Wovor läufst du weg?

Früher oder später wird ein jeder Läufling mit einer Frage konfrontiert, die den Nicht-Läufling offenbar sehr beschäftigt: wovor läufst du weg? Hierauf gäbe es viele Antworten, sollte man meinen. Lässt sich überhaupt etwas sinnvolles entgegnen?

Früher oder später wird ein jeder Läufling mit einer Frage konfrontiert, die den Nicht-Läufling offenbar sehr beschäftigt. Meistens wird sie gestellt, wenn man schon ein wenig geplaudert hat. Sobald dem nicht laufenden Gesprächspartner klar ist, dass er mit einem Läufling redet, spüren sensible Zeitgenossen, wie die Frage aller Seinsfragen des Nicht-Läuflings Auslass begehrend an seine Lippen klopft. Zunächst scheint er sich noch zurückzuhalten, doch das Unausweiliche ist unzurückhaltbar.

Dann ist sie da, die Frage.

Wovor läufst du weg?

Tja.

Hierauf gäbe es viele Antworten, sollte man meinen. Allerdings frage ich mich, ob sich überhaupt etwas sinnvolles entgegnen lässt.

Ich kleide die Standardreplik gerne in ein Experiment, indem ich mein Gegenüber bitte, mich zu begleiten: komm‘ mit, ich zeig’s dir. Dann gehe ich. Irgendwo entlang, vollkommen egal, denn je nach Geduld meiner Begleitung höre ich bald die Frage:

Wohin gehen wir eigentlich?

Darauf habe ich nur gewartet, um mir einen kleinen erbärmlichen Triumph zu gönnen. Siehste, du fragst nach einem Ziel! Man kann also nicht nur vor etwas weg, sondern vor allem auch auf etwas zu laufen. Schmunzeln auf allen Seiten, nur – ist die Frage damit meiner Meinung nach nicht beantwortet, sondern zurückgewiesen. Freilich könnte eine Antwort auch lauten Wovor ich weglaufe? Vor dem Start, den will ich hinter mir lassen. Aber auch das trifft den Kern der Frage nicht, die auf die Beweggründe zielt. Wir brauchen uns, denke ich, nicht darüber unterhalten, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge gerne tun, und deshalb bisweilen Schwierigkeiten haben, die Begeisterung anderer nachzuvollziehen. Tanzen? Ich? Nie und nimmer! Weder zehn Pferde, noch schöne Damen werden es schaffen, dass ich jemals Freude an dieser Form der Aktivität empfinden könnte. Von letzteren könnte ich mich unter Umständen zur widerwilligen Teilnahme überreden lassen. Naja, vielleicht auch nicht. Ob es mir gelänge, meinen Unwillen soweit zu kaschieren, dass ich mich nicht unbeliebt mache? Das dürfte die betreffende Dame entscheiden, nachdem ich sie vorgewarnt hatte….

Selbst unter systematisch trainierenden Sportlern bilden sich Lager heraus. Da schimpfen Kraftsportler über jedwede Form des Ausdauertrainings (die Begründung geht meistens auf den Punkt, wonach Cardiotraining grundsätzlich abzulehnen sei. Wie schön, wenn auch gut ausgebildete Trainer nicht zu einer differenzierten Betrachtung in der Lage sind), während Ausdauersportler in panischer Angst zu leben scheinen, Krafttraining würde plötzlich gigantische Muskelberge wachsen lassen (wie schön, wenn auch gut ausgebildete Trainer nicht zu einer differenzierten Betrachtung in der Lage sind).

Was also lässt einen Läufling laufen?

Der Blick auf die Oberfläche greift mir zu kurz. Wir laufen weder vor etwas weg, noch auf ein Ziel hin – auch dann nicht, wenn wir am Ende eines Laufes ein Transparent mit der Aufschrift ZIEL unterqueren. Weglaufen sicher nicht. Wie war das mit dem Eskapismus? Ist Wittgenstein davongelaufen, als er seinen Tractatus im Schützengraben schrieb? Wenn wir uns andererseits daran erinnern, dass unser Sport uns ausgeglichener werden lässt, dass wir nach einer Laufrunde Stress und Ärger abgebaut haben, könnte man eine Bewegung weg von schlechter Laune unterstellen. Oder hin zu guter Stimmung? Da haben wir wieder die beiden Seiten der Ausgangsfrage.

