Wenn der Stichtag nicht sticht

Wir schreiben einstellige Daten Anfang des Jahres, was für viele Menschen gleichbedeutend ist mit  - hurra! - endlich umgesetzten Vorsätzen. Guten Vorsätzen natürlich, die vor Monaten gefasst und nach langem, sehnsuchtsvollem Warten endlich gelebt werden dürfen. Wie kommt eigentlich diese Verkrampftheit zustande? Könnte man nicht sofort...?

Mythos erster januar

In den letzten Monaten eines jeden Jahres bietet sich dem aufmerksamen Zuhörer ein erheiterndes Schauspiel: Menschen reden davon, dass sie ab dem ersten Januar irgend etwas tun wollen. Sport zum Beispiel, das Rauchen aufhören, oder... Egal, wir bleiben beim Sport. Meistens liegt dieser Verlautbarung so eine grummelige Unzufriedenheit zugrunde, im Sinne von "Ich bin zu dick, zu dünn, zu kurzatmig.", was den jeweiligen Menschen dazu bringt, Veränderung herbei zu wünschen. Als ob sich durch aktives Wünschen jemals etwas getan hätte. Den meisten Menschen ist dieser Umstand jedoch zumindest unterschwellig bewusst, und genau deshalb wurde ein magisches Duo erfunden - es sind dies der gute Vorsatz und der erste Januar. Gäbe es diese passiv-hoffende Unzufriedenheit nicht, würden wir keinen ersten Januar haben, dessen bin ich ganz sicher.

An dieser Stelle muss ich mich erklären, glaube ich. Natürlich würde das Jahr mit dem 1. Januar beginnen, irgendwo muss man schließlich zu zählen anfangen. Aber wir hätten nicht diesen ersten Januar, also nicht so einen symbolhaften, der mit Bedeutung und vollzogenem Richtungswechsel aufgeladen ist. Müsste ich mir aussuchen, ein Tag im Jahr zu sein, ich würde dieses Datum nicht wählen. Dieser Erwartungsdruck!

Am ersten Tag des Jahres beginnt übrigens die Zeit der Wöchnerinnen und Wöchner. Sie stürzen sich hochmotiviert ins Fitnessstudio, woselbst sie in den folgenden zwei bis drei Wochen eifrig aktiv sind. Mindestens zwei, drei Mal wöchentlich wird gepumpt, gesprungen, gekniebeugt und auf dem Crosstrainer geschwitzt. Dann verdampft der Trainingsfleiß und der Schweißstrom versiegt. Nicht von ungefähr empfehlen sich Sportler gegenseitig, eine Regenerationspause in den Januar zu legen, wenn die Studios mit Neujahrsvorsatzwöchnern voll sind. Ab Februar ist dann wieder Platz.

Das Geile dabei ist, viele Wöchner machen das jährlich. Alle Jahre wieder, brennt das Strohfeuer nieder.

Es setzt was. Vor.

Ach ja, die Vorsätze. Fest gefasst wie ein Diamant im Ring, und genauso statisch. Würde wenigstens ein Funkeln zu sehen sein, dann könnte ein Funke überspringen. So aber gibt es zu einem beliebigem Zeitpunkt die oben angesprochene Unzufriedenheit, die im Vorsatz - Verzeihung, im guten Vorsatz mündet. Gültig ab dem ersten Januar.

Nichts gegen Vorsätze, im Gegenteil! Wenn jemand einen neuen Weg einschlagen will muss dem ein Entschluss hierfür vorangehen. Und wir wissen alle, dass ein Ziel mit einem Termin verknüpft sein muss, damit das mit der Zielbindung besser klappt (vor allem lässt sich dann kontrollieren, ob man es erreicht hat). Der Termin bezieht sich allerdings auf das Erreichen des Ziels, nicht auf den Beginn der Arbeit an ihm.

Oops.

Ich spüre, wie meine Hand meinen Kopf kratzt, weil ich zu verstehen versuche, was einen Menschen dazu bringt, zu sagen: "Ab dem ersten Januar tue ich....". Nehmen wir an, dieser Vorsatz wird Mitte September gefasst.

Wozu warten?

Wenn ich unterstelle, dass derjenige keine Bock auf die Aktivität hat - in unserem Beispiel: Keine Lust auf Sport - wieso dann überhaupt der Entschluss, der bei näherer Betrachtung keiner ist. Es fehlt die innere Bindung an Ziel und Weg ebenso wie die Ehrlichkeit sich einzugestehen, dass man keinen Sport treiben will. Also nimmt tut man so, als sei der erste Januar ein Meilenstein. Der Start eines Projekts. Dummerweise hat ein Projekt nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende und ein klares Ergebnis, womit wir wieder beim Ziel wären, und das gibt's nicht, wie wir weiter oben gesehen haben. Neujahrsvorsätze sind demnach nichts weiter als mannigfaltige Varianten des Satzes "Ich fange mal irgend etwas an, weiß aber nicht so recht was und auch nicht wozu."

