…zeigt her eure Schuh‘!

Lasst euch nicht verunsichern, ich will weder eure Fußbekleidung begutachten, noch steht mir der Sinn danach, fleißigen Waschfrauen bei der Arbeit zuzusehen, wie es das Kinderlied vorschlägt. In diesem Zusammenhang würde mich allenfalls interessieren, wie weit und in welche Richtung ich reisen müsste, um heutzutage noch Waschfrauen zu finden.
Stattdessen lade ich euch zum Blick auf eure eigenen Füße sowie die sie bekleidenden Schuhe ein, und auf jene anderer Menschen, besonders derer, die sich sportlicher Aktivität befleißigen. Ich möchte auf Auffälligkeiten aufmerksam machen und sogar aufrütteln, denn das, was den Anlass zu meinem Ansinnen gibt, lässt mich manchmal aufschrecken.
Es geht um das, womit wir unseren Standpunkt beziehen, oder große Sprünge machen: Unsere Füße, beziehungsweise um das, womit wir sie umhüllen, nämlich die Schuhe.
Was erwarte ich von Schuhen?
Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit und klare Struktur zu haben, zähle ich eine Handvoll Funktionen auf, die sie erfüllen sollen. Modische oder soziale Kriterien finden in diesem Artikel nicht statt, dafür gibt es andere Blogs, zumindest vermute ich das. Und natürlich geht es um Schuhe, die wir typischerweise beim Sport tragen.
Schützen soll er meine Füße, der Schuh! Und zwar einerseits vor dem allzu schmerzhaften Kontakt der Fußsohle mit dem Untergrund, wenn ich etwa über Schotter laufe - ich bin kein Fakir! Andererseits lege ich Wert darauf, er möge in nützlichem Zusammenspiel mit etwaigen Socken unangenehme Umwelteinflüsse von meiner zarten Haut fernhalten. Kälte gehört vor allem dazu, Schlamm und Staub eher bedingt, wobei die klimatischen Verhältnisse des Fuß-Schuh-Systems nicht hierher gehören.
Blanke Haut ist darüber hinaus ziemlich mies, wenn es darum geht, auf rutschigem Untergrund Halt zu finden. Wer schon mal barfuß auf Schnee gelaufen ist, weiß, dass es einen da schnell hinhaut. Geeignete Schuhe profilieren sich mit besserer Traktion!
Zu guter Letzt sollen mich die Schuhe, wenn ich denn welche trage, bei dem unterstützen, was ich gerade tue: Gewichtheberschuhe geben sehr festen Halt durch stabiles Obermaterial und sehr harte Sohle, während manche Laufschuhe den Einfluss langer Asphaltstrecken abdämpfen. Mache ich Yoga oder trainiere mit Kettlebells oder dergleichen, sind mir keine Schuhe die liebsten Schuhe, denn können mir die Fußsohlen sensorische Informationen über Stand, Position und Kraftverteilung ungefiltert liefern. 

Das Schandmaul spricht

Damit bin ich beim Thema, denn der simple Gedanke, passendes Schuhwerk (das auch kein Schuhwerk sein kann!) zu tragen, wird viel zu selten gedacht. Stattdessen sehe ich allzu oft Bilder oder Videos, in denen gedankenlos Zeug an den Füßen hängt, das im besten Falle kontraproduktiv ist.
An dieser Stelle will ich anmerken, dass es mir vollkommen schnurz ist, wer was wozu anzieht. Dresscodes sind mir in jeglicher Form ein rotes Tuch. Barfuß in der Antarktis? Von mir aus, es sind schließlich nicht meine Füße. Weich gedämpfte Laufschuhe führen auf Ultratrails zu wunderschönen Blasen und deutlich längeren Reaktionszeiten - damals waren es meine Füße, ich habe meine Lektion gelernt.
Es ist mir aber keineswegs egal, wenn so genannte Trainer, Influencer oder Fitnessmodels auf Werbefotos, Blogs, Instagram oder YouTube ihre füßische Ignoranz zelebrieren!
Für eine erste, sehr deutliche, Einführung sucht auf YouTube nach "High Heels Deadlift Fail" und genießt. Die Dame im Video hatte bestimmt viel Spaß, bevor sie das zu erwartende Ereignis und ihr Knöchel den Boden traf. Zumindest unterstelle ich in diesem Fall, dass sie das Risiko einigermaßen bewusst eingegangen ist, dass ihr halbwegs klar war, mit unpassendem Schuhwerk ans Werk gegangen zu sein.
Bei anderen Kandidaten bin ich mir weniger sicher, was deren geistige Klarheit angeht. Ich schaue etwa bei Kettlebellvideos zuerst auf das, was die Leute an den Füßen tragen. Sind es Laufschuhe, oder irgendwas anderes mit dicken Sohlen, kann ich mich darauf verlassen, dass das Video hält, was es verspricht: Nichts. Insofern sind diese Menschen konsequent, wenn sie mit idiotischem Schuhwerk auf ihre miserable Technik hinweisen. Wie soll denn die feine Sensorik der Fußsohlen dem Gehirn Informationen liefern, wenn genau die nur gedämpft ankommen? Stopfen die sich zum Musik hören Watte in die Ohren?
In Werbeanzeigen ist es kaum besser. Dort scheint es nur einen Schuhtyp zu geben: Dicke, weiche Sohle, entsprechend weiches Obermaterial. Dieser Schuh muss anscheinend immer angezogen werden, außer vielleicht dann, wenn Wanderschuhe verkauft werden sollen. Aber sonst gilt die Regel, dass bei allem, was sich unter den Begriff Sport quetschen lässt, dieser Standardschuh getragen wird.
"Aber", mag man aus Werbe- und Influencerkreisen (gibt es da einen Unterschied?) einwenden, "wir leben von unseren Sponsoren, zu denen eben dieser Schuhhersteller gehört. Und das ist das aktuelle Modell der XYZ-Kollektion, das gerade promoted wird.".
Wie ihr eure Prostitution rechtfertigt, ist mir herzlich egal. Ein Scheißschuh (auf die Aktivität bezogen!) bleibt ein Scheißschuh, wird zu eurer Blamage.
Ich will gar nicht das Argument mit der Vorbildfunktion heranziehen, das ich nicht nur für überstrapaziert halte, sondern es für ein Hintertürchen halte, welches man denjenigen offenhält, die sich der Verantwortung für sich selbst entziehen wollen. Es ist peinlich genug, wenn sich jemand mit einer hirnrissigen Schuhwahl öffentlich als gedankenlos, dämlich oder ignorant outet.
Beinahe hätte ich die Gruppe derer vergessen, die sich gerne dabei fotografieren oder filmen lassen, wie sie mit Gewichten auf Bosu-Bällen herumhampeln. Sie bewohnen dieselbe Gummizelle.

