Ein Wandertag

Das Wandern ist, wie der Volksmund weiß, des Müllers Lust. Ohne jeglichen Respekt vor etwaigen Schürfrechten dieser Berufsgruppe entschloss ich mich, an der 24-Stunden Wanderung im nahen Straubenhardt teilzuhaben. Fürwahr, ein guter Entschluss!

Das Wandern ist, wie der Volksmund weiß, des Müllers Lust. Obzwar ich mir nicht ganz sicher war, dass auch ich als Nichtmitglied dieser ehrwürdigen Zunft zum Kosten dieser Lustgefühle berechtigt sei, beschloss ich, respektlos daran teilzuhaben. Wie ich es schon letztes Jahr getan hatte.

Damals hatte der Schwarzwaldverein in Straubenhardt – bequemerweise zehn Minuten von meinem Wohnort entfernt gelegen – die 24-Stunden-Wanderung zum fünften Mal organisiert. Wenn es Menschen gibt, die den Begriff des Wandertages wörtlich nehmen, ist mir das von vorne herein sympathisch. Ein Tag im schönen Nordschwarzwald, an frischer Luft und dem Busen der Natur sich labend.

Mein eigener Zustand gab mir leicht zu denken, im Geiste lief Freitagnachmittag – Start war Freitag abend – eine Checkliste durch:

Fühle ich mich ausreichend trainiert? Nein.

Ist meine Wade, die ich mir vor vier Wochen verletzt hatte, wieder 100% fit? Keine Ahnung.

Wie geht’s mir? Hundemüde. Verspannungskopfschmerzen.

Habe ich Bock? Pööööh…ich will mich hinlegen, dösen, pennen, herumhängen.

Klare Sache also: ich packe meine Sachen, gehe an den Start und wandere in einer netten Gruppe. Zeit genug ist ja, 24 Stunden für 80 Kilometer sind wahrlich ausreichend. Sollte das Wadelchen meckern, kann ich immer noch auf eine kürzere Strecke ausweichen, oder halt abbrechen. Außerdem kenne ich den oben geschilderten Zustand meines Gemüts: meistens kommt der Appetit beim Essen.

So kam es dann auch.

Nicht nur beim Essen, wobei die Verpflegung eine gesonderte Erwähnung an dieser Stelle verdient. Während meine letztjährigen Mitstreiter und ich im Vorjahr das halbe Sortiment eines Nahrungsmittelgroßmarktes bis ins Ziel mitgeschleift hatten – gebraucht haben wir nichts – begnügte ich mich dieses Mal mit einem Beutelchen Rosinen für den Kohlehydratkick zwischendurch. Das kulinarische Erlebnis erfuhr seine Krönung bei der letzten Station, wo mir von einer holden, blondgelockte Maid nicht nur ein Kaffee versüßt und umgerührt, sondern auch noch ein Brötchen mit köstlichem Aufstrich handbestrichen wurde.

Wandern wie Gott in Frankreich oder so ähnlich.

Da ich mir selbst gerade ein religiöses Spielfeld umzäunt habe, darf ein Paradies nicht fehlen. So munter, wie meine Schritte mich durch die Nacht getragen hatten, werde ich nicht müde, die Schönheit der Landschaft und der Wege zu preisen. Dass bei solch eifrigem Gepreise ganz profane Marktmechanismen greifen, sollte klar sein. Die Folge: Abwertung, durch die ein jedes Kleinod das Schicksal cornischer Fischerdörfer ereilt. Das erste wird mit offenem Mund bestaunt, beim zweiten anerkennend genickt, bis sich eine ästhetische Sättigung einstellt. Kurzum: ich kann mich nicht an alles erinnern, geschweige denn, alle Namen nennen. Im Gedächtnis blieb mir das – ich greife den oben gespannten Themenbogen auf – göttliche Monbachtal, und die Stadt Calw.

Calw, Stadt Hermann Hesses und des Fachwerks, idyllisch in einem Tal gelegen, durchquerten wir um die Mittagszeit bei Wärme und Sonnenschein. Obst- und Gemüsehändler boten ihre Waren auf dem Markt feil, während die Straßencafés der Fußgängerzone von knapp betuchten Bürgern gut besucht waren.

Schön.

Hätte es sein können.

Würde sich Calw nicht durch einen skandalösen Mangel an Grundnahrungsmitteln auszeichnen. Auszeichnen? Welches Wort ist das Gegenteil einer Auszeichnung? Alles hätte ich erwerben können: Schuhe, Socken, Backwerk, Spargel (igitt!), T-Shirts, Schmuck, eine neue Brille, ein Haus – sogar Sonnencreme und Babypuder.

Alles.

Beinahe alles.

Nur kein Eis.

Ein untragbarer Mangel, dem die Stadt dringend abhelfen muss, denn es war warm genug für Eis. Wer mich kennt, der weiß, dass die Aussage für jedes Wetter gilt – und jedes Wetter hatten wir in der letzten Zeit gehabt, manchmal sogar an einem einzigen Tag.

