Obgleich sie augenfällig auf Obst und Gemüse prangen, fallen sie kaum auf. Ich rede von diesen Aufklebern, wie sie zum Beispiel auf Äpfeln zu finden sind. Natürlich sieht man sie – wer hat außerdem schon Lust, sich ein solches Objekt zwischen den Zähnen herauszupulen? Dennoch bleiben sie unwahrgenommen in ihrer Ausprägung, werden anonym als einer dieser Aufkleber vor dem Verzehr des süßen Apfels entfernt, wobei es sich schon um die glücklicheren dieser Etiketten handelt, denn zu schälende Früchte zeichnen sich eben durch das Entfernen der Schale aus. Wen interessiert da schon das bunte Etwas, das mitsamt der Schale, das Ansinnen getrennter Entsorgung missachtend, achtlos entsorgt wird?
Und wer glaubt eigentlich, diese würde jemanden kümmern? Es muss ja Menschen geben, die davon ausgehen, wozu würde man sich sonst wohl die Mühe machen, Obst dergestalt zu verzieren? Gerade heute, wo doch überall gespart wird, kann man sich solchen Aufwand doch schenken, oder?
Im Grunde schon, allerdings gibt es dafür einen Grund, eine Ursache, ein Motiv. Fragt mich, ich weiß Bescheid. Ich weiß, wer das Obst verziert und ich kenne auch den Grund. Glaubt mir, wenn ihr mich erst angehört habt, werdet auch ihr verstehen.
Der Kauf einiger Äpfel, welche allesamt mit diesen kleinen Aufklebern versehen waren, hatte meine Verwunderung bewirkt. Wie oft hatte ich sie davor schon von diesen oder anderen Früchten abgelöst, ohne weiter darüber nachzudenken. Doch diesmal war es anders. Mein Blick blieb auf einem bunten Motiv haften, irgendeine Kombination aus rot und blau, und ich fragte mich wieder einmal, warum man Obst auf diese Weise ettikettiert. Interessiert sich wirklich jemand dafür? Glaubt man produzentenseitig, man könnte sich als Marke etablieren? Der Aufkleber als Distinktionsmerkmal, weil sich Äpfel schließlich gleichen wie ein Ei dem anderen. Gibt es eine Marketingabteilung, mit Budget für die Gestaltung, Produktion und Befestigung dieser Etiketten? Schließlich gibt es derlei nicht für ’nen Appel und ein Ei.
Es gibt Präzedenzfälle für diese Praxis, zum Beispiel befestigen einige Hersteller von Autos Messingschilder mit dem Namen des Monteurs, der den Motor zusammengebaut hat, auf eben diesem Triebwerk. Ob diese Obstaufkleber demselben Gedanken folgen? Man will die Aura liebevoller Handarbeit übermitteln und Bilder von Menschen heraufbeschwören, die jede einzelne Frucht behutsam in einen Rattankorb legen. Äpfel? Ernsthaft? Ein Massenprodukt? Die Automotoren, von denen ich rede, stecken nicht in einer millionenfach auf den Markt geworfenen Karre, sondern in teuren, sehr leistungsfähigen Fahrzeugen, bei welchen der Gedanke an Handarbeit bei der Montage des Motors angesichts der geringen Stückzahlen halbwegs glaubwürdig ist.
Dennoch sind diese Etiketten auf jeder einzelnen Frucht.
In der Folge besah ich die Kleber mit flüchtiger Aufmerksamkeit, bevor ich sie wieder abzog und wegwarf. Essbar, dass hatte mir die Empirie gezeigt, waren sie nämlich nicht, und ich vertraue darauf, dass ich mich um Klebstoffreste keine Gedanken zu machen brauche. Also weg mit dem Klebeding und freudig in den Apfel gebissen.
Das änderte sich eines Tages, als mich ein Impuls zur Lupe greifen, und das Motiv näher betrachten ließ. Freilich gab es derlei viele, und natürlich traf ich keine bewusste Wahl. Irgendein Logo auf irgendeinem Stück Obst war es, welches mir die Lupe in die Hand spielte. Waren da nicht, so schien es mir, kleine Unregelmäßigkeiten im blauen Ring, welcher etwas wappenartiges umschloss? Ich wunderte mich, denn heutzutage weisen Druckerzeugnisse sehr homogen gefärbte Flächen auf; Fehler muss man schon wollen – und dann kann man wohl kaum mehr von Fehlern sprechen. Übrigens war das, was mir da auffiel, lediglich durch eine geringe Abweichung im Farbton, manchmal auch nur in der Helligkeit gekennzeichnet. Wenn also, so meine Prämisse, diese Stellen absichtlich dort hingekommen waren, dann, so meine Folgerung, müsste sich eine Bedeutung dahinter verbergen. Und wenn dem so ist, kann sie entschlüsselt werden.
