Verreise ich gerne?

Beim Ausdauersport bewege ich mich naturgemäß fort, bin also mobil. Dass in dieser Form gerne unterwegs bin, steht außer Frage; demgegenüber überlege ich mir, ob ich denn ebenso genüsslich auf Reisen bin. Zum Einen bringt die Teilnahme an sportlichen Veranstaltungen eben jenes Reisen mit sich, zum anderen macht meine frisch angenomme neue Rolle als Account Manager hie und da berufliches Unterwegssein notwendig. Dies brachte mir Anfang April eine schöne, intensive Woche in Japan ein, die mir den Anlass zur eingangs formulierten Frage gab: Verreise ich gerne?
Außerdem gibt es da noch das, was gemeinhin als "Urlaub" bekannt ist, womit der Bogen zu freizeitlichen Aktivitäten gespannt wäre. Ich erinnere mich an den auf einer Huskyfarm in Norwegen verbrachten Urlaub - zehn unglaublich erholsame Tage voller Ruhe, die indes die sogenannte Hinreise zur Voraussetzung hatten - denn um dort zu sein, musste ich erstmal hinkommen.  Damit bin ich erneu beim Kern dessen angelangt, was mich beschäftigt: Verreise ich gerne?
Ich frage wohlgemerkt nicht, ob ich es mir gefällt, anderswo als zuhause zu sein, sondern ich denke über den Prozess nach, der mich dorthin bringt.
Dabei scheint mir scheint eine Unterscheidung zwischen der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und dem Individualverkehr - sprich: Auto - dienlich.
Ich beginne meine Überlegungen am Beispiel des Norwegenurlaubs, wohin wir per Bahn und Flugzeug reisten. Genau genommen nutzten wir zunächst ein Auto, um zur ersten Bahn zu gelangen, dann mit der zweiten zum Abflughafen, um nach einer Zwischenlandung in Oslo per Inlandsflug weiterzureisen. Am Zielflughafen angekommen, holte man uns per Auto ab. Gen Osaka verlief der Transfer übrigens ähnlich, weshalb ich meinem Dank der Kollegin gegenüber, die die Reise nach Japan organisierte, kaum in Worte zu fassen, erinnere ich mich doch mit Grausen an die Planung der Norwegenreise: Da waren mehrere Verkehrsträger zu koordinieren, die an allen möglichen Orten losfliegen oder -fahren, und das zu allen möglichen Uhrzeiten. Ein Wirrwarr, in dem ich mich nur schwer zurechtfinden mag, will ich doch lediglich zu einer passenden Uhrzeit von zuhause weg, um nach angemessener Reisedauer am Ziel anzukommen. Stattdessen darf ich mich damit befassen, welche Fluglinie von wo abfliegt, eventuell an einem Ort landet, der idealerweise ein Stück näher an meinem Reiseziel liegt als der Start - und das, ich wage kaum zu träumen, so, dass ich von dort aus weiterreisen kann. Ist diese Aufgabe erledigt, gilt es, eine Zugverbindung zu finden, die im Wesentlichen dort anknüpft, wo das Flugzeug losfliegt. Meist sind da mehrere Etappen nötig.  
Selbstredend gilt es, jeweils Pufferzeiten einzuplanen, so dass aus einer Reisedauer von ein paar Stunden schnell mal ein ganzer Tag wird. Und dabei habe ich die Security-Checks am Flughafen noch nicht berücksichtigt.
Öffentliche Verkehrsmittel sind ein selbstgenügendes System, dem ich mich ausliefern muss, um es zu nutzen. Ich bin versucht, an dieser Stelle das Wort kafkaesk zu verwenden. Nicht alleine deshalb, weil es so gut zum Thema passt, außerdem wirkt ein Text mit diesem Wort sehr gebildet. Sei's drum, zurück zum System. Ihm ist es völlig wurscht, wohin ich will, wann und wie. Es lässt seine Verkehrsmittel sich bewegen, wohin es sie bewegt haben will, und ich bin derjenige, der sein Vorhaben anzugleichen hat.
Das gilt für den Fernverkehr genauso wie im Nahverkehr. Eine Strecke, die ich mit dem Auto in zwanzig, mit dem Rad in fünfundzwanzig Minuten bewältige, ohne mich nennenswert zu beeilen, habe ich mit der Straßenbahn testweise in der doppelten Zeit zurückgelegt. Dazu kommt der Fußmarsch zur Haltestelle und vom Ende zum eigentlichen Ziel. Natürlich hält sie auch dort, wo sie für mich gar nicht halten bräuchte. Wohl zum Ausgleich dafür, dass sie nicht dort hält, wo ich es gerne hätte, oder von vorne herein nicht dorthin fährt, wohin ich will. Entspannend sei es, sagen manche, die gerne per Bus und Bahn fahre. Man könne dabei lesen oder andere Dinge tun. Mag sein, dass man sich anderweitig befassen kann, sogar Dösen lässt sich auf längeren Strecken. Auf längeren, wohlgemerkt. Wenn ich alle dreiviertel Stunde umsteigen muss, hält sich das Lesevergnügen in zeitlich engen Grenzen. Außderdem verbinde ich mit dieser Beschäftigung so etwas wie "Gemütlichkeit", ein Heißgetränk in Reichweite und die Füße hochgelegt. Platz und etwas, das im öffentlichen Raum naturgemäß vollkommen fehlt: Privatsphäre. Wie soll ich mich inmitten fremder Menschen, die mir auf der Pelle hocken oder stehen, gehen lassen?
