Ich fühle Gefühle

Ich möchte über meine Gefühle reden. Über Gefühle, die in meinem Kopf sind, seitdem ich mich dazu entschlossen habe, eine sportliche Herausforderung anzunehmen: Tortour de Ruhr 2020. Und wahrlich, ich sage euch: Meine Gefühle sind stark.

Tortour de Ruhr 2020

Die TTdR und ich. Ich bei der TTdR https://www.tortourderuhr.de/, einem langen, sehr langen Lauf, über den ich schon viele positive, beinahe euphorische Anekdoten hörte. Heiß soll es sein (meistens), und lang natürlich. Außerdem eine Teamleistung, ist der gemeine Läufling doch dazu aufgefordert, sich von einem Team unterstützen zu lassen.
Alleine das finde ich schon höchst reizvoll. Dann wäre da noch ich, beziehungsweise, um es konkret zu formulieren: Meine sportliche Entwicklung. Ich hatte in den letzten Jahren läuferisch sehr kleine Brötchen gebacken, hie und da mal zehn, zwanzig Kilometer, alles ohne System und Ambition, bereitete mir das Gewichtheben doch den Reiz des Neuen und ein Ventil für mein Bedürfnis nach persönlichem Wachstum. Und doch spürte ich in letzter Zeit verstärkt, dass mir die langen Läufe in der Natur fehlten. Bilder von Ultratrails im Gebirge erschienen mir, in rosarotes Licht getaucht, vor meinem geistigen Auge.
Ich habe wieder Lust auf lange Distanzen!
Für den Wiedereinstieg - die läuferische Resozialisierung - schien mir eine Herausforderung angebracht. 100 km oder ebensoviele Meilen qualifizieren sich angesichts meines aktuellen Trainingsstands anstandslos, allerdings kenne ich meinen Kopf, der mir einredet: "Hast du schon gemacht, das genügt nicht. Du brauchst mehr.".
An dieser Stelle kommt die TTdR ins Spiel. 230 km in möglicherweise großer Hitze kommen meinem Wunsch nach einer dicken Karotte vor der Nase gleich doppelt entgegen. Mein Entschluss, zum Behufe eines Startplatzes bei Jens, dem Organisator, anzufragen, war ein gar spontaner gewesen: Posting auf Facebook gesehen und ohne weiteres Nachdenken war meine Mail abgeschickt.
Kurz darauf stand ich auf der Warteliste für einen der begehrten Startplätze. Einige Wochen später dann Jens' Frage, ob ich denn noch Interesse hätte - und eh' ich mich versah, war es da: Das JA!
Ein JA, das eben jene Gefühle in mir auslöste, über die zu schreiben ich eingangs angekündigt hatte. Es handelt sich um große Gefühle, soviel kann ich jetzt schon sagen. Nicht ganz so groß wie Liebe (das Thema ist zu persönlich, als dass ich es hier publizieren will) oder Hunger, aber durchaus von beträchtlichem Format und beeindruckender Intensität.
Die Gefühle, die ich fühle, sind Freude und Angst.

Freude

Natürlich freue ich mich tierisch über die Herausforderung, freue ich mich auf das intensive körperlich - mentale Erleben, darauf, dass ich etwas tue, was ich noch niemals vorher getan habe. Auch finde ich die Aufgabe, das Projekt als Team zu bearbeiten, überaus reizvoll. Nachdem ich jahrelang Projekte für E-Commerce und Software geleitet habe, ist so ein Sportprojekt etwas völlig anderes. Dass ich als Läufling dabei eine wesentliche Rolle spiele, macht die Aufgabe nicht einfacher. Zudem gilt es, mich mit dem Thema Support-Team zu befassen. So sammle ich bereitwillige Kandidaten, die am fraglichen Wochenende Zeit haben. Sportler, das musste ich bereits feststellen, sind wegen ihrer Affinität zum Sport nahe liegende Ansprechpartner, allerdings ist das Pfingstwochenende in den meisten Sportarten für Veranstaltungen beliebt, was die Zahl verfügbarer Mitstreiter einschränkt. Ich werde mich auch mit (meinen) Anforderungen ans Team befassen - und um diese kennenzulernen, von erfahrenen TTdR-Teilnehmern lernen. Schließlich mache ich das zum ersten Mal.
Bei jedem Trainingslauf - die länger und häufiger werden - und jeder Runde auf dem Fahrrad in der letzten Zeit ist eine leichte Euphorie mit dabei, selbst beim Gewichtheben. Ich freue mich, Grenzen zu erleben, die deutlich schneller da sind, als noch vor ein paar Jahren - wie soll's auch anders sein. Genauso freue ich mich über meinen Kopf, der ebenjene Grenzen als durch Training leicht überwindbar erkennt; eine Erstüberwindung ist augenscheinlich mental schwieriger als ihre Wiederholung. Weil ich dabei altbekannte Genussmomente neu erlebe, ist das ein zusätzliches Schmankerl für mich.
Ja, ich freue mich auf die TTdR! Ich freue mich auf den Prozess, der mich, auch eingedenk des Risikos eines DNF, zum Finish befähigt, der mich meine eigene Steigerung erleben lässt. Bei einem solchen Vorhaben ist ganz klar auch der Weg das Ziel.