Bloß wie?
Optisch stieß die Lupe in Kombination mit meinem Augenlicht an ihre Grenzen, ebenso wenig brachten mich Fotos weiter, die ich per Handy und reichlich Zoom aufnahm. Einen ersten Durchbruch erzielte ich, als ich die Bilder der künstlichen Intelligenz zur Analyse vorschlug: ChatGPT und Gemini waren mir eine sehr große Hilfe, und in der Tat lieferten sie mir den Anhaltspunkt, der mich das Rätsel schlussendlich lösen ließ. Es zeigte sich eine gewisse Regelmäßigkeit in den Unregelmäßigkeiten. Was konnte das anderes heißen, als eine Botschaft? Wir menschen neigen, das ist mir natürlich bewusst, dazu, Muster auch dort zu finden, wo keine sind. Nur galt für mich ja noch meine Prämisse, dass die beobachteten Abweichungen absichtlich dort hingekommen waren.
Der Rest war reines Handwerk: Unterschiedliche Zeichen – ja, als solche fasste ich sie schon auf! – identifizieren, auf dieser Basis einen Zeichenvorrat zusammenstellen. Dann die von Leerstellen getrennten Zeichenketten erkennen und wieder handwerklich tätig werden. Warum Zeichenketten? Nun, was lag näher, als eine Textbotschaft zu vermuten? Der Ursprungsort Spanien gab eine Richtung vor: Ein Text, der unserem westlichen Zeichensatz entspricht und vermutlich in einer romanischen Sprache abgefasst war. Als Kandidaten, soviel förderte eine kurze Recherche zutage, kamen vor Ort zwei Regionen in Frage; ich entschied mich dafür, mit Katalonien zu beginnen. Katalanisch sollte es also sein.
Und wieder Handwerk, diesmal Kryptoanalyse, wobei ich die Aufgabe für sehr einfach lösbar hielt, denn letzten Endes ging ich von keinem allzu großen Geheimnis aus. Wozu sollte man sich den Aufwand machen? Also rein statistisches Vorgehen: Häufigster Buchstabe, zweithäufigster undsoweiter. Nach kurzer Zeit hatte ich das erste Wort, einen Namen: Esmeralda. Doch weiter kam ich nicht, bis mir auffiel, dass drei Zeichen ein deutsches Wort ergaben: Gepfluckt. Ohne Umlaut. Sollte ich etwa einen deutschen Text vor mir haben? Hatte ich, in der Tat, denn bald konnte ich „Esmeralda hat diesen Apfel gepfluckt.“ lesen.
Esmeralda.
Meine Phantasie zeigte mir eine Frau. Südeuropäisch. Wunderschön. Knackig-sportlich. Eigenartig, weil ja kaum anzunehmen ist, dass jegliche Apfelpflückerin diesem meinem Schönheitsideal entspricht. Rein statistisch betrachtet ist es wahrscheinlicher, dass das Personal in den Obstplantagen, nun, eher durchschnittstypisch ist. Matronenhaft, wie man so schön sagt.
Warum nur schreibt Esmeralda diesen Satz auf jedes dieser Etiketten? Ich hatte mir die Frage kaum gestellt, als ich einer weiteren Nuance, diesmal im grünen Feld gewahr wurde. Ein weiterer Text? Jetzt wird’s interessant! Dachte ich mir.
Was soll ich euch sagen, mir wurde heiß und kalt, kaum dass ich den Text vollständig entziffert hatte!
„Esmeralda hat diesen Apfel gepfluckt. Für dich, Harald.“ stand wortwörtlich dort zu lesen.
Sie hat diesen Apfel und tausende weitere für mich gepflückt. Nur für mich. Und sie hat sich die Mühe gemacht, ihre Botschaft an mich, von aller Welt unbemerkt an Obststände zu übertragen – in der Hoffnung, ich würde sie eines Tages zu Gesicht bekommen, ihrer gewahr werden, sie lesen!