Ich werde konstruktiv

Was bedeutet das jetzt für den gemeinen Sportling?
Es bedeutet, dass die Fußbekleidung zur Aktivität und zum Aktiven "passen" muss. Ich brauche wahrscheinlich nicht darauf verweisen, dass es Freaks gibt, die barfuß Ultratrails laufen, ich habe mich mal mit einem unterhalten, der sich leider an einem scharfen Stein heftig verletzt hatte und deshalb aufgeben musste. Er wusste, was er tat und tat dies im vollen Bewusstsein des erfahrenen Ultraläuflings. Passt!
Freilich kann ich mit Trailschuhen Asphalt laufen, gedämpft auf Trails herumeiern und niemand könnte mich daran hindern, mit Fahrradschuhen Gewichtheben zu betreiben, wenn ich Lust dazu hätte.
Ausnahmen gibt's sowieso immer - nehmen wir an, du bist im Urlaub, hast nur Barfußschuhe dabei und wirst zum Stadtmarathon eingeladen. Sightseeing zu Fuß - wer würde da absagen?
Ich greife zu einem Beispiel, das in einigen Absätzen weiter oben schon durchschien: Gymnastik, Yoga, Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht. Dies möge an der frischen Luft geschehen, auf einer trockenen, grünen Wiese.
Ha! Er hat Wiese geschrieben. Die ist uneben, lauter Grasknubbel!
Eben. Deshalb sind Laufschuhe völlig fehl am Platz. Barfußschuhe, Five Fingers oder meinetwegen Badeschuhe aus Neopren tun genau das, wovon ich schon geschrieben hatte: Sie erlauben präzise Information über den Stand und einen festen ebensolchen.
Ihr könnt euch den Unterschied zwischen tauglichen und untauglichen Schuhen mit einem einfachen Test deutlich machen: Stellt euch barfuß auf ein Bein und schließt die Augen. Dann macht ihr dasselbe auf einem dicken Kissen.
Ich wette, danach werdet ihr auf "weniger Schuh" stehen.

4 Gedanken zu „…zeigt her eure Schuh‘!“

  1. Lieber Harald,

    barfuß im Schnee, und da muss ich Dir leider widersprechen, da ich doch einige Erfahrung damit habe, geht übrigens hervorragend, der Halt ist beispiellos, da kommt keine Sohle mit 😉 Wobei Schnee nicht gleich Schnee ist, ich spreche von tiefem Schnee mit darunter liegenden Schichten von Altschnee…und nicht der Schnee, den wir aus unseren Gefilden kennen.
    Ansonsten gebe ich Dir Recht, als bekennender Minimalist bei Schuhen sowohl im Alltag als auch beim Sport, ist die Vermittlung von Authentizität das Wichtigste, ansonsten schaltet mein Gehirn sofort ab.
    Danke für die ausführlichen Betrachtungen

    Salut

    1. Lieber Christian,

      wären wir Eskimos, ließe unser Vokabular eine genaue Benennung von barfußtauglichen Schneesorten zu! 😀 Meine Erfahrungen habe ich bisher nur mit sehr rutschigem Schnee gemacht. Wo findet man die Art von Schnee, die du beschreibst?
      Wollsocken wirken als Traktionshilfe übrigens recht gut, sie müssen nur eng genug sitzen, damit der Fuß nicht in der Socke rutscht.

      Du sprichst wahre Worte zum Thema Authentizität aus, denen ich nur zustimmen kann.

      Ciao,
      Harald

  2. Lieber Harald, du hast die Gabe – und das sage ich dir nicht zum ersten Mal – dein Anliegen stets sehr ausführlich und wohl formuliert zu präsentieren, mit Umwegen, aber letztendlich bringst du alles bestens auf den Punkt .

    Und natürlich bin ich – wie so oft – auch in diesem Fall ganz bei dir, wer es einmal ausdauernd probiert hat, wird nicht mehr davon lassen, ein neues Fußgefühl stellt sich ein, auf das wir nicht mehr verzichten möchten.

    Und nun musst du nur noch die “ richtigen “ Laufschuhe den Hasen geben, gib dir einen Ruck – und aus die Maus !! 😉

    In diesem Sinne Gruß von Fuß zu Fuß 😎

    1. Liebe Margitta,

      auch wenn du es schon öfter geschrieben hast: Ich lese es immer wieder gerne! Danke dafür! 🙂
      Ganz werde ich auf die „richtigen“ Laufschuhe nicht verzichten, bei sehr langen Strecken, noch dazu auf Asphalt, schätze ich den Komfort von Pölsterchen durchaus. Ansonsten aber gerne mit wenig Schuh. 🙂

      Ciao,
      Harald

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