KUT 2014: Heiße Szenen im Wald.

Es gibt einen Streckenabschnitt, den ihr nicht laufen könnt. Es geht dann rechts ab, senkrecht den Hang hoch. Da ist kein Weg, folgt einfach der Markierung.
Selbst für ausgeprägte Morgenmuffel wie mich ist ein solcher Satz ein klares Signal: ich bin zur rechten Zeit am rechten Ort. Beim Briefing kurz vor dem Start zum KUT in Reichweiler – und ich lausche den Worten von Eric Tuerlings.

Kurz zuvor hatte er uns noch treuherzig versichert, einen Weg in eine Wiese gemäht zu haben. Zwischenzeitlich hatte jemand den Rest ebenfalls gekürzt – der Weg sei somit weg. Solch Kleinkram vermag die Szene der Ultratrailläufer kaum irritieren, im Startfeld herrschte bereits allgemeine Vorfreude auf die kommenden 85 Kilometer.

Vorfreude, in die sich zumindest bei den Wiederholungstätern die Frage mischte, welche kleinen Bosheiten sich Eric wohl hatte einfallen lassen, um den KUT noch ein klein wenig anspruchsvoller zu machen. Womit ich nicht sagen will, dass der KUT hier ein Defizit hätte.
Im vergangenen Jahr stellte ich noch die These auf, Eric würde im Bunde mit finsteren Mächten Höhenmeter züchten KUT 2013, ein Gegenbeweis konnte bisher nicht erbracht werden.
Möglicherweise hegt Eric als gebürtiger Holländer (ist Niederländer gar die korrekte Benennung) ein besonders inniges Verhältnis zur Vertikalen. Auch dieser Fragestellung werde ich zu gegebener Zeit einen Artikel widmen.

Es sei, wie es sei, der KUT ist definitif hart. Sehr hart. Und vor allem technisch nicht einfach zu laufen, bewegt sich der geneigte Läufling doch zum großen Teil auf Single-Trails, steil hinauf und hinab, durch Gestrüpp, über Stock und Stein. Wenn dann doch mal aus Versehen einige hundert Meter breiter Waldweg oder gar eine Schotterstraße unvermeidlich schien (Eric, hier gibt es noch Raum für Verbesserungen!), ertappte ich mich dabei, dass ich das Warnschild vermisste.

Vorsicht, befestigter Weg!

Schließlich ist es ein offenes Geheimnis unter Trailläufern, dass Verletzungen meistens auf den einfach laufbaren Abschnitten auftreten. Was also liegt näher, als genau davor zu warnen?

Worauf Eric indes keinen Einfluss zu haben scheint, ist das Wetter, wie er mir höchstpersönlich versicherte. Der frische Frühling begeisterte den Großteil der Pfingsturlauber mit recht spontan auftretender Hitze – die meisten KUT-Teilnehmer wurden von den mehr als dreißig Grad jedoch recht empfindlich getroffen.

Auch ich.

Ich bin kein Hitzeläufer.

Ich muss mich langsam anpassen.

Was also tun, wenn die Wetterfrösche eine Woche vorher den Sommereinbruch ankündigen? Genau: ich tat, was mir die Vernunft gebot: Voodoo. Beschwörungen. Nächtelang schwebte ich, wild vor mich hin ommmmmmmend, in einem Meter Höhe, um kühle Temperaturen herbeizuführen. Durch gleichzeitig abgesandte Gebete an jegliche bei Wikipedia bekannte Gottheit wollte ich nichts dem Zufall überlassen.

Doch leider kam es anders.

Als am Freitag jegliche Hoffnung auf eine gnädige Wettervorhersage geschwunden war, beschloss ich, meine Strategie zu ändern. Wenn die Wettergötter nicht kooperieren wollen, modelliere ich mich eben selbst um. Autosuggestion ist schließlich eine erprobte Methode, und so bestimmte ein Mantra für die nächsten Stunden mein Dasein:

Ich bin Hitzeläufer.

Ich bin Hitzeläufer.

Ich bin Hitzeläufer.

Shit.