Beim Umsteigen darf ich jedes Mal meine Siebensachen zusammensammeln, sie zu einem anderen Ort schleifen, dortselbst wieder verstauen, um mich erneut leidlich einzurichten.
Ein kleiner, amüsanter Lichtblick sind dabei oft die ferngesteuert-überforderten Menschen, denen es nicht gelingt, in einer Reihe arithmetisch sortierter und gleichermaßen korrekt wie gut lesbar bezeichneter Sitze eines Flugzeugs den für sie passenden zu finden: "Sie sitzen in Reihe 34. Wir beginnen bei 1 zu zählen und gehen zügig durch, bis die Zahl "34" auf dem Schild steht. Dort werfen wir unser Handgepäck ins Fach und setzen uns schnell hin, damit die hinter uns kommenden Passagiere auch auf ihren Platz gelangen können". Dies so scheinbar simple Verfahren ist, ich habe es selbst erlebt, für viele zuviel.
Kurzum: Öffentliche Verkehrsmittel und ich, wir werden keine Freunde. Sie sind ein notwendiges Mittel zum Zweck, mehr aber auch nicht.
Ist es denn mit dem Auto besser? Abgesehen davon, dass die in angemessener Zeit mit dem Auto zurücklegbare Strecke Reisen nach Japan oder Norwegen wenig sinnvoll erscheinen lässt, bietet es eine ganze Reihe von Vorteilen. Zunächst einmal steht es vor meiner Haustür und ist dann bereit, wenn ich es bin. Muss ich vor der Fahrt nochmal aufs Klo? Das Auto wartet. Möchte ich eine Stunde später losfahren? Es steht geduldig da, bis ich zu ihm komme. Will ich früher fahren? Es ist bereit. Ich brauche weder Gepäck mitten auf der Strecke herumtragen, sondern kann meine privaten Sachen nach Herzenslust verteilen. Kaffee und andere Getränke meiner Wahl in den Cupholder und genau die Musik hören, die mir gefällt. Will ich keine Beschallung, ist es still. Das Auto fährt die von mir gewählte Route und hält dort - und nur dort!, wo ich halten möchte.
Ein Auto ist eben kein öffentlicher, sondern ein privater Raum.
Im Vergleich mit dem öffentlichen Verkehr wird außerdem deutlich, warum in der Informationstechnologie vor "Medienbrüchen" gewarnt wird. Mit jedem Wechsel eines Mediums steigt die Fehlerquelle, gehen potenziell Informationen verloren. Ein unterbrochener Transport - vulgo: Wechsel des Verkehrsmittels - macht die oben angesprochenen Pufferzeiten nötig.
Also ein klarer Fall pro Individualverkehr? Leider ist dem keineswegs so. Denn ich anerkenne gerne, dass ich beim Autofahren nicht abschalten kann. Das ist eine Erkenntnis, die leider nicht jeder hat. Da wird an Ampeln geschlafen und Ewigkeiten gebraucht, bis eine veränderte Verkehrssituation erkannt, adäquat verarbeitet und in Handeln umgesetzt wurde. Die mittlere Spur auf Autobahnen, das brauche ich kaum erwähnen, ist selbstredend zur Entspannung bei zweistelligem Tempo gedacht (haben die Leute kein Wohnzimmer zum Dösen?). Ich selbst bin auf Autobahnen eher gemächlich unterwegs, dennoch erstaunt es mich immer wieder, wie unüblich der Blick in den Rückspiegel zu sein scheint, noch weniger ist die rechte Spur gebräuchlich. Nicht, dass es auf Bundesstraßen besser wäre.
Oder eine Landstraße mit Kurven, in welchen die Reifen ein fröhlich' Liedlein pfeifen können. Sie könnten, denn...
Ich gelange zur Ansicht, dass ich nicht unbedingt gerne verreise. Ich bin gerne anderswo, der Weg dorthin ist mir jedoch lästig.
Wenn der Weg selbst das Ziel ist, beim Wandern, Laufen oder Radfahren, wenn also die Bewegung schon das Ziel in sich trägt, reise ich sehr gerne. Ist das Ziel aber das Ziel, macht dies den Weg zu einer langen, bisweilen beschwerlichen Warterei darauf, dass ich endlich ankomme.

