Grüße vom Olymp

Selbst ein in der Sache desinteressierter Mensch wie ich kommt nicht umhin, vom olümpischen Spektakel in Sotchi Notiz zu nehmen. Olümpia, das ist ein Getöse schreiender Schlagzeilen vor, während und nach den Spielen. Ein Klang, in dem die Erinnerung an hehre Ideale kaum hörbar mitschwingt.

Als Pierre de Coubertin die Olümpiade wiederbelebte, tat er dies im Bestreben, Athleten für eine friedliche und bessere Welt über alle Grenzen hinweg an einen Ort zusammenzuführen. Gestählte Leiber, die sich nach dem Motto „schneller, höher, stärker“ im sportlichen Wettstreit an einander messen sollten.

Klingt gut, oder?

Das Coubertin’sche Ideal scheint bei den letzten Spielen ziemlich auf der Strecke geblieben zu sein, sportliche Wettbewerbe liefern gerade mal den Anlass für eine – Obacht, bullshitbingoverdächtiges Schlagwort – gigantische Vermarktungsmaschinerie. Einen solchen Schreidruck seitens der Medien kann nicht einmal ich völlig ignorieren.
Es schreit, es tönt, es wird erzählt und interpretiert. Und wenn das nicht ausreicht, lässt sich immer noch spekulieren.

Während der Spiele? Nicht nur.

Denn seit unserer Kindheit wissen wir, dass eine lange ausgekostete Vorfreude beinahe schöner ist als das Ereignis an sich, erfreut uns heutzutage die Medienwelt mit eifriger Berichterstattung im Vorfeld.

Das Tolle daran: es ist für jedweden Geschmack etwas dabei! Aufreger und Faszinosum, je nach Blickrichtung und persönlicher Präferenz.
Moralisten dürfen sich darüber erregen, dass die Spiele erstens überhaupt und zweitens auch noch in Russland stattfinden, während der Promikultanhänger im selben Zeitraum die Gelegenheit bekommt, in einem knallharten Casting seinen persönlichen Lieblingsathleten anhand von Home-, Love-, und Sensationsstories aus der Masse junger gutaussehender Menschen herauszupicken.
Dass Politiker gerade diese Profilierungssucht nicht ungenutzt verstreichen lassen, ist so klar wie frischer Sportlerschweiß. Es ist putzig mitanzusehen, wie sie sich gegenseitig ein- und wieder ausladen.
Höhepunkt des olümpischen Vorspiels waren in dieser Hinsicht die diversen Absagen. Diesmal haben sie es dem pösen Putin wirklich gezeigt!

Auf einem weiteren Nebenspielplatz reiben sich Vermarktungsgenies die Hände ob soviel medialer Aufmerksamkeit, da stört es die Geschäfte kaum, wenn ein Tscherkesse die Spiele in Berlin hungerbestreikt. Nicht missverstehen, bitte: er streikt in Berlin, die Musik spielt nach wie vor in Sotchi.

Ach, die Musik. Es muss traumhaft anzusehen gewesen sein, wie Frau Höfl-Riesch die Fahne schwenkte ohne dabei zu schwanken. Alleine dafür sollte es Medaillen geben. Gold für stilsicheres schwenken. Ich persönlich würde ihr Punkte abziehen, deutet der Doppelname doch auf eine geschlossene Ehe hin. Wo doch der Marktwert von Weltklassesportlern auch von den Träumen schmachtender Fans bestimmt wird. „Er / sie ist noch nicht vergeben…“. Theoretisch bestünde ja der Hauch einer Chance, dass der fettleibige, bewegungsunwillige Fernsehzuschauer als Traumpartner entdeckt wird. Theoretisch.

Zusätzlich zum Schwenkegold bekäme Höfl-Riesch von mir einen Kulturpreis. Ich verstehe überhaupt nicht, dass außer mir keiner das Synergiepotential erkennt. Wofür? Nun, gerade wegen des Doppelnamens. Traditionell wird er immer noch von leicht angespießten Pädagogenpaaren getragen. Man denkt unwillkürlich an CordhosInnen und Müllsortierung, an Dosenpfand und „Tanz‘ mal deinen Namen“. Und nun holt eine junge, hippe Sportlerin den Bindestrich aus dem immer noch miefigen Dunstkreis lehrerhafter Peinlichkeit heraus. Ob sie ihren Namen schwenken kann?

Von diesen Kleinigkeiten abgesehen, ist Sotchi business as usual. Erstens Business, und zweitens „as usual“, weil der Hochsicherheitstrakt Sotchi sich vom Hochsicherheitstrakt London vermutlich nur in der Geographie unterscheidet.

So wie immer eben.
Eines ist in Sotchi allerdings anders als bei den meisten Olümpiaden der letzten Jahrzehnte.

Das Ideal ist wieder da!

Eine kleine Gruppe von Idealisten hat sich vom Streben nach materiellen Gütern losgesagt. Es sind die Bauarbeiter nämlich, die ohne Lohn geschuftet haben, um dieses Olümpia zu ermöglichen.

Sie leben den olümpischen Gedanken: dabeisein ist alles!

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4 Responses to Grüße vom Olymp

  1. Pöser Putin!
    Haben die auch einen Chmul?

  2. Ariana says:

    Eine wunderbare und treffende Parodie 🙂 Die Bauarbeiter haben aber nicht freiwillig ohne Lohn geschuftet oder? :-p
    Liebe Grüsse
    Ariana