Warum laufen wir?

Vielleicht bringt uns ein Blick auf die Motivationstheorie weiter, die uns so hübsche Begriffe wie basale Motive liefert. Basale Motive, das sind Motive, die schon in frühester Kindheit angelegt werden und äußerst stabil bleiben. Am bekanntesten dürften die Motive Macht Anschluss Leistung sein. Hilft uns das? Ein ausgeprägtes Machtmotiv würde ich dem Läufling nicht unterstellen, ich würde eher darauf tippen, dass wir sehr leistungsmotiviert sind. Uns geht’s gut, wenn wir laufen. Von mir aus lassen sich noch Anreiz- und Belohnungssysteme betrachten, wobei Mihály Csíkszentmihályi nicht fehlen darf, wenn wir über Motivation reden.

Ich finde schon den Namen cool. Noch besser gefällt mir seine Theorie des Flow-Erlebens, das Läuflinge als Runner’s High kennen. Und warum geraten Läuflinge beim Laufen in den Flow-Zustand? Flucht können wir wohl ausschließen, schon alleine deshalb, weil wir dann von einer negativen Motivation ausgehen müssten. In diesem Fall müssten wir nach Herzbergs Zwei-Faktoren-Theorie aus Hygienefaktoren und Motivatoren davon ausgehen, dass wir negatives vermeiden wollen, was nicht geeignet ist, unsere freudigen Gesichter, das Lachen – und unser Glücksempfinden zu erklären.
Bekanntlich können wir nicht in andere hineinsehen, vielleicht sind wir nicht einmal in der Lage, uns selbst zu durchschauen. Von Descartes kennen wir den Ausspruch:

Ich denke, also bin ich.

Immerhin, ich bin. Wenigstens etwas.

Ich denke, dass ich laufe, also bin ich auf der Flucht

Das, denke ich, können wir ausschließen.

Wir müssen unsere Perspektive ändern. Bislang haben wir die Endpunkte unserer Bewegung betrachtet, indem wir die Frage so aufgefasst hatten, als würden wir uns von etwas weg, oder auf etwas zu laufen. Und wir konnten in keinem dieser Endpunkte den Anlass für das Laufen so klar erkennen, dass wir hätten sagen können: Genau, das ist es! Wenden wir uns dem bisher übersehenen Teil zu, nämlich der Phase dazwischen, in der wir Flow-Zustände erleben können, während der körpereigene Belohnungssysteme aktiv sind, die ihrerseits mit basalen Motiven zu tun haben. Wenn es eine Erklärung für das Warum? gibt, dürfte sie hier zu finden sein.

Wir laufen nicht vor etwas weg.

Wir laufen nicht auf etwas zu.

Wir laufen.

Vorsätzlich?

So ein Jahresswechsel ist faszinierend: ich lege mich schlafen, wache auf – und alles ist wie zuvor. Bei mir.
Andere Menschen hingegen hatten die radikale Neuausrichtung zu just diesem Datum vor Monaten vorsätzlich beschlossen. Und deshalb ist seit vorgestern alles anders. Wirklich?

So ein Jahresswechsel ist faszinierend: ich lege mich schlafen, wache auf – und alles ist wie zuvor. Wieso auch nicht, es ändert sich ja bloß die Jahreszahl im Datum, das ich schreibe. Ein banaler Vorgang, der das menschliche Konstrukt namens Kalender wiedergibt.

Nichts Besonderes also.

Für mich.

Andere Menschen hingegen hatten die radikale Neuausrichtung ihres Lebenswandels zu just diesem Datum vor Monaten vorsätzlich beschlossen. Und deshalb ist seit vorgestern, jenem Tag, an welchem sich viele der kleinen Raupen Nimmersatt über Nacht in einen wunderschöner Schmetterling verwandelten alles anders.

Wirklich?

