Vom Frühsport und der Schlummertaste

Morgenstund’ hat, so behauptet ein Sprichwort, Gold im Munde. Aus diesem Gerücht ist vermutlich die Unsitte entstanden, bereits im Frühtau zu Berge oder anderswohin zu ziehen. Konkret starten viele Ultraläufe ausgesprochen früh.

Sehr früh.

Um sechs zum Beispiel.

In Worten: um sechs!

So schockiert meine Worte erscheinen mögen – ich schreibe sie im Bewusstsein, dass es Menschen gibt, die noch früher von selbst aufwachen und mit einem strahlenden Lächeln, ein fröhlich’ Lied vor sich hinpfeifend, aus dem Bett springen. Ein guter Freund von mir ist auch so einer dieser frühen Vögel, die den Wurm fangen. Vorausgesetzt, der Wurm ist schon wach. Wobei es dem kundigen Vogel wahrscheinlich egal ist, wenn er den Wurm im Schlaf aus seliger Nachtruhe in den ewigen Schlaf versetzt. Wetten, dass es den frühen Vogel ganz schön wurmt, wenn ich in der untergehenden Sonne ein leckeres Abendessen auf dem Balkon genieße.

Sechs Uhr (Oder andere Perversionen, sieben Uhr ist nicht viel besser, während mir die Finger beim Gedanken krampfen, ich müsste Startzeiten von fünf oder gar vier Uhr tippen. Da lass’ ich es lieber bleiben) nehmen wir mal als Metapher. Sechs Uhr, das ist mal locker zwei Stunden vor dem Aufwachen, und da bin ich schon großzügig. Um meinen Zustand zu niedrigen, einstelligen Uhrzeiten zu beschreiben, greife ich eine bekannte Redewendung auf: Aufstehen, so besagt diese, sei wie ein kleiner Tod.

Hier muss ich widersprechen.

Aufstehen ähnelt keineswegs dem Ableben, im Gegenteil!

Wenn ich mir die einzelnen Phasen des Aufstehens vor Augen führe, gleicht es eher dem Geborenwerden: Zuerst beginne ich, eine Umwelt um mich herum wahrzunehmen. Dann öffne ich ein Auge einen Spalt weit, mache die ersten, anfangs noch unsicheren, Schritte. Ich kommuniziere – zuerst mit Grunzlauten, danach folgen Ein- und Mehrwortsätze, bis ich nach geraumer Zeit im Vollbesitz meiner Fähigkeiten bin.
Das bedeutet, dass dieses Wesen, das am Start eines Frühstart-Ultras wie ich aussieht, nicht ich bin. Es handelt sich um ein Übergangs-Ich, angesiedelt zwischen dem sabbernden Säugling (der sich komischerweise aufrecht vorwärts bewegt) und einem Zombie. Anders als bei Letzterem besteht bei mir indes Aussicht auf Heilung.

Verglichen mit diesen Frühstart-Perversionen finde ich einen Start am Abend übrigens ausgesprochen human. Ob um halb sieben (abends!) oder um Zwölf (abends oder mittags ist mir gleich sympathisch) – aus dem wachen Zustand heraus laufe ich gerne die Nacht durch. Ich bin Eule, keine Nachtigall.

A propos Nachtigall.

Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

So spricht Julia zu Ihrem Romeo, nach der gemeinsam verbrachten Nacht. Wohlgemerkt waren die beiden wach geblieben, was in etwa dem Start am Abend entspricht.
Würde Julia mich mit derlei Erörterungen wecken, ich wäre kein Romeo. Mein banges Ohr durchdringt in solcher Lage so gut wie nichts. Und selbst wenn es ihr gelänge, meine Aufmerksamkeit zu erregen: Anstelle romantischer Erwiderung würde ich ihr mit Hilfe unwilliger Grunzlaute zu verstehen geben, dass mir der Sinn nach allem Möglichen steht (“alles Mögliche” bedeutet: Schlaf), keineswegs jedoch nach ornithologischem fachgespräch auf der Basis von Vogellauten. Ebenso wenig wäre ich imstande, die übermittelte Information zu Standort und Lebensraum des Vogels sachgerecht zu verarbeiten. Damit ich “dort” erkenne, müsste ich ja mindestens ein Auge öffnen, womöglich noch den Kopf bewegen, falls er nicht in die richtige Richtung orientiert ist. Und ein Granatbaum? Ich bin schon froh, wenn ich mich in der Aufwachphase selbst erkenne, geschweige denn einen Granatbaum von einem Küchentisch zu unterscheiden im Stande wäre.