Leicht, und zu meinem Mißvergnügen durfte ich ab rund 45 km meinen persönlichen Niedergang erleben. Etwas Reflexion ist ja schön, aber muss das unbedingt beim KUT sein? Klasse, wenn sich die Symptome deuten lassen – Puls geht nicht runter, Kreislauf unwillig, Koordination wie sonst direkt nach dem Aufstehen…. – weniger toll, wenn die Gegenmittel (Salz, Essen, Trinken…) nicht anschlagen.

Bei km 56 war der KUT dann für mich vorbei. Der KUT 2014, meine ich. Aber dass ich nächstes Jahr wieder dabei bin, brauche ich wohl kaum erwähnen, oder?

Eric könnte sich überlegen, die Teilnahme im Abonnement zu vertreiben. Nicht im Sinne von zehnmal laufen, neunmal zahlen, sondern um den Startplatz zu sichern. Denn KUT macht süchtig. Und wer würde den alljährlich anreisenden Abhängigen ihre Droge vorenthalten wollen?

Besinne dich deiner holländischen Herkunft, Eric, und gib uns das Abo!

Bericht (mit Fotos!) bei laufticker.de

50 km Rodgau – 2014 war’s nicht rodgau

Im vergangenen Jahr nannte ich einen Lauf “rodgau”, wenn es kalt, rutschig und überhaupt schwer zu laufen ist. So wie normalerweise in Rodgau. 2014 war Rodgau nicht rodgau, für das Leiden hatte ich selbst Sorge getragen.

Weder Schnee, noch Wind und schon gar kein Schnee oder Eis ließen die hartgesottenen Wiederholungstäter (gibt es die Teilnahme eigentlich im Abonnement? Die meisten kommen sowieso jedes Jahr) fassunglos am Start stehen. Kühle, aber nicht zu kalte fünnef Grade über Null kamen zumindest meinem Temperaturempfinden höchst gelegen, und die Strecke zeichnete sich durch ordentlichen Griff aus. Wie gesagt, wer typisch Rodgauer Verhältnisse erwartet hatte, wurde enttäuscht.

Als nostalgisches Feigenblatt wirkte immerhin ein kurzer Abschnitt der 5 km – Runde, der seine griffige Blöße mit einer dünnen Schlammschicht bedeckte. Eine nette Geste des guten Willens, wie ich finde.

Ansonsten zeigte sich der 50 km Lauf sehr typisch: dem RLT Rodgau gelingt es, eine Super-Veranstaltung für mittlerweile weit über 800 Teilnehmer auf die Beine zu stellen. Wie immer mit dabei war Gabi Gründling von laufticker.de, die im wohlbeheizten Moderationsmobil für jeden den Zielbereich durchquerenden Läufer einen netten Gruß über die Lautsprecher schickte. Angesichts der Teilnehmerzahl, von denen die meisten die vollen zehn Runden durchgelaufen sind, finde ich es beachtlich, dass Gabi danach noch genug Stimme für ein Pläuschchen hatte.

Gelegenheit zum sozialen Austausch gibt es in Rodgau immer. Nicht nur nach dem Lauf an der Kuchentheke, sondern – besser gesagt: vor allem – währenddessen. Du erkennst jemanden wieder, den du vor etlichen Jahren mal bei irgendeinem Lauf kennenlerntest.

Seither sieht man sich jedes Jahr in Rodgau.

Beim Ultraläuflingskongress.

Andere Interessengruppen treffen sich alljährlich in Davos, wir in Rodgau.

Dem Wiedererkennen schließt sich üblicherweise ein nettes Gespräch an, bis die verschiedenen Tempi den Abstand größer werden lassen. Bis zum nächsten Jahr. Zum nächsten Lauf. Oder an der Kuchentheke. Oder per Email.
So überschaubar die Ultragemeinde ohnehin ist, Rodgau macht die Kontaktpflege einfacher, irgendwie ist der Zeitpunkt im Januar gut gewählt, so zwischen Winterpause und Weihnachtsrestspeck.

Winterpause, ein schönes Stichwort. Im Vorjahr war mein Projekt Phönixim vollen Gange, 2014 eher weniger. Ewige Zeiten (gefühlt seit September) herumgeschnieft, wollte sich bei mir kein regelmäßiges Träning einstellen. Die Woche vorher spielte ich mal wieder das Spielchen “Hatschi & Hust”. Nicht gescheit krank, aber eben auch nicht richtig gesund.

Ich haderte.

Grübelte.

Soll ich? Soll ich nicht?

