Wieder zuhause

Egal wie ich es drehe und wende, der diesjährige Night 52 in Bretten ist seit eindreiviertel Jahren der erste Ultra gewesen. Und wahrlich, ich sage euch, es fühlte sich wie ein Heimkommen an!

Ich habe hin- und her überlegt, gerechnet, mich zu erinnern versucht: immer kam dasselbe Ergebnis heraus. Den letzten längeren Lauf mit mehr als dreißig Kilometern und Startnummern hatte ich in Form des Cactus Rose (50 Meilen) im November 2014. Zweitausendundvierzehn. Kein Tippfehler!

Meine Güte.

Durststrecke? Ja.

Durchhänger? Auch.

Neustart? Ich will’s doch hoffen!

Andere Autoren vergleichen solch eine Situation gerne mit der erneuten Anbandelung lange voneinander getrennt gewesener Liebender. Da ist die Rede vom scheuen Herantasten (auch im physischen Sinne, natürlich), vom Beobachten der eigenen Gefühlswelt – ist es wie früher?, es wird zärtlich gezärtelt, Vorsicht waltet anfangs, dann schwindet sie zunächst, bis sie schlussendlich komplett abgelegt wird. Hierin teilt sich das Los der Bekleidung. Auch diese wird abgelegt. Große Gefühle wallen wieder auf. So will es das Drehbuch zum Happy End.

Happy?

Absurd.

Mir schiene vielmehr, dass gerade ein erneutes Entdecken von einstmals Verbindendem das Trennende hervorhebt und stabilisiert. Beim Laufen und mir ist das anders, denn wir hatten uns nicht getrennt, sondern eher eine Pause eingelegt.
Und, nein, ich tappe keineswegs in eine selbst aufgestellte Falle, indem ich den Begriff Pause verwende, schließlich ist eine Trennung eine bewusst herbeigeführte Entscheidung, eine Pause ist eben nur das. Eine Auszeit.

Dessen ungeachtet war ich gespannt. Zunächst ganz profan darauf, wie sich zweiundfuffzich Kilometer anfühlen, wo die längsten Strecken der letzten Monate gerade mal knapp dreißig Kilometer lang waren. Und auch das ausgesprochen selten. Nun gut, dachte ich mir, gehen wir das Ganze entspannt an. Betont entspannt. Laufen, Gehen, locker in Bewegung bleiben und genießen. Alles was der Körper nicht hinkriegt, darf der Kopf übernehmen. Ich vertraue meiner mentalen Stärke, mich irgendwie ins Ziel zu hoppeln.

Es traf sich gut, dass ich dergestalt geistig gerüstet – höchst tiefenentspannt (ich hoffe, das Wortspiel fällt dir auf, lieber Leser) – am Start stand, denn es war sakrisch schwül. Ich kann Hitze nicht ausstehen.

Schwüle Hitze noch weniger.

Das war mir aber egal.

Wahrgenommen habe ich es, mehr aber auch nicht. Wie heißt der Satz? Akzeptiere deine Situation so, wie sie ist. Ich musste diesen Gedanken nicht mal bewusst fassen. Die Haltung muss ich mir merken, dann brauche ich künftig nicht einmal mehr wegen des Wetters motzen. Womit ich mich dann beschäftige? Mir wird schon was einfallen.

Ein erstes Schlüsselerlebnis hatte ich kurz nach einer Verpflegung nach vielleicht sechzehn Kilometern als drei, vier Kinder jubelnd am Streckenrand standen. Hände reckten sich mir entgegen – Rufen, Lächeln, Abklatschen! Zehn Schritte weiter war ich alleine mit meiner Bewegung.

So erinnere ich diese herrlichen Wechsel zwischen Trubel und Ruhe.

Ich empfand mich als zuhause angekommen.

Einige Zeit später stellte ich fest, wie meine Beine die Geschwindigkeit, Schrittlänge, Laufen und Gehen wie von selbst anpassten. Bergauf langsamer, wenn’s steiler wurde, verfielen sie in zügiges Gehen, während mein Gehwerkzeug Ebene und leichtes Gefälle von selbst im lockeren Trab nahm.

Hallo Reflexe, begrüßte ich sie, schön, wieder mit euch zu laufen!