Ich denke, also bin ich, schreibt Descartes.

Ein ich, das ich täglich aufs Neue entwickle.

Wobei ich eines gerne zugestehe: Sport am Morgen kann Spaß machen!

Wenn ich, bevor ich ins Büro gehe, eine Trainingseinheit absolviert habe, betrete ich dasselbe mit einem breiten Lächeln. Das soll nun nicht bedeuten, dass die Aussicht auf einen locker-lächelnden Morgen das Aufstehen an sich leichter macht, die ersten zwanzig Minuten körperlicher Aktivität sind und bleiben übel. Dabei ist es egal, ob ich Laufe oder Athletiktraining betreibe, es ist immer übel. Wenigstens bildet sich mein ich schnell, so dass ich mehr bin als ein bloßer Zustand ohne Bewusstsein, was mir motivierende Selbstgespräche ermöglicht.
Davon abgesehen lebe ich mit den bekannten Defiziten, deren Abbau ich im Laufe der Trainingseinheit miterlebe: Koordination? Kenne ich nicht. Nicht in der ersten halben Stunde, nachdem ich senkrecht bin. Seilhüpfen kann ich also vergessen. Tempotraining auch. Anspruchsvolles Krafttraining sowieso. Also starte ich mit ausgedehntem Aufwärmen – Stichwort Mobility. Füße noch im Bett kreisen lassen, das kriege ich unfall- und umfallfrei hin.

Damit der Übergang noch ein wenig sanfter vonstatten geht, hat mein Wecker eine Schlummertaste, deren acht Minuten ziemlich genau die Zeitspanne abdecken, die ich brauche, um gerade wieder einzuschlafen. Schlummertaste, o du teuflischer Engel! An schlechten Tagen gelingt es mir übrigens, mit Hilfe dieser kleinen Schlummereien genügend Zeit zu überbrücken, um doch wieder abends zu trainieren. Wobei mir dadurch logischerweise dieser unbändige Stolz auf einen erfolgreichen Aufstehvorgang versagt bleibt.

Ganz perfide wird es, wenn sich meine Blase mit der Schlummertaste verbündet. Gerne tut sie das vor dem ersten Piepsen des Weckers, wenn es schon hell ist. Damit wir uns richtig verstehen: ein, zwei Stunden Frist sind wirklich kein Ding. Einmal raus und wieder rein ins Bett und flugs in den sofortigen Tiefschlaf. Ich kriege kaum mit, dass ich draußen war.

Nein, die wahren Schrecken erlebe ich, wenn ich etwas wacher bin.

Dann kämpfe ich.

Vergebens.

Nicht einmal Chuck Norris kann wieder einschlafen, wenn er nachts pinkeln muss, ohne auf dem Klo gewesen zu sein. Wie ich es drehe oder wende: es klappt nicht. Also raus. Meine Blase weiß das. Und bringt diese widerlichen Aktionen der Blase, so zwanzig Minuten vor dem ersten Läuten. Gemütlich liegenbleiben und abwarten, bis es piepst? Vergiss’ es! Also raus, halb wach sein, wieder einpennen bis gefühlte zwei Sekunden später der Wecker seine Pflicht tut.