Bleibt das auch so?

Ich hege Zweifel.

Zweifel an der Veränderung, an der Dauer des Zustands und letztlich an der Motivation, die vor Wochen oder gar Monaten zu dem geführt hatten, was der Volksmund gute Vorsätze für das Neue Jahr nennt.
Tja, diese Vorsätze.
Schon sprachlich scheinen sie mir der guten Sache – sprich: einer vom Vorsetzenden herbeigewünschten, ersehnten, erträumten, meist jedenfalls keineswegs erstrebten oder gar hingearbeiteten Änderung – eher hinderlich denn förderlich zu sein.
Nehmen wir an, ein Mensch setzt sich vorsätzlich einen Vorsatz vor. Dieser macht dann, was Vorsätze ihrem Namen nach eben tun: er sitzt. Und zwar vor besagtem Menschen, ihm deshalb im Wege herum. Das macht ihn gewissermaßen zum Vorsitzenden, vielleicht auch zum Vorgesetzten, was die Sache nicht unbedingt erleichtert, denn so ein Vorgesetzter zeichnet sich im Gegensatz zur Führungskraft dadurch aus, dass er Anweisungen gibt, die zu befolgen sind. Der Philosoph spricht hier vom normativen Ist, während sich der Bürger an die härtest mögliche Formulierung obrigkeitlicher Anordnungen erinnert fühlt, die bekanntlich ohne Wenn und Aber zu befolgen sind. Wen interessieren schon Interessen und Motive desjenigen, der zu folgen hat.

Da werfen wir einen kurzen Blick ins Lexikon, Stichwort Motivation, wo wir uns den Unterschied zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation vor Augen halten. Intrinsisch motivierte Menschen tun etwas, weil sie Lust dazu haben. Ich kenne genau einen Menschen, der von einem auf den anderen Tag mit dem Rauchen aufhörte: Ich hab‘ keinen Bock mehr zu rauchen. Die halbe Schachtel Zigaretten wurde irgendwann weiterverschenkt.

Extrinsch Motivierte handeln, weil sie es müssen. Oder glauben, es zu müssen.

Ich will niemandem was unterstellen, aber diese Vorsetzerei riecht förmlich nach Ach, ich glaube ich muss was für meine Gesundheit tun. Ich bin ja so dick. Weniger Essen und mehr Sport. Ab dem ersten Januar melde ich mich im Studio an.

Äh. Nur mal angenommen, solch ein Satz fällt Anfang Oktober. Wie genau darf ich mir das vorstellen? Jemand findet sich jetzt nicht fit, und will ein Vierteljahr weiterfressen und auf der Couch herumliegen?

Das kann nicht funktionieren.

Wenn derjenige am 1.Januar wirklich den Weg zu sportlicher Betätigung findet, wird er ihn kurze Zeit später verloren haben.

Intrinsisch geht anders. Vielmehr: es geht überhaupt.

Es gibt keinen Vorsatz, der vorne herumsitzt. Was soll er ohne Beine auch anderes tun? Mit Beinen, welche ihm die Lust des Menschen an der Veränderung macht – sie ist ihrerseits tiefer Einsicht in ihre Notwendigkeit geschuldet – gibt es anstelle des Vorsatzes einen Vorgang. Und weil der Mensch Lust im Sinne von Freude empfindet, wird aus dem Vorhaben ein Vorspiel. Schließlich soll die Chose Spaß bereiten.

Ich habe leicht Reden, bin ich doch sportlich?

Klar habe ich das – was den Sport betrifft.

Nur, dass ich nicht bloß von der Bewegung spreche, sondern von Verhaltensänderungen. Dass die verflucht schwierig herbeizuführen und noch schwerer beizubehalten sind, weiß ich selber. Von außen angestoßen – ich muss Sport treiben! – wird’s nichts. Nicht, wenn du musst. Da hilft auch keine Datumskrücke. Wenn du willst, wird ein Schuh draus, in diesem Fall wahrscheinlich ein Laufschuh.

Glaubst du zu müssen – lass‘ es, und genieße die anderen Dinge, die dir wirklich Spaß machen.