Zuletzt war ich beim OMM länger als drei Stunden auf den Beinen gewesen, das war Ende Oktober. Donnerstag, zwei Tage vor Rodgau, gab ich Spike (Spike stelle ich euch in einem anderen Artikel vor, soviel Spannung muss sein ) eine klare Instruktion und beschloss, an den Start zu gehen.

Was soll schon passieren?

Ich habe kaum trainiert.

Kann mich überhaupt nicht einschätzen.

Ich werde leiden.

Was soll’s, ich will ja bloß ankommen. Nicht umsonst heißt es: “wenn nichts geht, 50 km gehen immer”. Damit es nicht allzu einfach werden möge, den Wahrheitsgehalt des Spruches zu überprüfen, hatte sich mein Verdauungssystem etwas Besonderes einfallen lassen. Details erspare ich euch, nur soviel: unschönes Reißen in Leibesmitte begleitete mich die meiste Zeit, und ich fand es überaus erfreulich, dass ein Großteil der Strecke im Wald lag. Zweimal, folgte ich dem Gesetz des Waldes: Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch. Das fand ziemlich am Anfang statt, ab der vierten Runde konnte ich schön laufen.

Immer hübsch langsam, locker.

Lächeln. Die gute Laune wurde mit jedem Schritt besser.

Runde um Runde genoss ich es, endlich wieder eine längere Strecke unterwegs zu sein! Herrlich, so ein Tag an der frischen Luft! Irgendwann am Nachmittag war ich dann im Ziel. Die Zeit? Keine Ahnung, die war mir von Beginn an egal. Ich schätze zwischen 5:15 und 5:20.

Passt schon.

Ich hatte einen geilen Tag!

Scott in Brecon. OMM 2013

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Brecon Beacons, alias: schön!

Als Robert Scott im Jahre 1912 den Südpol erreichte, wehte dort bereits die Fahne seines Rivalen Amundsen. Geschlagen im Rennen um den Südpol machte er sich mit seinen Begleitern auf den Rückweg, wo sie den Tod fanden.
101 Jahre später: Noel und ich suchen in den walisischen Brecon Beacons nach einer Fahne. Frustriert machen wir uns auf den Rückweg…

Ein Tag vorher: das OMM Event Center befindet sich in einem großen Schafstall (wo waren die Schafe eigentlich das Wochenende über?), auf zwei großen Wiesen ist reichlich platz für Autos und Zelte.
Die Routiniers unter den Teilnehmern erkennen wir sofort an ihren Gummistiefeln. Denn Wiese plus Regen bedeutet natürlich: Matsch. Wie wir nach dem Lauf den Parkplatz verlassen würden, die Lösung dieses Problems vertagten wir auf den Moment, an dem es sich uns stellen würde. Woran wir gut taten, denn die fleißigen Helfer waren schnell dabei, Fahrplatten auszulegen. In der Tat, Briten pflegen ein inniges Verhältnis zu Schlamm!

Nach einem leckeren Frühstück – Tee und Porridge, was sonst? – machten wir uns auf den Weg zum Start. Genau genommen durften wir zunächst eine knappe dreiviertel Stunde zu einer Bushaltestelle laufen. Allein diese Strecke, über Zäune, Trails und, wer hätte es gedacht, rutschige Wiesen, würde sich andernorts als Wettkampf qualifizieren. Hatte ich mich noch gegrämt, weil ich meine Gamaschen vergessen hatte, war dieser Gram nach wenigen Minuten verflogen. Pfützen im Weg ließen kaum eine Wahl, als die Fußkleidung vorzunässen. Steinchen im Schuh? Bei den Wegen kein Thema. In der Nähe der Bushaltestelle dann eine freudige Überraschung: Tee wartete auf uns! Schon fix und fertig mit Milch und Zucker.
Voller Vorfreude saßen wir dann im Bus, dessen Scheiben angesichts der kollektiven Ausdünstungen von rund sechzig regen- und schweissnassen Läufern keine andere Wahl hatten, als in Rekordzeit zu beschlagen.