Aufstehen ist kein kleiner Tod, es ist ein Ritual. Ein Ritual, welches die höchst empfindliche Psyche eines schlafenden Menschen behutsam in den wachen Zustand bringt. Wie das Leute hinkriegen, die zu nachtschlafender Zeit schon fröhlich und agil wirken, ist mir ein völliges Rätsel.
Wenigstens sind die meisten so einsichtig, dass sie mich in meinem labilen Zustand nicht aggressiv ankommunizieren, oder gar Antworten auf offene Fragen erwarten! So naiv ist kaum jemand. Wer sich mit Grunzlauten zufrieden gibt – meinetwegen.

Es bleibt die Frage der frühen Startzeiten. Angeblich sei es schwer, Helfer zum längeren Bleiben zu bewegen, hörte ich einmal. Sind denn alle Helfer solche früh-aus-dem-Bett-Hüpfer? Oder ist das mancherorts eine perverse Tradition?
Eine Tradition, geboren aus der Auffassung: wenn wir früher anfangen, haben wir mehr vom Tag? Ehrlich, Leute, wieviel habe ich von einem Tag, von dessen ersten paar Stunden nichts mitkriege?

Frühaufsteher freuen sich natürlich.

Ich dagegen grunze vor mich hin und bin froh, wenn ich zu zweistelligen Uhrzeiten feststelle: O geil, ich bin wieder auf der Welt!

Außentemperaturgeführt

Kennt ihr diese “außentemperaturgeführten” Heizungen? Wird es draußen wärmer, regelt solch ein Gerät die Wassertemperatur von selbst herunter. Scheinbar absurd, denn wen interessiert es schon, ob es draußen warm ist, wenn er drinnen friert.
Doch manchmal ticken wir Sportlinge ähnlich, womit wir uns selbst ein Bein stellen.

Vielleicht sollte ich zunächst eine Lanze für die Heizungstechnik brechen, bevor sich der Eindruck verfestigt, ich bräche den Stab über sie. Wenn’s draußen wärmer wird, könnte man die Vorlauftemperatur der Heizanlage senken – ähnlich wie bei der Nachtabsenkung auch. Alternativ dazu ließe sich ein Raum in der Wohnung zum Referenzraum befördern: er entscheidet über hohe oder abgesenkte Temperatur des Heizungswassers. Aber ich bleibe bei der Außentemperatur als Steuerungsgröße. Von der technischen Seite her ist das Konzept für mich nachvollziehbar, vor allem dann, wenn Dummheiten vermieden werden, wie den Temperatursensor an einer sonnenbestrahlten Stelle zu montieren. Dennoch bleibt nicht nur emotional, sondern auch technisch ein Zweifel. So eine leise Stimme, die mich darauf hinweist, dass mich die Temperatur draußen nur bedingt kümmert, wenn ich drinnen in der – möglicherweise eben keinesfalls warmen – Stube sitze.

Ich richte meinen Blick nach außen in der Annahme, er gäbe den inneren Zustand korrekt wieder.

Das kommt mir bekannt vor.

Schmerzlich bekannt.

Schändlich gar.

Fällt mir doch spontan ein Lauf (nicht nur einer…) ein, der mich in die außentemperaturgeführte Falle hat tappen lassen. Oder, abstrakter: ich habe mich an irgendwelchen dämlichen Vorgaben, an Zahlen orientiert, statt mich von meinem inneren Zustand leiten zu lassen.
Konkret hatte ich mir beim 24-Stunden-Lauf einen bestimmten Schnitt vorgenommen (ja, ich weiß…). Dummerweise stieg die Außentemperatur (sic!) auf über dreißig Grad. Ich strengte mich an, den Schnitt zu halten (ja, ich weiß…), in der Hoffnung, die Hitze würde nicht allzu lange anhalten (ja, ich weiß…). Und so weiter. Hätte ich (ja, ich weiß..) meinen inneren Zustand konsequent verarbeitet, der Lauf wäre viel schöner gewesen. Und, glaubt mir, ich habe die ganze Zeit gemerkt, dass mir heiß war. Ein Jahr drauf bin ich in der heißen Phase deutlich langsamer unterwegs gewesen. Bin schließlich lernfähig!

