Warum du diesen Artikel nicht lesen solltest

Ich hätte auch einen anderen Titel wählen können, etwa "Zehn Gründe, diesen Artikel nicht zu lesen", wobei zwölf, sieben, oder dreißig Gründe ebenso gut gewesen wären. Mein Arbeitstitel war übrigens "Warum ich Artikel wie diesen (fast) nicht mehr lese", und schon sind wir beim Thema, weil ich an mir eine zunehmende Unlust zum Konsum (!) bestimmter Publikationen wahrnehme.
Was stört mich daran eigentlich?  Es sind, wie ich nach einigem Nachdenken für mich selbst herausfand, weit verbreitete Muster des Nicht-Argumentierens, des Ankündigens und Nicht-Lieferns, die mich schlichtweg langweilen. Sie finden sich in Zeitungen und Magazinen, auf YouTube & Co, Blogs, Online-Publikationen, auch manche Bücher sind nach danach aufgebaut. Ich will in diesem Artikel versuchen, mich anhand von vier leider allzu häufigen Mustern zu erklären - vielleicht geht es euch auch so, dass ihr euch mit den Augen rollend, oder genervt schnaubend ertappt.
Muster eins: Warum du...
Siehe der Titel dieses Beitrags, wobei dieses "Warum du..." auch in anderen Verkleidungen daherkommt; zwei Beispiele habe ich in der Einleitung angeführt. Selbstverständlich geht auch "Fünf Gründe, um nicht...." oder "Warum ich mit (hier irgend etwas einsetzen) aufgehört habe". Ich denke, das Prinzip ist klar: Jemand stellt eine Behauptung auf, die er mit einigen Punkten untermauern will. "Das ist so, weil...".
Ist das schlecht?
Ja, es ist schlecht, weil dahinter - am Beispiel meiner Überschrift - eine klare Aufforderung steht. Solche Titel könnten auch heißen: "Lies diesen Artikel nicht". Die Befehlsform wirkt autoritär, mit der Begründung wird der Befehl zwar leichter verdaulich, jedoch nicht aufgehoben. Es gibt keine Alternative. Ich habe vor Jahren einen einfachen Grundsatz kennengelernt, den ich sehr schätze:
Jede Behauptung mit Begründung, jede Begründung mit Diskussion.
Argumentieren ist gefragt, eine Auseinandersetzung mit Gegenpositionen. Das setzt voraus, dass man die Möglichkeit von Alternativen zumindest anerkennt! "Das ist so, weil..." wirkt auf mich je nach Publikation und Inhalt als beanstpruche man, absolut und immer Recht zu haben, wobei man gnädig eine Begründung mitliefert. Das ist nicht "nett", es untergräbt in meinen Augen die Glaubwürdigkeit desjenigen, der die Behauptung äußert. Genauso übrigens wie Superlative.
Muster zwei: Die beste Trainingsmethode für...
Wir halten uns kurz vor Augen, was in diesem Teilsatz steht: Es gibt keine Trainingsmethode, die entweder gleich gut geeignet, oder besser ist. Um die Gefahr für eine solche Behauptung nachzuvollziehen, machen wir einen kleinen Ausflug in die Logik, und formulieren den Satz um in "Alle anderen Trainingsmethoden sind schlechter", bzw. "Es gibt keine Methode, die gleichwertig, oder besser ist".
"Alle", und damit die gesamte Behauptung, lässt sich durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegen. Wir kennen das Kinderspiel "Alle Vögel fliegen hoch!". Tja, wenn eines nicht fliegt, sind es eben nicht alle. Wer tiefer einsteigen will, möge nach dem Begriff "logisches Quadrat" suchen, wobei es für's Verständnis hilft, sich an die Mengenlehre zu erinnern. Ihr wisst schon, das Zeugs mit den schraffierten Ellipsen. Alle sind alle, und keines mehr oder weniger. "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" wäre in dem Moment zur Lüge geworden, wenn Ulbricht alleine und für sich selbst dieses Vorhaben gefasst hätte.
Eine Variante des Superlativs sind auch Listen ("Die fünf stärksten Menschen aller Zeiten"), die auch auf YouTube ("Die zehn schnellsten Autos der Welt") sehr beliebt sind. Solche Listen bestehen meistens aus willkürlich zusammengeklaubten Elementen, bei denen zumindest mir nicht klar ist, wieso die Kandidaten in die Liste aufgenommen wurden. Wenn dann schon mir als Laie spontan weitere kräftige Menschen einfallen, die, eine nachvollziehbare Messlatte angelegt, mindestens ebenso eine Erwähnung verdient hätten, spricht das eine klare Sprache gegen die Quelle der Liste.
Übrigens gibt es einen speziellen Fall für das, was ich die "Idiotie des Superlativs" nennen will, und das sind diese selbst ernannten "härtesten" Rennen der Welt. Mich würde direkt interessieren, wieviele "härteste Ultratrails" es gibt. Ich muss dabei an einen Ausspruch des Blues-Musikers Muddy Waters denken, der sinngemäß lautet: "Man kann nicht der Beste sein. Man kann immer nur gut sein.". Vor allem schreit so eine Härteskala danach, solche Veranstaltungen konsequent nach Härte einzuteilen. Ob sich in der Zielgruppe von Hindernisläufen genug Interessenten für den "weichsten" Toughmudder der Welt finden? Ein harter Ultratrail ist, denke ich, genug.
Von der leichten Widerlegbarkeit durch den Superlativ abgesehen wird selten klar definiert, nach welchen Kriterien denn bewertet wurde, geschweige denn die betrachteten Alternativen benannt und gegeneinander abgewogen. Was macht eine Trainingsmethode besser - und unter welchen Voraussetzungen? Wodurch wird ein Rennen härter als ein anderes?
Wer so eine Behauptung aufstellt, macht sich sehr leicht angreifbar, und ich frage mich: Wenn's schon so losgeht, kann da überhaupt was Gescheites folgen?
Muster drei: ...und das aus einem ganz besonderen Grund
Sehr gerne und in vielerlei Variation verwendet, besonders bei Onlineausgaben angeblich seriöser Medien: "Eines von einhundertfünf Mitgliedern des IOC sprach sich gegen die Dopingsperre aus, und das aus einem besonderen Grund". Jaaaa, macht mich neugierig, ich will den Artikel lesen! Klicken! Jetzt! 