Etwas weniger erfreulich, wenngleich nicht minder vertraut, erlebte ich trockene Kehle (habe ich schon erwähnt, dass es verflucht heiß war?) und Steine in den Schuhen. Da gefiel mir die Stimmung nachts alleine im endlich etwas kühler gewordenen Wald schon besser! Auch dieses Hurra, endlich Luft! ein altbekanntes Gefühl, wie auch die sich wohlverdient benutzt anfühlenden Beine.

Ich bin wieder zuhause.

Zahlenspiel mit breitem Grinsen

Letzten Mittwoch morgen machte ich Kreuzheben mit meiner Langhantel. Langsam steigern, erst weniger Gewicht mit mehr Wiederholungen, dann schwerer und weniger. Als ich danach auf dem Weg ins Büro war, wurde mein Grinsen immer breiter. Nach kurzem Nachdenken kam ich schnell drauf, weshalb.

Letzten Mittwoch morgen machte ich Kreuzheben mit meiner Langhantel. Langsam steigern, erst weniger Gewicht mit mehr Wiederholungen, dann schwerer und weniger. Als ich danach auf dem Weg ins Büro war, wurde mein Grinsen immer breiter. Nach kurzem Nachdenken kam ich schnell drauf, weshalb.

Ich hatte nämlich zunächst acht, dann fünf und schließlich drei Wiederholungen ausgeführt. Wie gesagt, mit jeweils steigendem Gewicht. Mein Grinsen, das ergab eine kurze Recherche in meinem Hirn, war durch die Tatsache ausgelöst worden, dass die Zahlen 8 – 5 – 3 in absteigender Reihenfolge einen Teil der Fibonacci-Folge darstellen.

Diese erhält man, indem jede Zahl in der Folge die Summe ihrer beiden Vorgänger darstellt. Also 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 und so weiter. Die beiden Einsen am Anfang sind nötig, mit irgendwelchen Zahlen muss man schließlich loslegen.

So weit, so gut.

Noch breiter grinste ich, als ich die Fibonacci-Zahlen auf die Trainingsbereiche (Wiederholungszahlen) übertrug, die für bestimmte Trainingsziele gelten. Dazu finden sich in der Literatur diese Zahlen:

1 bis ca. 8 Kraftsteigerung durch bessere neuronale Ansteuerung der Muskelfasern
3 bis ca. 12 Hypertrophie, d.h. Muskelwachstum
10 bis ca. 100 Kraftausdauer

Noch höhere Wiederholungen führen uns in den Bereich der kardiovaskulären Ausdauer, während für die Regeneration von Sehen und Bändern Zahlen von mehr als etwa 15 Wiederholungen genannt werden. Wie man sieht überschneiden sich die Bereiche zum Teil deutlich, wobei es auch immer drauf ankommt, welche Quelle ich mir gerade ansehe. Die Zahlen oben geben eine, wie ich denke, halbwegs taugliche Orientierung.

Mir ist der Kraftzuwachs ohne ein Mehr an Muskeln eigentlich am liebsten – Beach Body schön und gut, in erster Linie muss er aber funktionieren. Aber, wie man schön sieht, kann man es sich nur zum Teil aussuchen. Wenn der Muskel meint, er müsste wachsen, soll er das meinethalben tun, schließlich ist er alt genug um zu wissen, was nötig ist.

Eine Sache finde ich allerdings so richtig geil: wenn ich mir die Wiederholungen ansehe, und mit der Fibonacci-Folge vergleiche, so liegen die Sätze einer fibonacci-mäßig aufgebauten Trainingssession ziemlich gut in den einzelnen Bereichen. Freilich muss ich darauf achten, dass das Trainingsgewicht eines Satzes mit sinkenden Wiederholungen steigt.

Viele Wiederholungen – wenig Gewicht zum Warmmachen und sanften Einstieg

Wenige Wiederholungen und hohes Gewicht für den Kraft-Teil des Trainings.

Nur: welches Gewicht ist „hoch“?

Woran soll ich mich orientieren?