Das Hitzebeispiel ist allerdings nur eines von vielen möglichen, ich will gar nicht zu sehr darauf herumreiten. Vergessen wir deshalb die Temperatur, um wieder zu abstrahieren.
Dort draußen gibt es noch viele Einflüsse, mit denen wir uns selbst leiten – oder in die Irre führen lassen.

Da gibt es diese schönen Tage, kühl und doch nicht kalt, mit herrlichem Sonnenschein. Und dennoch frieren oder schwitzen wir. Wie kann das sein, es hat doch nur (beliebige Temperatur einsetzen) Grad? Gewiss habt ihr bemerkt, dass es doch noch um Wärme geht. Oder ihre Abwesenheit. Allerdings nicht nur darum, auch nicht um Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen, sondern auch um das, was wir als Tagesform kennen. Das eigene Empfinden richtet sich eben nicht nach dem Thermometer. Eine simple Erkenntnis, die offenkundig das Begriffsvermögen vieler Armeen übersteigt. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie Sommer befohlen werden könnte.

Im Übrigen wird der gemeine Sportling häufig geneigt sein, seinen Trainingsplan als unumstößliches Gebot anzusehen. Wenn’s nicht so schwer wäre, man würde Läuflinge Marmortafeln anstelle von Smartphones schleppen lassen, in die Tempi, Distanzen und Ziel-Herzfrequenz mit güldenen Lettern einlassen sind. Die Änlichkeit mit Grabsteinen kommt hier nicht von ungefähr.

Still und starr ruht der Plan.

Allerdings, und das ist die Kehrseite der Medaille, sind Körper und Geist wahrhaft trickreiche Wesen. Im Team verbünden sie sich manchmal zum Schaden des Sportlings, denn so wie sich übertriebener Ehrgeiz und starres Festhalten am Plan manchmal in Verletzungen niederschlagen – woraufhin der Sportling zu Recht niedergeschlagen ist, sorgen sie im umgekehrten Fall in trauter Einigkeit für ein Zuwenig an Sport.

Bei mir sind es hochintensive Intervalle, die manchmal dieses “Huch, ich strenge mich an! Ich will mich nicht anstrengen! Ich brauche Pause! Jetzt!” auslösen. Fällt euch die Steigerung im Zitat auf? Von der Realisation, dass ich mich anstrenge, führt der Weg in direkter Folge zum Drang nach Pause. So weit, so normal. Ziemlich normal.

Da ist es natürlich der Kopf, der mich dann weitermachen lässt. Oder auch nicht.

Denn das Hirn ist manchmal ein kleiner fauler Sack. Da wird ein Zipperlein des inneren Zustands, den zu beobachten ich oben gefordert habe, schnell zur dräuenden Unbill, die natürlich nur durch sofortige Pause abgewendet werden kann. So ein kleiner Sack, dieses Hirn.
Das wäre dann eine Situation, in der es (das Hirn) sich münchhausenartig am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen muss.

Und wie?

Durch den Blick nach draußen!

Es ist nicht einfach.

Aber, wie der Volksmund weiß: wäre es einfach, würde es Fußball heißen.

Notkörper

Beim Frühstück im Hotel heute morgen ließ ich den Blick über meine Mitmenschen wandern. Es handelte sich um die übliche Mischung aus Kaum- bis Nichtsportlern, wie sie uns tagtäglich begegnet. So weit, so bekannt. Neu war allerdings der Begriff, der sich in meinem Kopf formte: Notkörper. Ich finde, er bedarf einer näheren Betrachtung.

Notkörper ist zwar das spontan geformte Wort von heute früh, jedoch würde Behelfskörper das, was ich sagen will, besser treffen: da kommt der behelfsmäßige Charakter, das Improvisierte, dieses “von mir aus, wenn nichts Gescheites verfügbar ist, nehme ich halt das Ding” ans Licht. Ich bleibe trotzdem bei Notkörper, weil es sich griffiger anhört.

