, ich sauge mir das aus den Fingern? Eben.

Wer Staubsauging betreibt, ist mental stark genug für jeden Ultramarathon.
Er lächelt Wüsten nass und Flüsse trocken. Berge legen sich vor ihm in den Staub. Denn er weiß: nichts kann so schlimm sein wie Staubsaugen.

Wenn, was ich hoffe, künftig akkubetriebene Sauggeräte auf den Markt kommen, werden damit Träningseinheiten auf den angestammten Laufstrecken möglich. Neben dem grandiosen Träningseffekt hat diese Option einen weiteren Vorteil: die Wälder werden sauber.

adjektivlos

Sprache ist eine wunderbare Erfindung. Mit ihrer Hilfe können wir Dinge und Sachverhalte leidlich präzise beschreiben – oder uns darüber klar werden, dass wir uns Klarheit nur einbilden.

In jungen Jahren schon lernen wir, Adjektive zu benutzen, um was auch immer näher zu beschreiben. Wir nannten sie damals noch Wie-Worte, selbst in Bayern, wo eigentlich Hä-Wort der passendere Ausdruck wäre. Ich für meinen Teil beherrschte nicht nur Wie, sondern vor allem Wider-Worte. Das gehört aber nicht hierher.

Adjektive, so weiß zum Beispiel Wikipedia, beschreiben also die Beschaffenheit oder eine Beziehung eines (konkreten) Dinges, einer (abstrakten) Sache, eines Vorganges oder Zustandes usw.

Klingt nicht schlecht, aber: Ist der Umgang mit Adjektiven wirklich so eindeutig?

Warum lassen uns dann viele Formulierungen stutzig werden – je nach Laune und Sachlage grinsen, kichern, uns am Kopf kratzen oder denselben unverständig schütteln?

Da dürfen wir von jemandem lesen, er sei brutal zusammengeschlagen worden. Im Ernst? Brutal?
Gehört Brutalität nicht zum Zusammenschlagen dazu?
Gibt es die Alternative, jemanden zärtlich zu verprügeln? Und wenn ja: warum berichten Nachrichten nur über die brutale Variante?
Wenn diese Form sanfter Gewalt existierte – und nur dann! – wäre das Adjektiv „brutal“ gerechtfertigt. Dann will ich aber auch Schlagzeilen lesen wie „… wurde von sechs Personen zärtlich vermöbelt.“
Sonst bitte ohne Adjektiv. Zusammenschlagen ist brutal genug.

Eher harmlos, wenngleich nicht weniger absurd ist die Bezeichnung riesiger LKW, wenn damit ein stinknormaler Lastwagen gemeint ist, wie sie zu Zehntausenden unterwegs sind. Um vierzig Tonnen, zweieinhalb Meter breit, vier hoch und mit Anhänger knapp unter zwanzig Meter lang. Riesige LKW findet man im Bergbau.

Das ist aber nichts gegen jenes Gebrüll, welches vor einigen Jahren an mein Ohr drang: Ich schlag‘ dich krankenhausreif rief’s mit sich überschlagender Stimme. Nun legt eine solche Formulierung nicht nur einen Hang zur Gewalt nahe, nein, daneben dürfen wir dem Sprecher – dem Brüller – unterstellen, er verfüge über hinreichend medizinische Kenntnisse, um den angestrebten Zustand zu erreichen. Mit krankenhausreif ist ja wohl ein stationärer Aufenthalt gemeint. Und das setzt nicht nur das Wissen voraus, welche Verletzungen im konkreten Fall herbeizuführen sind, sondern auch virtuose Kontrolle über das Handwerkszeug zum handgreiflich Werden.

Außerdem: Selbst im Zustand höchster Erregung noch soviel Besonnenheit zu haben, dass die verfügbaren Mittel präzise dosiert werden, finde ich bewundernswert.
Rutscht die Hand zu wenig aus, reicht es vielleicht nur für eine ambulante Behandlung. Und zuviel des Handgemeinen….

Mich dünkt indes, der Brüller wollte keineswegs ausdrücken, er wolle durch gezielten Einsatz körperlicher Gewalt den Gesundheitszustand seines Gegenübers auf ein Niveau bringen, welches stationäre Behandlung erfordert.
Folglich ein falsch verwandtes Adjektiv.

