Das Fitness

“Ich gehe ins Fitness” höre ich ab und zu, und meistens blicke ich in ein verklärtes Augenpaar, als würde es sich bei Das Fitness um einen magischen Ort handeln. Eine Art Wunschbrunnen, der Wünsche zwar nicht wahr werden lässt, aber – ja, was eigentlich? Mir ist nicht völlig klar, was Menschen dort zu finden hoffen, aber, wie gesagt: Wenn Augen leuchten, muss es etwas geben, das sie strahlen lässt.

Wobei: Meine Gesprächspartner lassen normalerweise durchblicken, dass sie diesen Ort nicht ganz freiwillig aufsuchen. Ich muss mal was machen ist so eine Formel, auf welche die Pflicht von denen gebracht wird, die sich noch im Frühstadium der Erweckung befinden. Routiniers erkenne ich dagegen an einem nonchalant geäußerten “Einmal in der Woche gehe ich ins Fitness”, es muss sich also um eine Form der Andacht handeln, die um des gewünschten Effekts halber regelmäßig auszuüben ist.

Weiterhin stelle ich eine Tendenz fest, sich dem Anlass gemäß zu kleiden. Die Art der Klamotten lässt mich eine gewisse Nähe zu sportähnlicher Betätigung vermuten, ganz im Gegensatz zum Körperbau der Glaubensgemeinde. Meine Beobachtungen zeigen klar, dass sportliche Menschen, die ein Fitnesscenter besuchen (ein Kontrollbesuch zeigte mir, dass der Besuch eines solchen Sport keinesfalls ausschließt), alternative Formulierungen wie “Ich geh’ trainieren” oder “Keine Zeit, da bin ich im Fitti” verwenden.

Gehen wir der Sache auf den Grund – und in Das Fitness.

Zunächst fällt Schönheit auf.

Alles ist schön.

Die Umkleideräume – schön.

Der Parkettboden – schön. Niemals wird eine Kettlebell die empfindliche Oberfläche berühren.

Die Trainingsmaschinen – schön. Niemals wird sie ein Schweißtropfen besudeln.

Die Menschen am Tresen – schön. Genauer gesagt, sind die Menschen hinter dem Tresen schön. Auf den Barhockern davor hocken unsere Probanden, den Blick schmachtend an sixbepackten und bibezepsten Models geheftet, wie sie auf den Titelseiten der herumliegenden Magazine prangen. Deren Inhalt gibt übrigens die Grundhaltung vor, lenkt das Denken in die gewünschte Richtung einer Welt, die von drei (und nur drei!) Themen beherrscht wird:

– Auch du kannst aussehen wie die Models, deren Foto du gerade ansabberst. Und, das Beste daran: Du brauchst nichts dafür tun! Ab und an in Das Fitness, dazu schluckst du diese Pillen, und schon bist auch du ein Fitnessmodel.

So nimmst du ab. In Nullkommanix und ohne Anstrengung. Es bedarf der regelmäßigen Gehirnwäsche im Das Fitness bei einem der angebotenen Kurse, wo du die Hostie in Form dieses Pülverchen erstehen kannst. Denn die gesündeste Ernährung verpufft ohne Nahrungsergänzung wirkungslos.

– Und natürlich: Seeeeex! Jedes zweite Heft teilt dir mit, wie du für noch mehr / besseren / tolleren / usw. Seeeeex trainieren musst.

Mit diesen drei Aspekten ist das Haltungskollektiv der Glaubensgemeinde hinreichend festgelegt, um sie dreht sich Denken und Tun, worin Das Fitness die Gläubigen kräftig unterstützt. Schon der Begriff Fitness ist ausreichend wolkig, auf dass ein jeder sich in der Gewissheit wiegen kann, er würde in Das Fitness “fit” werden. Was auch immer sich hinter dem Ausdruck verbergen mag, will eh’ niemand so genau wissen. Sport an wird ebenso wenig hinterfragt, geschweige denn, ob die praktizierten Aktivitäten langfristig wohl Wirkung zeigen. Soll es mir wert sein, an Zieldefinition oder gar Ergebnisüberprüfung zu erinnern? Nein, weshalb auch. In Das Fitness gibt es Zumba und Bodypump anstelle des gemeinsamen Absingens von Chorälen, und ebenso wenig wie ein Gläubiger an den Grundfesten seines Glaubens zweifelt, wird ein Dasfitnessit kaum fragen, wieso er jahrelang auf Minitrampolins herumhüpft, mit Hantelattrappen und Schwingstäben hantiert, ohne signifikant leistungsfähiger sein als ein Jahr nach dem Beitritt zur Sekte. Ein solcher Häretiker würde sofort verstoßen!

