Notkörper

Beim Frühstück im Hotel heute morgen ließ ich den Blick über meine Mitmenschen wandern. Es handelte sich um die übliche Mischung aus Kaum- bis Nichtsportlern, wie sie uns tagtäglich begegnet. So weit, so bekannt. Neu war allerdings der Begriff, der sich in meinem Kopf formte: Notkörper. Ich finde, er bedarf einer näheren Betrachtung.

Notkörper ist zwar das spontan geformte Wort von heute früh, jedoch würde Behelfskörper das, was ich sagen will, besser treffen: da kommt der behelfsmäßige Charakter, das Improvisierte, dieses “von mir aus, wenn nichts Gescheites verfügbar ist, nehme ich halt das Ding” ans Licht. Ich bleibe trotzdem bei Notkörper, weil es sich griffiger anhört.

Worauf will ich hinaus?

Ein Notkörper wirkt, als sei er für den Notfall gemacht – nichts, was ich täglich benutzen, und schon gar nicht belasten würde. Wenn ich bei nicht ganz stabilem Wetter länger draußen unterwegs bin, habe ich eine Notfall-Regenjacke dabei. Ihr kennt diese Plastiktütendinger, die es für kleines Geld zu kaufen gibt. Ich würde nicht auf die Idee kommen, bei Regen mit sowas loszuziehen. Nein, dafür taugen die Teile nicht. Falls es im unwahrscheinlichen Fall zu Niederschlag und Wind kommt, kann ich sie einmal anziehen, freue mich über meine Vorsorglichkeit – und damit hat es sich. Ernsthaft geplante Einsätze verlangen nach tauglicher Ausrüstung.

Ernsthaft geplante Einsätze verlangen also nach einem geeigneten Körper? Gemach, dazu komme ich später. Zunächst bleibe ich bei den Analogien, indem ich ein paar Worte zur Notnahrung verliere. Die muss sich lange halten, nahrhaft sein und dem Esser eine Notlage erleichtern. Von Genuss oder Ausgewogenheit ist nicht die Rede!

Diese Hilfsmittel für die Not, von denen ich spreche, haben eine armselige Facette, die Mitleid auslöst: “Ach der Ärmste wurde vom Regen überrascht, zum Glück hatte er die Plastiktüte im Gepäck.“. Gleichzeitig dürfen wir die Notfallobjekte bedauern, denn wer kümmert sich schon groß um sie. Sie fristen ihr Dasein unbeachtet, ohne die Aufmerksamkeit, die würdigeren Ausrüstungsgegenständen zuteil wird, bis sie entweder gebraucht, oder weggeworfen werden.

Wundert mich eine äußere Erscheinung, wie jene, auf die ich heute morgen gestoßen wurde?

Es bot sich das fast schon gewohnte Bild eines Mannes – ich schätze ihn auf Mitte dreißig, dessen Hose am Hinterteil schlichtweg flach war. Die zugehörige Dame sah übrigens genauso aus.
Kein Arsch in der Hose. Kein Wunder, dass die Rückansicht einen traurigen Arsch präsentierte. Wie soll er denn auch glücklich werden, so ohne Bewegung? Ein Arsch freut sich doch, wenn man ihn hochkriegt!

Immerhin hatten die beiden nicht diese Kastanienmännchen-Statur. Sagt euch nichts? Nun, so sieht es aus, wenn ein kugelrunder Oberkörper auf staksigen Hax’n steht. Flamingo Style ist übrigens etwas anderes. So nennen die Bros in den Gyms ihre Kollegen die nur ihren Oberkörper trainieren. Pumpen, Digga! Ob mit dieser Form des halben Trainings zwangsweise rosa Kleidung verbunden ist?
Davon abgesehen könnte der Eindruck entstanden sein, ich würde das Aussehen als Trainingsziel anerkennen. Weit gefehlt! Ästhetische Trainingsziele halte ich nach wie vor für schwachsinnig, und im Kontext dieses Artikels mache ich meine Rede sofort angreifbar, wenn ich, wie es bis hierhin erscheinen mag, muskulöse Körper als Ideal hinstelle. Das riecht ja verdächtig nach Bodybuilding!
Ich muss bei der Vorstellung, ich könnte derlei fordern, selber lachen. Das Gegenteil eines Notkörpers ist doch nicht der Leib eines Herkules, es ist ein Körper, der benutzt wird. Selbstverständlich sieht man ihm das an!