Zum Glück haben andere Menschen diese Aufgabe schon bewältigt, und werfen mit Begriffen wie 1 RM (das ist das Gewicht, mit dem genau eine Wiederholung bis zum Muskelversagen möglich ist) um sich, wobei die meisten Ratgeber Prozentwerte von 1 RM angeben, mit denen die niedrigen (Kraft-) Wiederholungen ausgeführt werden. Mit 85 bis 90 % von 1 RM ist man nach Ansicht der meisten Autoren für die kraftlastigen Sätze gut bedient. Für den Rest gehe ich nach Gefühl vor, das ist nicht immer die allerdümmste Vorgehensweise.

Im Sinne einer kompletten umgekehrten Fibonacci-Folge (bis auf Eins herunter) würde in der nächsten Session also noch etwas Gewicht draufpacken, und damit zwei, beziehungsweise eine (oder zweimal eine) Wiederholung ausführen.

Vielleicht bekomme ich auch Lust, die Zahlen 13 und 21 hinzuzunehmen.

Mithin mache ich also (21)…(13)…8…5…3…2…1…1 Wiederholungen. Vom Gewicht her muss ich schauen, schließlich hängt das auch von der Übung ab.

Kurzum: ich werde meinem Spieltrieb folgen, und von meinen Erfahrungen berichten.

Keine Frage, mein Grinserchen entbehrt jedweder Grundlage, es ist jeglichem Anspruch an Systematik abhold. Es gibt nichtmal Raum, um das Spiel von Kausalität und Korreliertheit zu spielen, weil ich nichts weiter getan habe, als zwei verschiedenartig aufgeteilte Linien nebeneinander zu legen. Informatisch vorbelasteten Menschen kommt sofort der Begriff Mapping in den Sinn, alle anderen können mit dem Wort Zuordnung vielleicht mehr anfangen. Insofern fällt für mich auch die Versuchung flach, das Stichwort Fibonacci-Training als allein selig machende Wahrheit in die Welt hinauszuposaunen, um so Reichtum und Glückseligkeit zu erlangen.

Nichts liegt mir ferner.

Kein Bock dazu.

Falls jemand Lust bekommt, sich mit Fibonacci-Training zu befassen, es in einer Studie zu verifizieren – oder, mit freundlichem Gruß von Karl Popper, zu widerlegen, würde mich das Ergebnis natürlich interessieren.

Für mich ist es eine nette Spielerei, die Abwechslung ins Training bringt.

Aussagekraft: Null.

Aber Spaß macht’s!

Mein Grinsen wächst schon wieder…

Über DNF, Eigenverantwortung und Nanny Races

Nanny State wird ein Staat genannt, der besonders stark in die Freizügigkeit seiner Bürger eingreift. Überfürsorglichkeit kennen wir von Helikopter-Eltern, deren Kinder bis zum Erreichen der Volljährigkeit in Watte gepackt werden.
Und wie ist das mit Ultratrails, wenn das Wetter schlecht ist? Oder gefühlt zu viele Teilnehmer aussteigen? Wollen wir ein Nanny Race?

Nanny State wird ein Staat genannt, der besonders stark in die Freizügigkeit seiner Bürger eingreift. Überfürsorglichkeit kennen wir von Helikopter-Eltern, deren Kinder bis zum Erreichen der Volljährigkeit in Watte gepackt werden.

Während sich der Nanny State also durch ein Übermaß an Bevormundung und Kontrolle auszeichnet (selbstverständlich zum Wohle der Bürger), spielen die flugunfähigen Flugeltern dasselbe Spiel ein wenig hätscheliger. Treibende Kraft scheint in beiden Fällen Ängstlichkeit gepaart mit Misstrauen zu sein. Den Schützling kann man halt nichts alleine tun lassen.

Und wie ist das mit Ultratrails, wenn das Wetter schlecht ist? Oder gefühlt zu viele Teilnehmer aussteigen? Kürzlich rannte eine Sau durchs Dorf. Sie wurde von Leuten getrieben, die vom schlechten Wetter beim Zugspitz Ultratrail erfahren, und flugs eine DNF-Quote ermittelt hatten (DNF = did not finish, also das Rennen abgebrochen). Flugs spaltete sich die Gemeinde in zwei Lager: jene, die fordern, der Veranstalter hätte das Rennen abbrechen (oder verkürzen, umleiten,….) müssen. Und jene, die das nicht tun.

Selbstverständlich gibt es noch die zweieinhalbte, die Randgruppe, die solche Veranstaltungen grundsätzlich und überhaupt und total für unverantwortlich erklärt.