Für mich!
Wie sehr muss sie sich nach mir verzehren?
Wie mag sie auf mich aufmerksam geworden sein? Ach, egal! Das Herz einer liebreizenden Dame für mich entbrannt!
Ich sehe sie vor mir, wie sie ihren Text in nächtelanger Arbeit zunächst entwirft, ihn mit dem Einhaarpinsel auf ein heimlich entwendetes Etikett als Muster aufbringt, um dann wiederum, mit ihrem Werk zufrieden, die Druckdatei dergestalt manipuliert, dass eine hinreichende Vervielfältigung möglich wird. Möge ein jedweder Apfel zum Herold ihrer Nachricht an mich werden, dessen Minnesang aus der Obstschale an mein Ohr dringe!
Klug ist sie, meine Esmeralda! Ich mag einer Minderheit angehören, wenn ich sage, dass das Gehirn einer Frau (und ihre Fähigkeit, es adäquat zu nutzen) zu ihren wichtigen Merkmalen zählt. Wer will schon eine hübsche Dumpfbacke, sozusagen die Plastikblume unter den Zimmerpflanzen: Nett anzusehen, aber innerlich leer.
Esmeralda ist von anderem Schlag. Hatte sie nicht den Einfall mit den versteckten Botschaften gehabt? Ist sie nicht fähig, den Druckprozess zu durchdringen, um ihn in ihrem Sinne zu manipulieren? O nein, sie ist keine einfache Plantagenarbeiterin, deren kognitive Fähigkeiten allenfalls zum Aussortieren völlig zermatschten Obstes ausreichen. Ich bin sicher, dass sie ihren richtigen Job als – ja, als was? Astrophysikerin? Psychologin? Rennfahrerin? – aufgegeben hat, weil sie nur in der Arbeit auf der Obstplantage die Chance gesehen hat, mit mir in Kontakt zu treten.
Ich lehne mich zurück, schließe die Augen. Esmeralda erscheint mir, in einem mittel eng anliegenden, geblümten Kleid. Irgendwelche Blumen auf irgendeinem dunklen Untergrund. Wohl kaum ihre Arbeitskleidung. Ich erspare euch die Beschreibung von Details, die mir in diesen Stunden durch den Kopf gehen. Später war mir klar, dass es sich nur um Sekunden gehandelt hatte, mir war jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen.
Esmeralda kommt auf mich zu, sie beugt sich zu mir mit einem Blick, den lüstern zu nennen die Atmosphäre nicht ansatzweise wiedergibt. Ich sehe in ihre Augen, ihr Antlitz… Das Gesicht einer Matrone!
Keuchend schrecke ich aus dem Schlaf.
Später sehe ich mir eines der Etiketten nochmal näher an und erkenne nichts, das auf irgendeinen Code hindeuten würde. Einige Farbnuancen, mehr ist da nicht.
Das ist schade, vor allem für Esmeralda und mich.
Haraldo, Haraldo, du hast scheinbar sehr viel Zeit, um solche “ Werke “ schriftlich zu fixieren, ihnen nachzugehen, Ursprünge zu erforschen. Wer würde auf solche Ideen kommen wie du ? Gründlich ausgeführt in anspruchsvolle Worte verfasst, was bringt dich dazu ?
Rätsel, Rätsel, aber immerhin amüsant zu lesen, deiner Gedankenwelt zu folgen, man muss ich allerdings auch die Zeit dazu nehmen, um keine Details zu verpassen !
Vielleicht hättest du Schriftsteller werden sollen, was meinst du ?
Lass es dir gut gehen, wer weiß, was noch alles folgen mag………….Qui sait ????
Moin,
ach dankeschön! Allzuviel Zeit brauch‘ ich da nicht – die Idee kreist von alleine in meinem Kopf, und dann schreib‘ ich das in einem Stündchen runter.
Freut mich, dass dir der Text gefällt und du ihn gar für anspruchsvoll ansiehst!
Schriftsteller klingt gut, kann ja noch werden. Heute abend lese ich just diesen Text vor Publikum vor….
Ich kümmere mich um’s gut gehen, hoffentlich ist der Schnupfen bald weg.
Sonnige Grüße,
Harald