Wenn du willst – tu‘ es. Jetzt.

Viel Spaß beim Vorspiel!

Weisheit aus den Binsen: Laufen im Winter

Es ist später Herbst, der Winter naht, und das wiederum löst bei massenhaften Medien eine Zwangshandlung aus, welche in Artikeln mit Tipps für das Laufen in der kalten Jahreszeit mündet. Bahnbrechende Erkenntnis ist da eher selten, stattdessen bricht sich zumeist ein erstaunliches Misstrauen in den gesunden Menschenverstand der Leserschaft Bahn.
Na gut, schreib‘ ich halt auch was zum Thema. Zieht euch schon mal warm an…

Es ist später Herbst, der Winter naht, und das wiederum löst bei massenhaften Medien eine Zwangshandlung aus, welche in Artikeln mit Tipps für das Laufen in der kalten Jahreszeit mündet. Ich vermute, das hat die Inspiration zu „alle Jahre wieder“ geliefert.

Alle Jahre wieder.

Platscht das Schlagzeilending.

Auf die Titelseite nieder:

Laufen im Winter – so überlebst du die kalte Jahreszeit!

Frohgemut erwirbt der gemeine Läufling das Fitnessmagazin, von dem er sich herausragende Informationen zum Thema erwartet. An dieser Stelle schreite ich kurz ein, indem ich auf einen relativ einfachen Sachverhalt hinzuweisen mir gestatte: Wirklich Neues wird nur derjenige erfahren, der sich an den letzten Winter nicht mehr erinnert. Auch nicht an den davor. Und davor. Dem vielmehr die grundlegende Idee von Winter als Jahreszeit (ich bin so frei, und schließe den Spätherbst ein) fremd geworden ist.

Für jenen ist vieles neu.

Das sind die Menschen, die beim ersten Auftreten des Wortes Schneeflocke jedwedes Autofahren oberhalb von Schritttempo verweigern. Alle anderen dürfen keinen bahnbrechenden Erkenntnisgewinn erwarten. Eher bricht sich in den meisten Artikeln ein erstaunliches Mißtrauen in den Verstand der Leserschaft Bahn.
Aber was soll’s, ich schreibe auch ein paar Zeilen zum Thema.

Zieht euch warm an….

Denn es ist – Winter.

Das Winterhalbjahr – so benannt, obwohl dem Winter als einer von vier gleichberechtigten Jahreszeiten von Rechts wegen nur drei Monate zustehen – ist vielen Menschen noch aus der Kindheit in Erinnerung. Es war die Zeit, in der widerspenstige Eltern dem Kleinkind immer wieder die Mütze auf den Kopf zwangen. Selbst wiederholtes Herunterreißen verbunden mit nachdrücklichen Unmutsäußerungen verloren sich im elterlichen Trotz.

Die Mütze blieb drauf.

Später dann, als das kleine Wesen älter und rationalen Argumenten zugänglich wurde, erklangen Ermahnungen als Vorboten des Weihnachtsläutens im kindlichen Ohr:

Achte auf warme Füße.

Denk‘ an Schal, Mütze, Handschuhe.

Den Winter unserer Breiten kann man sich vorstellen wie Sommer mit weniger Wärme und Licht, dafür mehr Niederschlag. Und zweitweise wenig griffigem Untergrund. Was viele nicht wissen: das ist jedes Jahr so, da verhält er sich ganz traditionsbewusst, der Winter. Wahrscheinlich wird er durch seine eigene Kälte faul, ideenarm und innovationsresistent.

Oder er hält Winterschlaf.

Deshalb, lieber Läufling, brauchst du dir keine Sorgen wegen des seit Monaten ungewohnten Wetters machen, das ist vollkommen normal. Außerdem hast du Glück, weil es Menschen mit viel Weitblick und Sachverstand gut mit dir meinen. Sie versorgen dich zu Beginn der kalten Jahreshälfte mit allen Weisheiten der sieben Weisen, damit du den Winter überlebst. Nein, nicht per Auswanderung oder im Wohnzimmer, sondern (ich weiß, du wirst es kaum fassen), als wie sonst trainierender Läufling!