Vielleicht hätte man ihn darauf hinweisen müssen.

Zweifelhaft benutzte Adjektive sind eine Sache.

Unsinnige eine andere. Unsinnig nenne ich ein Wie-Wort dann, wenn es aus einer anderen Welt stammt, als das Substantiv, mit dem es einhergeht. So als würde man einen Stecker an die Wasserleitung anschließen.
Will ich politisch werden? Ja. Nein.
Zum Beispiel ein hygienischer Politiker. Hygiene hat mit Politik nichts zu tun. Zwei Welten. Und allen, die nach einem verborgenen Nadelstich, einer politischen Botschaft suchen, möchte ich versichern: es gibt keine. Nicht jetzt.

Meinetwegen ein anderes Beispiel: die beitragsfreie Zigarette. Zwei Paar Stiefel.

Unsinnig eben.

Wir Läuflinge stehen natürlich über solchen Dingen. Wenn wir Wieworte benutzen, dann tun wir dies, um unser Geläuf‘ genauer zu definieren.

Wir sind Läufer. Oder langsame Läufer, ausgenommen natürlich die schnellen Läufer. Schwere Läufer werden oft von den leichten Läufern überholt, wenn auch nicht immer. Aus den nervösen, aufgeregten, dem Start entgegen fiebernden Läufern werden im Ziel ermattete Läufer. Im Regen sind die meisten nass. Nasse Läufer wiederum werden nach der Dusche zu trockenen Läufern, die sich an der Kuchentheke von hungrigen in satte Läufer verwandeln. Gefinished habende Läufern heißen Finisher – zumeist gar stolze Finisher. Wer seine Zielzeit verpasste, ist kurzzeitig ein unzufriedener Finisher, auf Dauer wahrscheinlich ein glücklicher Läufer.

Adjektive beschreiben Dinge, Substantive, Sachverhalte – und Läufer, sofern es um das Laufen geht.

Aber was ist, bitteschön, ein veganer Läufer?

Wenn ich mich nicht völlig täusche, beschreibt Veganismus eine Form der Ernährung – keine Art, sich fortzubewegen. Und doch nehme ich manchmal das Bedürfnis wahr, sich nicht „nur“ als Läufer, sondern eben als „veganer“ Läufer zu bezeichnen. Wieso? Wer interessiert sich dafür, was vegane Läufer essen – außer den veganen Läufern selbst?

Ich laufe vegan ist oft gepaart mit dem Hang zum Missionieren.

Vegan geht auch wenn man Sport treibt, kann / muss / braucht nicht zusätzlich…. Aha. Eine passende Antwort auf eine nicht gestellte Frage. Dass du laufen kannst, sehe ich. Und wie du dich ernährst, ist mir wurscht. Freut mich wenn’s dir schmeckt.

Ich lebe seit zwölf Jahren vegan und mir geht’s gut. Schön. Andere Menschen essen irgendwas anderes, und denen geht’s auch gut. Nur gehen sie damit nicht hausieren.

Ich habe noch keinen Fleisch essenden Läufling gehört, dass er „ich bin Fleisch essender Läufer“ sagt. Und dass dies auch ginge, wenn man Sport treibe.

Versteht mich nicht falsch, es möge jeder nach seiner Facon selig werden. Essen was schmeckt, was gut tut. Ohne einen -ismus draus zu machen, der ständig auf einem Transparent herumgetragen wird.

Sehet! Ich laufe vegan! O sehet, ich sitze vegan! Erblickt mein veganes Geschirrspülen!

Wüstes Herumadjektivieren. Wenn das jeder machen würde.

Wir bräuchten die mehrfache Zeit, um uns gegenseitig vorzustellen. Mit Adjektiven, die vollkommen am Thema vorbei gehen.

Bin ich veganer, rechtshändischer, sonnenanbetender, schön schreibender, fleißiger, grünrotblauer, unpolitischer, hopsender, meist gute Verdauung habender, aquarellmalender, musizierender, gerne-in-der-sonne-sitzender, martialischer, sanfter, kuchenliebender, arbeitender, optimistischer, urlaubender, ehrlicher, adjektivierender, flexibler, braungebrannter, rohkostgenießender, fleischfressender, pflanzenverdauender, sprachbegabter, feinmotorisch begabter, überhaut vielseitig talentierter, wenngleich vertikal herausgeforderter und manchmal politisch unkorrekter, höflicher, frecher, zärtlicher, leibhaftiger Läufer.