Von Urläuben, Souvenirs und neuem Spielzeug

Wenn einer eine Reise tat, so konnte er was erzählen. Obendrein kehrte er meist in Begleitung von allerlei unnützem Tand zurück – es sei denn, am Urlaubsort fand sich nützliches Spielzeug auf der Suche nach einer neuen Heimat. In meinem Fall war’s genau so.

neues Spielzeug
Wenn einer eine Reise tat, so konnte er was erzählen. Obendrein kehrte er meist in Begleitung von allerlei unnützem Tand zurück – persönliche Meisterleistung meiner Kindheit war das Modell einer venezianischen Gondel, die ich auf der Rialtobrücke erstand. Der Rumpf war schwarz mit güldenem Aufbau, welcher seinerseits (empfindliche Naturen mögen den folgenden Halbsatz überspringen) mit roten, weißen und grünen Dioden illuminiert war. Wenn mir besonders feierlich zumute war, beispielsweise in der Adventszeit, habe ich mein Zimmer gerne in die italienischen Farben getaucht.

Wenn ich von den drei bisherigen Aufenthalten in Grainau, am Fuße der Zugspitze, ohne vergleichbaren Kitsch nachhause kam, so mag das teilweise an meinem veränderten Geschmack liegen, oder daran, dass der Zugspitz Ultratrail mit Souvenirs in Form von Finishershirt und Laufgepäck aufwartete.
Jetzt, ganz profan und unsportlich, bin ich nur zum Urlaub hier.

Laufe ich Gefahr, Hut nebst Gamsbart zu erstehen? Eine original bayerische echtlederne Lederhose aus Kunstfaser, hergestellt in Bangladesh?