Nein.
Ich klicke nicht auf Clickbaits. Weder auf (meistens schlecht gemachte) Thumbnails bei YouTube, noch auf solche Teaser. Sie erinnern mich an meine Grundschulzeit, in der Zettel im Umlauf waren mit der Aufschrift "Wie macht man einen Deppen neugierig? Bitte umblättern.". Das stand auf beiden Seiten.  Seitdem bin ich immun gegen derlei plumpe Pseudo-Neugierigmacherei, zumal die dann im Artikel gelieferten Informationen meist an der Oberfläche bleiben. Nennt mir den Grund, und wenn mich die Hintergründe interessieren, lese ich den Artikel, der sie beleuchtet. Das setzt natürlich voraus, dass es diesen Artikel überhaupt gibt.
Muster vier: ...wissenschaftlich...
Das Beste habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Das Beste? Hat er nicht am Anfang vehement gegen den leichtfertigen Umgang mit dem Superlativ argumentiert? Hat er. Deswegen hat er sich den Spaß gegönnt. Hört ihr mein Kichern? 😉
Die liebe Wissenschaft, eigentlich müssten wir sie für den permanenten Mißbrauch bedauern, dem sie als Begriff ausgesetzt ist. Da gibt es so einen putzigen, selbst ernannten Fitnessguru, der auf Facebook für sein geniales, bahnbrechendes Programm wirbt: "Studien beweisen", und "die ganze Wissenschaft ist falsch". Selbstbewusst, sehr selbstbewusst. Doof nur, dass den vollmundigen Behauptungen nichts folgt. Gar nichts.
Wie sollte es auch, wenn schon im Ansatz klar wird, dass der Gute, wie viele andere auch, das Prinzip von Wissenschaftlichkeit nicht verstanden haben. Zum Beispiel gibt es streng genommen keine "Beweise", sondern lediglich Widerlegungen (wen's interessiert: Ich lege hier das Modell von Popper zugrunde. Es gibt noch andere, googelt nach Kuhn oder Lakatos, alles unter dem Stichwort Wissenschaftstheorie). Aber gut, wenn "alles" (was ist "alles"? Siehe weiter oben) widerlegt wurde, kann dies mit Studien belegt werden. Wo sind die? Oh, die fehlen leider. Schade. Und schon hat sich jemand ins Aus geschossen.
Auch scheint es beliebt zu sein, an der vorherrschenden Meinung, so sie lange genug geherrscht hat, zu rütteln. Besser gesagt: Man vertritt eine Gegenposition. Grundsätzlich finde ich sowas geil. Ich finde es dann geil, wenn auf ein "Hey, es gibt Gründe feste Überzeugungen zu hinterfragen" handfeste Argumente folgen. Laut Kuhn entstehen Paradigmenwechsel auf eine ähnliche Weise.
Ja, o ja, ich finde sowas geil!
Denn es gibt ohne Zweifel keine Innovation.
Deswegen finde ich es geil.
Das heißt, ich würde es gerne geil finden, wenn man mich denn ließe. Und das liegt nicht am Mangel an Gelegenheit, denn selbst die Bro Science, also Überzeugungen in der Bodybuilding- und Fitnessszene, die darauf beruhen, dass besonders gut trainierte Leute ihre Weisheiten selbstbewusst vertreten ("tiefe Kniebeugen schädigen dein Knie"), in der Läuferszene vergleichbar mit "man soll trinken, bevor der Durst kommt", kann durch solche Zweifel nur gewinnen. Allerdings erweist sich meistens, dass jemand einem billigen Schema folgt: Überzeugungen ohne belegte Behauptungen angreifen ("Ihr macht alles falsch, und wahrlich, ich sage euch..."), einzig und alleine mit dem Ziel, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ohne Substanz.
Welche Erkenntnis könnte ich gewinnen, wenn ich mir sowas zuführe?
Fazit
Was will ich eigentlich? Erwarte ich von jedem YouTuber, jedem Blogger, allen, die in sozialen Medien werben und allen Onlinepublikationen eine strenge, unwiderlegbare Vorgehensweise? Habe ich denn gar kein Verständnis für die Zeitschriften, deren Online-Ausgaben irgendwie Geld verdienen müssen? Nein, habe ich nicht. Es ist euer Geschäft, mithin euer Problem. Wenn ihr mit Clickbaits arbeitet, verliert ihr einen - nur einen - Benutzer: Mich.
Ein Blogger, um mal ein Beispiel zu nennen, braucht keine wissenschaftlich fundierte Abhandlung zu schreiben, und ich bin wahrlich nicht in der Position, so eine Forderung aufzustellen (ich kenne schließlich meine Artikel und weiß, wie sie zustande kommen). Ich mag auch einfach zu lesende Texte. Texte, die mich unterhalten, zum Denken anregen, mich amüsieren oder einfach nur vor sich hinplätschern. Videos, die mich entspannen, weil sie gut gemacht sind.
Aber, und das ist ein dickes, großes ABER: Ich will ein Minimum an Sorgfalt erkennen. Halbwegs passable Argumentation. Seriosität statt Clickbaits. Standfeste Behauptungen. Bescheidenheit. Wovor haben die Leute Angst, wenn sie die Möglichkeit ihrer  Fehlbarkeit einräumen? Ich vermag jemanden, der das tut, eher ernst nehmen, als den, der die Weisheit angeblich mit Löffeln gefressen hat.
Warum schrieb ich am Anfang "fast"?
Erstens, weil das "nicht" wieder so ein "alle"-Ding ist. Ich habe wirklich überlegt, ob ich denn überhaupt gar keine Artikel lese, kein Video sehe, das einen der Fehler hat, die ich hier anprangere. Ich kann's nicht ausschließen. Es gibt auch Leute von denen ich weiß, dass sie Substanz liefern - trotz peinlicher Überschriften.
Und manchmal, ganz selten, amüsiere ich mich boshafter Weise auf Kosten der Produzenten. Siehe der Typ, der die gesamte Wissenschaft widerlegt zu haben behauptet. Denn zwischen "Aufmerksamkeit erregen" und "peinlicher Selbstdemontage" liegt ein sehr breiter Grat. Manche schaffen es trotzdem, auf der falschen Seite herunterzupurzeln.
Slapstick lebt!

