Sportler, Stöcke und das Rätsel der Sphinx

Würde ein in sportlichen Dingen unbedarfter Mensch an die Strecke bei einem Traillauf zusehen, böte sich ihm das folgende Bild: Sportliche, eigentlich topfit wirkende Menschen bewegen sich zügigen Schrittes durch die Natur – und fast alle gehen am Stock. Nur einige wenige verstocke Ausnahmen machen ausschließlich von ihren eigenen Beinen Gebrauch..

Der Singular am Stock ist nur die halbe Wahrheit, der moderne Trailläufling verwendet, passend zur Zahl seiner Hände, derer zwei. Ich bin übrigens auch einer von denen, die mit Stöcken über Stock und Stein stöckelnd beim unbestockten Stockfisch mildes Kopfschütteln auslösen.

In Fachkreisen übrigens, das sind zum Beispiel Sportgeschäfte, Messestände oder Events, gilt es, das Wort Stock unter allen Umständen zu vermeiden. Wem es an der notwendig robusten Psyche gebricht, pikierte Blicke, genervtes Schnauben und in deutlichen Worten formulierte Belehrungen zu ertragen, sagt von vorne herein Poles, gerne auch Trekking, oder Hiking Poles. Zur Bereicherung des Marketingsprech ist der Begriff Trailrunning Pole ebenfalls statthaft, während die Avantgarde ihr Gegenüber mit Sky Running Pole in Verzückung versetzt.

Dergestalt mental vorbereitet, schwebt das Fragezeichen der Neugier leicht blasser geworden über dem Schopf des Fragenden.

Was machen die damit?

Womit er die Stöcke Poles meint.
Rein optisch gemahnen Stöcke* an das Arbeitsgerät der Picadores , welche den Nacken des Stieres mit kleinen Lanzen pieksen. Bunt genug sind sie allemal, und ob die im stierischen Nacken landen, oder tierischen Schmerz in der Wade des Vordermannes auslösen, ist ja nun wirklich egal. Allerdings, so ist es nicht. Selbst der ehrgeizigste Trailläufling wird seine teuren Spitzen nicht mit dem billigen Blute der Konkurrenz besudeln. Außerdem gilt gerade im Gebirge der Grundsatz: wozu zu den Piken greifen, wenn der Abgrund liegt so nah?
Wo ich von der Farbenpracht sprach: bekleidungstechnisch steht der typische Trailläufling dem typischen Stierkämpfer nur wenig nach: farbenfroh gleichermaßen, körperbetontes Beinkleid. Ob diese kurzen Jäckchen mit Goldstickerei beim Laufen unbedingt sein müssen? Mein Geschmack wär’s nicht, ich denke, das überlassen wir dem iberischen Traditionssport.

* Ha! Ich bin mental stark genug, Stöcke zu sagen, jawoll! Macht mich halt an, disst mich, seid pikiert! Ich pikiere euch, meine Stöcke seien die Piken in euren Waden, ich der Pikenier eurer Seele!

Doch gehen wir zurück zur Frage, wozu die Stöcke?
Wer schon Trails gelaufen ist, kennt den praktischen Nutzen dieser Dinger. Selbst langjährige Stockmuffel ergreifen zunehmend ihre Griffe, um schneller, und vor allem sicherer, zu Berg und Tal unterwegs zu sein.

Ist das schon alles? Mitnichten, einen Punkt habe ich noch nicht angesprochen. Historisch betrachtet, fällt mir nämlich das berühmte Rätsel der Sphinx ein, die, als sie die Stadt Theben belagerte, Reisenden dieses Rätsel aufgab:

„Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“

Die Sphinx fraß denjenigen, der eine falsche Antwort gab. Ein ausgesprochen rüdes Verhalten, das den Tourismus in der Region beeinträchtigt haben dürfte.

Ödipus (der in einer kreativen Phase seines Daseins den gleichnamigen Komplex erfunden hat) löste das Rätsel, dessen Antwort „der Mensch“ ist: Als Kleinkind krabbelt er auf allen vieren, als Erwachsener geht er auf zwei Beinen und im Alter braucht er einen Stock als drittes Bein. Als Ödipus die richtige Antwort sprach, stürzte sich die Sphinx von ihrem Felsen und starb.

Das berühmte Rätsel würde der Sphinx heutzutage keinen Rechtfertigungsgrund liefern, um vorbeiziehende Reisende als Nahrungsquelle zu nutzen.
Angesichts bestockter Trailläuflinge würde ihr vor Verwirrung die Nase abfallen.