Jacke wie Hose. Von der zunehmenden Unlust, einzukaufen.

Outdoor- und Sportläden, egal ob in der echten Welt oder im Internet, wirken auf mich wie Spielzeugläden auf einen Achtjährigen. So viele tolle Dinge….! Es lässt sich herrlich aus dem Vollen schöpfen, Neuerungen und Gimmicks ansehen – außerdem gebe ich gerne zu, dass ich auf manche optische Reize (Ninja-Hoodies, Daumenlöcher,…) anspringe wie ein Kaninchenrammler auf…nun, ihr könnt es euch denken.

Auch wartet der Schnäppchenjäger in mir darauf, dass man ihn wachkitzelt. Ein Faktum, das den meisten Shopbetreibern seit Jahren bewusst zu sein scheint, denn wie sollte es sonst sein, dass mir auf jeder (na gut: fast jeder) Seite beinahe immer ein SALE oder ein OUTLET entgegenblinkt. Manchmal macht sogar beides auf sich aufmerksam, was mich eher verwirrt, weil ich mich dann frage, worin der Unterschied zu sehen ist. Offline verhält es sich kaum anders, Angebote und radikale Reduzierungen bestimmen das Bild in einer Art, dass ich mich schon seit Jahren frage, ob man einen Quotenmenschen auslost, der als einziger den normalen Preis bezahlen muss. Zum Ausgleich winkt ihm natürlich ein Rabatt in Höhe von mindestens fünfundzwanzig Prozent, der ab einem Kauf von 80 Euro gilt. Lieferung frei Haus ab 49 Euro Warenkorbsumme.

O du schöne Inspirationswelt voller Versuchungen!

Herrliche Dinge!

Ich bin verwöhnt. Mittlerweile sehe ich bei Hoodies zuerst darauf, wie die Kapuze montiert ist: Geht der Reißverschluss weit genug hinauf, dass er den Hals abdeckt? Nein? Pech gehabt.

Wieviel mehr Komfort, welch Zunahme an Vielfalt zu vertretbaren Preisen!

Oder täusche ich mich in allen diesen Punkten?

Dies scheint der Fall zu sein, denn während ich vor geraumer Zeit noch gerne surfte, mir Schaufenster ansah, Läden betrat um zu schwelgen, mich inspirieren zu lassen und manchmal auch zu kaufen, bin ich heute dadurch verunsichert, dass meine Lust auf derlei Zeitvertreib zu welken scheint.

Wie war das? Mehr Komfort, Vielfalt und das auch noch günstig?

Ich beginne mit dem letzten Punkt, nachdem ich Nabelschau betrieben habe. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, mich bei Unbehagen zunächst selbst zu betrachten; mich zu fragen, ob ich mich verändert habe. Und in der Tat nenne ich mich saturiert. Ich brauche nichts – nicht in dem Sinne, dass ich meinen Sport nackt, oder sonstwie ungeschützt betreiben müsste. Auch im Alltag fehlt es mir an nichts. Alles, was Begehrlichkeiten auslöst, wäre Luxus, das, was neudeutsch nice to have heißt. Schön und gut, das krafttrainingsbedinge Wachstum an Beinen, Hintern und Oberkörper verlangt Neukäufe in größeren Größen, aber davon rede ich nicht. Ich rede von den Gegenständen, die mich ehedem verzückten. Leibchen mit Daumenlöchern, “Ninja Hoodies” und Laufhosen mit Taschen. Ich habe das alles.

Zudem habe anscheinend dazugelernt, meine Erfahrungen mit Gimmicks gemacht, die mich heute sagen lässt: Nettes Teil, hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, würde ich es mir nicht gekauft haben.

Was soll ich auch mit der fünften Jacke für ähnliche Wetterbedingungen, der dritten Stirnlampe und einem weiteren Trinkrucksack?

Ich stelle fest, dass ich nichts brauche. Schon dies alleine macht es für mich erklärbar, wenn mich nur noch wenig hinter dem Ofen hervorzulocken vermag.

