Vorsätzlich?

So ein Jahresswechsel ist faszinierend: ich lege mich schlafen, wache auf – und alles ist wie zuvor. Wieso auch nicht, es ändert sich ja bloß die Jahreszahl im Datum, das ich schreibe. Ein banaler Vorgang, der das menschliche Konstrukt namens Kalender wiedergibt.

Nichts Besonderes also.

Für mich.

Andere Menschen hingegen hatten die radikale Neuausrichtung ihres Lebenswandels zu just diesem Datum vor Monaten vorsätzlich beschlossen. Und deshalb ist seit vorgestern, jenem Tag, an welchem sich viele der kleinen Raupen Nimmersatt über Nacht in einen wunderschöner Schmetterling verwandelten alles anders.

Wirklich?

Bleibt das auch so?

Ich hege Zweifel.

Zweifel an der Veränderung, an der Dauer des Zustands und letztlich an der Motivation, die vor Wochen oder gar Monaten zu dem geführt hatten, was der Volksmund gute Vorsätze für das Neue Jahr nennt.
Tja, diese Vorsätze.
Schon sprachlich scheinen sie mir der guten Sache – sprich: einer vom Vorsetzenden herbeigewünschten, ersehnten, erträumten, meist jedenfalls keineswegs erstrebten oder gar hingearbeiteten Änderung – eher hinderlich denn förderlich zu sein.
Nehmen wir an, ein Mensch setzt sich vorsätzlich einen Vorsatz vor. Dieser macht dann, was Vorsätze ihrem Namen nach eben tun: er sitzt. Und zwar vor besagtem Menschen, ihm deshalb im Wege herum. Das macht ihn gewissermaßen zum Vorsitzenden, vielleicht auch zum Vorgesetzten, was die Sache nicht unbedingt erleichtert, denn so ein Vorgesetzter zeichnet sich im Gegensatz zur Führungskraft dadurch aus, dass er Anweisungen gibt, die zu befolgen sind. Der Philosoph spricht hier vom normativen Ist, während sich der Bürger an die härtest mögliche Formulierung obrigkeitlicher Anordnungen erinnert fühlt, die bekanntlich ohne Wenn und Aber zu befolgen sind. Wen interessieren schon Interessen und Motive desjenigen, der zu folgen hat.

Da werfen wir einen kurzen Blick ins Lexikon, Stichwort Motivation, wo wir uns den Unterschied zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation vor Augen halten. Intrinsisch motivierte Menschen tun etwas, weil sie Lust dazu haben. Ich kenne genau einen Menschen, der von einem auf den anderen Tag mit dem Rauchen aufhörte: Ich hab’ keinen Bock mehr zu rauchen. Die halbe Schachtel Zigaretten wurde irgendwann weiterverschenkt.

Extrinsch Motivierte handeln, weil sie es müssen. Oder glauben, es zu müssen.

Ich will niemandem was unterstellen, aber diese Vorsetzerei riecht förmlich nach Ach, ich glaube ich muss was für meine Gesundheit tun. Ich bin ja so dick. Weniger Essen und mehr Sport. Ab dem ersten Januar melde ich mich im Studio an.

Äh. Nur mal angenommen, solch ein Satz fällt Anfang Oktober. Wie genau darf ich mir das vorstellen? Jemand findet sich jetzt nicht fit, und will ein Vierteljahr weiterfressen und auf der Couch herumliegen?

Das kann nicht funktionieren.

Wenn derjenige am 1.Januar wirklich den Weg zu sportlicher Betätigung findet, wird er ihn kurze Zeit später verloren haben.

Intrinsisch geht anders. Vielmehr: es geht überhaupt.

Es gibt keinen Vorsatz, der vorne herumsitzt. Was soll er ohne Beine auch anderes tun? Mit Beinen, welche ihm die Lust des Menschen an der Veränderung macht – sie ist ihrerseits tiefer Einsicht in ihre Notwendigkeit geschuldet – gibt es anstelle des Vorsatzes einen Vorgang. Und weil der Mensch Lust im Sinne von Freude empfindet, wird aus dem Vorhaben ein Vorspiel. Schließlich soll die Chose Spaß bereiten.

Ich habe leicht Reden, bin ich doch sportlich?

Klar habe ich das – was den Sport betrifft.