Das Ritual beim Start verdient eine genauere Würdigung. Der OMM kombiniert bekanntlich Ausdauersport mit Orientierungslauf. Mit Karte und Kompass. Was dazu führt, dass die Teams erstens im Minutenabstand auf den Weg geschickt werden, und man ihnen zweitens die Karte eben mit dem “GO!” in die Hand drückt. Hände vielmehr, denn jeder bekommt seine eigene Karte, auf der die anzunavigierenden Punkte markiert sind.
Alldieweil GPS und ähnliche Spielereien strikt verboten sind, bleibt die intellektuelle Herausforderung, jeden Kontrollpunkt mit besagter Karte und Kompass anzusteuern.

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marschig. neblig.


“Kriegen wir hin. Hauptsache, es ist kein Nebel!”

Was aber erblickten unsere Augen, als wir den Kopf auf genau jenen Hügel richteten, auf oder hinter dem die erste Kontrolle lag? Nebel!

Dessen ungeachtet gestaltete es sich gut machbar, den rechten Weg zu finden. Auf der Höhe angekommen, mitten im Nebel (vielleicht war es auch eine tief hängende Wolke), regnete es, zudem pfiff ein kräftiger Wind, so dass wir froh um unsere Klamotten waren. Die Stimmung war prima – unsere, aber auch jene von Landschaft, Wetter und Weg. Es war eine stimmige Stimmung wie ich sie von Schauerromanen kenne. Regen, Nebel, sturmumtoste Höhen. Die Option, abzustürzen hatten wir übrigens auch. Heulende Wölfe hätten eventuell noch gefehlt. Aber vielleicht habe ich zu sehr den Hund der Baskervilles im Gedächtnis. Und der war in Dartmoor aktiv.

Unsere erste Lektion lernten wir, nachdem wir einem anderen Team ein Stück ins Nichts gefolgt waren (wie gesagt: es war Nebel), in der irrigen Annahme, näher an das erste Ziel zu kommen: Ein Bach, dort am östlichen Ufer. Nach einer Stunde sinnlosen Umherstolperns sind wir zu genau jenem Punkt zurückgelaufen, von dem aus unser Plan vorgesehen hatte, uns erst gen Osten, und dann am Bach entlang zu laufen. Zehn Minuten später waren wir da. “schlechter Wirkungsgrad” würde der Techniker sagen.

Die erste Lektion hämmerten wir uns nochmal ins Hirn: bleibe bei deinem Plan, so lange er funktioniert.
Nach der ersten Freude gaben wir uns dem Gefühl hin, der Knoten sei geplatzt.

Ein trügerisches Gefühl, wie sich zeigen sollte.

Auf dem Weg zum nächsten Kontrollpunkt wurde das Wetter ausgesprochen bescheiden, was uns hoch beglückte, denn so brauchten wir zuhause wenigstens nicht lügen. Wie hätte es denn ausgesehen, wenn unser Bericht von wenig heldenhaften zwanzig Grad und Sonnenschein gehandelt hätte.

Nein, lieber stürmisch.
Dramatische Rettung einer davongewehten Karte.

Sie hatte sich beim lockeren Trab bergab von mir unbemerkt davongemacht, um unschuldig zwei Meter unterhalb des Weges am oberen Ende eines Abgrunds liegen zu bleiben. Wir spielten dann ein wenig Bergfilm: Noel übernahm den Part “tu’ es nicht”, während meine Wenigkeit als “ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss” das Leben der Karte rettete.

Irgendwann kurz nach dieser Episode muss den Drehbuchautor die hollywood’sche Happy-End-Fixiertheit verlassen haben, obwohl das aufhellende Wetter sich von der freundlicheren Seite zeigte. Bei der guten Sicht, der Nebel hatte sich gelichtet, leicht zu finden, dachten wir, und bewegten uns über das, was in Wales “babyheads”, also Babyköpfe, heißt dem mutmaßlichen Suchgebiet zu.
Babyheads sind ganz im Gegensatz zur knuddelig-süßen Assoziation Grasbüschel, zwischen denen entweder weicher Untergrund oder Wasser ist. Marschland. Kräftezehrend.

Es folgten drei Stunden, in denen wir alles ausprobierten, was uns einfiel. Kreise, Spiralen, Rechtecke. Getrennt von einander uns zusammen. Nichts. Etliche Male vergewisserten wir uns, dass wir am richtigen Ende des richtigen Sees suchten.

So schwer kann es doch nicht sein, ein Stück Stoff zu entdecken, welches etwa DIN A4 groß, und zudem noch diagonal rot-weiss gefärbt ist!