Angesichts dieser abwechslungsreichen Witterung bestand der Großteil des Gepäcks aus Klamotten. Freitag hatten wir noch ein kräftiges Gewitter. Es versprach also spannend zu werden. Für Temperaturen zwischen knapp über Null und um dreißig Grad, sowie Nässe zwischen furztrocken und U-Boot gerüstet, war ich hochbeglückt über das perfekte Wetter. Über ein paar Minuten Getröpfel brauche ich mich nicht auslassen, lieber schwärme ich: Nachts hatte es schätzungsweise zwölf Grad, Samstag wurde es manchmal für kurze Zeit warm, jedoch kam zu meiner großen Freude immer wieder etwas Wind oder ein Wölkchen. Besser hätte es nicht passen können!

Für mich selbst gab es einen erfreulichen Nebeneffekt: ich darf mir neue Wanderschuhe kaufen. Nachdem ich auf Füßen hobbitartiger Form umhergehe, bin ich auf Schuhe mit breitem Leisten angewiesen. Den meine jetzigen Schuhe nicht haben. Auf kurzen Strecken fällt das kaum auf, geht es indes über zwanzig, dreißig Kilometer hinaus, teilen meine Zehen mir mit dezenter Blasenbildung, vor allem aber Druckschmerz deutlich mit, dass sie mehr Lebensraum begehren.
Bevor jemand fragt: ja, das war letztes Jahr auch schon so.
Ich hatte es halt vergessen.

Dieses Jahr zeigte ich mentale Stärke, indem ich mir die letzten zehn Kilometer (sonst wären es rund 90 geworden) schenkte. Meine Gedanken davor hatten den Charakter von einerseits und andererseits.

Einerseits tut besonders der rechte Fuß weh.

Andererseits sind’s nur 10 km, kein Ding.

Einerseits wäre die Wanderung unvollständig, ein bisschen Weh ist wahrlich kein Grund für Weicheierei.

Andererseits geht’s um nichts. Nur um Spaß, und den hatte ich reichlich. Beweisen muss ich mir nix.

Einerseits ist es „Aufhören“.

Andererseits eine Art Vernunft.

Mit dem Gedanken an 80 km bin ich sowieso schon bei „Mission Accomplished“.

Was soll’s also. Ich zeigte mentale Stärke, Wohlwollen mit meinen Hax’n und ließ mich den Rest der Strecke zum Ziel fahren, woselbst ich mit anderem Schuhwerk Luft an die Füße ließ. Wie ich so flippte und floppte, bot sich meinem Auge mit knallroten Zehenkuppen (heißt man das bei Zehen auch so?) ein gar bunter Anblick.
Jetzt bin ich alter Gearfreak, der so gerne das Internet nach Klamotten, Ausrüstungskrempel und Schuhen (nein, ich schreie meinen Paketboten nicht an!) durchforstet, seit langem wieder in der glücklichen Lage, etwas zu brauchen. Also nicht kaufen, weil ich Lust habe oder von Features angefixt bin, sondern: es fehlt mir etwas.

Wanderschuhe.

Mit breitem Leisten!

Von den körperlichen Unbilden und ihrer Lösung möchte ich deine, lieber Leser, Aufmerksamkeit auf eine andere Form der Körperlichkeit lenken, die ihren Ursprung in einer zarten Blüte nimmt, bevor sie eine Dimension anzunehmen sich anschickt, die den körperlichen Rahmen zeitlich-räumlich in jeder Hinsicht sprengt.

In der Tat, ich rede davon, dass Veranstaltungen dieser Art stets auch Orte zwischenmenschlicher Begegnung sind. Es ist genug Zeit, sich zu unterhalten, sympathisch zu finden, näher zu kommen. Viele langjährige Freundschaften entstanden durch, mit, und vielleicht wegen Ausdauerleistungen. So weit, so bekannt.

Eher selten sind dagegen echte Paarungen wie jene, die sich in diesem Jahr zum ersten Male jährt. Anno 2015 litt eine Teilnehmerin sichtbar genug, dass ein ritterlicher Held zunächst ihr Gepäck, und in der Folge sie selbst auf Händen trug ***. Das war kurze Zeit nach der Veranstaltung. Böse Zungen werden jetzt behaupten, dass es in der guten alten Zeit ausreichte, ein Taschentuch zwecks Erregung von Aufmerksamkeit grazil zu Boden sinken zu lassen, wogegen es heutzutage weit schwererer Geschütze bedarf. Doch was sind schon ein paar Kilogramm verglichen mit der Kraft schwarzwaldiger Romantik?

Ich weiß nicht, was der nördliche Schwarzwald ausatmet, mich deucht indes, seine Miasmen seien gar romantischer Natur.

*** bevor die Gerüchteküche brodelt: ich bin bloß der Chronist, an der Paarung unbeteiligt.