Dazu kommt, dass das Kano-Modell voll zuschlägt. Was mich ehedem zu begeistern vermochte, setze ich mittlerweile als Standard voraus. Obendrein macht sich Langeweile quer über sämtliche Marken hinweg breit. Fetzig gestaltete Klamotten, vor ein paar Jahren nur bei Montura zu bekommen, gibt es, ähnlich aussehend, heute bei wenigstens drei, vier weiteren Herstellern. Darin zeigt sich ein typisches Phänomen vieler Märkte: Tut sich eine Marke mit einer Besonderheit hervor und ist darin erfolgreich, springt die weniger einfallsreiche Konkurrenz schnell auf den Zug auf. Die Damen und Herren Produktmanager können einem bei soviel Tempo beinahe leidtun.

Beinahe, wohlgemerkt.

Denn durch die Kopiererei erweitert sich der Mainstream, und Unterscheidungsmerkmale werden oft zu kurzfristigen, schnell verblassenden Effekten. Dadurch stellt sich ein Gefühl der Sättigung ein und die ehedem wahrgenommene Vielfalt weicht vielfacher Einfalt.

Vermögen mich Produkte also kaum zu begeistern, schaffen es die Shops noch weniger. Da wird ernsthaft eine Preissenkung von 107,90 Euro als 107,80 Euro unter den Angeboten gelistet. Mir ist bewusst, dass dahinter kein Mensch sitzt, der sich einen Spaß erlaubt, sondern ein simpler Vergleich zweier Zahlenwerte: Wenn Zahl A kleiner ist als Zahl B, so gibt Zahl B aus, und das als Sonderangebot deutlich herausgestellt. Mathematisch ein korrekter Vorgang, ist das Ergebnis dem Benutzer trotzdem lästig – und so frage ich mich, ob das dem Shopbetreiber klar ist.

Solch kleine Nerverei wäre halb so wild, wenn denn wenigstens die Filter funktionieren würden. Manch ein Shop schafft es tatsächlich, bei unterschiedlicher Reihenfolge des Filter setzens das alte Ergebnis zu löschen. Bekleidung, Größe L und dann auf Herren führt dazu, dass nur noch der Herrenfilter gilt. Ich darf also neu nach Bekleidung und Größe L filtern. Habe ich Lust dazu? Nein, das habe ich nicht.

Dafür enthält die Ergebnisliste sämtliche Farbvarianten als jeweils einzelnen Treffer. Mir persönlich wäre eine Modellauswahl lieber, die Farbe kann ich am Objekt immer noch ansehen – und man erzähle mir nichts vom Farbfilter. Ich interessiere mich beispielsweise für Laufshirts, ob es dann eins in blau, rot, schwarz oder grün wird, ist mir per se egal. Was ich nicht suche, ist das Laufshirt in gelb. Aber was soll’s, das gewünschte Shirt gibt es im meiner Größe eh’ nicht – Größenfilter hin oder her. Zum Ausgleich bietet mir die Trefferliste eines anderen Shops trotz Herrenfilter ein Damenbustier. Das ist nett gemeint, aber ich verzichte dankend. Meine Körbchengröße bedarf keines Bustiers.

Hosen scheiden ohne Anprobieren übrigens völlig aus, es sei denn, ich wollte das Spiel, bestehend aus Bestellen, Probieren und Rücksenden spielen. Dieser Zeitvertreib ist manchmal ganz nett, und speziell dann zwingend geboten, wenn ich nicht von vorherigen Käufen dieser Marke weiß, welche Größe mir passt, aber es muss ja nicht sein. Außerdem gibt es ja noch den stationären Handel, den, wie ich oft lese und höre, meiner Umsatz bringenden Unterstützung bedarf, um mir Beratungskompetenz, Auswahl und wasweißichnoch auch zukünftig bieten zu können. Man verspricht ein befriedigendes Einkaufserlebnis, welches meine Augen glücklich strahlen lassen soll. Ein Versprechen, das leider nicht gehalten wird. Zunächst muss ich die Hürde aus An- und Abreise und Parken überspringen – um dann festzustellen, dass die Auswahl höchst eingeschränkt ist, ausgefallenere Artikel, sofern überhaupt bekannt, nicht bestellt werden können oder wollen. Weder für gute Worte, noch für Geld. Somit ist der stationäre Handel keine Alternative, die ich auf der Suche nach Zufriedenheit in Betracht ziehe.

Bedarfsdeckung geht überall, nur rede ich von etwas anderem. Etwas, das ich Anregung nenne.