Offensichtlich schon.

Dass kein anderes Team zu sehen war, gab uns auch nicht gerade Sicherheit.

Nachdem es sich erst um den zweiten von insgesamt sieben Kontrollpunkten handelte, kamen wir schließlich – es war drei Uhr nachmittags geworden – überein, den Rückweg anzutreten.

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Blick zum See der ewigen Schmach.


Geschlagen verließen wir den “See der ewigen Schmach”, wie er fortan heißen sollte.

Passend zum Rückzug verschlechterte sich das Wetter, Sturm und Regen auf einem sehr exponierten Weg führten zum Ende einer Regenhülle. Noel, hatte sich im unpassenden Moment umgedreht, was das hinterhältige Ding sofort ausnutzte, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Eigentlich hätte er sich ein Beispiel an mir nehmen können, um ihr heldenmütig hinterdrein zu hechten. Zugegeben, es war nicht weit von der Stelle entfernt, an der meine Karte entfleucht war, und es ging wirklich steil und tief.

Jedenfalls hechtete er nicht.
War mir, offen gestanden, auch lieber so.

Beim Rückweg zum Start (Start, nicht Event Center, ich erinnere an die Busfahrt) kamen uns zuweilen Einheimische Spaziergänger entgegen, von denen manche in kurzen Hosen unterwegs waren. Seither hege ich die Vermutung, Waliser seien die Spartaner der britischen Inseln.
In Sparta setzte man angeblich Kinder in der Wildnis aus, auf dass sie ihre Überlebensfähigkeit beweisen sollten. Ich meine, in Wales gräbt man die lieben Kleinen zur Abhärtung im Sumpf ein. Babyheads, das sind keine Grasbüschel, sondern ein Kindergarten auf Härtelehrgang!

Vom Start zum Event Center zurück führte natürlich kein direkter Weg, und so stapften wir mehr oder minder frohen Mutes erst einen Wanderweg, dann eine von Hecken gesäumte Landstraße entlang. Keine Frage, dass es erst dunkel, und dann ausgesprochen ungemütlich wurde: Regen, Sturm,…ich wiederhole mich ohne schlechtes Gewissen, denn das Wetter tat es auch. Irgendwann, wir hatten unabhängig von einander schon erwogen, irgendwo das Zelt aufzuschlagen, reckte ich in einem Anflug von realitätsverleugnendem Optimismus den Daumen einem Auto entgegen, welches tatsächlich anhielt.
Ein unglaublich netter Mann erklärte mit Blick auf unsere nassen Klamotten, Ledersitze seien praktisch, weil abwischbar, um uns die letzten fünf, sechs Meilen bis zu jener abgelegenen Farm zu transportieren, die das Event Center beherbergte. Super!

Dort angekommen, streckten uns die Helfer sofort Tee und Suppe entgegen, die wir am Heizstrahler (!) aus zitternden Händen zu uns nahmen. Der Heizstrahler bildete übrigens den Mittelpunkt des läuferischen Therapiekreises. Ein Stuhlkreis ohne Stühle, in welchem die üblichen Gespräche mit anderen abgebrochen habenden Teams stattfanden:

“Und, wie war’s bei euch? Warum seid ihr raus?”

“Willst du drüber reden?” “Ja, verflucht, wenn ich mich schon nicht im Erfolg sonnen kann!”

Über die Nacht gibt es nicht viel zu berichten – wir freuten uns über die Gelegenheit, das Zelt in der Scheune aufzustellen (draußen stürmte und goss es), obwohl wir viel darum gegeben hätten, die stürmische und regnerische Nacht wie geplant im wackligen, sturmumtosten Zelt auf einer nassen Wiese zu verbringen.
Ja, ich reite auf dem beschissenen Wetter herum, weil ich es genau so liebe. OMM an der Cote d’Azur? Ohne mich!

Was bleibt vom Tage?
Ich will es wieder tun. Sofort.

Aber sagt mir eines:
Wo stand das verfluchte Scheißding, das wir nicht gefunden haben?

OMM 2013 – Brecon Beacons

OMM klingt meditativ, ist es aber nur im übertragenen Sinne. Am kommenden Wochenende findet in Wales die 25. Auflage des “Original Mountain Marathon” statt. Kurz: OMM.