Du bekommst jetzt, exklusiv von mir, die sieben besten Tipps für das Laufen im Winter!

Tipp 1
Wenn es dort, wo du läufst, kalt ist, ziehe dich bitte warm an.

Tipp 2
Handschuhe sind ein gutes Mittel gegen kalte Hände.

Tipp 3
Eine warme Mütze schützt den Kopf vor der Kälte. Wenn sie die Ohren bedeckt, hält sie diese warm.

Tipp 4
Auch wenn die Sonne scheint, solltest du es vermeiden, dich nach dem Lauf im Gras auszuruhen. Im Sommer geht das, im Winter ist es zu kalt dafür.

Tipp 5
Das weiße Zeug, das manchmal von oben herabfällt, nennt sich Schnee. Er ist eigentlich harmlos, kann aber manchmal etwas glatt sein. Pass‘ also auf, dass du nicht ausrutscht. Vielleicht greifst du zu den Schuhen mit etwas Profil.

Tipp 6
Wenn es windig ist, regnet oder schneit, hilft dir eine winddichte, eventuell wasserabweisende Jacke. Selbst wenn es hageln sollte, ist ein Helm etwas übertrieben.

Tipp 7
Im Winter wird es später hell, dafür früher wieder dunkel. Nimm dir daher eine Lampe mit, wenn du damit rechnen musst, bei Dunkelheit zu laufen. Das Prinzip ist dasselbe wie im Sommer, nur die Uhrzeiten sind andere.

Wenn du diese Ratschläge beherzigst – im nicht-sportlichen Alltag schaffst du es wahrscheinlich auch, dich selbstständig dem Wetter entsprechend zu kleiden – hast du gute Chancen, auch diesen Winter zu überleben.

Von Urläuben, Souvenirs und neuem Spielzeug

Wenn einer eine Reise tat, so konnte er was erzählen. Obendrein kehrte er meist in Begleitung von allerlei unnützem Tand zurück – es sei denn, am Urlaubsort fand sich nützliches Spielzeug auf der Suche nach einer neuen Heimat. In meinem Fall war’s genau so.

neues Spielzeug
Wenn einer eine Reise tat, so konnte er was erzählen. Obendrein kehrte er meist in Begleitung von allerlei unnützem Tand zurück – persönliche Meisterleistung meiner Kindheit war das Modell einer venezianischen Gondel, die ich auf der Rialtobrücke erstand. Der Rumpf war schwarz mit güldenem Aufbau, welcher seinerseits (empfindliche Naturen mögen den folgenden Halbsatz überspringen) mit roten, weißen und grünen Dioden illuminiert war. Wenn mir besonders feierlich zumute war, beispielsweise in der Adventszeit, habe ich mein Zimmer gerne in die italienischen Farben getaucht.

Wenn ich von den drei bisherigen Aufenthalten in Grainau, am Fuße der Zugspitze, ohne vergleichbaren Kitsch nachhause kam, so mag das teilweise an meinem veränderten Geschmack liegen, oder daran, dass der Zugspitz Ultratrail mit Souvenirs in Form von Finishershirt und Laufgepäck aufwartete.
Jetzt, ganz profan und unsportlich, bin ich nur zum Urlaub hier.

Laufe ich Gefahr, Hut nebst Gamsbart zu erstehen? Eine original bayerische echtlederne Lederhose aus Kunstfaser, hergestellt in Bangladesh?

Ich werde es nie erfahren, weil beim gemütlichen Kaffeeplausch mit Jeldrik Dill von Playground GAP zwei Tatsachen aufeinandertrafen, nämlich: Jeldrik verfügt über überzählige Kleinsprungkästen, während ich einen ebensolchen als gemütlich-sportliches Wohn- und Trainingsaccessoire begehre. Es kam zum Äußersten als er mir ein Komplettpaket inklusive eines ledernen Medizinballes anbot. Handgefertigte, hölzerne Parallettes als Dreingabe ließen uns rasch handelseinig werden.

Functional Training?

Functional Souvenirs.