Und die Warterei? Weshalb die Frist? Hinausschieben von etwas Negativem kann's nicht sein, denn in den meisten Fällen ist das Bedürfnis nach Veränderung deutlich wahrnehmbar. Ein Hauch von Wollen inklusive. Doch scheint das nicht zu genügen, um ins Handeln zu kommen. Das ist schade und unverantwortlich.

Ein Vorsatz gilt, sobald er im Kopf ist.

Ein Vorsatz ist im Kopf, wenn der Mensch sich an etwas an sich selbst stört, er die Möglichkeit zur Veränderung hat und den Weg dorthin für sich sieht: Ich will kräftiger werden, das erreiche ich durch Sport.

Worauf wartest du?

Zwei UN-dinge

Diese komische Vorsetzerei hat für mich zwei un-gute Aspekte, sie ist unaufrichtig und unverantwortlich.

Es ist sich selbst gegenüber unaufrichtig, immer wieder mit Vorsätzen zu arbeiten, die nicht in dauerhafte Verhaltensänderung münden. Gewohnheiten, es brauchen nichtmal liebgewonnene Gewohnheiten sein, zu ändern, ist verdammt schwer. Noch schwerer ist es, sich Handlungen anzugewöhnen, von denen man nicht recht überzeugt ist. Eigentlich will man ja keinen Sport treiben. An jedem Treppenabsatz verschnaufen zu müssen, nervt andererseits auch. Wobei es im Büro zum Glück einen Aufzug gibt, die Wohnung liegt im Parterre. Eigentlich muss es nicht unbedingt sein. Eigentlich habe ich keine Lust auf Bewegung.

Dann sag dir das. Sieh erstens in den Spiegel, dir zweitens in die Augen und sprich das, was du wirklich denkst. Schmerzt dich die Medizin (Sport) mehr als die Situation (Geschnaufe)? Vergiss' den Vorsatz.

Indes gilt es meiner Ansicht nach an dieser Stelle die Verantwortung eines Menschen für sich selbst ins Feld zu führen, wozu mir zwei Dimensionen einfallen. Jeder ist dafür verantwortlich, seinen Körper funktionsfähig zu erhalten. Wohlgemerkt rede ich von funktionsfähig, nicht von leistungsfähig. Als sportlich aktivem Menschen fällt es mir leicht, Körper und Geist Leistung abzuverlangen, insofern brauche ich mich nicht allzu sehr mit inneren Widerständen auseinandersetzen. Nicht allzu sehr, denn ich habe auch mal keinen Bock, einen schlechten Tag und Übungen, die ich nicht mag. Aber das ist ein anderes Thema.

Aber ich denke, jeder Mensch ist seinem Körper und Geist verpflichtet. Wer mir hier eine Spur von kantischem Pflichtethiker unterstellen will, mag das gerne tun, ich würde dankend lächeln.
Ich will gar nicht über Grade der Funktionsfähigkeit spekulieren, nicht den Versuch unternehmen, zu definieren, was "man" können muss. Ein schrecklicher Gedanke, ich finde das Wort sowieso dämlich.

Außerdem brauche ich das nicht zu, weil derjenige, der mit eigener Unzufriedenheit den Grundstein des guten Vorsatzes gelegt hat, im gleichen Atemzug seine Verantwortlichkeit benennt.

Ein Vorsatz ist gültig, sobald er im Kopf ist.

5 Gedanken zu „Wenn der Stichtag nicht sticht“

  1. Was soll ich dazu sagen, außer dass du es wieder bestens in die passenden Worte verfasst hast – wie immer – bin ganz bei dir !

    Hinsichtlich der Bewegung erlebe ich es schon, solange ich laufe: kurz nach Weihnachten erscheinen plötzlich keuchende Gestalten auf der Piste mit nagelneuem “ Werkzeug „, die aber spätestens nach 4 Wochen wieder verschwunden sind, also nichts Neues, laufe schließlich bekanntermaßen schon ein paar Jährchen !!

    ABER es hat auch etwas für sich, wenn sich Menschen (egal zu welchem Zeitpunkt) bessern wollen und es dann auch durchziehen, aber leider………..

    In diesem Sinne, caro Haraldo, ciaooooooooooooooo

    1. Ich sage wieder einmal gerne „Danke“ für das schöne Kompliment. 🙂

      Mit nagelneuem Werkzeug sehe ich kaum Leute laufen; beim Lesen deines Kommentars dachte ich noch: Man könnte es positiv sehen, wenn die typischen Strohfeueranzünder wenigstens vier Wochen im Jahr für ihren Körper brennen. 😉

      Ciaoooo,
      Harald

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