7 Gedanken zu „Warum du diesen Artikel nicht lesen solltest“

  1. Lieber Mr.Kettlebell, eigentlich wollte ich diesen Artikel nicht lesen, wenn man mich schon darum bittet, die Neugierde jedoch hat gesiegt.

    Ich schließe mich den Worten meines lieben Freundes Christian an: Authentizität auch für mich ein sehr wichtiger Faktor.

    ……und wie immer – ein sehr gelungener Beitrag – dasLauferEi halt !

    1. Liebe Margitta,

      wie immer zuerst Dank für die Blumen! 🙂
      Sag‘ nicht, ich hätte dir nicht gesagt, dass du nicht lesen sollst. Authentizität als Wert wird meiner Meinung nach weit unterschätzt.

      Ciao,
      Harald

    1. Noch einer, der nicht auf meinen Rat hört. 😉
      Wir sind immerhin schon zwei Nichtklicker, ob wir bald die kritische Masse erreichen…?

      Ciao,
      Harald

  2. Lieber Harald,
    schwieriges Thema, aber eigentlich sehr einfach – oje, jetzt muss ich Beweise liefern 😉
    Nein, im Ernst, die Überzeugung, die Weisheit gepachtet zu haben und das auch noch mit Floskeln zu untermauern ist schlimmer als zu verallgemeinern, das ist meine Ansicht. Solche Beiträge in Blogs oder auch in analoger Form in einem Buch fallen bei mir grundsätzlich durch. Wobei ich es oft genug amüsant finde solche Dinge zu lesen.
    Wer, wieviele Klicks bekommt ist Nebensache, für mich ist Authentizität ein wichtiger Faktor und ich kenne viele Blogs, die mit zunehmender Leserschaft genau diese verlieren…

    Ich mag Deine Überschrift sehr und hoffe Du berichtest mal über die Anzahl der Aufrufe 😊

    Salut

    1. Lieber Christian,
      amüsant finde ich solche Dinge bisweilen auch, außerdem sind sie eine nette Übung in Sachen Argumentationskette. 😉
      Authentizität ist mich auch sehr wichtig – über die Zahl der Aufrufe kann ich dir leider nichts sagen, weil ich das nicht tracke. Piwik habe ich vor ein paar Jahren rausgeschmissen, als mir auffiel, dass mir die Klickzahlen nicht wichtig sind. 🙂

      Ich freue mich, dass dir meine Überschrift gefällt! Wie würde dir „Dieser Artikel wird dein Leben verändern!“ gefallen?

      Ciao,
      Harald

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