Angst

Der siamesische Zwilling dieser Vorfreude ist Angst. Wenn ich in mich hineinhorche - vielmehr: hineinspüre, wir reden schließlich über Gefühle, also muss ich spüren, um sie zu charakterisieren, erkenne ich mehr als nur milde Todesangst. Nein, es handelt sich um kalte, nackte Panik, die ihre Blöße mit einer an strategischer Stelle platzierten Startnummer bedeckt. Mein Dank gebührt dem vorhandenen Startnummerband, ohne das meine Angst ihren Unterleib mit Sicherheitsnadeln hätte durchbohren müssen.
So aber trägt sie das sportive Feigenblatt mit Würde und Fassung.
Dennoch bleibt die Angst, die lähmend sein könnte, würde es sich um eine angsttypische Angst handeln, die vor dem hohen Berg, der im Gewande von 230 Kilometern in wahrscheinlich großer Hitze daherkommt. Habe ich das Zeitlimit von 38 Stunden schon erwähnt? Nein, habe ich nicht. Jetzt wisst ihr es. Eine durchgemachte Nacht also, bei gleichzeitiger Bewegung an der frischen Luft. Wobei frisch nicht gleichzeitig kühl bedeuten muss.
Zurück zur untypischen Angst. Es ist keine lähmende, sondern durch gutes Zureden meines Verstandes, eine bewegende, antreibend gewordene Angst. Letzteres Attribut als Fremdwort geschrieben, ist sie motivierend. Ich merke, wie die Karotte vor der Nase Wirkung zeigt, wie eine innere Stimme mir sagt: "Junge, du hast viel vor. Hau' rein! Werde besser!". Ich ziehe Parallelen zu verschiedenen Modellen aus der Motivationstheorie, besonders zum High Performance Cycle, der eigentlich einen eigenen Artikel wert wäre. Das Bewusstsein der Selbstwirksamkeit - Ich habe es in der Hand - fühlt (schon wieder Gefühle...) sich super an, eine Welle von Kraft scheint mich zu durchfluten. Klingt pathetisch, mir fällt bloß grade keine andere Formulierung ein.

Das heißt…

Ich freue mich total auf das zielgerichtete Training.
Fuck, worauf habe ich mich nur eingelassen.

6 Gedanken zu „Ich fühle Gefühle“

  1. Lieber Mr. Kettlebell, diese Bezeichnung wird wohl in der kommenden Zeit in den Hintergrund rücken, denn beides intensiv zu betreiben, wird wohl kaum in den Zeitrahmen passen ! Also muss ich mir einen neuen Namen einfallen lassen.

    Erst einmal finde ich es gut, dass du dich an MEHR wagst – und mit entsprechender Vorbereitung ist diese Herausforderung sicherlich machbar, andere sind auch angekommen ! Wie schon erwähnt: das Wichtigste ist der Kopf. Dazu hier ein Link zu diesem sehr passenden Thema von Dr.Dr. Lutz Aderhold, selbst Ultraläufer: https://germanroadraces.de/?p=130807

    Wir, die wir Ultras mit Erfolg hinter uns gebracht haben, wissen genau um die entscheidende Rolle des Kopfes. Musst keine Angst haben, du kannst das, lässt ja deine Kettlebell auch nicht fallen, wenn es nicht mehr geht. Und deine persönliche Geschichte in Sachen Ultralauf lässt für mich keine Zweifel offen. Den notwendigen Biss hast du schon bewiesen, und die paar Kilometerchen mehr schaffst du, ich wette – wollen wir ?

    1. Geschätztes Nordlicht,

      lass‘ den Mr. Kettlebell ruhig, Krafttraining und ballistische Kettlebell-Übungen sind eine wunderbare Ergänzung zum Laufen.
      Vielen Dank für den Link, ich werde auch meine Bücher über Mentaltraining nochmal ganz besonders aufmerksam lesen. Der Kopf spielt, da hast du recht, dass wir das beide schon am eigenen Leib (und Geist!) erfahren haben, eine wesentliche Rolle.

      Ich wette nicht dagegen, das hielte ich für kontraproduktiv, was meine mentale Vorbereitung angeht. 😉

      Ciao,
      Harald

  2. Ach du dickes (Läufer)Ei!
    Du schaffst das schon. Mein persönliches Limit scheint bei den 100 Meilen zu liegen. Für 2020 habe ich mich nur für die 100 km angemeldet. Also sehen wir uns vermutlich!

    1. Ich werde unbekanntes Land betreten, die weiteste Strecke „am Stück“ waren irgendwann mal knapp unter 170 km bei einem 24-h Lauf. Cool dass du auch dabei bist!

      ciao,
      Harald

  3. Lieber Harald,

    was soll ich da noch schreiben…Du hast alles gesagt, was einem bei einem solchen Unterfangen durch den Kopf bzw. durch den ganzen Körper geht, so weit ich mir das überhaupt vorstellen kann 😊
    Ein Ziel ist manchmal sehr wichtig, wenn Du dieses Ziel erreichen willst und da hin kommen willst, also bis zur Rhein-Orange, dann wirst Du das auch schaffen können, wie Du geschrieben hast, der Kopf ist der entscheidende Faktor.
    Ich wünsche Dir viel Glück und Durchhaltevermögen…aber v.a. viel Spass bei der Vorbereitung 😉

    Salut

    1. Lieber Christian,

      ich habe irgendwo mal einen Spruch gelesen, der sinngemäß lautet: Körperliche Fitness macht 90% des Erfolgs beim Ultramarathon aus, mentale Stärke die anderen 90%. Ich denke, das trifft es ganz gut.
      Lange Läufe hier im Nordschwarzwald machen an sich schon Laune – und ich bin wirklich gespannt, wie mein Körper auf zwei so gegensätzliche Belastungsreize wie Langzeitausdauer und Krafttraining (Gewichtheben) reagiert. Eingeschränkt hat er die schon bekommen, jetzt eben gezielt und systematisch. 🙂

      Ciao,
      Harald

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