Nackt gut aussehen -über ästhetische „Trainingsziele“

"Ich will nackt gut aussehen" wird häufig mit süffisantem Lächeln auf die Frage, mit welchem Ziel man denn Sport treibe, geantwortet. Und schon fängt meine Denkmurmel an zu rotieren: Ist ein ästhetisches Trainingsziel diesseits von Bodybuilding überhaupt ein sinnvoller Begriff?
Wenn ich schon bei der Sinnfrage bin - und von Begriffen rede, halte ich mich noch eine Weile hier auf, und sinniere darüber, ob ich die Worte Training, Ziel und Ästhetik in einen sinnhaften Zusammenhang bringen kann.
Training, so steht's nicht nur bei Hottenrott, ist sinngemäß ein planmäßiger Prozess mit dem Ziel, die sportliche Leistungsfähigkeit zu entwickeln.
Ein Ziel wiederum muss nach einer bekannten Definition S.M.A.R.T. sein, also spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert.
Da brauche ich nicht lange überlegen, ob sich "nackt gut aussehen" als brauchbares Trainingsziel eignet. Spätestens bei der Messbarkeit krampft mein Hirn und verweigert jede weitere Auseinandersetzung mit der Aufgabe.
Immerhin, so kooperativ ist es dann doch, schlägt es mir vor, zum Einstieg über nackiges Schönsein zu hirnen.
Wohlan, Hirn, ans Werk!

Ich will Nackt gut aussehen!

Mal im Ernst, in vielen Fällen wäre "angezogen gut aussehen" schon ein riesiger Fortschritt, da will ich mir Nacktheit nichtmal vorstellen! Wobei sich über Geschmack bekanntermaßen nicht streiten lässt, und dies wiederum führt mich auf direktem Weg zum ästhetischen Wunsch der schönen Nacktheit: Für wen denn?
Ich unterstelle den meisten Menschen, dass die Attraktivität in Bezug auf das Paarungsritual im weitesten Sinne Auslöser dieser Vorstellung ist. Anders ausgedrückt: Man will als ausgezogen für jemanden aus der Zielgruppe anziehend wirken. Dummerweise befindet man sich dabei in gleich mehreren Zwickmühlen. Erstens: Wer weiß schon, mit welchem Nacktleib man ins Beuteschema eines Individuums der eigenen Beute passt?
Zweitens: Man ist auf Spekulation angewiesen, denn allzu offensives Balzverhalten in der Sauna gilt als unangemessen, und anderswo ist zuviel Textil am Leib.
Insofern spielt also der eigene Geschmack die Hauptrolle, weshalb es verständlich ist, wenn viele sagen, sie wollen sich selbst gefallen, auch wenn im Hintergrund andere Motive die Hauptrolle spielen. Eine andere Wahl gibt's allenfalls dann, wenn das jeweilige Lebensabschnittsgegenstück den Sixpack fordert. Oder die Rubensfigur.
Je nach Partnerwechselwunschfrequenz wird man dann den Jojo-Effekt gezielt einsetzen, oder seinen Geschmack den eigenen Möglichkeiten anpassen müssen.

Curls for the girls

Die Strandmuskeln. Meines Wissens sind das in erster Linie Bizeps und alles was abdominis im Namen trägt, mithin also das, was bei hinreichend wenig Polsterung als Sixpack sichtbar wird. Alle anderen freuen sich dann über einen wohlgebauchten Onepack.
Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ein Körper aussieht, der ausschließlich auf diese Muskeln hin "optimiert" wurde. Unausgeglichen, ohne Balance (ihr seht, auch mir sind ästhetische Gedanken nicht fremd).
Schön ausgeformt soll er sein, der Bizeps. Schade nur, dass die Form des Muskels, also die Kurve, die er bildet, in den Genen liegt. Keine Chance auf die Wahl eines Bizeps mit spitzem oder eher rundem Höcker. Zwei Kamelhöcker scheiden erst recht aus.
Außerdem gibt es noch diese leidige Sache mit den Somatotypen. Ectomorphe Typen - das sind die langen, sehr schlanken - können für ihren Bizeps trainieren wie sie wollen, Rekordgewichte curlen, es wird nicht allzuviel zepsen am Bi.
Davon abgesehen könnte dies der Ort sein, um mich über Isolationstraining auszulassen, worauf ich aber verzichte.
Stattdessen will ich euren Blick auf einen weiteren Aspekt lenken.