Tief in meinem Kopf plärrt eine Stimme. Sie fragt mich, wieso ich Gegenstände erwerbe, die genau so sind, wie jene, die ich aus der Schule kenne. Sogar der Hersteller ist der selbe: Erhardt. Arbeite ich mein Kindheits- und Jugendtrauma auf? Was habe ich die Schule gehasst, und jetzt kaufe ich Dinge, die mich daran erinnern? Ich denke eher, es waren die handschmeichelnden Medizinbälle, der lederne Bezug des Kastenpolsters, die mir seinerzeit Streicheleinheiten verpasst haben. Medizinball und Sprungkasten verbinde ich mit Zirkeltraining und dem weichen Fall in die Weichbodenmatte. Lustig war’s immer dann, wenn ich anstelle des vorgesehenen Bocksprungs absichtlich mit einem Fuß von der Kastenkante absprang, um neben der Matte zu landen. Des Sportlehrers Kopf ruckte beim Aufprallgeräusch ausgesprochen zackig herum…

Schöne Spielsachen.

Medizinbälle aus Gummi oder Kunststoff mögen günstiger sein, ein definiertes Rückprallverhalten haben und sogar wetterfest sein. Mir egal. Das Lederteil verstrahlt schon optisch wohlige Wärme, es hat die Härte, die mir persönlich zusagt (ich hatte mich für einen vergleichsweise harten Ball entschieden), und die Haptik stimmt.
Leder eben.

Genauso der Kasten: weiches Leder, leicht abgeschabt (wer will schon einen neuen Sprungkasten, der erst nach zwanzig Jahren wirklich gelebt hat?). Die Höhe perfekt für plyometrische Übungen oder um darauf zu sitzen.

Praktische Wohnsachen.

Plyoboxen würde ich mir weder gekauft, noch selbst gebaut haben, dazu sind sie mir zu eng auf ihren Nutzungsbereich begrenzt. Lieber gehe ich nach draußen, um mich an umgestürzten Bäumen, Treppen oder Parkbänken zu vergnügen. So ein Kasten wirkt schon rein optisch heimelig. Und, wie gesagt, es sitzt sich sehr komfortabel auf ihm. Sitzen bringt mich gleich auf einen Gedanken: die Höhe sollte gerade richtig sein, um mich an Pistols heranzutrainieren. Zu dumm, dass ich immer wieder aufstehen muss…

Ich habe neulich gehört, lederne Medizinbälle im Vintage Look würden gerne zu Dekozwecken als Wohnaccessoire genutzt. Vintage Look. Das heißt, irgendwelche nachgemachten Bälle sehen aus als hätte jemand eifrig damit trainiert, weshalb sie den Wohnraum von Passivsportlern dekorieren dürfen, der sportlichen Atmosphäre wegen. Schaut aus, als ob’s was taugen würde. So wie der SUV der Wonderbra unter den Autos ist, macht sich ein Medizinball im Vintage Look zum SUV unter den Nicht-Sportgeräten.
Da lobe ich mir meinen neuen Handschmeichler: sieht nicht nur so aus, sondern kann wirklich was. Ein, wie heißt es gleich wieder, Utensil für den professionellen Einsatz. Wenn er Generationen tobender Schüler überlebt hat, wird er mir lange Jahre Freude bereiten: beim Anfassen, Ansehen und beim sportlichen Anwenden.

Morgen werden Jeldrik und ich die Kramerspitze erwandern.

Meine neuen Wohnspielsachen warten derweil im Auto.

Resportlerisierung

Wenn ein Mensch nach längerem Knastaufenthalt aus dem Staatsdienst entlassen wird, findet er über Resozialisierungsprogramme in die Gesellschaft zurück. Für Sportler, die wegen Verletzung oder Krankheit zu einer längeren Trainingspause gezwungen waren, fehlt ein solches Angebot. Ich hätte da eine Idee….