Nein.

Ich bin Läufer.

Adjektivlos.

Lehrgeld

Ach, wie einfach könnte alles sein, müsste man nicht ständig auf der Hut sein. Wachsam. Anderenfalls stellen sich kostenpflichtige Lerneffekte ein.

Jüngst bestellte ich mir eine Hose und ein langärmliges Leibchen von und bei Buff. Genau, das sind die mit den genialen Kopfbedeckungen, die, was hierzulande noch nicht so bekannt ist, seit einiger Zeit auch Lauf- und sonstige Klamotten fertigen. Supercooles Design, besonders das Leibchen hatte es mir angetan.

Lange Rede, kurzer Sinn und noch kürzerer Klick auf den „Bestellen“ Button im Shop.

Über das Longsleeve schreibe ich demnächst einen eigenen Artikel, passt ganz gut, nur die Unterarme sind arg eng. Popeye hätte keine Chance. Den Popeye-Spruch möge der geneigte Leser bitte gleich wieder vergessen, denn ich gedenke ihn im Test des Longsleeves nochmal zu verwenden.

Und die Hose?
Nun, am Unterarm-Pendant jeder Hose, den Waden, ist sie eng. Sehr eng. Viel zu eng. Für welche Waden sie wohl gemacht sein mag? Für meine jedenfalls nicht. Das ist schade, denn der Rest passt mir. Also zurück nach Spanien mit dem Beinkleid.

Und schon betritt der lehrende Lerneffekt die Bühne. Zunächst noch zaghaft, als ich nach dem Retourenlabel suche. Wie schick‘ ich das Ding wieder nach Barcelona?

Erster Lernbrocken: ich schicke erst eine E-Mail, in der ich ankündige, was ist weshalb retourniere. Auf meine Kosten.

Zweiter Lernbrocken bei der Post: eingeschriebenes Päckchen nach Spanien kostet fast 10 Euro. In Worten: zehn!

Beim reduzierten Hosenpreis von knapp vierzig gültigen Währungseinheiten arg unschön. Fern jeder Relation.

Was lerne ich daraus?
Alldieweil sich die Regeln im E-Commerce geändert haben (Retouren nicht mehr, wie sonst in D üblich, kostenlos für den Käufer), werde ich mir wohl angewöhnen, einen kurzen Blick in die AGB zu werfen, bevor ich etwas bestelle. Bei vielen Dingen ist es ja wurscht, gerade Klamotten wollen indes anprobiert werden. Wenn sie nicht passen, schickt man sie zurück. Und wenn das Porto kostet, würde der Käufer unterm Strich eine Gebühr fürs Anprobieren entrichten.

Will er das?

Genau das muss er sich überlegen.

Wohlgemerkt, ich mache Buff keinen Vorwurf, irgendjemand muss schließlich die Transportkosten zahlen. Beim Klamottenkauf muss letztlich jeder selber entscheiden, ob er das Risiko eingehen will, bei einer neuen Marke alleine für’s Anprobieren Geld auszugeben.

Früher war’s einfacher, als Retouren fast immer für lau gingen. Bestellen, und bei Nichtgefallen zurück. Das Risiko lag selbstverständlich beim Versender.

Heute einmal kurz nicht aufgepasst (so wie immer halt), und schwupps! ist Kohle fällig für den nachhaltigen Bewusstseinswandel.

Bezahltes Wissen ist wert-voll.

Dafür bezahlte ich Lehrgeld.

Was denkbar ist, ist auch möglich.

Motivationsseminar der ganz harten Sorte. Ich sehe ihn vor mir, den Träner: die Laune genauso blenden wie seine Zähne, dunkler Maßanzug, gegeltes Haar…. Ja, ich pflege meine Klischees! Es wird still im Saal, knisternde Spannung ist spürbar. Das Publikum fiebert einer Weisheit entgegen.

Motivationsseminar der ganz harten Sorte. Ich sehe ihn vor mir, den Träner: die Laune genauso blenden wie seine Zähne, dunkler Maßanzug, gegeltes Haar…. Ja, ich pflege meine Klischees!