Denn wie steht es mit den schnellen Gazellen, die ihren Marathon locker unter zwodreißig laufen, und trotzdem keine muskulösen Körper haben? Die tragen Skinny Jeans und rennen mir trotzdem auf und davon! Ich lasse an dieser Stelle das Thema Muskelfasertypen außen vor, obwohl es gut reinpassen würde. Stattdessen erlaube ich mir den deutlichen Hinweis, dass auch diese dünnen Sportler sehr sportlich aussehen. Da geht’s nichtmal um die Frage, wie die Hose ausgefüllt ist, oder darum, dass Ausdauersportler zwar nur selten muskulöse, jedoch immer trainiert wirkende Oberkörper haben. Alleine die Körperhaltung lässt sehr klar erkennen: dieser Körper ist ein gut gepflegtes Instrument! Dieser Körper gehört einem Menschen, der seinen Körper mag!

Ich sollte zwei Aspekte ansprechen, die sich aus dem oben Gesagten ergeben.
Wenn ich – das wäre “erstens” – die Plastiktütenjacke als Beispiel anführe, ist automatisch klar, dass es noch eine richtige Jacke geben muss. Dem Besitzer eines Notkörpers steht demnach noch ein weiterer Körper zur Verfügung, einer, der nicht nur im Notfall mit deutlichen Einschränkungen verwendet wird, sondern der eine solide, Basis darstellt: “Ich bin heute mit der alten Karre unterwegs, mein echtes Auto ist in der Inspektion“. In alten Zeiten unterschied man zwischen Alltags- und Sonntagskleidung. Mit dem Unterschied zum Notkörper allerdings, dass auch die Alltagskleidung nicht diesen erzwungenen, nötigen Charakter hatte.
Halten Notkörpermenschen gar einen zweiten Leib auf Vorrat bereit? Einen für besondere Anlässe? Und welch Besonderheit sollte sie dazu zwingen, den Ersatzleib einzusetzen? Selbst wenn es so wäre, würde ich doch fragen, wieso sie nicht immer den guten Körper nehmen. Das würde ja bedeuten, tagein, tagaus unter der Plastiktüte zu schwitzen, auf Taschen, Komfort und Robustheit zu verzichten, während die teure Outdoor-Superjacke im Kleiderschrank wartet. Worauf nur?

Zweitens impliziert Notkörper nicht nur den Notfall, sondern eben auch, dass er nur in diesem benutzt wird. Notkörperträger nehmen ihren Notkörper nur, wenn es nicht anders geht. Diese notdürftig funktionierenden Leiber bewegen sich unter Zwang, und nur unter ihm. Ich kann das nachvollziehen, meine Notdurft verrichte ich schließlich auch, wenn der Druck hinreichend groß ist. Wer setzt sich schon aufs Klo, wenn er nicht muss? Der Notkörperbesitzer hat anscheinend ein ähnliches Verhältnis zu Bewegung im weitesten Sinne: Ohne Not, lässt er sie bleiben. Wahrscheinlich nimmt er jedwede Form der Bewegung als Notzucht wahr; schlimmer noch als die ehelichen Pflichten.

Ich will keinesfalls über unsportliche Menschen lästern. Das macht zwar bisweilen Spaß, ist hier und jetzt aber kein Thema. Wobei ich passenderweise später am Tag in einer Zeitung las, dass einer Statistik zufolge etwa die Hälfte aller EU-Bürger keinerlei Sport treiben (Quelle: Eurostat, den Link suche ich noch raus). Völlig ok, wenn jemand keinen Bock auf Bewegung hat, und auf diese Weise mit sich im Reinen ist.

Natürlich frage ich mich, ob ich Lust hätte, bei alltäglichen Verrichtungen ziemlich nah an meine Grenzen zu gehen. Eine Stunde Fortbewegung per Pedes kratzt Meinesgleichen ebenso wenig, wie mal eben eine Getränkekiste in den zweiten Stock zu tragen. Ich finde es auch bedenklich, wenn ich manche Lauffreunde an der Agilitätsleiter sehe. Bewegungslegasthenie in Reinkultur. Oft sind das auch diejenigen, die ausschließlich auf flachen Strecken unterwegs sind. Kein Wunder, dass sie gerne mal hinfallen, wenn sie sich im Wald einer Wurzel gegenübersehen. Wollte ich meine Gedanken bis hierhin zusammenfassen, würde ich von Defiziten sprechen. Defizite in der Agilität, bei der Kraft, der Ausdauer, der Bewegungsqualität und so fort.