Ich werde es nie erfahren, weil beim gemütlichen Kaffeeplausch mit Jeldrik Dill von Playground GAP zwei Tatsachen aufeinandertrafen, nämlich: Jeldrik verfügt über überzählige Kleinsprungkästen, während ich einen ebensolchen als gemütlich-sportliches Wohn- und Trainingsaccessoire begehre. Es kam zum Äußersten als er mir ein Komplettpaket inklusive eines ledernen Medizinballes anbot. Handgefertigte, hölzerne Parallettes als Dreingabe ließen uns rasch handelseinig werden.

Functional Training?

Functional Souvenirs.

Tief in meinem Kopf plärrt eine Stimme. Sie fragt mich, wieso ich Gegenstände erwerbe, die genau so sind, wie jene, die ich aus der Schule kenne. Sogar der Hersteller ist der selbe: Erhardt. Arbeite ich mein Kindheits- und Jugendtrauma auf? Was habe ich die Schule gehasst, und jetzt kaufe ich Dinge, die mich daran erinnern? Ich denke eher, es waren die handschmeichelnden Medizinbälle, der lederne Bezug des Kastenpolsters, die mir seinerzeit Streicheleinheiten verpasst haben. Medizinball und Sprungkasten verbinde ich mit Zirkeltraining und dem weichen Fall in die Weichbodenmatte. Lustig war’s immer dann, wenn ich anstelle des vorgesehenen Bocksprungs absichtlich mit einem Fuß von der Kastenkante absprang, um neben der Matte zu landen. Des Sportlehrers Kopf ruckte beim Aufprallgeräusch ausgesprochen zackig herum…

Schöne Spielsachen.

Medizinbälle aus Gummi oder Kunststoff mögen günstiger sein, ein definiertes Rückprallverhalten haben und sogar wetterfest sein. Mir egal. Das Lederteil verstrahlt schon optisch wohlige Wärme, es hat die Härte, die mir persönlich zusagt (ich hatte mich für einen vergleichsweise harten Ball entschieden), und die Haptik stimmt.
Leder eben.

Genauso der Kasten: weiches Leder, leicht abgeschabt (wer will schon einen neuen Sprungkasten, der erst nach zwanzig Jahren wirklich gelebt hat?). Die Höhe perfekt für plyometrische Übungen oder um darauf zu sitzen.

Praktische Wohnsachen.

Plyoboxen würde ich mir weder gekauft, noch selbst gebaut haben, dazu sind sie mir zu eng auf ihren Nutzungsbereich begrenzt. Lieber gehe ich nach draußen, um mich an umgestürzten Bäumen, Treppen oder Parkbänken zu vergnügen. So ein Kasten wirkt schon rein optisch heimelig. Und, wie gesagt, es sitzt sich sehr komfortabel auf ihm. Sitzen bringt mich gleich auf einen Gedanken: die Höhe sollte gerade richtig sein, um mich an Pistols heranzutrainieren. Zu dumm, dass ich immer wieder aufstehen muss…

Ich habe neulich gehört, lederne Medizinbälle im Vintage Look würden gerne zu Dekozwecken als Wohnaccessoire genutzt. Vintage Look. Das heißt, irgendwelche nachgemachten Bälle sehen aus als hätte jemand eifrig damit trainiert, weshalb sie den Wohnraum von Passivsportlern dekorieren dürfen, der sportlichen Atmosphäre wegen. Schaut aus, als ob’s was taugen würde. So wie der SUV der Wonderbra unter den Autos ist, macht sich ein Medizinball im Vintage Look zum SUV unter den Nicht-Sportgeräten.
Da lobe ich mir meinen neuen Handschmeichler: sieht nicht nur so aus, sondern kann wirklich was. Ein, wie heißt es gleich wieder, Utensil für den professionellen Einsatz. Wenn er Generationen tobender Schüler überlebt hat, wird er mir lange Jahre Freude bereiten: beim Anfassen, Ansehen und beim sportlichen Anwenden.

Morgen werden Jeldrik und ich die Kramerspitze erwandern.

Meine neuen Wohnspielsachen warten derweil im Auto.