Worauf will ich hinaus?

Ein Notkörper wirkt, als sei er für den Notfall gemacht – nichts, was ich täglich benutzen, und schon gar nicht belasten würde. Wenn ich bei nicht ganz stabilem Wetter länger draußen unterwegs bin, habe ich eine Notfall-Regenjacke dabei. Ihr kennt diese Plastiktütendinger, die es für kleines Geld zu kaufen gibt. Ich würde nicht auf die Idee kommen, bei Regen mit sowas loszuziehen. Nein, dafür taugen die Teile nicht. Falls es im unwahrscheinlichen Fall zu Niederschlag und Wind kommt, kann ich sie einmal anziehen, freue mich über meine Vorsorglichkeit – und damit hat es sich. Ernsthaft geplante Einsätze verlangen nach tauglicher Ausrüstung.

Ernsthaft geplante Einsätze verlangen also nach einem geeigneten Körper? Gemach, dazu komme ich später. Zunächst bleibe ich bei den Analogien, indem ich ein paar Worte zur Notnahrung verliere. Die muss sich lange halten, nahrhaft sein und dem Esser eine Notlage erleichtern. Von Genuss oder Ausgewogenheit ist nicht die Rede!

Diese Hilfsmittel für die Not, von denen ich spreche, haben eine armselige Facette, die Mitleid auslöst: “Ach der Ärmste wurde vom Regen überrascht, zum Glück hatte er die Plastiktüte im Gepäck.“. Gleichzeitig dürfen wir die Notfallobjekte bedauern, denn wer kümmert sich schon groß um sie. Sie fristen ihr Dasein unbeachtet, ohne die Aufmerksamkeit, die würdigeren Ausrüstungsgegenständen zuteil wird, bis sie entweder gebraucht, oder weggeworfen werden.

Wundert mich eine äußere Erscheinung, wie jene, auf die ich heute morgen gestoßen wurde?

Es bot sich das fast schon gewohnte Bild eines Mannes – ich schätze ihn auf Mitte dreißig, dessen Hose am Hinterteil schlichtweg flach war. Die zugehörige Dame sah übrigens genauso aus.
Kein Arsch in der Hose. Kein Wunder, dass die Rückansicht einen traurigen Arsch präsentierte. Wie soll er denn auch glücklich werden, so ohne Bewegung? Ein Arsch freut sich doch, wenn man ihn hochkriegt!

Immerhin hatten die beiden nicht diese Kastanienmännchen-Statur. Sagt euch nichts? Nun, so sieht es aus, wenn ein kugelrunder Oberkörper auf staksigen Hax’n steht. Flamingo Style ist übrigens etwas anderes. So nennen die Bros in den Gyms ihre Kollegen die nur ihren Oberkörper trainieren. Pumpen, Digga! Ob mit dieser Form des halben Trainings zwangsweise rosa Kleidung verbunden ist?
Davon abgesehen könnte der Eindruck entstanden sein, ich würde das Aussehen als Trainingsziel anerkennen. Weit gefehlt! Ästhetische Trainingsziele halte ich nach wie vor für schwachsinnig, und im Kontext dieses Artikels mache ich meine Rede sofort angreifbar, wenn ich, wie es bis hierhin erscheinen mag, muskulöse Körper als Ideal hinstelle. Das riecht ja verdächtig nach Bodybuilding!
Ich muss bei der Vorstellung, ich könnte derlei fordern, selber lachen. Das Gegenteil eines Notkörpers ist doch nicht der Leib eines Herkules, es ist ein Körper, der benutzt wird. Selbstverständlich sieht man ihm das an!