Wenn ein Mensch nach längerem Knastaufenthalt aus dem Staatsdienst entlassen wird, findet er über Resozialisierungsprogramme in die Gesellschaft zurück. Auch für jenen Personenkreis, der gerne mit an den Schaltstellen der Macht sitzend umschrieben wird, als da wären Manager oder Politiker, stehen Heerscharen von Bewährungshelfern, Psycho-, Sozio- und andere -logen bereit, um ihn auf dem Rückweg ins Leben zu begleiten.

Und Sportler?

Sportler, die wegen Verletzung oder Krankheit zu einer längeren Trainingspause gezwungen waren, wären für ein vergleichbares Angebot gewiss dankbar. Schließlich drohen mannigfaltige Gefahren, wenn sich ein ehemals topfitter Mensch, an den geregelten Ablauf von Training und Ruhepausen gewöhnt, urplötzlich in einer Situation wiederfindet, die ihn zu Ruhe – ohne Training – zwingt. Wiederum hieran gewöhnt, vielmehr: sich damit abgefunden habend, infolgedessen gleichermaßen ausgehungert, wie dem mental abgespeicherten und somit als normal empfundenen Tagesablauf entgegenfiebernd, wird sich ein leidenschaftlicher Sportler nach überstandener Durststrecke mit ähnlicher Inbrunst in die körperliche Betätigung stürzen wie ein Casanova (oder eine Casanovin) nach jahrelanger Einsiedelei auf eine zufällig daherkommende Maid (oder Mann).

Lüstern.

Ungestüm.

Als Betroffener vermag ich das Lied des sanften Übergangs zu singen. Nehmen wir mich als Beispiel für einen Läufling, der behutsam in den Schoß des Sports zurückgeht. Da hatte ich vor ein paar Wochen wieder einmal eine Erkältung überstanden, lediglich ein kleiner Restschnupfen blieb. Wirklich ein Restschnupfen? Es könnte auch eine Allergie sein. Bin ich geheilt? In einer solchen Lage ist es doch kein Wunder, wenn mit der Resterkältlichkeit nur ein kümmerliches Überbleibsel der läuflingshaften Selbstsicherheit im Kopf umherschwirrt. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Dieb, der sich, frisch aus dem Knast entlassen, an einer Freibiertheke wiederfindet.

Ist das wirklich kostenlos, oder suggeriert mir die Phantasie, dass ich zugreifen darf?

Bin ich wirklich gesund, oder wartet ein widerliches Bakterium nur darauf, dass ich mein Immunsystem mit sportlicher Aktivität schwäche?

Was tun?

Sachte anfangen. Gaaanz vorsichtig. Einmal täglich ging ich an die frische Luft, um abwechselnd gemütlich zu Joggen (o ja, das Wort gibt es noch!) oder umherzuspazieren. Joggen, das ist Spaziergang mit Flugphase. Niedrigpulssport.
Drei Wochen ging das. Drei Wochen, in denen ich mit mir sehr zufrieden war, hatte ich sogar die Klimmzüge wieder aufgenommen. Einen pro Tag, schließlich wollte ich mich nicht anstrengen.

Bis zu jenem Tag.

Rückfall.

Halsweh, Schnupfen, Husten, Schwäche am gesamten Organismus einschließlich des Hirns.

Wie konnte das geschehen?

Ich hatte nicht bedacht, dass es zwischen der Wiedereingliederung in das sportliche, und der Rückkehr ins bürgerliche Leben mehrere Parallelen gibt. Eine davon ist, ich hätte es gleich wissen müssen, das Milieu. Ich hatte mich in schlechte Gesellschaft begeben, leider muss ich mein gleichermaßen geschätztes wie gewohntes Umfeld so bezeichnen. Dieser unvorteilhafte Umgang mit Menschen, die Krankheitserregern als Wirtstiere dienen, streckte mich vergangene Woche erneut nieder. Wo, so rufe ich aus, wo war da mein Bewährungs…äh…Genesungshelfer?

Ach so.

Gibt’s nicht.

Dann beginne ich wieder von vorne.

Spaziergang gestern, warm eingepackt.

Warm halten, viel Trinken und so weiter und so fort.

In einigen Wochen bin ich wieder eingegliedert in die Läuflingswelt.

Resportlerisiert eben.