Ich hab’s getan: b2run

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Das LauferEi am Start

Manche Dinge sind einfach peinlich. Irgendwie. Obwohl, vielleicht sogar weil, sie von vielen Menschen praktiziert werden. Masturbation zum Beispiel. Oder Firmenläufe. In Karlsruhe gibt es den b2run, an dem ich, ich oute mich, dieses Jahr schon zum dritten Mal teilnahm.
Jetzt muss ich mich wohl erklären.
Firmenläufe sind für den Läufling, was dem Literaten Groschenhefte sind: übelster Kommerz ohne jeden Anspruch. Genutzt von Banausen. Pfui!
Ja, das Ding ist kommerziell: Setze ich die Teilnahmegebühr von irgendwas um 14 Euro netto in Relation zu den 5,6km Streckenlänge, komme ich auf stolze 2,5 Euro pro km! Dagegen sind selbst die mittlerweile teuer gewordenen Städtemarathons ein Schnäppchen, von den vom Idealismus geprägten kleineren Läufen ganz zu schweigen.
Nun gut, in den meisten Fällen zahlt’s die Firma. Wenn die etwas spendabler ist, mietet sie für weiteres Geld einen Firmenstand im Zielgelände. Der Veranstalter freut sich bestimmt, wenn er dazu noch die Shirts liefern kann. Oder gleich das Premiumpaket, welches neben 100 Startplätzen auch noch 100 Fan-Tickets (In den Zielbereich gelangt man nur mit gültigem Ticket), zwei VIP Tickets und den Teamstand zum Schnäppchenpreis von knapp 1800 Währungseinheiten beinhaltet. Das gilt für den günstigen Frühlingstarif. Sommer kostet mehr. Keine Frage also, b2run will Geld verdienen.

Was aber bewegt Menschen, sich beim Firmenlauf zu bewegen? Vermutlich eine Mischung aus Teamgeist und Gruppendruck. Ich habe bei Kollegen gesehen, mit welch ungeahntem Eifer sich Leute vorbereiten, die sich selbst jedweden sportlichen Ehrgeiz absprechen. Nach dem Lauf: reine Freude, unbändiger Stolz auf die eigene Leistung. Wer hier einmal das Strahlen in den Augen eines ansonsten unsportlichen Menschen gesehen hat, weiss, wovon ich rede. Hier liegt meines Erachtens, allen Unkenrufen zum Trotz, ein Verdienst von Firmenläufen: etwas mehr körperliche Aktivität wird angeregt. Und in der Tat trägt der Vergleich gelaufener Zeiten, die Freude über das geleistete und das gemeinsame Nach-Lauf-Getränk im Ziel zur Teambildung bei. Macht Spaß.

Also nur was für Nichtläufer? Durch die sportliche Brille des Ultraläuflings betrachtet, ist ein Lauf mit 5,6 (in Worten: fünfkommasechs) Kilometern wirklich nur unter dem Aspekt einer Tempoeinheit betrachtbar. Selbst ein schneller Mittelstreckler wird in diesem Rahmen nicht nach einer neuen persönlichen Bestzeit trachten. Nicht in dieser Enge.
Vor dem Start stehen, nach Veranstalterangaben, viertausend Menschen dicht gedrängt auf einer Fläche, die, würde es sich um Legehennen handeln, sämtliche Tierschutzvereinigungen auf den Plan riefe. Aber mit Läuflingen kann man’s ja machen. Vermutlich, weil sie derlei Dinge in ihrer Freizeit tun und nicht von Berufs wegen, wie die Hennen. Mehr Raum? Da lachen ja die Hühner. Und zwar die Läuflinge aus.
Damit die sauerstoff-lose halbe Stunde bis zum Start nicht zu lang wird, lauschen wir zwei Radiomoderatoren, die auf von einer Arbeitsbühne herab ihr Bestes geben, um gute Laune zu verbreiten. Sie werden zwischendurch von einer Fitnesstränerin unterbrochen, die auf ebenjener Bühne Aufwärmübungen zu Musik vorübt. Sie übt vor, damit wir es nachmachen. Ohne Platz und Luft ist das nicht ganz einfach. Wir strecken unsere Arme nach oben, und versuchen, die Nasen unserer Nachbarn nicht zu brechen. Den meisten gelingt das.
Währendessen geriert sich die Vorturnerin als Gute-Laune-Bombe. Wie buchstabiert man eigentlich Lustschreie? „Houuuhuuuuuuuuuu“? Ihre mehrfach geäußerte Bitte um Feedback („Seid ihr gut drauf“?) wurde vom drei Meter weiter unten stehenden Volk wahrheitsgemäß mit „joooo schon“ beantwortet. Ich will endlich laufen.
Nun denn, auf- und ab Hüpfen geht ja, ist mir immer noch lieber, als stocksteif zu stehen.

Dann, ziemlich pünktlich um halb acht: der Start. Hurra!
Um sich ein Bild davon zu machen, stelle man sich vor, dass viertausend Menschen auf einer Strecke laufen wollen – müssen!, die gerade mal drei Meter breit ist. Um das gewünschte Tempo zu gehen, hätte ich mich entweder gaaaaaanz weit vorne hinstellen müssen (das ist dort, wo die Cracks sind, die weniger als zwanzig Minuten für die Strecke brauchen), oder nicht mitmachen. Aber ich wollte es ja. Und so bemühe ich mich auf den beiden ersten Kilometern, zwischen Wiese, Gebüsch und auf der Strecke, um eine halbwegs konstante Geschwindigkeit. Dann lichtet sich das Feld, weil einem noch so großen Feld auf einer noch so kurzen Strecke nichts anderes übrig bleibt, als sich auseinander zu ziehen. Das ist ein Naturgesetz.
Über die verbleibenden dreikommasechs Kilometer gibt es nicht viel zu berichten, außer vielleicht, dass mir der kleine Hügel kurz vor dem Ziel ein kleines Erfolgserlebnis bescherte, denn ich habe ihn kaum gespürt. Wir merken uns: Ultratrails helfen beim Karlsruher Firmenlauf.

Alles schlecht, oder was? Nein. Wenn dem so wäre, würde ich nicht dreimal teilgenommen haben. Ich wusste ja, was mich erwartet (erwähnte ich das schon?). Und: als Tempolauf ins Wochenprogramm eingebaut, hilft’s sogar weiter, mit 23:02 Minuten ist die Zeit recht passabel, was ich nach der Würgerei zu Beginn, und den anders gesetzten Schwerpunkten der Saison wirklich nicht erwartete. Ich endeckte gar unerwartet Wettkampfstimmung in mir, als ich einen Gedanken wahrnahm, der mir „die drei Sekunden hätteste locker noch rausholen können“ vorfaselte.
Der Reiz liegt für mich aber woanders: im gemütlichen Beisammensein mit aktuellen und ehemaligen Kollegen. Danach dann.

Ja, b2run will Geld verdienen, weshalb der läuferische Idealismus bei solchen Veranstaltungen auf der (Lauf-)Strecke bleibt. Aber das weiss man vorher. Firma zahlt, Spaß dabei, nette Gesellschaft danach. Firmenläufe muss man sportlich sehen.