Natürlich ist nichts gegen regelmäßige Bewegung ohne den Anspruch auf Progression einzuwenden. Unschön an Das Fitness ist jedoch diese kollektive Selbstlüge, die an Preis ohne Fleiß glaubt, ohne die Unerreichbarkeit der arg hoch hängenden Trauben erkennen zu wollen. Das Fitness verkauft rhythmische Bewegung bei lauter Musik als Sport, wo es ehrlicher wäre, die zuckenden Leiber als Tänzer zu bezeichnen. Zugegeben klingt “Ich gehe tanzen” weniger ambitioniert als “Ich gehe zum Zumba ins Fitness“. Außerdem: Wie will man Tänzern das passende Outfit (so der Fachbegriff für trendige Klamotten) verkaufen, wenn die Religion namens Das Fitness ihnen nicht deutlich macht, dass nur in diesen Klamotten der Sixpack, Bizeps, Abnehmen und Seeeeex zu erreichen ist.

Das Fitness kann auch niemanden brauchen, der technisch anspruchsvolle Bewegungen bei hoher Intensität ausführen, und sich dabei steigern will. man müsste ja Monate mit dem Erlernen der Technik zubringen – und der Hohepriester (Trainer genannt) infolgedessen Zeit für die Betreuung einplanen. Ebensogut könnte ein katholischer Pfarrer zusätzlich zur allsonntäglichen Massenpredigt in Einzelgesprächen den Kontakt zu seinen Schafen suchen. Nein, derlei widerspricht dem Selbstverständnis von Das Fitness. Niedrige Einstiegshürden sind gefragt, und weil es keine Steigerung in Form von schneller laufen, mehr Gewicht und Ähnlichem gibt, erhöhen wir einfach die Anzahl der Übungen, oder ein neuer Trend namens Functional Fitness erklärt mit seinem Namen alles andere als nichtfunktional, während die Zahl gleichzeitig eingesetzter Gerätschaften erhöht wird. Das Fitness sagt: Der aber, mit einer Hantel auf dem Bosu-Ball steht, kann im Prinzip auch über Wasser gehen.

Wasser, soviel sei hier gesagt, ist von besonderen Marken mit hereingemixtem Pülverchen zu trinken; beides wird in Das Fitness feilgeboten.

Trainieren lässt sich im Fitnessstudio übrigens ganz vortrefflich, lassen wir uns dabei nicht davon irritieren, dass Das Fitness die gleichen Räumlichkeiten nutzt. Auch Sakralbauten können Kontemplation und innerer Einkehr dienen. Und normalerweise ist die Sektengemeinde recht tolerant; kommen sich Tänzer und Trainierende schon räumlich kaum in die Quere, sind Letztere vom Gläubigen an einer Maschine oder einer Hantel vorwiegend in der Art der Nutzung zu unterscheiden. Es wage jedoch kein Sterblicher, eine Kettlebell auf dem Parkett abzustellen, Fegefeuer und ewige Verdammnis sind ihm gewiss!

Letztlich ist Das Fitness das, was ehedem der Ablass war: Der Gläubige zahlt, damit ihm Sündenstrafen vergeben werden. So lebt er in der Hoffnung auf eine das irdische Paradies im Diesseits, was einen gewaltiger Fortschritt im Vergleich zur Ablasspraxis darstellt, wo der Kirche bekanntlich nichts anderes übrig blieb, als mit einem weniger schrecklichen Jenseits zu locken. Eine Hoffnung, die von Fitnessmagazinen illustriert und am Leben erhalten wird.

Brauchen wir jemanden, der fünfundneunzig Thesen an die Studiotür nagelt? Ach was, Das Fitness liefert denen, die rechten Glaubens und Wollens sind, Hilfe bei der Selbsttäuschung. Ein wenig Zweifel zu säen finde ich indes angebracht.

Eine beeindruckende Begegnung

Bleibt uns jemand angenehm im Gedächtnis, sagen wir: “Ich bin beeindruckt”. Es gibt allerdings auch die Kehrseite der Medaille, nämlich dann, wenn der Eindruck zwar ein bleibender, jedoch keineswegs positiver ist.

Wie stets, breite ich den Deckmantel der Anonymität über die mich inspiriert habenden Menschen, um ihre Persönlichkeitsrechte zu schonen. Ich tue das, obwohl ich der Ansicht bin, dass wegen der Rolle, die die beiden hier erwähnten Personen beruflicherweise einnehmen (Obacht, ich baue hier Spannung auf: “Welche Rolle nehmen sie ein? Los, jetzt sag’ schon!”) Schonung im konkreten Falle fehl am Platz ist. Trotzdem halte ich mich zurück – und das nicht nur, weil ich die Namen eh’ vergessen habe.

Eigentlich begann alles mit Vorfreude. Viel Vorfreude auf einen Kettlebell-Workshop gemeinsam mit meiner lieben Freundin Bea. Ich kenne übrigens keine andere Frau, die auch barfüßig Stilettos im Dominastil zu tragen scheint. Dabei ist sie, wie man in Bayern sagt, a ganz liabe. Lieb, virtuos im Umgang mit Kettlebells und psychisch stabil. Eine Eigenschaft, die ich mir ebenfalls zuschreibe, und die wir beide im weiteren Verlauf des Tages, von dem ich erzählen werde, sehr gut gebrauchen konnten.