Nur, dass ich nicht bloß von der Bewegung spreche, sondern von Verhaltensänderungen. Dass die verflucht schwierig herbeizuführen und noch schwerer beizubehalten sind, weiß ich selber. Von außen angestoßen – ich muss Sport treiben! – wird’s nichts. Nicht, wenn du musst. Da hilft auch keine Datumskrücke. Wenn du willst, wird ein Schuh draus, in diesem Fall wahrscheinlich ein Laufschuh.

Glaubst du zu müssen – lass’ es, und genieße die anderen Dinge, die dir wirklich Spaß machen.

Wenn du willst – tu’ es. Jetzt.

Viel Spaß beim Vorspiel!

Weisheit aus den Binsen: Laufen im Winter

Es ist später Herbst, der Winter naht, und das wiederum löst bei massenhaften Medien eine Zwangshandlung aus, welche in Artikeln mit Tipps für das Laufen in der kalten Jahreszeit mündet. Ich vermute, das hat die Inspiration zu “alle Jahre wieder” geliefert.

Alle Jahre wieder.

Platscht das Schlagzeilending.

Auf die Titelseite nieder:

Laufen im Winter – so überlebst du die kalte Jahreszeit!

Frohgemut erwirbt der gemeine Läufling das Fitnessmagazin, von dem er sich herausragende Informationen zum Thema erwartet. An dieser Stelle schreite ich kurz ein, indem ich auf einen relativ einfachen Sachverhalt hinzuweisen mir gestatte: Wirklich Neues wird nur derjenige erfahren, der sich an den letzten Winter nicht mehr erinnert. Auch nicht an den davor. Und davor. Dem vielmehr die grundlegende Idee von Winter als Jahreszeit (ich bin so frei, und schließe den Spätherbst ein) fremd geworden ist.

Für jenen ist vieles neu.

Das sind die Menschen, die beim ersten Auftreten des Wortes Schneeflocke jedwedes Autofahren oberhalb von Schritttempo verweigern. Alle anderen dürfen keinen bahnbrechenden Erkenntnisgewinn erwarten. Eher bricht sich in den meisten Artikeln ein erstaunliches Mißtrauen in den Verstand der Leserschaft Bahn.
Aber was soll’s, ich schreibe auch ein paar Zeilen zum Thema.

Zieht euch warm an….

Denn es ist – Winter.

Das Winterhalbjahr – so benannt, obwohl dem Winter als einer von vier gleichberechtigten Jahreszeiten von Rechts wegen nur drei Monate zustehen – ist vielen Menschen noch aus der Kindheit in Erinnerung. Es war die Zeit, in der widerspenstige Eltern dem Kleinkind immer wieder die Mütze auf den Kopf zwangen. Selbst wiederholtes Herunterreißen verbunden mit nachdrücklichen Unmutsäußerungen verloren sich im elterlichen Trotz.

Die Mütze blieb drauf.

Später dann, als das kleine Wesen älter und rationalen Argumenten zugänglich wurde, erklangen Ermahnungen als Vorboten des Weihnachtsläutens im kindlichen Ohr:

Achte auf warme Füße.

Denk’ an Schal, Mütze, Handschuhe.

Den Winter unserer Breiten kann man sich vorstellen wie Sommer mit weniger Wärme und Licht, dafür mehr Niederschlag. Und zweitweise wenig griffigem Untergrund. Was viele nicht wissen: das ist jedes Jahr so, da verhält er sich ganz traditionsbewusst, der Winter. Wahrscheinlich wird er durch seine eigene Kälte faul, ideenarm und innovationsresistent.

Oder er hält Winterschlaf.

Deshalb, lieber Läufling, brauchst du dir keine Sorgen wegen des seit Monaten ungewohnten Wetters machen, das ist vollkommen normal. Außerdem hast du Glück, weil es Menschen mit viel Weitblick und Sachverstand gut mit dir meinen. Sie versorgen dich zu Beginn der kalten Jahreshälfte mit allen Weisheiten der sieben Weisen, damit du den Winter überlebst. Nein, nicht per Auswanderung oder im Wohnzimmer, sondern (ich weiß, du wirst es kaum fassen), als wie sonst trainierender Läufling!

Du bekommst jetzt, exklusiv von mir, die sieben besten Tipps für das Laufen im Winter!

Tipp 1
Wenn es dort, wo du läufst, kalt ist, ziehe dich bitte warm an.

