Die kalte Nudel

Bei Nudeln denken viele Sportler an Pasta Party, allerdings lassen sie Nudeln natürlich auch ohne Party, und sogar zum Hunger stillen im Alltag genießen. Neulich kam es bei mir zu einem schrecklichen Ereignis, über das zu sprechen mir immer noch schwerfällt. Ich will es trotzdem tun. Es ist eine Geschichte von Gefahr und Heldenmut.

Manchmal beginnt ein schreckliches Ereignis ganz harmlos, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, oder, was auf die Situation, die zu beschreiben ich mich anschicke, besser passt: Wie ein Schneesturm, der an einem milden Wintertag über das Land hereinbricht. Ein Ausbruch an Kälte, Wind und Schauder, dem wir Menschen schutzlos ausgeliefert sind.

Triumph
Der siegreiche Held.

Doch, der Vergleich mit dem Sturm passt insofern besser, da jener sich schneller zu entwickeln scheint, als das menschliche Gehirn fähig ist, die Ernsthaftigkeit der neuen Lage zu begreifen. Für manche Dinge sind wir schlicht zu langsam.

Dabei wollte ich nichts weiter, als satt werden.

Zu diesem Zweck hatte ich mir Nudeln zubereitet, und diese ganz simpel mit Tomatensauce verspeist.

Bis dahin war noch alles in Ordnung. Wohl gesättigt und zufrieden schickte ich mich an, das benutzte Geschirr und den Topf in die Spülmaschine zu räumen, als mein Blick zufällig in die Spüle glitt.

Dort sah ich sie.

Die Nudel.

Wann sagt man eigentlich Nudel und wann Pasta? Will man sich mit letzterem einen sportlichen Anstrich geben, zumindest so lange, wie noch Pasta Parties gefeiert werden? Ich für meinen Teil habe mir das ziemlich schnell abgewöhnt, weil ein langer Lauf keine besondere Freude darstellt, wenn ich mir am Abend vorher den Wanst vollgeschlagen habe. Umso doofer, wenn an der Strecke kein Klo, oder wenigstens ein hinreichend blickdichtes Gebüsch liegt. Kennt man in der ketogenen Paleowelt überhaupt noch Nudeln?

Ich merke gerade, wie ich vom Thema abschweife, spüre den inneren Zwist, der mich einerseits davon abbringen will, das Erlittene erneut durchzustehen, andererseits weiß ich: Es tut mir gut. Nicht umsonst gibt es den Satz „von der Seele schreiben“, denn was ich weggeschrieben habe, belastet mich nicht länger.

Ich muss es tun, muss das Ereignis noch einmal erleben! Um meiner selbst willen, aber auch um anderen Menschen zu zeigen, dass es möglich ist, mit viel Überwindung, Härte gegen sich selbst und klarem Fokus auf das Notwendige, das es zu tun gilt, extreme Herausforderungen zu bestehen.

Genug also des Verdrängens, Schluss mit der Flucht vom Thema weg!

Sie lag in der Spüle.

Kalt. Schlaff. Drohend.

Ich weiß bis heute nicht, wie sie dorthin gekommen ist, wahrscheinlich glitt sie beim Abgießen an ihren Artgenossinnen vorbei in Richtung Abfluss, wo sie das Gitter daran hinderte, ihren Weg zum Kanal hin fortzusetzen. Stattdessen fand sie sich dort liegend und wartete – auf mich.

Die kalte Nudel!

Ist euch der Anblick einer kalten Nudel, die zu allem Überfluss ausgesprochen lange in Feuchtigkeit zugebracht hat, geläufig. Ebensowenig kann ich beurteilen, inwieweit euch bei derlei Anblick – wie vermutlich den meisten Menschen – eiskalte Schauer über den Rücken laufen. Es soll schließlich ausgesprochen robuste Gemüter geben, denen jedweder Ekel fremd ist.

Bei einer kalten Nudel muss ich unweigerlich daran denken, was ich über Farbe und Konsistenz von Wasserleichen las: Ein blasses, gelbliches Weiß färbt ein glitschiges, glibberiges Etwas, dessen Körperhaftigkeit sich gerade so wenig von einer zähen, widerlichen Flüssigkeit unterscheidet, dass das Ding eben nicht im Abfluss verschwindet. Schon der Gedanke erzeugt mir Gänsehaut.