Traps sind der neue Bizeps

So oder so ähnlich stand es vor einiger Zeit auf T-Nation, einer (Kraft-)trainingsseite mit starkem Fokus auf Bodybuilding, zu lesen. Eins vorweg: Ich weiß von Bodybuilding lediglich so viel, dass ich mir darüber im Klaren bin, dass es sich um eine Wettkampfdisziplin handelt, bei der es ausschließlich um die Optik geht. Nicht meine Welt, und auch ohne jeden Bezug zu diesem Artikel.
Dennoch ist ein Einfluss auf den Mainstream für mich plausibel, was mich zur Überschrift zurück führt. Darin steht letzten Endes, dass jeder, der mit viel Mühe einen leidlich wohlgeformten Bizeps aufgebaut hat, nunmehr schleunigst am Trapezmuskel zu arbeiten hat. Jeder weitere Aufwand für die Oberarme ist für die Katz'.
Echt jetzt? Scheinen mir die Einzelmuskelfetische sowieso schon fragwürdig, wird das Theater in dem Moment zur Lachnummer, wenn bestimmte Muskeln zur Mode werden.
Bizeps ist out, Latissimus ist in!
 Pectoralis: Der must-have Muskel für den Herbst!
Da muss ich direkt meinen Schließmuskel trainieren, sonst mache ich vor Lachen noch in die Hose.

Gut trainiert und wohlgeformt?

Ich unterstelle, dass jeder der hier mitliest, ein Schönheitsideal hat, das im weitesten Sinne einem artgerecht benutzten, mithin gut trainierten Leib entspricht.
Was ist denn ein gut trainierter Körper? Ich formuliere es anders: Wenn wir spontan Sportarten herausgreifen, deren Athleten - auch im Breitensport! - einen, sagen wir, zustimmungsfähigen Körperbau aufweisen, welche Sportarten würden besonders oft genannt?
Welche fallen euch, liebe Leser, spontan ein? Nein, ich liefere euch keine Beispiele; das kann euer eigener Kopf besser.
Bei meiner Assoziation war jedenfalls kein Sumoringer dabei, wenngleich die Jungs auf Fotos überaus kräftige Beine haben. Was macht nun so ein Sportler, wenn er von Strandmuskeln liest? Vermutlich dasselbe wie eine Beachvolleyballspielerin beim Betrachten einer Schlagzeile, die Trapezmuskeln als den Megatrend für den nächsten Partysommer herausstellt: Sie werden allenfalls herzlich lachen, sofern sie derlei überhaupt wahrnehmen.
Denn ein trainierter Körper ist ein leistungsfähiger Körper. Darum geht's im Training.
Für diejenigen, denen ein solcherlei trainiert aussehender Körper gefällt, ist dies dann ein schöner Körper, der als Folge von erreichten Trainingszielen eben aussieht, wie er aussieht. Ein ästhetisches "Trainingsziel" hingegen ist keines.

4 Gedanken zu „Nackt gut aussehen -über ästhetische „Trainingsziele““

  1. Ist ein ästhetischer Körper nicht das Produkt von Training? Ich finde, ab einem bestimmten Alter sieht man jemandem an, ob er Sport treibt. Insofern halte ich es mit Ex-Bahnchef Grube, der einmal postulierte, dass man keine Waage benötigt, da es völlig reicht, sich nackt vor den Spiegel zu stellen. Und ich halte es für einen vertretbares Ziel, seinen Anblick dort zu mögen.

    1. Ästhetischer Körper als Produkt von Training? Hmmm….da würde ich zunächst nach deiner Auffassung von Ästhetik fragen. 😉 Klar, sieht man sportlichen Menschen ihre Sportlichkeit an, und mir gefällt (m)ein sportlicher Leib.
      Als Trainingswirkung begrüßenswert, als Ziel halte ich dies aber für ungeeignet.

      Ciao,
      Harald

  2. Lieber Harald,

    Deine Sichtweise ist auch meine…v.a. da zu viel definiert ausgeformte Muskulatur doch eher hinderlich wäre beim Ausdauersport zu Fuß…v.a. bergauf wäre es nur Ballast ?
    Ich hatte selbst mal als asthenes Männchen in den 80ern und 90ern versucht mir respektable Bizepse, Trapezii, Latissimi, Deltoidei, Pectorales und Rectus abdomini anzutrainieren. Nach mehreren Monaten war ausser einem Kraftzuwachs in den Schultern und Oberarmen kein Effekt zu sehen…da hätten wahrscheinlich auch Anabolika nichts bewirkt ?
    Muskeln sind nur das notwendige Beiwerk für den Laufsport, ich mag meinen Körper und empfinde mich nackt als ausreichend gut aussehend für einen über 50-jährigen ? und v.a. geht das niemand etwas an ?

    Salut und viele Dank für Deine Betrachtungsweise

    1. Lieber Christian,
      ich entsinne mich meiner Jugend, in der ich ähnliche Versuche gestartet hatte, allerdings ohne System. Bei mir schlägt das Krafttraining aber deutlich mehr an. Kraft ohne Gewichtszuwachs ist doch toll!
      Nachdem ich nicht nur laufe, sehe ich das Thema Muskeln etwas anders, und mit ebenfalls Ü50 bin ich mit meinem Körper zufrieden, sowohl was seine Leistungsfähigkeit und immer noch vorhandene Entwicklungsmöglichkeit betrifft, als auch den visuellen Nebeneffekt. 😉

      Ciao,
      Harald

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