Tipp 2
Handschuhe sind ein gutes Mittel gegen kalte Hände.

Tipp 3
Eine warme Mütze schützt den Kopf vor der Kälte. Wenn sie die Ohren bedeckt, hält sie diese warm.

Tipp 4
Auch wenn die Sonne scheint, solltest du es vermeiden, dich nach dem Lauf im Gras auszuruhen. Im Sommer geht das, im Winter ist es zu kalt dafür.

Tipp 5
Das weiße Zeug, das manchmal von oben herabfällt, nennt sich Schnee. Er ist eigentlich harmlos, kann aber manchmal etwas glatt sein. Pass’ also auf, dass du nicht ausrutscht. Vielleicht greifst du zu den Schuhen mit etwas Profil.

Tipp 6
Wenn es windig ist, regnet oder schneit, hilft dir eine winddichte, eventuell wasserabweisende Jacke. Selbst wenn es hageln sollte, ist ein Helm etwas übertrieben.

Tipp 7
Im Winter wird es später hell, dafür früher wieder dunkel. Nimm dir daher eine Lampe mit, wenn du damit rechnen musst, bei Dunkelheit zu laufen. Das Prinzip ist dasselbe wie im Sommer, nur die Uhrzeiten sind andere.

Wenn du diese Ratschläge beherzigst – im nicht-sportlichen Alltag schaffst du es wahrscheinlich auch, dich selbstständig dem Wetter entsprechend zu kleiden – hast du gute Chancen, auch diesen Winter zu überleben.

Sporno? Spex? Hauptsache rhythmische Bewegung!

Die Hitzewelle letzten Wochen hatte es in sich gehabt. Ich verbrachte meine Tage ohne Kreislauf, der sich rundweg geweigert hatte, das Bett zu verlassen. Wenigstens konnte auf diese Weise ein Teil von mir das tun, was dem Rest auch gut gefallen hätte: liegen bleiben.
Es waren Temperaturen, für die selbst völlige Nacktheit noch zu dick angezogen ist.
Ich war träge, matt, müde, antriebslos geworden. Antrieb? Ein jeglicher Trieb war erschlafft.

Libido, was ist das?

Es muss ein Schreibfehler sein, Lido schreibt man ohne bi.

Alle sonstige Körperlichkeit war von mir gewichen, rhythmische Bewegungen führten gerade mal meine Beine aus, wenn ich auf dem Fahrrad saß.

Sport, was ist das?

Muss es nicht Spott heißen, wo mein Zustand jeder Beschreibung spottet?

Der Samstag morgen war anders, das spürte ich sofort, als er mir zunächst kühle Unnahbarkeit entgegenhielt, während mich die Sonne den ganzen Tag lang stürmisch küsste. Es versprach, ein heißes Wochenende zu werden. Doch noch blieb ich cool, genoss das Blasen des Sturms. Bald schon wurde es feucht, ein leichter Regen hatte eingesetzt. Ich saß ruhig auf dem Balkon, scheinbar unbeeindruckt von der mich wollüstig bedrängenden Natur.

Tu’ es!

Lauf’ mich!

Ich hielt mich zurück, kostete die Spannung aus, war leicht bekleidet: Gänsehaut, endlich wieder Gänsehaut!

In der Nacht dann, es war halb eins, nahm ich sie endlich, fiel leidenschaftlich über meine Kuschelkugeln her. Eine halbe Stunde voller Begierde im steten Wechsel unserer Lieblingsstellungen. Wir tanzten den Reigen der Positionsfolge, den Turkish Get-Up, gleich mehrfach. O ja, ich stand mehr als einmal, und zwar auf, bevor wir gemeinsam niedersanken. Und wieder aufstanden. Und wieder, und wieder.

Ermattet fiel ich in seligen Schlummer.

Der Sonntag begann ebenso kühl wie der Samstag. Halb zog sie mich, halb rannt’ ich hin, drang in sie ein – die Natur natürlich, was sonst? Lasziv wandte sich die Strecke vor mir am Boden, und ich bestieg sie mit beiden Beinen. Hätte ich sie links liegen lassen sollen, mitten im Wald? Ich keuchte, schnaufte, freute mich, ergoss Körperflüssigkeit in Form von Schweiß über sie, denn zwischenzeitlich war auch sie heiss geworden.