Es würde mich kaum wundern, wenn mir jemand berichtete, dass sich Leichenbeschauer mit lange gekochten und abgekühlten Nudeln auf die Arbeit mit Wasserleichen vorbereiten.

Wer ein anderes Beispiel bevorzugt, kann gerne an Maden denken. Oder an Regenwürmer.

In meiner Spüle lag immer noch die Nudel.

Und außer mir gab es niemanden, um sie von dort zu entfernen.

„Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“ sagte ich mir, und dabei ist es egal, ob es darum geht, zur Rettung einer Handtasche in ein brennendes Haus zu stürzen, Drachen zu töten, die Welt vor der Zerstörung zu bewahren, oder eben eine kalte Nudel in den Müll zu befördern.

Ich stehe, das wurde mir in diesem Moment schlagartig bewusst, in direkter Erbfolge von Herkules, Siegfried, 007 und dem Tapferen Schneiderlein.

Helden wie ich!

Helden, denen wie mir eine übermenschliche Pflicht abverlangt wurde.

Helden, die stärker waren als ihre eigenen Ängste und Zweifel.

Helden werden geboren, wenn sie stärker sind als sie selbst.

Kaum hatte sich dieser Gedanke in meinem Gehirn festgesetzt, wurde ich ruhig. Klar, ganz klar waren meine Sinne und ich nahm die Welt wie durch ein Vergrößerungsglas war. Meine ganze Aufmerksamkeit lag bei der einen Aufgabe: Die Nudel muss weg!

Das „ob“ war keine Frage mehr, lediglich die praktische Umsetzung blieb mir zu klären.

Messerscharf wie Sherlock Holmes oder Richter Di überdachte ich die zur Verfügung stehenden Optionen. Der schnelle Griff mit der Hand schied natürlich aus. Sollte ich die Spülbürste zur Hand nehmen, um die Leiche in den Abfluss zu stopfen? Hierzu hätte ich zunächst das etwas feinere Sieb entfernen müssen – unter größter Vorsicht, denn schließlich würde ich Gefahr laufen, das widerwärtige Objekt zu berühren.
Außerdem bestünde die Möglichkeit, dass sich Nudelreste zwischen den Bürstenborsten festsetzen, die ihrerseits würde entfernen müssen.

Das war keine sinnvolle Vorgehensweise.

Handschuhe? Hier kämen nur stabile Spül- oder Gartenhandschuhe in Frage, die meinem Tastsinn keine, aber auch gar keine Rückmeldung geben über die Beschaffenheit dessen, was ich da anfasse. Danach hätte ich sie ausziehen und abspülen, oder, besser noch, gleich mit wegwerfen können. Abgesehen davon, dass ich keine solchen Utensilien zuhause habe, drängte sich mir eine Frage auf: Was wäre, wenn die kalte Nudel von meinem Griff zerdrückt wird? Dann hätte ich es nicht mehr mit nur einer Würgsamkeit zu tun, sondern gleich mit mehreren! Szenen aus Horrorfilmen tauchten vor meinem geistigen Auge auf, und ich erinnerte die Geschichte von der Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue nachwuchsen. Nun denn, Herakles vermochte der Hydra den Garaus machen – ich beseitige die Nudel!

Und während dieser die Stümpfe mit Hilfe einer Fackel versengte, wodurch keine Köpfe nachwachsen konnten, beschloss ich, mich einer Gabel zu bedienen. Ich bewaffnete mich mit schnellem Griff in die Besteckschublade, schob das gezinkte Hilfsmittel behutsam unter die kalte Nudel, bevor ich sie beherzt in den offen bereitstehenden Mülleimer warf.

Hinfort, ekles Gewürm! rief ich ihr nach, als ich den Deckel zufallen ließ.

So wurde die Menschheit um eine Heldentat reicher.

Es soll aber niemand davon singen – Homer ist eh‘ tot, und ich selbst genieße meinen Triumph lieber still und bescheiden.

Ein Mann weiß schließlich, was er getan hat.

Das genügt ihm.