Nanny State wird ein Staat genannt, der besonders stark in die Freizügigkeit seiner Bürger eingreift. Überfürsorglichkeit kennen wir von Helikopter-Eltern, deren Kinder bis zum Erreichen der Volljährigkeit in Watte gepackt werden.
Während sich der Nanny State also durch ein Übermaß an Bevormundung und Kontrolle auszeichnet (selbstverständlich zum Wohle der Bürger), spielen die flugunfähigen Flugeltern dasselbe Spiel ein wenig hätscheliger. Treibende Kraft scheint in beiden Fällen Ängstlichkeit gepaart mit Misstrauen zu sein. Den Schützling kann man halt nichts alleine tun lassen.
Und wie ist das mit Ultratrails, wenn das Wetter schlecht ist? Oder gefühlt zu viele Teilnehmer aussteigen? Kürzlich rannte eine Sau durchs Dorf. Sie wurde von Leuten getrieben, die vom schlechten Wetter beim Zugspitz Ultratrail erfahren, und flugs eine DNF-Quote ermittelt hatten (DNF = did not finish, also das Rennen abgebrochen). Flugs spaltete sich die Gemeinde in zwei Lager: jene, die fordern, der Veranstalter hätte das Rennen abbrechen (oder verkürzen, umleiten,….) müssen. Und jene, die das nicht tun.
Selbstverständlich gibt es noch die zweieinhalbte, die Randgruppe, die solche Veranstaltungen grundsätzlich und überhaupt und total für unverantwortlich erklärt.
Ich stelle mir die Frage: gibt es eine moralische Pflicht eines Veranstalters? Eine Art Fürsorgepflicht? Und worin könnte diese bestehen?
Wo würde ich die Grenze ziehen?
Ich bringe den Spannungsbogen sofort zum Einsturz, indem ich erkläre, dass ich die Grenze, innerhalb derer ich aus moralischer Sicht eine Pflicht eines Veranstalters zu etwas (wozu, dazu später mehr) ableiten würde, äußerst eng ziehe.
Wovon reden wir eigentlich?
Menschen treiben Sport. Ich vermeide das arg strapazierte Wort extrem, gebe aber gerne zu, dass hundert Kilometer im Hochgebirge ungewöhnlich sind. Für gewöhnlich – und das ist der Standardfall, den ich hier unterstelle – weiß ein Teilnehmer einigermaßen einzuschätzen, worauf er sich einlässt. Beispielsweise ist ihm ein deutlicher Unterschied zum Städtemarathon bewusst.
Wenn ich mich mit erfahrenen Bergwanderern und Bergsteigern unterhalte, wird schnell eines klar: im Gebirge gibt der Berg vor, ob und wann die Strecke verändert, oder das Vorhaben verschoben oder abgebrochen werden muss.
Unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten (und Risikobereitschaft!) treffen Entscheidungen, die genauso verschieden ausfallen können. Wo der eine schon umkehrt, beginnt der andere, sich erst richtig wohl zu fühlen.
Es sind individuelle Entscheidungen, die da getroffen werden. Es kann nur jeder für sich selbst bestimmen, wann genug ist. Da braucht kein Mensch über eine DNF-Quote meckern, im Gegenteil: jeder, der frei für sich selbst beschlossen hat, das Risiko eines Sturzes auf glatter Strecke, bei schlechtem Wetter nicht einzugehen, verdient Respekt ob seines Entschlusses. Da ist ein DNF beileibe Grund, stolz auf die Entscheidung zu sein, denn leicht wird sie niemandem gefallen sein. In Kenntnis der eigenen Grenzen zu verzichten ist ein höchst souveräner Akt der Selbstbestimmung!
Wie ist das nun mit dem Veranstalter? Den ZUT bin ich dreimal gelaufen, jedes Mal bei gutem Wetter – wenn die Strecke an manchen Stellen auch sehr rutschig war. Aber alles harmlos. Als ich 2012 den UTMB gefinished hatte, war die Strecke wegen des üblen Wetters verkürzt worden. Schlamm, Matsch, Regen, Schnee – alles dabei.
Hier hatte der Veranstalter eine Entscheidung getroffen. Musste er das tun?
Ich vermag es nicht zu beurteilen, will es auch nicht. Mir ist klar, dass kein Veranstallter aus Jux und Tollerei sagt: „ach, dieses Jahr machen wir es mal kürzer“.
Mein Blick fällt auf das Buch Feet in the Clouds von Richard Askwith, welches Fell Running, eine ziemlich heftige britische Spezialität, zum Thema hat. In einem Kapitel setzt er sich mit Unfällen, Todesfällen und der Frage auseinander, wie sich der Charakter des Sports verändert. Verändern würde, wenn man dem Veranstalter die gesamte Verantwortung zuschiebt.