Wie gesagt, freuten wir uns wie die Schneekönige auf einen konstruktiven Workshop, denn als Teilnehmer hatten sich Träner eines Fitness-Studios angesagt, die wir in die Geheimnisse des Kettlebelltränings einführen sollten.
Diverse Hochschuldiplome im Fach Sportwissenschaften, Tränerausbildungen und fertige Physiotherapie-Ausbildung(en) ließen uns einen Workshop erwarten, der neben Sport und Spaß auch eine geistige Herausforderung versprach. Wir rechneten mit kritischem Fragen, Hintergrundwissen und sehr konstruktiven Gesprächen.

Gibt es etwas langweiligeres als Workshop-Teilnehmer, die anhimmelnd an den Lippen des Leiters kleben?

Eben.

Zudem war eine Yoga-Instruktorin als Teilnehmerin dabei. Mal ehrlich – die Frage richtet sich eher an die Männer, die Damen sind gerne eingeladen, interessiert mitzulesen, was stellt ihr euch vor, wenn ihr Yoga-Instruktorin hört?
Meine Assoziationen sind: schlank, anmutig, beweglich, hübsch (ich gebe zu, Letzteres ist Wunschdenken), trägt enges Oberteil und weite Hose.
Meine Erwartungen erfüllten sich nur in Bezug auf die weite Hose, die an ihr allerdings recht eng saß….

Besagte Dame vermochte recht früh mit brillianten Aussagen einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, so kam auf die Information, dass die Unterschenkel beim Kreuzheben (und somit auch bei einem sauber ausgeführten Swing) beinahe senkrecht sein sollen, und keinesfalls über die Knie nach vorne wandern dürfen, folgende Replik:

Ich habe neulich bei einem Seminar gelernt, dass die Knie bei der Kniebeuge über die Zehen dürfen.

Ja.

Dürfen sie.

Bei der Kniebeuge.

Wir reden aber vom Kreuzheben.

Etwas später folgte der zweite Streich, als sich bei den ersten Gehversuchen mit dem Swing eine leichte, nun, ich nenne es mal Schwäche im Umgang mit Zahlen bemerkbar machte.
Ich hole kurz aus: Wenn man Swings lernt, führt man anfangs nur eine Wiederholung aus: hoch, runter, abstellen. Der Fachmann spricht von Dead Stop Swings.

Eigentlich ganz einfach: rauf, runter, abstellen.

Sie: rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter,… bis ich zum Hinstellen aufforderte.

Ich: Nur ein Swing bitte: rauf, runter, abstellen.

Sie: rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter,… bis ich zum Hinstellen aufforderte.

Das Spiel ging über drei, vier Runden, bis ich nach dem ersten Swing “Abstellen” rief.

Man sagt manchen Menschen nach, sie seien zu dämlich, um bis drei zu zählen….

Soll ich wirklich noch ein paar Worte über die Fähigkeit (oder die Bereitschaft?) verlieren, Feedback in veränderte Bewegung umzusetzen? Stichwort: Bewegungsintelligenz…. Muss ich erwähnen, wie “gut” die Bewegungen ausgeführt wurden? Vielleicht soll ich, ich mag aber nicht. Ihr könnt es euch sicher vorstellen.

Zum Ende der Veranstaltung kam noch die Pointe mit der Physis.

Beim abschließenden Geplauder vertrat ein anderer Teilnehmer mit akademischem und physiotherapeutischem Hintergrund die Ansicht, Kettlebelltraining sei sehr gut, in “seinen” Kursen könne er das aber nicht anwenden, denn – und das ist ein originalgetreues Zitat: “Die Leute haben die Physis nicht“.
Physis, ich habe extra recherchiert, meint den Körper. Den Körperbau.

Er kann nicht mit Kettlebells arbeiten, weil seine Teilnehmer keine Physis haben? Wen in aller Welt trainiert er? Geister?
Und falls es Menschen sein sollten, wäre es nicht seine Aufgabe als Trainer, die vorhandene (!) Physis mit ihnen zu entwickeln? Deswegen heißt es doch Training, oder etwa nicht?

Sapere aude, sag’ ich da nur.
Sapere hat nichts mit Sabbern zu tun, auch wenn die Vorstellung von Kant als sabberndem Greis einen gewissen Reiz auf mich ausübt. Nein, bekanntlich forderte er mit diesem Ausruf den Menschen auf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Mit etwas Nachdenken sollte den beiden Prachtexemplaren auffallen, welchen Stuss sie reden und wie dämlich ihr Verhalten wirkt.

Sapere aude: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Manche Menschen sind erschreckend mutlos.

Nachtrag:
Es bedurfte übrigens nicht nur unserer gesammelten psychischen Stabilität (Beas und meiner), um das erlittene Trauma zu verarbeiten, darüber hinaus war ein Nachmittag Dauergespräch, sowie ein weiterer Abend am Telefon notwendig, um das Erlebte zu verarbeiten.