Ich stelle mir die Frage: gibt es eine moralische Pflicht eines Veranstalters? Eine Art Fürsorgepflicht? Und worin könnte diese bestehen?

Wo würde ich die Grenze ziehen?

Ich bringe den Spannungsbogen sofort zum Einsturz, indem ich erkläre, dass ich die Grenze, innerhalb derer ich aus moralischer Sicht eine Pflicht eines Veranstalters zu etwas (wozu, dazu später mehr) ableiten würde, äußerst eng ziehe.

Wovon reden wir eigentlich?

Menschen treiben Sport. Ich vermeide das arg strapazierte Wort extrem, gebe aber gerne zu, dass hundert Kilometer im Hochgebirge ungewöhnlich sind. Für gewöhnlich – und das ist der Standardfall, den ich hier unterstelle – weiß ein Teilnehmer einigermaßen einzuschätzen, worauf er sich einlässt. Beispielsweise ist ihm ein deutlicher Unterschied zum Städtemarathon bewusst.

Wenn ich mich mit erfahrenen Bergwanderern und Bergsteigern unterhalte, wird schnell eines klar: im Gebirge gibt der Berg vor, ob und wann die Strecke verändert, oder das Vorhaben verschoben oder abgebrochen werden muss.
Unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten (und Risikobereitschaft!) treffen Entscheidungen, die genauso verschieden ausfallen können. Wo der eine schon umkehrt, beginnt der andere, sich erst richtig wohl zu fühlen.

Es sind individuelle Entscheidungen, die da getroffen werden. Es kann nur jeder für sich selbst bestimmen, wann genug ist. Da braucht kein Mensch über eine DNF-Quote meckern, im Gegenteil: jeder, der frei für sich selbst beschlossen hat, das Risiko eines Sturzes auf glatter Strecke, bei schlechtem Wetter nicht einzugehen, verdient Respekt ob seines Entschlusses. Da ist ein DNF beileibe Grund, stolz auf die Entscheidung zu sein, denn leicht wird sie niemandem gefallen sein. In Kenntnis der eigenen Grenzen zu verzichten ist ein höchst souveräner Akt der Selbstbestimmung!

Wie ist das nun mit dem Veranstalter? Den ZUT bin ich dreimal gelaufen, jedes Mal bei gutem Wetter – wenn die Strecke an manchen Stellen auch sehr rutschig war. Aber alles harmlos. Als ich 2012 den UTMB gefinished hatte, war die Strecke wegen des üblen Wetters verkürzt worden. Schlamm, Matsch, Regen, Schnee – alles dabei.
Hier hatte der Veranstalter eine Entscheidung getroffen. Musste er das tun?

Ich vermag es nicht zu beurteilen, will es auch nicht. Mir ist klar, dass kein Veranstallter aus Jux und Tollerei sagt: „ach, dieses Jahr machen wir es mal kürzer“.

Mein Blick fällt auf das Buch Feet in the Clouds von Richard Askwith, welches Fell Running, eine ziemlich heftige britische Spezialität, zum Thema hat. In einem Kapitel setzt er sich mit Unfällen, Todesfällen und der Frage auseinander, wie sich der Charakter des Sports verändert. Verändern würde, wenn man dem Veranstalter die gesamte Verantwortung zuschiebt.

Bezeichnend ist ein Absatz, in welchem ein wachsender Teilnehmerkreis beschrieben wird, der mit der Erwartung in ein Rennen geht, jemand würde schon dafür Sorge tragen, dass sie gut und sicher ankommen. Solche Leute scheint es zu geben. Der Veranstalter muss…? Gar nichts muss er. Es gibt keine Garantie für die Zielankunft, möchte ich solchen Leuten sagen. Es gibt auch keine Garantie dafür, dass ihr unbeschadet durchkommt. Noch weniger, wenn ihr auf Ausrüstung und / oder Vorbereitung verzichtet. Je trailiger, je länger, desto ungewisser ist der Erfolg.

Deswegen machen wir das doch!

Wer will schon wissen, was ihn unterwegs erwartet?

Wer mit Gewissheit ankommen will, darf City-Marathon laufen.

