Besser bauen, schöner leben.

Die Dame an der Rezeption strahlt mich an: „Sie finden Ihr Zimmer im ersten Stock, der Aufzug ist gleich dort drüben.“. Meine Frage nach der Treppe lässt ihre eben noch so warmherzige Mimik derart plötzlich einfrieren, dass ich verstehe, was mit „Schockfrosten“ gemeint ist. Habe ich etwas falsches gesagt?

Ankommen in der Tiefgarage eines Hotels, bieten sich mir zwei einladende Aufzugtüren, attraktiv bronzefarben schimmernd. Doch wo ist die Treppe? Nach langer Suche fand ich die Ersehnte hinter einer ausladenden Türe, die sich in kaltgrauer Farbe optisch von der „Hallo, magst du mit mir nach oben kommen?“-Botschaft des Aufzugs deutlich abhob. Doch immerhin eine Treppe.

Diese stieg ich hinauf, um dort anzukommen, wo auch dieser Text begann, an der Rezeption. Meine Erfahrung, einschließlich der Reaktion der Dame hinter dem Tresen, die mit einem Mal sehr froh über diese Schutz bietende Barriere zu sein schien – offenkundig traute sie einem Treppensucher alles zu. Alles Schlechte, versteht sich, ließ mich über Hotels, Mehr- und Vielparteienwohnhäuser und Bürogebäude nachdenken.

Ihnen ist, egal wer sie errichten ließ, im Punkte fußgängerischen Binnenlogistik, also Treppen oder Fahrstühle, gemein, dass erstere sich verstecken, letztere hingegen als Aushängeschild gestalterischen Ehrgeizes dienen. Es fängt ja schon mit der Musik an, Fahrstuhlmusik scheint ein eigenes Genre zu sein, von Treppenmusik habe ich noch nicht gehört.

Aufzüge ziehen eben nicht nur auf, sondern auch an. Ganz anders Treppen, die architektonisch jene Art Motivation transportieren, die der Mensch für den Aufstieg ohnedies benötigt. Man muss schon motiviert sein, um sie ersteigen zu wollen, bereits der Weg dorthin erfordert Willenskraft und einen festen Entschluss. Vermutlich denken sich Architekten, dass jemand, der ein, zwei Stockwerke zu Fuß ersteigen möchte, auch genug Willenskraft – und ästhetische Leidensfähigkeit – mitbringt, die Treppe erstens zu suchen und zweitens kahle beton- und stahlgraue Oberflächen nebst der ihnen eigenen Akustik zu ertragen.

Wo sind eigentlich diese wunderbaren, sich in selbstbewusstem Bogen schwingenden Treppen geblieben, wie wir sie aus prachtvoll ausgestatteten Filmen kennen? Treppenhäuser dienen heute ja allenfalls zur Verfolgung nebst Feuergefecht. Wen wundert’s, royale Persönlichkeiten mag man diese Fluchttreppenhäuser nicht hinabschreiten lassen. Schreiten? Meine Tippfinger wollen dieses vornehme Wort beim Gedanken an derartige Abstiege nicht schreiben. Ich nötige sie dazu.

Ich könnte über Ursachen spekulieren. Darüber, dass Aufzüge wohl weniger Grundfläche beanspruchen als hübsche Treppen, was dann wiederum mehr Hotelzimmer, Bürofläche usw. möglich macht. Effizienzstreben entlarvt sich so in seiner ganzen Armseligkeit. Oder man reagiert auf vermeintliche Bedürfnisse? Mensch will nicht laufen, nicht steigen, sich nicht bewegen. Wo ist die Henne, wo das Ei? Man könnte dem Menschen das Sich-Bewegen leichter machen, attraktiver. Oder zumindest nicht derart unattraktiv-abstoßend.

Schlussfolgernd ist diese Art des Bauens nichts weiter als bewegungsfeindlich. Warum finden sich in alten Filmen oft diese herrlichen Treppen – während die Realität so aussieht, als wollte man den Menschen schon zu Lebzeiten bewegungslos in eine Kiste packen. Alleine die vertikale Orientierung von Fahrstuhlkabinen unterscheidet dann noch vom Ableben. Selbst wenn man „Aufwärts“ fährt, geht’s abwärts.

3 Gedanken zu „Besser bauen, schöner leben.“

  1. Endlich ! Habe lange auf deine Antwort gewartet. Schön, dass du wieder laufen kannst, dass dein Knie in Ordnung ist.

    Auch ich fahre viel mit dem Rad, macht hier bei uns ganz viel Spaß, wenn ich auf “ Geheimwegen “ unterwegs bin !

    Fällt mir noch was Interessantes ein: Ich beobachte hier oft, dass Eltern ihre Kinder mit dem Auto zum Spielplatz fahren – ich kann es nicht fassen – und das ist kein Einzelfall !!

    Dann schreib mal schön weiter , macht Spaß, darum höre auch ich nicht auf……………… YES !!

    Wir haben Nachbarn, die fahren ihre Kinder in die keine 300 m entfernte Schule jeden Tag mit dem Auto – hin und zurück – Hallo ??????????????????????? Ätzend, absolut ätzend !!

  2. Ach ja, da hast du es auf den Punkt getroffen ! Warum sollten sich Menschen bewegen, wenn es Fahrstühle gibt ? Ist doch so bequem und so einfach !! Und die Treppen in den Hotels sind meist, ich erlebe es auch oft genug, hässlich und kaum auffindbar, ABER ich nutze sie trotzdem, kommt einem manchmal jemand vom Personal mit dem Eimer entgegen, sonst niemand !!

    War vor einigen Wochen in meiner alten Heimat in Würzburg in der Residenz, da gab es noch das, was es schon lange nicht mehr gibt, mit Teppichboden und extra breite Stufen – ein unbekannter Genuss !

    So war ich auch vor kurzem im Stralsund und bin 365 Stufen zum Turm hinaufgestiegen. Ein Genuss – mit Anstrengung verbunden – aber hat unglaublich Spaß gemacht. Die meisten Menschen verzichten darauf, könnte zu anstrengend werden, wenn sie überhaupt in der Lage wären, bis zum Turm hochzusteigen.

    Im übrigen benutze ich so gut wie nie Aufzüge, es sei denn , ich habe schweres Gepäck, ansonsten…..weißt Bescheid !!

    Ostseegrüße von ganz oben, komme gerade vom Laufen – Natur pur – herrlich……………..

    Läufst du überhaupt noch, man liest und hört nix mehr !! ???

    1. Ach, mit der Würzburger Residenz hast du dir ein besonderes Kleinod zum Vergleich ausgesucht. Deren Treppenhaus ist ja wirklich berühmt, mit repräsentativem Deckengemälde obendrein!
      Ich suche auch immer das Treppenhaus (nunja, vielleicht nicht immer wenn ich z.B. im zehnten Stock untergebracht bin….). Eine Putzeimerbegegnung hatte ich allerdings noch nicht.

      Ich laufe noch – wieder, bis zu Ultratrails ist es noch ein weiter Weg, aber ich freu‘ mich wie Bolle, dass knietechnisch alles i.O. ist. Sitze auch oft auf dem Rad, prima zur Abwechslung und für die Grundlagenausdauer. Bloß schreibe ich nicht mehr so oft drüber, das kommt vielleicht, wenn ich der Meinung bin, ich hätte was mitzuteilen.
      Allerdings, soviel spoilere ich gerne, kommen mir viele Texte zu anderen Themen in den Sinn, für die ich den Blog hier nutzen will. Bissl philosophisch, bissl technikphilosophisch, bissl sportlich, und selten humorfrei!

      Grüße an die Küste!

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