Nach dem gemeinsamen Akt strahlte die Sonne, ich war gelöst und glücklich.

Doch etwas fehlt in meinem Bericht. Ein Wort, ohne das Bukowski kaum auskommen konnte. Hat DeSade es benutzt? Ich kann mich nicht erinnern. Irgendwas mit -icken.

Egal, ich war -aufen.

Und das war geil!

Anders betrachtet

Saskia ist fit, sie ist ehrgeizig und schnell. Leistungsbereit beschreibt ihre Haltung nur unzureichend, höchstleistungsbereit ihre Leistungsfähigkeit auch nicht korrekt. Sagen wir: sie ist in höchstem Maße leistungsbereit.

Gerade darin liegt ihr Problem, denn sie wird unterdrückt. Von sich selbst unterdrückt, was soviel heißt wie: sie setzt sich unter Druck. Schon etliche Wochen vor dem Rennen denkt sie an nichts anderes als an “ihre” Zeit: Unter fünfundvierzig Minuten auf zehn Kilometer.

Unter fünfundvierzig Minuten auf zehn Kilometer.

Ich muss das schaffen.

Unter fünfundvierzig Minuten auf zehn Kilometer.

Ich MUSS es einfach schaffen.

Ich muss, MUSS, MUSS!

Unter. Fünfundvierzig. Minuten. Auf. Zehn. Kilo. Meter.

Das geht seit Jahren so, und ebenso lang scheitert sie in jedem Rennen an ebenjener Hürde. Nicht, dass sie es nicht können würde, ein jeglicher Träningslauf lässt sie die magische Grenze deutlich unterbieten. Nur wenn’s drauf ankommt, schlagen die Nerven zu, und solcherart dem Fass den Boden aus. Es kann, es darf nicht angehen, dass die geneigte Läuflingin sich selbst dermaßen im Wege steht.

Also schlug ich ebenfalls.

Nicht zu, sondern vor, nämlich einen Wechsel der Perspektive, der meist dann ratsam erscheint, wenn der Mensch so dicht vor der Rinde steht, dass er keinen Baum, geschweige denn den Wald an sich zu erkennen vermag. Wenn das erdrückende ich muss des Waldes Rauschen dermaßen lautstark übertönt, dass selbst die eigenen Gedanken kein Gehör mehr finden. Sieht Saskia, so mein Ansatz, ihr Ziel erst aus einem anderen Blickwinkel, liegt die veränderte Haltung nahebei. Und Haltung ändern, soviel wissen wir, hilft.

Das ist nicht neu, wir kennen es.

Perspektiven- und Paradigmenwechsel, Rucke gehen durchs Land und ein jeder muss an die eigene Nase sich fassen.
Veränderung tut not, und doch scheint die Medizin oftmals bitterer als jene Pille, die uns das Gebrechen selbst zu schlucken abverlangt.

Doch es giert der Mensch nach dem Erfolg, um immer wieder festzustellen, dass die Trauben ziemlich hoch hängen. Da reckt und streckt er nach der Decke sich – doch diese bleibt entweder unerreichbar, oder sie ist zu kurz: Schultern oder Füße, eins von beiden friert.

Ein warmer Regen brächte kaum Entlastung, er macht bloß nass.

Manch einer legt die Messlatte deshalb weit nach oben – ein wahrhaft guter Gedanke, denn so braucht er sich nicht bücken, wenn er drunter durchläuft. Was höre ich? Lug und Trug, gar an sich selbst? Aber bitte. Man wird sich doch noch selbst belügen dürfen.

Nun gut.

Meinethalben greife ich den Einwand auf, wir können schließlich, und zwar vor allem auch ganz anders. Andere Saiten aufziehen überlasse ich allerdings der Musik – ich beschränke mich auf eine neue Warte, von welcher aus betrachtet, die andere Perspektive sich von alleine einstellt.

Zehn Kilometer unter fünfundvierzig Minuten. Druckvoll, bedrückt, unterdrückt und unter Druck gesetzt kann der Läufling sich kaum regen, geschweige denn beflügelt durch die Lande eilen. Es lähmt der eigene Ehrgeiz, Traum der Traumzeit, lässt die Füße noch vor dem Start zu superschweren Etwen werden. Etwen nenne ich den Plural von Etwas. Ein Etwas, mehrere Etwen. Etwen, die sich anfühlen, als steckten sie in sizilianischen Badelatschen. Genau, die aus Beton.