Wer abseits fester Wege, in schöner Landschaft und eventuell schlechtem Wetter lange Strecken läuft, tut dies (das unterstelle ich mit diesen meinen Worten), weil er für sich selbst Verantwortung übernehmen will. Weil ihn die Vorstellung begeistert, eine vorsichtige Fußzehe aus der Komfortzone herausstrecken zu können.

Sicherheitsgarantie?

Ankommensgarantie?

Soll der Veranstalter noch den Rucksack packen, Schuhe schnüren und an den Verpflegungsstellen fragen: hast du auch genug gegessen?

Mir gefällt ein Zitat aus dem oben erwähnten Buch. Auf die Möglichkeit einer Schlechtwetter-Route angesprochen, antwortet Selwyn Wright, der ein Rennen um den Ort Langdale herum organisiert:
„Wenn man den Veranstalter dafür verantwortlich macht, das Rennen so sicher wie möglich zu machen, nimmt man die Eigenverantwortung von den Läufern weg. Ich will nicht, dass die Leute denken, sie brauchen sich bei schlechtem Wetter keine Sorgen machen. Ich will, dass sie sich Sorgen machen und Verantwortung für sich übernehmen (…).“

Wrights Zitat schließt mit einem wunderbaren Satz:

„Das letzte was wir wollen, ist Zulauf von Leuten, die glauben, Fell Running sei sicher.“

Wenn wir Fell Running durch Ultratrails, besser noch, Trails allgemein ersetzen, haben wir ein sehr starkes Argument dagegen, dem Veranstalter von vorne herein die ganze Verantwortung zuzuschieben.

Wie gesagt: wir tun diesen Sport eben weil wir Freiheit erleben wollen.

Und Freiheit ist nunmal auch die Freiheit, auf die Schnauze zu fallen.

Wo aber würde ich den Veranstalter in die Pflicht nehmen wollen? Nun, er gibt (Ausgenommen Orientierungsläufe, Fell Running und ähnliche Dinge) die Strecke vor und hat während der Veranstaltung einen deutlichen Informationsvorsprung. Ich erkenne darin zwei Aspekte, die den Veranstalter betreffen:

Erstens: Weil er die Route vorgibt, muss er ihren Zustand wenigstens überprüft haben. Damit meine ich nicht, dass sie vom Regen rutschig wird, sondern dass zum Beispiel Holzstege nicht morsch (oder es gibt ein Warnschild), oder Halteseile ordentlich verankert sind. Wenn das Wetter nicht mitspielt, muss ein jeder für sich selbst entscheiden.
Ja, ich bin mir darüber im Klaren, dass viele Läufer ein großes Ego mit sich herumschleppen. Ein Ego, dass sie zum Beispiel dazu verleitet, mit unzureichender Ausrüstung unterwegs zu sein. Was tun? Wenn man mich fragt: nichts.
Wie gesagt: Freiheit ist auch die Freiheit,….

Zweitens: Die besseren Informationen können durchaus dazu führen, dass der Veranstalter eine Entscheidung trifft, die ein vernünftiger Läufer auch treffen würde. Ich würde mich zwar als routinierten Ultratrailer bezeichnen, von der intuitiven Wahrnehmung einheimischer Alpinisten kann sich wahrscheinlich der Großteil eines jeden Teilnehmerfeldes eine dicke Scheibe abschneiden. Da heißt es für mich: ich vertraue der Entscheidung jener Leute, die ich selbst fragen würde, wenn ich sie fragen könnte: wie schaut’s aus, hält das Wetter? Geht das noch zu laufen?

Für alles andere, vor allem für die situativen Entscheidungen von „mir ist flau im Magen, wenn ich daran denke, dass ich dort laufen muss über verdammt kalt, und ich habe nur ein T-Shirt an bis zu Trailschuhe brauch‘ ich nicht, ich laufe daheim im Wald auch mit Straßenschuhen ist jeder Teilnehmer selbst zuständig.

In Läuferkreisen kursieren Geschichten von Leuten, die sich kurz nach dem Start ihres Rucksacks samt Wetterschutzkleidung entledigt haben, um einige Stunden später, nach dem Wetterumschwung, unterkühlt und entkräftet in zweitausend Metern Höhe herumwankten.

Sowas aber auch.

Welcome to Life. Enter at own risk.

