Ausdrucksschwach

Auch wenn Spötter im reichhaltigen Angebot der Emojis eine Rückkehr zur Hieroglyphenschreibweise des alten Ägypten erkennen wollen, sind die Dinger, die wir in Skype, WhatsApp oder Telegram verwenden, doch wirklich praktisch: Wo ein einziges getipptes Emojibild mehr Inhalte rüberbringt, als eine ganze Horder mühevoll getippter Wörter! Und wer tippt schon gerne auf dem Handy?

Freilich führt es hin und wieder zu – meiner – Verwirrung, wenn das getippte Tastaturkürzel nicht zur erwarteten Anzeige führt, weil Skype anders tickt als WhatsApp, und ich dummerweise im anderen Medium unterwegs bin. Im Großen und Ganzen funktioniert die Sache für mich vortrefflich.

Eigentlich.

Denn ich muss einen eklatanten Mangel bei den verfügbaren Emojis feststellen. Nicht generell, nein auf keinen Fall. Diese Messenger ermöglichen mir, Gefühle zum Ausdruck zu bringen, von denen ich überhaupt nicht weiß, dass ich sie habe. Obendrein ginge das derart fein abgestuft, dass es eines mehrjährigen Studiums der Psychologie bedürfte, um sie korrekt zu verwenden. Ich könnte behaupten, dass Kommunikation über derartige Medien überhaupt nur deshalb konfliktfrei klappt, weil niemand die sichere Verwendung der Symbole beherrscht.

Lächeln kann ich in der Art von Mona Lisa allerfeinst angedeutet oder breit grinsend, ich kann auch mit nur einem einzigen Zeichen sagen, dass ich lächle mit leichtem Augenzwinkern und der Zunge zwischen den Zähnen, wobei ich ganz klar die Mimik eines beim Genuss eines Stückes Kirsch-kuchens auf einen Kern aus selbiger Frucht gebissen habenden Menschen zeige, der fürchtet, ihm sei ein Stück Zahn abgebrochen.

Auf der negativen Seite der Emotionspalette bietet sich ein ähnlich reichhaltiges Angebot: Trauer und Wut in sämtlichen Nuancen, vom leichten Tsts, du Schlingel ist bis hin zum Tobsuchtsanfall alles vertreten.

Fast alles.

Es fehlt dieses endgültig-niederschmetternde Wort, welches nur eine Frau einem Mann gegenüber äußern kann, die den Tod der tausend Qualen für noch zu gut für ihn erachtet. Nur eine Frau kann dieses so harmlos daherkommende Wort in einer Weise äußern, dass ihr armes Opfer sich wünscht, es würde in einem Schauprozess sein Todesurteil von einem psychopathischen Richter verkündet bekommen. Niemand, ich betone, niemand kann ein vernichtenderes Urteil aussprechen, welches das arme, bedauernswerte Opfer tief in den Staub drückt, während der letzte Rest seiner kläglichen Selbstachtung aus ihm heraustropft wird, als eine Frau, deren Urteilsspruch aus diesem einen Wort besteht:

Schade.

Hier klafft leider – oder vielleicht zum Glück – eine Lücke.

A propos Frau. Auch für das zwischenmenschliche Miteinander hält die Kommunikationssoftware eine derartige Menge an unter Zuneigungsverdacht stehenden Symbolen bereit, dass ich nicht wage, auch nur eines davon zu verwenden. Es beginnt mit Gesichtern, die an den unterschiedlichsten Stellen beherzt daherkommen: Augen, Mund und Haare sind mit Herzchen verziert. Woher soll ich wissen, was das bedeutet? Und selbst wenn ich es wüsste: Weiß das das Gegenüber? Bekomme ich sowas geschickt, muss ich nachfragen, was denn damit zum Ausdruck gebracht werden soll, und das führt wiederum leicht dazu, dass das Gegenüber vergrault wird. Ein Minenfeld, und wir haben das solitär auftretende Emoji noch nichtmal verlassen.