Manch einer leistet sich einen Leib, der ein einziges Defizit zu sein scheint. So wie eine Notfallregenjacke auch ein sehr defizitäres Kleidungsstück ist, das allerdings in einem sehr begrenzten Anwendungsfall gut funktioniert. Wo ein Notkörper seine Stärke hat, muss mir allerdings erstmal jemand erklären.

Gesund ist das Dasein eines Notkörpers nicht. Oder doch? Beschreibt Gesundheit einen Prozess oder einen Zustand? Ist Gesundheit nur die Abwesenheit von Krankheit, oder eine Fähigkeit, der ich für dieses Beispiel mit Belastungsreserve eine beachtenswerte Facette anhefte?
Wenn ich mit dem Gesundheitsthema beginne, nimmt meine Argumentation die falsche Richtung. Gesundheit ist für diese Betrachtung nicht relevant.

Und was ist mit dem berühmten Zitat des Gewichthebertrainers Mark Rippetoe? “Strong people are harder to kill than weak people and more useful in general.” Starke Menschen lassen sich schwerer umbringen als schwache und sind insgesamt besser zu gebrauchen? Ach was, wer in dieser Aussage nichts weiter erkennt als Utilitarismus, hat ihren Kern nicht verstanden. Nützlichkeit bedeutet im Zusammenhang mit dem eigenen Körper doch in allererster Linie Eigennutz, der, wenn ich mich so weit aus dem Fenster lehnen darf, auf Lebensfähigkeit zielt. Nicht im Sinne von Überlebensfähigkeit, sondern Lebensqualität.

Damit drängen Stichworte an die Oberfläche, die sich im langen Text verborgen gehalten hatten. Stichworte wie agil und attraktiv sein, springen können, aus einem Stuhl aufstehen, nicht hinfallen (wenn doch, verletzungsfrei bleiben), Lächeln, sich selbst und anderen helfen, …. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Das soll kein Pamphlet sein, das allen Menschen auferlegt, sie müssten unbedingt ihren Körper benutzen. Ich formuliere kein “Sollen” im Sinne von “du sollst dich bewegen”.
Wer mit seinem Notkörper zufrieden ist, muss zumindest in dieser Hinsicht als glücklicher Mensch gelten. Mir persönlich gefallen – an mir selbst und an anderen – Körper besser, für die aus einer kleinen Unbill keine Notlage erwächst. Die in meinen Augen kein Mitleid erregen. Ein artgerecht bewegter Arsch ist ein freudiger Hintern.

Für mich.

Ich fordere nichts.

Ich beschreibe die Wirkung, die ein Notkörper auf mich hat, wenn ich einen sehe.

Bookmark the permalink.

5 Responses to Notkörper

  1. Pingback: Sport- und Fitnessblogs am Sonntag, 2. April 2017

  2. Notkörper ist ja mal ein genialer Ausdruck – zuerst mit einem Schmunzeln zu lesen angefangen um dann von Wort zu Wort immer zustimmender zu nicken. Du bringst es wirklich auf den Punkt!
    Liebe Grüsse
    Ariana

    • admin says:

      Danke dir, Ariana!
      Die Geschichte hat eine Nachwirkung: es fallen mir viele Notkörper auf, die so umherlaufen. Wenn der Gedanke einmal im Hirn ist… ;-)

      ciao,
      Harald

  3. Erinnert mich an den Spruch: “Vom Körper-Besitzer zum Körper-Benutzer.”

    Übrigens sah ich einst einen Läufer die 51 km Harzquerung im Dauer-Regen finishen, der als Regenbekleidung eine Plastiktüte trug, die gerade eben die Schultern bedeckte. (http://daspulsmesser.blogspot.de/2013/06/rennsteiglauf-vorbereitung-teil-2.html)

    Und die Agilitätsleiter kenne ich nur von Fotos. Gerade weil ich Bewegungslegastheniker bin, blieb mir nur das Laufen als möglicher Sport. Linker Fuß, rechter Fuß – das schaffe ich gerade noch.

    • admin says:

      Körper-Benutzer gefällt mir! Das sollte Schule machen. ;-)
      Ich oute mich als Besitzer einer Agilitätsleiter, stehe ich doch sehr auf den Spaß mit diesen Teilen. Linker und rechter Fuß im Wechsel – das ist bei denen auch nicht anders.
      An meine Grenzen stoße ich dann, wenn eine holde Maid versucht mich zum Tanzen zu nötigen. Zum Glück kommt das nur selten vor, und meistens geben sie schnell auf. 8-)

      Ciao,
      Harald