Ein Wandertag

Das Wandern ist, wie der Volksmund weiß, des Müllers Lust. Ohne jeglichen Respekt vor etwaigen Schürfrechten dieser Berufsgruppe entschloss ich mich, an der 24-Stunden Wanderung im nahen Straubenhardt teilzuhaben. Fürwahr, ein guter Entschluss!

Das Wandern ist, wie der Volksmund weiß, des Müllers Lust. Obzwar ich mir nicht ganz sicher war, dass auch ich als Nichtmitglied dieser ehrwürdigen Zunft zum Kosten dieser Lustgefühle berechtigt sei, beschloss ich, respektlos daran teilzuhaben. Wie ich es schon letztes Jahr getan hatte.

Damals hatte der Schwarzwaldverein in Straubenhardt – bequemerweise zehn Minuten von meinem Wohnort entfernt gelegen – die 24-Stunden-Wanderung zum fünften Mal organisiert. Wenn es Menschen gibt, die den Begriff des Wandertages wörtlich nehmen, ist mir das von vorne herein sympathisch. Ein Tag im schönen Nordschwarzwald, an frischer Luft und dem Busen der Natur sich labend.

Mein eigener Zustand gab mir leicht zu denken, im Geiste lief Freitagnachmittag – Start war Freitag abend – eine Checkliste durch:

Fühle ich mich ausreichend trainiert? Nein.

Ist meine Wade, die ich mir vor vier Wochen verletzt hatte, wieder 100% fit? Keine Ahnung.

Wie geht’s mir? Hundemüde. Verspannungskopfschmerzen.

Habe ich Bock? Pööööh…ich will mich hinlegen, dösen, pennen, herumhängen.

Klare Sache also: ich packe meine Sachen, gehe an den Start und wandere in einer netten Gruppe. Zeit genug ist ja, 24 Stunden für 80 Kilometer sind wahrlich ausreichend. Sollte das Wadelchen meckern, kann ich immer noch auf eine kürzere Strecke ausweichen, oder halt abbrechen. Außerdem kenne ich den oben geschilderten Zustand meines Gemüts: meistens kommt der Appetit beim Essen.

So kam es dann auch.

Nicht nur beim Essen, wobei die Verpflegung eine gesonderte Erwähnung an dieser Stelle verdient. Während meine letztjährigen Mitstreiter und ich im Vorjahr das halbe Sortiment eines Nahrungsmittelgroßmarktes bis ins Ziel mitgeschleift hatten – gebraucht haben wir nichts – begnügte ich mich dieses Mal mit einem Beutelchen Rosinen für den Kohlehydratkick zwischendurch. Das kulinarische Erlebnis erfuhr seine Krönung bei der letzten Station, wo mir von einer holden, blondgelockte Maid nicht nur ein Kaffee versüßt und umgerührt, sondern auch noch ein Brötchen mit köstlichem Aufstrich handbestrichen wurde.

Wandern wie Gott in Frankreich oder so ähnlich.

Da ich mir selbst gerade ein religiöses Spielfeld umzäunt habe, darf ein Paradies nicht fehlen. So munter, wie meine Schritte mich durch die Nacht getragen hatten, werde ich nicht müde, die Schönheit der Landschaft und der Wege zu preisen. Dass bei solch eifrigem Gepreise ganz profane Marktmechanismen greifen, sollte klar sein. Die Folge: Abwertung, durch die ein jedes Kleinod das Schicksal cornischer Fischerdörfer ereilt. Das erste wird mit offenem Mund bestaunt, beim zweiten anerkennend genickt, bis sich eine ästhetische Sättigung einstellt. Kurzum: ich kann mich nicht an alles erinnern, geschweige denn, alle Namen nennen. Im Gedächtnis blieb mir das – ich greife den oben gespannten Themenbogen auf – göttliche Monbachtal, und die Stadt Calw.

Calw, Stadt Hermann Hesses und des Fachwerks, idyllisch in einem Tal gelegen, durchquerten wir um die Mittagszeit bei Wärme und Sonnenschein. Obst- und Gemüsehändler boten ihre Waren auf dem Markt feil, während die Straßencafés der Fußgängerzone von knapp betuchten Bürgern gut besucht waren.

Schön.

Hätte es sein können.