Bezeichnend ist ein Absatz, in welchem ein wachsender Teilnehmerkreis beschrieben wird, der mit der Erwartung in ein Rennen geht, jemand würde schon dafür Sorge tragen, dass sie gut und sicher ankommen. Solche Leute scheint es zu geben. Der Veranstalter muss…? Gar nichts muss er. Es gibt keine Garantie für die Zielankunft, möchte ich solchen Leuten sagen. Es gibt auch keine Garantie dafür, dass ihr unbeschadet durchkommt. Noch weniger, wenn ihr auf Ausrüstung und / oder Vorbereitung verzichtet. Je trailiger, je länger, desto ungewisser ist der Erfolg.
Deswegen machen wir das doch!
Wer will schon wissen, was ihn unterwegs erwartet?
Wer mit Gewissheit ankommen will, darf City-Marathon laufen.
Wer abseits fester Wege, in schöner Landschaft und eventuell schlechtem Wetter lange Strecken läuft, tut dies (das unterstelle ich mit diesen meinen Worten), weil er für sich selbst Verantwortung übernehmen will. Weil ihn die Vorstellung begeistert, eine vorsichtige Fußzehe aus der Komfortzone herausstrecken zu können.
Sicherheitsgarantie?
Ankommensgarantie?
Soll der Veranstalter noch den Rucksack packen, Schuhe schnüren und an den Verpflegungsstellen fragen: hast du auch genug gegessen?
Mir gefällt ein Zitat aus dem oben erwähnten Buch. Auf die Möglichkeit einer Schlechtwetter-Route angesprochen, antwortet Selwyn Wright, der ein Rennen um den Ort Langdale herum organisiert:
„Wenn man den Veranstalter dafür verantwortlich macht, das Rennen so sicher wie möglich zu machen, nimmt man die Eigenverantwortung von den Läufern weg. Ich will nicht, dass die Leute denken, sie brauchen sich bei schlechtem Wetter keine Sorgen machen. Ich will, dass sie sich Sorgen machen und Verantwortung für sich übernehmen (…).“
Wrights Zitat schließt mit einem wunderbaren Satz:
„Das letzte was wir wollen, ist Zulauf von Leuten, die glauben, Fell Running sei sicher.“
Wenn wir Fell Running durch Ultratrails, besser noch, Trails allgemein ersetzen, haben wir ein sehr starkes Argument dagegen, dem Veranstalter von vorne herein die ganze Verantwortung zuzuschieben.
Wie gesagt: wir tun diesen Sport eben weil wir Freiheit erleben wollen.
Und Freiheit ist nunmal auch die Freiheit, auf die Schnauze zu fallen.
Wo aber würde ich den Veranstalter in die Pflicht nehmen wollen? Nun, er gibt (Ausgenommen Orientierungsläufe, Fell Running und ähnliche Dinge) die Strecke vor und hat während der Veranstaltung einen deutlichen Informationsvorsprung. Ich erkenne darin zwei Aspekte, die den Veranstalter betreffen:
Erstens: Weil er die Route vorgibt, muss er ihren Zustand wenigstens überprüft haben. Damit meine ich nicht, dass sie vom Regen rutschig wird, sondern dass zum Beispiel Holzstege nicht morsch (oder es gibt ein Warnschild), oder Halteseile ordentlich verankert sind. Wenn das Wetter nicht mitspielt, muss ein jeder für sich selbst entscheiden.
Ja, ich bin mir darüber im Klaren, dass viele Läufer ein großes Ego mit sich herumschleppen. Ein Ego, dass sie zum Beispiel dazu verleitet, mit unzureichender Ausrüstung unterwegs zu sein. Was tun? Wenn man mich fragt: nichts.
Wie gesagt: Freiheit ist auch die Freiheit,….
Zweitens: Die besseren Informationen können durchaus dazu führen, dass der Veranstalter eine Entscheidung trifft, die ein vernünftiger Läufer auch treffen würde. Ich würde mich zwar als routinierten Ultratrailer bezeichnen, von der intuitiven Wahrnehmung einheimischer Alpinisten kann sich wahrscheinlich der Großteil eines jeden Teilnehmerfeldes eine dicke Scheibe abschneiden. Da heißt es für mich: ich vertraue der Entscheidung jener Leute, die ich selbst fragen würde, wenn ich sie fragen könnte: wie schaut’s aus, hält das Wetter? Geht das noch zu laufen?
Für alles andere, vor allem für die situativen Entscheidungen von „mir ist flau im Magen, wenn ich daran denke, dass ich dort laufen muss über verdammt kalt, und ich habe nur ein T-Shirt an bis zu Trailschuhe brauch‘ ich nicht, ich laufe daheim im Wald auch mit Straßenschuhen ist jeder Teilnehmer selbst zuständig.
In Läuferkreisen kursieren Geschichten von Leuten, die sich kurz nach dem Start ihres Rucksacks samt Wetterschutzkleidung entledigt haben, um einige Stunden später, nach dem Wetterumschwung, unterkühlt und entkräftet in zweitausend Metern Höhe herumwankten.
Sowas aber auch.
Welcome to Life. Enter at own risk.