Was ist ein Sportler des Jahres?

Wie jedes Jahr werden auch dieses Mal wieder auf verschiedenen Feldern die Sportler des Jahres gewählt. Ich will darauf hinweisen, dass ich diese Behauptung einfach so hier hinschreiben, denn sicher kann ich es nicht sagen, weil ich es nicht konkret mitbekommen, ebenso wenig recherchiert habe. Alleine die Erfahrung der Vergangenheit lässt mich vermuten, dass 2018 keine Ausnahme bei derartigen Veranstaltungen darstellt. Darüber hinaus erinnere ich mich daran, dass es früher viele Sportler des Jahres in verschiedenen Disziplinen gab, und natürlich abhängig vom Geschlecht, was dem erwählten Sportler des Jahres das Binnen-I einbrachte, worauf der geschlechtsneutrale Gattungsbegriff “Sportler” zum / zur SportlerIn wurde.

Ich habe nie verstanden, was es eigentlich bedeutet, Sportler eines Zeitraumes zu sein.

Den Gewählten gilt der Titel offenbar sehr viel, zeigen sie sich doch meistens hochbeglückt ob der Ehre. Ich hingegen kann damit nichts anfangen. Eine Medaille, Meisterschaft oder persönliche Bestleistung vermag ich sportlich einzuordnen, hingegen scheint mir eine Wahl aus einer anderen Welt, der Politik, zu stammen, was sie unpassend macht für den Sport, wo der Erfolg einen klaren Bezug zur erbrachten Leistung hat.

Eine Wahl hat doch mehr mit Beliebtheit als mit Leistung zu tun!

Wir kennen das aus unserer Kindheit, in der Schule kamen Klassensprecher auf ähnliche Weise zu ihrem Job. Ein paar Schüler taten ihr Interesse kund, woraufhin Zettel in einem Behälter landeten ausgezählt wurden. Danach stand der neue Klassensprecher fest. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals mit der Eignung eines Kandidaten für die Rolle befasst, geschweige denn die Rolle selbst analysiert hätten.  Grundschüler würde eine solche Analyse wohl überfordert haben, daher wäre die Lehrerschaft gefragt gewesen, uns zumindest zum Nachdenken darüber anzuregen, was so ein Klassensprecher denn tun soll. Letztlich wurden üblicherweise diejenigen zum Sprecher, die ziemlich gute Noten hatten (wieso auch immer, keine Ahnung wie unsere Schülerhirne damals tickten), und sich überdies durch einigermaßen sozialverträgliches Gebaren auszeichneten. Keine Chance für Nerds.

Sympathie gab den Ausschlag.

Und wer sind die Menschen, die zur Wahl stehen? Es sind erfolgreiche Sportler des Wahljahres. Ausnahmen mögen wie bei der Oscarverleihung die bilden, die für ihre Lebensleistung geehrt werden. Generell könnte ich, wäre ich böswillig genug, sagen: Wer hat, dem wird gegeben. Ähnlich wie es mir absurd erscheint, wenn bekannte Unternehmensberater und Wirtschaftsführer von der Politik gebeten werden, Konzepte zu anstehenden Veränderungen zu entwickeln. Wenn ich positiven Zweifel will, würde ich genau eine Gruppe nicht fragen: Die Etablierten. Die, die als Nutznießer des Status Quo Teil des Problems sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Mit einer Vorauswahl, die die Kandidaten auf erfolgreiche Sportler einschränkt, bleiben jedoch all jene außen vor, deren Ehrung durch andere Faktoren als den sportlichen Erfolg gerechtfertigt werden könnte. Man komme mir jetzt bitte nicht mit dem Hinweis auf irgendwelche Fairnesspreise. Wählbar sind nicht alle, sondern ein kleiner Teil von allen, der durch sportliche Meriten auf sich aufmerksam gemacht hat und nun nach unklaren Kriterien ausgewählt werden kann.

So frage ich mich, welche Aussagekraft hat eine solche Wahl?

Und: Für wen?

Ich lasse die Interessen der Medien und Sponsoren außen vor, sie dürften auf der Hand liegen: Publikum unterhalten, Einschaltquoten und Klickzahlen, Abonnements und Werbeeinnahmen. Den Sportlern winkt möglicherweise ein höherer Marktwert, Feier mit leckerem Essen und das Gefühl, gemocht zu werden. Und, seien wir ehrlich: Ein bisschen Bauchpinseln tut uns allen gut.

Aber die Konsumenten? Das Publikum?

Als einzelner Mensch, der einen winzigen Teil dieser Öffentlichkeit darstellt, muss ich gestehen, dass ich damit nichts, aber auch rein gar nichts anzufangen weiß. Selbst wenn ich mich bemühe, einen Sinn zu erkennen, finde ich ihn nicht. Ich gönne den Sportlern jeden Spaß, jede Ehrung, wobei ich den Erfolg, der mich mitfreuen lässt, zeitlich weitaus früher verorte. Dann nämlich, wenn die Ziellinie überquert ist – oder das entsprechende Pendant in anderen Sportarten. Was danach kommt, könnte ich vielleicht die emotionale Verarbeitung des Erfolges nennen, mit der ein Grundstein zum Weitermachen gefestigt wird, wobei ich das im Bewusstsein schreibe, dass, wenn der Weg das Ziel ist, ich hier von der äußeren Hülle dessen rede, was im Menschen selbst passiert. 

Habe ich aber den eigentlichen Triumph, der im Bewältigen einer Herausforderung mit all ihren physischen und psychischen Komponenten besteht, mitbekommen, reduziert sich schon die Medaille für mich als Zuseher auf ein äußeres Ritual, dessen Funktion darin besteht, den emotionalen Zustand des Mitfreuens nochmal zu erleben. Die Sportlerwahl taugte mir nicht einmal als Erinnerung.

Ich vermag dem nichts abzugewinnen, keine Bedeutung hineininterpretieren. Aber, hey, viel Spaß den Feiernden beim Feiern.

Eines steht für mich jedoch fest: 2018 war das Jahr des Jahres 2018.

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