Morgen früh – sehr früh, um 4:45 Uhr wird mich der Wecker aus dem Schlaf reißen – mache ich mich zu Zug und Flug gen Wales auf. Endlich kann ich wieder ein wenig Aufregung vor der Reise ins Ungewisse genießen. Marathons, Ultras, Trails – alles längst Routine.

Was ist beim OMM anders?

Zunächst geht der OMM über zwei Tage, übernachtet wird irgendwo mitten in den Brecon Beacons, einem Nationalpark im südlichen Wales. “Mitten in” bedeutet, dass wir campen dürfen, womit wir bei einer weiteren Besonderheit wären, denn beim OMM laufen wir in Zweierteams. Mit von der Partie ist mein Freund Noel Kienzle, der im September seinen ersten Lauf über vierundzwanzig Stunden über die Bühne brachte.

Nun denkt sich der Veranstalter offenbar, dass es schon genug Gruppenreisen mit Rucksack im Angebot gibt, weshalb wir sämtliches Equipment mit uns führen dürfen: Zelt, Kocher, Schlafsack, und, und, und. Auf dass individuellen Bedürfnissen in puncto Verpflegung Rechnung getragen werde, dürfen wir sie selbst mitnehmen. Von der Organisation gibt es Wasser: Samstag morgens vor dem Start – und im Camp, womit für ausreichend Flüssigkeit für das Abendessen und ein leckeres Sonntagsfrühstück gesorgt wäre.
Dementsprechend sah unsere Nahrungssuche aus: Kalorien zählen mit anderem Vorzeichen. Dazu werde ich mich gesondert auslassen, ich kriege das Dauergrinsen kaum aus dem Gesicht, wenn ich daran denke, wie ich die Packungsaufdrucke diverser Müslipackungen und Riegel studiert habe.

Eins ist sicher: der Rucksack wird über das Wochenende leichter!

Bevor noch jemand grübelt, wie groß die zu laufende Strecke wohl sein mag: ich habe auch keine Ahnung. Zur konsequenten Selbstverpflegung dürfen wir die Routenfindung in Eigenregie hinzufügen. Wie beim Orientierungslauf wird jedem Team am Start eine Karte mit anzusteuernden Punkten ausgehändigt.

GPS? Vergesst es! Handy wird ausgeschaltet und versiegelt, Karte und Kompass führen zum Ziel. Das Gehirn darf seinen Teil zum Erfolg beitragen.

In den Vorjahren kamen je Tag rund vierzig Kilometer mit etwa 2500 Höhenmetern zusammen. Wobei die Wahl des rechten Weges vollkommen dem einzelnen Team überlassen bleibt. Als Deutscher kann man sich so etwas kaum vorstellen: es interessiert keinen, ob man auf Wegen läuft oder querfeldein.
Das hiesige Bürokratenhirn würde beim bloßen Gedanken an eine solche Veranstaltung in Schnappatmung verfallen. In Großbritannien (und nicht nur dort) sieht man derlei offenkundig lockerer.

Eine Sache brauche ich wohl nicht ansprechen, tue es der Vollständigkeit halber trotzdem. Wir schreiben den 27. und 28. Oktober. In Wales. Auf den Britischen Inseln. Auch wenn das Wetter dort viel besser ist, als es Vorurteile Glauben machen; alle Lebenserfahrung spricht dafür, dass es wahrscheinlich eines wird: usselich. Ich habe mich mental auf 5 Grad (über Null) und Dauerregen eingestellt. Wenn es besser wird: umso besser. Außerdem laufe ich gerne bei Regen.

Am Sonnntag werde ich wissen, ob ich recht habe mit meiner Vermutung: körperliche Anstrengung ergibt zusammen mit der intellektuellen Herausforderung eine köstliche Mischung.

Nächste Woche werde ich berichten.

night52

Manch spontaner Entschluss stellt sich schlussendlich als goldrichtige Entscheidung heraus. Mir ging es zumindest so, nachdem ich letzten Samstag den “night52” genannten Lauf in und um Bretten genossen hatte.

Nachdem ich eine gute Woche vorher auf den night52 aufmerksam gemacht worden war, handelte es sich in der Tat um eine recht spontane Aktion. Warum auch nicht? Es ist Sommer, und die Anfahrt bis Bretten hält sich mit einer knappen Stunde auch in Grenzen.