Die Dramaturgie der Veranstaltung sieht vor, dass der sorgsam aufgebaute Spannungsbogen in einen einzigen Satz mündet. Ein Satz von universeller Weisheit, gültig für alle Zeiten. Die Spannung steigt im gleichen Maße, wie sich erwartungsvolle Stille über das Publikum senkt.
Dann wird er ausgesprochen. Er, der Satz: „was denkbar ist, ist auch möglich!„. Von Wittgenstein! Einem Giganten der Philosophie! Wenn der es sagt, muss es einfach stimmen!

Und schon spüre ich die Wirkung des Satzes.

Ich denke, ich laufe den Marathon unter drei Stunden.

Denke weiter, es ist möglich!

…zweizwanzig….achwas, 1:50!….halbe Stunde….in Nullkommanix!….ja, es ist möglich!….ich bin vor dem Start im Ziel!

Ich denke, also ist es möglich!

Ja, JA, JAAA, TSCHAKAAAAAAAAA………….!

Äh.

Nein.

Wie war das gleich wieder? „Wenn es denkbar ist, ist es auch möglich“.

Es ist ein Satz, der von jener Sorte Motivationsträner ge- beziehungsweise missbraucht wird, deren Platitüden jeder sofort und gerne zustimmt. Träner, deren Worte bei weiterem Nachdenken jedoch Tränen in rollende Augen treten lassen.

Wird ein einzelner Satz einfach so aus seinem Zusammenhang gerissen, um danach in einer Umgebung wieder aufzutauchen, die ihm nicht gerecht wird, kommt mir das wie Diebstahl vor. Als würde ein Diamant aus seiner Fassung gebrochen, weil man ihn so leichter verkaufen kann.

„Was denkbar ist, ist auch möglich“ lebt stattdessen von der Fassung in Form der ihn umgebenden Sätze, stellt man ihn einfach anderso vor, ist es ein banaler Satz. Eine leicht widerlegbare Behauptung, die nur deshalb im Seminar wirkt, weil so gerne das Zauberwort „Wittgenstein“ dazu genannt wird.

Der Satz ist von Wittgenstein, deswegen müsst ihr eurem Tränerguru glauben.

Ich hoffe, das Zerrbild fällt auf.

Zitate sind super, wenn sie auf Substanz hindeuten. Unser Satz ist oft nur eine von vielen Häuten einer Zwiebel. Zieht man eine Haut ab, gelangt man an die nächste. Und so weiter, bis am Ende feststeht, dass nichts da war außer Hülle.

Was hat das mit Laufen zu tun? Nichts. Noch nichts.

Wir kratzen weiter an der Oberfläche, bewegen wir uns doch ein Stück weiter zu einer Stelle, an der wir hoffen dürfen, mehr zu finden als – nichts.

Dazu bleiben wir bei Wittgenstein, ich erspare ihm nicht, auch von mir für meine Zwecke vereinnahmt zu werden. Wenigstens dient es mit der Kurzweil meiner Leserschaft einem guten Zweck.
Wittgenstein. Gutsituierter Industriellensohn, Architekt, Typograph, Philosoph. Vor allem Philosoph, der den berühmten Tractatus wenigstens teilweise im Schützengraben verfasste. Zu jener Zeit tobte gerade der erste Weltkrieg. Allzu sehr wird er nicht immer getobt haben, so dass Ludwig Zeit zum Schreiben blieb.

Im Tractatus, nein, ich bleibe kurz bei Wittgenstein selbst, weil ich den Typen ziemlich schräg finde. Erzählte er der Prüfungskommission bei der Doktorprüfung doch wohlwollend, sie würden seine Gedanken eh‘ nicht kapieren.
Und im Vorwort des Tractatus schreibt er, er habe sich nicht die Mühe gemacht, nachzuprüfen, ob seine Gedanken schon jemand anderes gehabt hatte. An die Adresse moderner Polit- und Prestigedoktörchen: Leute, ihr seid nicht Wittgenstein. Ihr müsst leider ordentlich zitieren!

„Ich muss ordentlich zitieren.“ Das schreibt ihr bis morgen hundert Mal. Mit Quellenangabe.