Würde sich Calw nicht durch einen skandalösen Mangel an Grundnahrungsmitteln auszeichnen. Auszeichnen? Welches Wort ist das Gegenteil einer Auszeichnung? Alles hätte ich erwerben können: Schuhe, Socken, Backwerk, Spargel (igitt!), T-Shirts, Schmuck, eine neue Brille, ein Haus – sogar Sonnencreme und Babypuder.

Alles.

Beinahe alles.

Nur kein Eis.

Ein untragbarer Mangel, dem die Stadt dringend abhelfen muss, denn es war warm genug für Eis. Wer mich kennt, der weiß, dass die Aussage für jedes Wetter gilt – und jedes Wetter hatten wir in der letzten Zeit gehabt, manchmal sogar an einem einzigen Tag.

Angesichts dieser abwechslungsreichen Witterung bestand der Großteil des Gepäcks aus Klamotten. Freitag hatten wir noch ein kräftiges Gewitter. Es versprach also spannend zu werden. Für Temperaturen zwischen knapp über Null und um dreißig Grad, sowie Nässe zwischen furztrocken und U-Boot gerüstet, war ich hochbeglückt über das perfekte Wetter. Über ein paar Minuten Getröpfel brauche ich mich nicht auslassen, lieber schwärme ich: Nachts hatte es schätzungsweise zwölf Grad, Samstag wurde es manchmal für kurze Zeit warm, jedoch kam zu meiner großen Freude immer wieder etwas Wind oder ein Wölkchen. Besser hätte es nicht passen können!

Für mich selbst gab es einen erfreulichen Nebeneffekt: ich darf mir neue Wanderschuhe kaufen. Nachdem ich auf Füßen hobbitartiger Form umhergehe, bin ich auf Schuhe mit breitem Leisten angewiesen. Den meine jetzigen Schuhe nicht haben. Auf kurzen Strecken fällt das kaum auf, geht es indes über zwanzig, dreißig Kilometer hinaus, teilen meine Zehen mir mit dezenter Blasenbildung, vor allem aber Druckschmerz deutlich mit, dass sie mehr Lebensraum begehren.
Bevor jemand fragt: ja, das war letztes Jahr auch schon so.
Ich hatte es halt vergessen.

Dieses Jahr zeigte ich mentale Stärke, indem ich mir die letzten zehn Kilometer (sonst wären es rund 90 geworden) schenkte. Meine Gedanken davor hatten den Charakter von einerseits und andererseits.

Einerseits tut besonders der rechte Fuß weh.

Andererseits sind’s nur 10 km, kein Ding.

Einerseits wäre die Wanderung unvollständig, ein bisschen Weh ist wahrlich kein Grund für Weicheierei.

Andererseits geht’s um nichts. Nur um Spaß, und den hatte ich reichlich. Beweisen muss ich mir nix.

Einerseits ist es „Aufhören“.

Andererseits eine Art Vernunft.

Mit dem Gedanken an 80 km bin ich sowieso schon bei „Mission Accomplished“.

Was soll’s also. Ich zeigte mentale Stärke, Wohlwollen mit meinen Hax’n und ließ mich den Rest der Strecke zum Ziel fahren, woselbst ich mit anderem Schuhwerk Luft an die Füße ließ. Wie ich so flippte und floppte, bot sich meinem Auge mit knallroten Zehenkuppen (heißt man das bei Zehen auch so?) ein gar bunter Anblick.
Jetzt bin ich alter Gearfreak, der so gerne das Internet nach Klamotten, Ausrüstungskrempel und Schuhen (nein, ich schreie meinen Paketboten nicht an!) durchforstet, seit langem wieder in der glücklichen Lage, etwas zu brauchen. Also nicht kaufen, weil ich Lust habe oder von Features angefixt bin, sondern: es fehlt mir etwas.

Wanderschuhe.

Mit breitem Leisten!

Von den körperlichen Unbilden und ihrer Lösung möchte ich deine, lieber Leser, Aufmerksamkeit auf eine andere Form der Körperlichkeit lenken, die ihren Ursprung in einer zarten Blüte nimmt, bevor sie eine Dimension anzunehmen sich anschickt, die den körperlichen Rahmen zeitlich-räumlich in jeder Hinsicht sprengt.