Es gibt paarweise dargestellte Figuren, wobei sich hier immerhin geschlechtliche und familiäre Konstellationen erkennen lassen. Familien mit mehr als zwei Kindern und Patchworkfamilien sind zumindest bei WhatsApp nicht vorgesehen. Die müssen dann halt schauen, wie sie von ihrem gemeinsamen Urlaub erzählen.

Aber was, bitteschön, will mir beispielsweise ein grünes Herz sagen? Ist die Dame vom Mars? Mag sie Blumen? Sagt sie mir, ihr Herz schimmelt schon vor Sehnsucht, oder ich kann warten, bis meins anfängt zu schimmeln? Ein blaues Herz würde dann auf ihre Vorliebe für Roquefort, Frankreich allgemein, den Sommer oder einen Vollsuff hindeuten.

Ein ganz heißes Pflaster, von dem ich mich mal besser fernhalte. Meine persönlichen Regeln für mich lauten: Erstens, verwende das Zeug nicht. Zweitens, wenn du sowas geschickt bekommst, frag‘ nach.

Außerdem schweife ich ab.

Und zwar sowas von und dermaßen, dass ich flugs die Kurve zu kriegen gedenke.

Zusammenfassend kann ich alles Mögliche, beinahe jede Körperfunktion und Gefühlsregung (bis auf Schade, aber ich bin ja eh‘ ein Mann, da macht das nichts) rüberbringen. Den kompletten Speiseplan eines Dreisterne-Restaurants. Den Krankheitserreger der Lebensmittelvergiftung (weil ich für das teure Restaurant zu geizig war), und das Medikament dagegen.

Nur beim Sport wird’s eng.

Wittgenstein hatte völlig Recht als er sagte: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Und wenn ich mir so ansehe, was es an Symbolen gibt, mit denen man sich über sportliche Themen austauschen kann, muss ich leider sagen: Es ist eine erbärmlich kleine Welt.

Nehmen wir einmal an, zwei Menschen wollen sich zum Fahrradfahren verabreden. Mit dem Zeichenvorrat von WhatsApp ist es keineswegs ausgeschlossen, dass der eine mit einem Mountainbike aufkreuzt, während die andere Person das passende Vehikel zum Kunstradfahren im Gepäck hat. Und warum? Es gibt genau ein Fahrrad-Emoji. Strenggenommen zwei, allerdings handelt es sich um denselben Fahrradtyp, gefahren von Mann bzw. Frau. Mountainbike? Wie soll das denn gehen? Erzählt mir bitte nicht, dass es sich beim Wort Mountainbike um ein Kompositum handelt, bestehend aus Mountain und Bike, welches man in gleicher Weise mit dem Bergsymbol, gefolgt vom Radfahrer darstellen kann. Das führt zu nichts, weil sich die Katze in den eigenen Schwanz beißt, wenn ich nun frage, ob mit dieser Symbolfolge gesagt wird, man habe sich ein Mountainbike gekauft – oder man habe mit dem Rennrad den Mont Ventoux erklommen. Das Bild mit dem Berg als Hintergrund führt uns übrigens in dieselbe Misere.

Nein, ein differenziertes Gespräch bleibt uns in Sachen Sport leider verwehrt. Ja, es gibt eine Langhantel. Reden wir vom Olympischen Gewichtheben? Und was machen die Powerlifter, bitteschön? Von Kettlebells will ich ja gar nicht reden, die gibt’s überhaupt nicht, weshalb ich fragen brauche, ob man zwischen Hardstyle und Competition Style unterscheiden würde. Wo nichts ist, kann man auch nichts auseinander halten.

Oder Laufen. Fell Running, Trailrunning, Ultramarathon, auf der Straße, in der Halle oder draußen? Ist es ein Etappenlauf, Punkt-zu-Punkt oder läuft man in Runden?

Ein Pokal und fünf Medaillen helfen wenig, wenn der Sport, in dem man sie erringen könnte, nicht vertreten ist.

Diese Symbolsprache ist in manchen Bereichen erstaunlich ausdrucksschwach. Inselbegabt, mit viel Ozean drumherum.

Ich mache jetzt eine Runde Yoga, danach leichtes Krafttraining. Wenn ich dieses Training beschreiben will, muss ich es in Worte fassen.