Nun steht im Tractatus also jener unschuldige Satz: „wenn man etwas denken kann, ist es auch möglich“. Aus dem Zusammenhang herausgeschält, mutterseelenalleine ohne die ihn stützenden, ihn ins rechte Licht setzenden Sätze gerät er leicht auf die eingangs erwähnten Abwege.

Lassen wir aber die Hilfe seiner Vorfahren zu, so kommen wir nicht umhin, seinen auf die Sprache eingeschränkten Geltungsbereich wahrzunehmen. Mit der „Möglichkeit“ meint Läuferfreund Ludwig nämlich, dass alles was irgendein „Ding“ tun oder sein kann, schon irgendwie in diesem Ding steckt. Als Möglichkeit.
Ein Laufshirt kann gebügelt oder zerknüllt sein, stinken oder nicht, am Körper getragen werden oder nicht. Undsoweiter.

Möglichkeiten eines Laufshirts.

Wird Wittgenstein mit „dem“ Satz zitiert, handelt es sich um Sprachphilosophie. Hat also mit dem Ansatz der Seminarbrangsche wenig zu tun.
Was fängt der gemeine Läufling jetzt damit an? Ich schlage vor, wir klauen den Satz aus dem Tractatus, so wie viele andere vor uns. Wir bleiben aber nicht dabei stehen, sondern nehmen noch ein paar andere Gedanken mit. Wo wir schon mal da sind….

Das solcherart erworbene Diebesgut packen wir in den Sack, auf dem jetzt nicht mehr „Sprachphilosophie“, sondern etwas wie „erkenne dich selbst“ steht. Oder „Potentialanalühse“, wenn wir uns fremdwortreich ausdrücken wollen. Bei den Dingen wissen wir, dass sie „Möglichkeiten“ haben. Weil ein Ding dumm ist, kennt es seine Möglichkeiten nicht, so wie wir das tun. Das heißt: Wie ist das mit unseren Möglichkeiten? Wir sollten, nein wir müssen sie kennen, damit wir sie nutzen können.

Schwupps, sind wir mittendrin im Motivationsthema!

Wenn ich meine Grenzen auslote, weiß ich, dass ich mich innerhalb dieser Grenzen, im Rahmen meiner Möglichkeiten, bewegen kann. Dann kann ich denken, dass es, was es auch immer ist, hinhaut.
Wortspiel am Rande: ich kann mir denken, dass das möglich ist. Alle möglichen (!) Zweifel kann ich mir sparen!

Marathon in Nullvierzig? Vergiss‘ es.

Marathon in…wasauchimmer? Freilich!

Ist das Mentaltraining? Vielleicht.

Hat es mit Zielfindung und dergleichen zu tun? Banales Zeug? Aber sicher!

Läuflingsfreund Ludwig, den ich zum Schluss wieder mißbrauche, könnte gesagt haben… nein, ich lege ihm keinen Satz in den Mund.

Wenn es möglich ist, kann man es auch denken. Und dann kann man es tun.

Parallelweltenbummelei

Sobald man sich aus dem Haus begibt – etwa, um zu laufen – ist man von Feindbildern umringt: Wanderer hassen Mountainbiker, diese wiederum Läufer, welche ihrerseits die Walker verachten. Heute muss ich in einer Parallelwelt unterwegs gewesen sein.

Begibt man sich heutzutage nach draußen, um der Bewegung an frischer Luft zu frönen, ist man unweigerlich gefährdet.
Eine sehr reale Gefahr, die, sofern man Medienberichten glauben darf, im direkten Kontakt mit Feinden besteht.

Obgleich kein eifriger Medienkonsument, brauche ich mich kaum anstrengen, um ad hoc eine Handvoll liebevoll aufgebauter Feindbilder zu erinnern. Selbst wenn nur ein Bruchteil davon zuträfe, herrschte in unseren Wäldern mehr Feindseligkeit als damals im Teutoburger Wald, als Arminius des Cäsars Legionen den Garaus machte.

Feinde, in trauter Gegnerschaft vereint.