Der Name “night52” sagt beinahe alles aus, was der interessierte Läufling wissen möchte: mit 52 Kilometern Länge, und ziemlich nachts, denn er wird um 18 Uhr gestartet, was die meisten Läuflinge bei Dunkelheit ins Ziel kommen lässt. Die beiden Erstauflagen – 2013 war die Dritte – begannen eine Stunde später, was den night52 noch nächtiger (ich weiss, dass “nächtlicher” weniger grammatikalische Zweifel aufwirft. Ist mir aber wurscht, nächtig liest sich mächtig.) machte. Mir war die vorabendliche Startzeit sehr recht, denn ich bin weder Frühaufsteher, noch laufe ich allzu gerne bei sommerlicher Hitze.

Eine wesentliche Information geht aus dem Namen nicht hervor: die Strecke weist immerhin 900 Höhenmeter auf. Rein landschaftlich gesehen führt sie auf einer schönen Runde durch den Kraichgau und durchquert idyllische Orte. Weil auf Straßen, Feld- und Weinbergwegen gelaufen wird, ist die sehr gut markierte Route technisch gesehen sehr einfach zu laufen.

Wenn ich schriebe, die Organisation wäre für einen sehr jungen Lauf hervorragend, würde ich dem night52 Unrecht tun.
Viele etablierte Läufe könnten sich vom night52 gleich mehrere Scheiben abschneiden, oder von mir aus gleich die halbe Wurst mitnehmen.
Im Ernst: der angemeldete Läufling bekommt im Vorfeld ein wunderbares Infopaket per Email (einschließlich Roadbook), welches selbst die bange Frage nach einem geeigneten Parkplatz in Startnähe beantwortet.
Mit dem Vereinsheim des TV Bretten liegt die Infrastruktur (Duschen, Aufbewahrung von Taschen, Zielverpflegung) in direkter Nähe zu Start und Ziel.
A propos Ziel: auch die Zielverpflegung ist ausgesprochen üppig.

Der night52 ist übrigens eingebettet in den “Sparkasse Kraichgau CityCup”, der diverse Läufe für Jung und alt bietet. Die Koordination der einzelnen Läufe klappt hervorragend: während Punkt 18 Uhr die Läufer der 5 km-Strecke auf die Piste gehen, startet der night52 ein paar Minuten später. Das hatte den netten Effekt, dass wir auf der Runde durch die Altstadt von den führenden “Fünfern” überholt wurden. Irgendwie witzig, hoffentlich funktioniert es auch dann noch, wenn die Teilnehmerzahlen steigen. Und ich bin sicher, dass sie es tun.

Mich deucht, als würde sich der Kraichgau als Zentrum des Ausdauersports etablieren: Anfang Juni starten Triathleten bei der Kraichgau-Challenge, einen Monat später finden gleichzeitig die Schwesterveranstaltungen CityCup und night52 statt, bis Ende September die Liebhaber von Ultratrails beim KuSuH über 100 Meilen auf ihre Kosten kommen.

Wie erging es mir daselbst? Wie meist ohne Uhr unterwegs, hatte ich mich zu einem für meine Verhältnisse zügigen Tempo entschlossen. No risk, no fun. Interessant fand ich bei diesem vergleichsweise kurzen Ultra den Unterschied im Denken. Als ich am 25 km – Schild vorbeikam, durchfuhr es mich: “oh, nur noch 27 km, da kannst’ nicht nachlassen. Mal ‘ne Viertelstunde locker ist nicht drin. Immer schön Druck auf die Beine geben.”
Immer hübsch Druck auf den Beinen belohnte mich mit immerhin 5:23:53 Stunden. Für 52 km mit 900 Höhenmetern bin ich hochzufrieden.

Ach ja: ich lag kurz vor zwei Uhr im Bett, um den größten Teil des Sonntags erstens im Delirium und zweitens auf der Couch zu verbringen. Meine schmerzenden Beine teilten mir freundlich mit, dass auch sie mit ihrer Leistung und dem Lauf hochzufrieden waren.
Ich interpretiere dies als Wunsch besagter Beine, nächstes Jahr wieder anzutreten. Da sind wir uns einig, meine Beine und ich.