Und das ist vor dem Start.

Zehn Kilometer in unter fünfundvierzig Minuten.

Welche Last!

Saskias Gemüt ist eingeschüchtert. Doch sie denkt. Denkt etwas entscheidendes, nämlich: um.
Denn ich hatte ein Umstellen des druckvollen Mantras angeregt. Mach’ dich locker, schlug ich vor: bau’ deinen Satz neu.

In fünfundvierzig Minuten unter zehn Kilometer.

Badelatschenbeton bekommt Risse, er platzt, seine Splitter prasseln auf die Straße.

Füßen wachsen scheinbar Flügel. Die Seele erleichtert sich, die Blase nicht.

Zum Glück.

Am Ende stehen dreiundvierzig Minuten.

Mission accomplished.

Unter drei

Die meisten Marathonläufer träumen davon, irgendwann die magische Marke von drei Stunden zu unterschreiten. Nur: wie schafft man dieses Ziel? Tipps und Tricks gibt es auch für jene Läuflinge, die ihren ersten Marathon schon zum wiederholten Mal gelaufen sind (die Hürde wird bekanntlich jedes Mal niedriger), und nun nach einer neuen Herausforderung suchen.

Unter drei.

Vielmehr: Zweiundvierzigzwei unter drei.

Ihnen kann geholfen werden. Aber welcher Weg ist der Richtige? Wie findet man sich im Methodendschungel zurecht? Ich stelle die drei wichtigsten Methoden mit ihren Vor- und Nachteilen vor. Dass es sich um genau drei handelt, ist reiner Zufall. Ehrlich! Weniger zufällig ist indes die Auswahl, denn zwei der drei Wege zum Glück sind in der Läuflingsszene – noch! – weitgehend unbekannt.

Erstens: die physisch-trainingsfleißige Methode
Hierbei handelt es sich um die am meisten verbreitete Methode, über die etliche Regalmeter Literatur geschrieben wurden. Ihre verschiedenen Spielarten wurden propagiert, diskutiert, verworfen, verdammt und nach einer gewissen Verweilzeit als Nonplusultra wieder ausgegraben. Sie wurden umgebaut, zerpflückt, neu zusammengesetzt und: sie funktionieren wirklich. Meistens jedenfalls.
Egal unter welchem Namen diese Methode auftritt, sie umfasst hartes physisches Training. In der Tat: viel Schweiß, selten Tränen und nur in Ausnahmefällen etwas Blut (mir ist überhaupt kein Fall bekannt). Physisch-trainingsfleißig trainieren bedeutet: Tempotraining, Streckentraining.

Vorteile
+ sie wirkt nachhaltig. Nach dem anstrengenden Aufbau genügt mehr oder weniger ein Training nach dem Motto Niveau halten. Es strengt zwar immer noch an, lässt dem Läufling immerhin Zeit, sich ein wenig auf seinen Lorbeeren auszuruhen.
+ sie ist ehrlich. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Trainingsaufwand und Wettkampfzeiten.
+ sie motiviert. Wer sich einen Erfolg einmal hart erarbeitet hat, ist stolz auf die eigene Leistung, und giert nach neuen Herausforderungen. Wer mehr wissen will, fragt Google nach dem High Performance Cycle von Locke / Latham.

Nachteile
– physisch-trainingsfleißig unter drei Stunden zu kommen, strengt an. Über lange Zeit hinweg muss ein hohes Maß an Trainingsdisziplin aufgebracht werden.
– die Methode ist für eine bestimmte Zielgruppe nicht attraktiv. Wer Preis ohne Fleiß will, wird nicht glücklich
– …und es kann lange dauern, bis das Wunschergebnis vorliegt. Wer hat schon Lust, heute hart zu arbeiten, damit im nächsten Jahr die Zielmarke fällt? Jetzt als Couch Potato anmelden, vier Wochen später unter drei, darum geht’s.

Soweit also die bekannteste Methode. Aber es geht auch anders.