Wanderer zum Beispiel hassen Mountainbiker. Die wiederum können Läuflinge nicht ausstehen, welche ihrerseits einen üblen Hass auf Nordische Walker verspüren. Wer nordisch walkt, tut dies mit einem furchtbaren Groll Spaziergängern gegenüber, und jene mögen Hunde nicht. Ihre Frau- und Herrchen noch weniger. Hundegassigänger hassen Forstarbeiter, die, und hier schließt sich der Kreis, Wanderer am liebsten an einem noch ungefällten Baum aufknüpfen würden.

Seltene Einigkeit herrscht Jägern gegenüber: alle hassen Jäger.

Das gehört sich so.

Ist politisch opportun.

Wobei Jäger zu ihrem Glück meist im Morgengrauen unterwegs sind, selten am Sonntag Nachmittag.

Davon abgesehen ist Krieg in der Natur.

Der Kriegssschauplatz „Wald“ zeichnet sich, so dürfen wir immer wieder lesen, durch zähnefletschendes Gegeneinander aller in ihm unterwegs seienden Gruppierungen aus. Lustige Wandersleut‘ machen sich einen Spaß daraus, einem jeden Mountainbiker den Wanderstab in die Speichen zu stecken. Es soll sogar schon Wettbewerbe für den schönsten Abflug geben, der Sieger darf sich eine Kerbe in den Stock schnitzen.
Der gemeine Bergradler hingegen prescht mit Vorliebe in dahinspazierende Gruppen hinein, und freut sich, weil diese so lustig beiseite spritzen.
Und wer würde einem Hundebesitzer verübeln, wenn er seinem vierbeinigen Liebling gestattet, sich ein Stück wohltränierten Läuflingshintern aus ebenjenem herauszubeißen. Frischer geht’s nicht, und es schont die Haushaltskasse.
Weil der betroffnene Läufling solch artgerechter Form hündischer Nahrungsaufnahme in der Regel wenig Sympathie entgegenbringt, folgt dem Biss ein Schrei. Dieser stört den Meditierenden bei seiner innigen Umarmung eines Baumes, wodurch auch dieser zu hassen beginnt.

Der Umarmende, nicht der Baum.

Dem Baum ist das egal.

Eine Spirale von Hass und Gewalt ist der medial transportierte Eindruck. Nun will ich die öffentliche Darstellung, noch weniger die ebensolche Meinung keineswegs der Hysterie bezichtigen, deshalb formuliere ich mit Bedacht: dieser Eindruck deckt sich nicht mit meinen Beobachtungen. Man mag mich vertrauensselig, gar naiv schelten, doch gehe ich meist unbewaffnet nach draußen.

Auch heute.

Ich begab mich auf eine Hrunde in den Hodenwald. Eigentlich war es eine schnöde Runde im Odenwald, ich wollte bloß nicht auf den Kalauer verzichten. „Hodenwald“, alles klar? Echter Schenkelklopfer! Schenkel klopfen lockert Verhärtungen. In den Beinmuskeln. „Verhärtungen“, noch so’n Ding. Wenn ich mich dem Niveau der Scherze annähern wollte, müsste ich graben.

Lassen wir das, zurück zum Geschehen.

Auf einem wunderschönen Single-Trail, den ich hinan lief, kamen mir zwei Bergradler entgegen. Langsam wie ich war, trat ich beiseite, um sie passieren zu lassen. „Danke“ klang mir entgegen, was ich mit einem freundlichen „Bitte“ vergolt. „Viel Spaß noch“ hörte ich vom zweiten Radler.
Kurz darauf war es an mir, „Danke“ zu sagen, als eine weitere Gruppe Mountainbiker angesichts meiner Nähe auf den Genuss eines Sprunghügels verzichtete – war recht eng für Akrobatik und Läufling.
Frohgemut lief ich weiter, begegnete einem Frauchen mit Hund. Ein hübscher Hund, groß und wuschelig, wie ich ihn mir an kalten Winterabenden als Fußwärmer vorstelle. Sie nahm den Winterhund beiseite, um das von mir lächelnd geäußerte „Hallo“ zu erwidern.

So verging manche Stund‘ im Walde mit Lächeln, Grüßen und Dänken. Keine Feinde, weder zu mir, noch untereinander. Von Feindbild keine Spur, nicht einmal das Bild eines Feindes.

Ich muss in einer Parallelwelt unterwegs gewesen sein.