Was sie betrifft, setze ich eine vage Hoffnung auf Konzepte wie b8ta. Deren Läden sind nur zum Anfassen gedacht, kaufen wird der Kunde anderswo. Derzeit – meines Wissens – gibt es dort keine Klamotten, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Das Risiko sehe ich für Leute wie mich darin, dass ein solcher Laden dann auch nur die gängigen Marken hat, oder, schlimmer noch, einen ähnlichen Weg wie ebay geht, das mittlerweile zur Vertriebsplattform von professionellen Händlern geworden ist. Wenn b8ta-ähnliche Ansätze ihre Ladenfläche an große Labels vermieten, eine aus geschäftlicher Sicht zweifellos sinnvolle Strategie, ist das Konzept aus dem Blickwinkel von jemandem, der ein breites Angebot wünscht, mausetot.

Und wie sieht nun mein Fazit aus?

Die schlechte Nachricht wäre, dass mich weder das gängige Angebot, und schon gar nicht die Webshops zu begeistern vermögen. Ein “mehr desselben” ist nur selten toll – und schon gar nicht, wenn es nachlässig dargeboten wird.

Die gute Nachricht? Ich brauche nichts. Damit bin ich zufrieden.

Lehrgeld

Ach, wie einfach könnte alles sein, müsste man nicht ständig auf der Hut sein. Wachsam. Anderenfalls stellen sich kostenpflichtige Lerneffekte ein.

Jüngst bestellte ich mir eine Hose und ein langärmliges Leibchen von und bei Buff. Genau, das sind die mit den genialen Kopfbedeckungen, die, was hierzulande noch nicht so bekannt ist, seit einiger Zeit auch Lauf- und sonstige Klamotten fertigen. Supercooles Design, besonders das Leibchen hatte es mir angetan.

Lange Rede, kurzer Sinn und noch kürzerer Klick auf den “Bestellen” Button im Shop.

Über das Longsleeve schreibe ich demnächst einen eigenen Artikel, passt ganz gut, nur die Unterarme sind arg eng. Popeye hätte keine Chance. Den Popeye-Spruch möge der geneigte Leser bitte gleich wieder vergessen, denn ich gedenke ihn im Test des Longsleeves nochmal zu verwenden.

Und die Hose?
Nun, am Unterarm-Pendant jeder Hose, den Waden, ist sie eng. Sehr eng. Viel zu eng. Für welche Waden sie wohl gemacht sein mag? Für meine jedenfalls nicht. Das ist schade, denn der Rest passt mir. Also zurück nach Spanien mit dem Beinkleid.

Und schon betritt der lehrende Lerneffekt die Bühne. Zunächst noch zaghaft, als ich nach dem Retourenlabel suche. Wie schick’ ich das Ding wieder nach Barcelona?

Erster Lernbrocken: ich schicke erst eine E-Mail, in der ich ankündige, was ist weshalb retourniere. Auf meine Kosten.

Zweiter Lernbrocken bei der Post: eingeschriebenes Päckchen nach Spanien kostet fast 10 Euro. In Worten: zehn!

Beim reduzierten Hosenpreis von knapp vierzig gültigen Währungseinheiten arg unschön. Fern jeder Relation.

Was lerne ich daraus?
Alldieweil sich die Regeln im E-Commerce geändert haben (Retouren nicht mehr, wie sonst in D üblich, kostenlos für den Käufer), werde ich mir wohl angewöhnen, einen kurzen Blick in die AGB zu werfen, bevor ich etwas bestelle. Bei vielen Dingen ist es ja wurscht, gerade Klamotten wollen indes anprobiert werden. Wenn sie nicht passen, schickt man sie zurück. Und wenn das Porto kostet, würde der Käufer unterm Strich eine Gebühr fürs Anprobieren entrichten.

Will er das?

Genau das muss er sich überlegen.

Wohlgemerkt, ich mache Buff keinen Vorwurf, irgendjemand muss schließlich die Transportkosten zahlen. Beim Klamottenkauf muss letztlich jeder selber entscheiden, ob er das Risiko eingehen will, bei einer neuen Marke alleine für’s Anprobieren Geld auszugeben.

Früher war’s einfacher, als Retouren fast immer für lau gingen. Bestellen, und bei Nichtgefallen zurück. Das Risiko lag selbstverständlich beim Versender.

Heute einmal kurz nicht aufgepasst (so wie immer halt), und schwupps! ist Kohle fällig für den nachhaltigen Bewusstseinswandel.

Bezahltes Wissen ist wert-voll.

Dafür bezahlte ich Lehrgeld.