In der Tat, ich rede davon, dass Veranstaltungen dieser Art stets auch Orte zwischenmenschlicher Begegnung sind. Es ist genug Zeit, sich zu unterhalten, sympathisch zu finden, näher zu kommen. Viele langjährige Freundschaften entstanden durch, mit, und vielleicht wegen Ausdauerleistungen. So weit, so bekannt.

Eher selten sind dagegen echte Paarungen wie jene, die sich in diesem Jahr zum ersten Male jährt. Anno 2015 litt eine Teilnehmerin sichtbar genug, dass ein ritterlicher Held zunächst ihr Gepäck, und in der Folge sie selbst auf Händen trug ***. Das war kurze Zeit nach der Veranstaltung. Böse Zungen werden jetzt behaupten, dass es in der guten alten Zeit ausreichte, ein Taschentuch zwecks Erregung von Aufmerksamkeit grazil zu Boden sinken zu lassen, wogegen es heutzutage weit schwererer Geschütze bedarf. Doch was sind schon ein paar Kilogramm verglichen mit der Kraft schwarzwaldiger Romantik?

Ich weiß nicht, was der nördliche Schwarzwald ausatmet, mich deucht indes, seine Miasmen seien gar romantischer Natur.

*** bevor die Gerüchteküche brodelt: ich bin bloß der Chronist, an der Paarung unbeteiligt.

Auszeit aus

Ich hatte mir, mehr oder weniger bewusst, ein paar Wochen Auszeit vom Bloggen genommen. Eine Phase, die mir reichlich neue Themen bescherte.

Ich hatte mir, mehr oder weniger bewusst, ein paar Wochen Auszeit vom Bloggen genommen. Wäre ich Schriftsteller, würde ich jetzt von Milieustudien faseln und auf mein neues Buch hinweisen, welches im Herbst erscheinen soll. So rede ich von Auszeit. Ehrlich gesagt, hatte ich zwar genug Ideen, aber oft keine Lust, mich zum Tippen hinzusetzen.

Jetzt bin ich wieder heiß, vollgetankt und mit reichlich Gedanken versorgt.

Was, beispielsweise, verbirgt sich hinter Abkürzungen wie HIT, HIIT, GPP oder DUP? Weil ich schon bei Abkürzungen bin, gedenke ich euch den RKC und seine gar nicht so ungewöhnliche Haltung zum Training näherzubringen.

Ungekürzt doch vielfach unverstanden scheint mir das Wort Kondition . Es kann deshalb nicht schaden, den Begriff etwas näher zu beleuchten. A propos Leuchte, ich habe mir ein besonders helles Lämpelein zum nächtlichen Gelaufe gegönnt.

Was tut eigentlich ein Läufling, dessen Wade ihm zürnt? Läuft er (bei ihm handelt es sich um mich) mit festem Biss und noch festerer Wade weiter? Kompensiert er, indem er anderen Sport betreibt? Und wie behandelt er die Wade?

Mit Bergsprints jedenfalls nicht – vielmehr: noch nicht wieder, denn wenn es um sportliche Würze geht, finde ich sie besonders pikant.

Meine Langhantel bildet seit einiger Zeit eine feste Säule in meinem Training. Damit die Technik genauso sauber sitzt wie bei Kettlebells, habe ich mich kompetenter Unterstützung versichert. Und wahrlich, ich sage euch, es macht Spaß!

Jenen sollte eigentlich jeder Sportling haben, umso weniger verstehe ich dies völlig unreflektierte Herumgehacke auf bestimmten Trainingsformen. Ich könnte fast von Feindbildern reden, wenn mich der Gebrauch von militaristisch-säbelrasselndem Vokabular zu manchen Themen nicht so nerven würde: Zwischen Wanderern und Mountainbikern herrscht Krieg! Ach Gottchen. Geht’s vielleicht etwas sachlicher, mit weniger Stimmungsmache?

Im vorigen Absatz verwandte ich die Begriffe unreflektiert und Trainingsform. Reflexion tut meiner Meinung nach Not, wenn ich mich mit, nun, Bewegungsarten (ist es wirklich als Training zu bezeichnen?) befasse, die zum Zweifel zumindest einladen. Hinterfragen muss natürlich sein!

Zum Schluss steht eine Frage im Raum:

Ist Zumba eigentlich Sport – und falls ja: weshalb nicht?