Zweitens: Die René’sche Distanz-Optimierung
Sie ist nach meinem Freund René benannt, der seinen eigenen Weg gefunden hat, um seine Traumzeit zu erreichen. In akribischer Vorbereitung gelang es ihm, die Marathondistanz so weit zu optimieren, dass ihm knapp drei Stunden genügten. Der Artikel, auf den ich verweise, berichtet von einem etwas älteren Versuch, der noch länger dauerte. Zwischenzeitlich läuft er zweifuffzich, und marschiert stramm auf zwodreißig zu.

Vorteile
+ die René’sche Distanzoptimierung wirkt sofort. Ich muss etwas einschränken: wenn man geschickt plant. Ganz ohne Vorbereitung geht’s auch hier nicht.
+ wenn es nur um die Zeit in der Ergebnisliste geht: perfekt!

Nachteile
– hoher Planungsaufwand. Renés Methode verlangt, sich akribisch auf den konkreten Marathon vorzubereiten. Sie setzt Kenntnisse über die Streckenführung, öffentliche Verkehrsmittel und strategisch platzierbare Fahrräder voraus. Und wahrscheinlich ist ein Helferteam vonnöten.
– besonders der intellektuelle Aufwand darf keinesfalls unterschätzt werden.
– letzten Endes läuft der Läufling einen distanzoptimierten Marathon. Und das bedeutet, es sind keine 42 Kilometer.
– dass einem solcherlei Tun in Läuflingskreisen einen schlechten Ruf eintragen kann, dürfte jedem klar sein.
– außerdem bewegt sich der nach dem René’schen Prinzip arbeitende Athlet auf sehr dünnem Eis. Als offizieller “unter-drei-Modellathlet”, inoffiziell und real dagegen “unathletischer Schlaffsack” wird es notwendig sein, sich oftmals gegen Einladungen zum gemeinsamen Träningslauf zu wehren. Besonders wenn diese von Läuflingen ausgesprochen werden, die nach der physisch-trainingsfleißigen Methode trainieren, darf keinesfalls zugesagt werden. Niemals! Wehe dem, der schwach wird. Seine einzige Chance, der Blamage zu entrinnen, besteht im gerade überstandenen Infekt. Und selbst dies funktioniert nicht jeden Monat.

Drittens: Mathematische Interpretation
Als Königsweg mag die Mathematische Interpretation der erreichten Zielzeit dienen. Durch die geschickte Verquickung des Dezimalsystems (also mit 10 als Basis) mit dem für Zeitangaben gewohnten Sexagesimalsystem (Sechzig als Basis) gerät die Traumzeit für fast jedermann in greifbare Nähe. Ohne Tränings- oder sonstigen Aufwand, sogar ohne schneller laufen zu müssen. Statt 3:38 Stunden lief man eben 2:98 – und die Zwei steht vorne!

Vorteile
+ sofortiger Erfolg. Eine Zeit unter drei Stunden stellt sich sofort ein, das Schlagwort instant gratification findet in der mathematischen Interpretation zur Perfektion. Die Methode eignet sich somit vorzüglich für jene Zielgruppe, die eigentlich keinen Sport treiben, und doch in Marathon gut abschneiden will.
+ weder für das Träning, noch für die Erfolgsplanung fällt nennenswerter Aufwand an. Mit ein paar Minuten am Taschenrechner (wenn überhaupt) ist die Wunschzeit da.
+ selbst nachträgliche Korrekturen im Ergebnis sind möglich. Hamburg, 2004: statt 3:25 lief der Läufling erfolgreiche 2:85 Stunden.

Nachteile
– Aber: weil offizielle Ergebnislisten konsequent im 60er System geführt werden, ist ihre Korrektur kaum möglich
– im Vergleich mit der Konkurrenz lässt sich kein Boden gut machen. Wer 2:59 läuft ist trotzdem eine halbe Stunde schneller als der ambitionierte Athlet mit 2:89
– oberhalb von 2:99 Stunden (umgerechnet also 3:39 Stunden) muss in ein alternatives Zahlensystem gewechselt werden. Fünf-Stunden-Läuflinge sollten etwas Hirnschmalz in ihre Bestzeit stecken.

Fazit
Schlussendlich muss ein jeder selbst zu seiner Lieblingsmethode finden. Für mich macht die Möglichkeit nachträglicher Korrektur den besonderen Charme der mathematischen Interpretation aus, falls mich allerdings tatsächlich der Ehrgeiz packen sollte, wäre die physisch-trainingsfleißige Methode der Weg meiner Wahl.

Aber das ist meine persönliche Meinung.