Denn wie steht es mit den schnellen Gazellen, die ihren Marathon locker unter zwodreißig laufen, und trotzdem keine muskulösen Körper haben? Die tragen Skinny Jeans und rennen mir trotzdem auf und davon! Ich lasse an dieser Stelle das Thema Muskelfasertypen außen vor, obwohl es gut reinpassen würde. Stattdessen erlaube ich mir den deutlichen Hinweis, dass auch diese dünnen Sportler sehr sportlich aussehen. Da geht’s nichtmal um die Frage, wie die Hose ausgefüllt ist, oder darum, dass Ausdauersportler zwar nur selten muskulöse, jedoch immer trainiert wirkende Oberkörper haben. Alleine die Körperhaltung lässt sehr klar erkennen: dieser Körper ist ein gut gepflegtes Instrument! Dieser Körper gehört einem Menschen, der seinen Körper mag!

Ich sollte zwei Aspekte ansprechen, die sich aus dem oben Gesagten ergeben.
Wenn ich – das wäre “erstens” – die Plastiktütenjacke als Beispiel anführe, ist automatisch klar, dass es noch eine richtige Jacke geben muss. Dem Besitzer eines Notkörpers steht demnach noch ein weiterer Körper zur Verfügung, einer, der nicht nur im Notfall mit deutlichen Einschränkungen verwendet wird, sondern der eine solide, Basis darstellt: “Ich bin heute mit der alten Karre unterwegs, mein echtes Auto ist in der Inspektion“. In alten Zeiten unterschied man zwischen Alltags- und Sonntagskleidung. Mit dem Unterschied zum Notkörper allerdings, dass auch die Alltagskleidung nicht diesen erzwungenen, nötigen Charakter hatte.
Halten Notkörpermenschen gar einen zweiten Leib auf Vorrat bereit? Einen für besondere Anlässe? Und welch Besonderheit sollte sie dazu zwingen, den Ersatzleib einzusetzen? Selbst wenn es so wäre, würde ich doch fragen, wieso sie nicht immer den guten Körper nehmen. Das würde ja bedeuten, tagein, tagaus unter der Plastiktüte zu schwitzen, auf Taschen, Komfort und Robustheit zu verzichten, während die teure Outdoor-Superjacke im Kleiderschrank wartet. Worauf nur?

Zweitens impliziert Notkörper nicht nur den Notfall, sondern eben auch, dass er nur in diesem benutzt wird. Notkörperträger nehmen ihren Notkörper nur, wenn es nicht anders geht. Diese notdürftig funktionierenden Leiber bewegen sich unter Zwang, und nur unter ihm. Ich kann das nachvollziehen, meine Notdurft verrichte ich schließlich auch, wenn der Druck hinreichend groß ist. Wer setzt sich schon aufs Klo, wenn er nicht muss? Der Notkörperbesitzer hat anscheinend ein ähnliches Verhältnis zu Bewegung im weitesten Sinne: Ohne Not, lässt er sie bleiben. Wahrscheinlich nimmt er jedwede Form der Bewegung als Notzucht wahr; schlimmer noch als die ehelichen Pflichten.

Ich will keinesfalls über unsportliche Menschen lästern. Das macht zwar bisweilen Spaß, ist hier und jetzt aber kein Thema. Wobei ich passenderweise später am Tag in einer Zeitung las, dass einer Statistik zufolge etwa die Hälfte aller EU-Bürger keinerlei Sport treiben (Quelle: Eurostat, den Link suche ich noch raus). Völlig ok, wenn jemand keinen Bock auf Bewegung hat, und auf diese Weise mit sich im Reinen ist.

Natürlich frage ich mich, ob ich Lust hätte, bei alltäglichen Verrichtungen ziemlich nah an meine Grenzen zu gehen. Eine Stunde Fortbewegung per Pedes kratzt Meinesgleichen ebenso wenig, wie mal eben eine Getränkekiste in den zweiten Stock zu tragen. Ich finde es auch bedenklich, wenn ich manche Lauffreunde an der Agilitätsleiter sehe. Bewegungslegasthenie in Reinkultur. Oft sind das auch diejenigen, die ausschließlich auf flachen Strecken unterwegs sind. Kein Wunder, dass sie gerne mal hinfallen, wenn sie sich im Wald einer Wurzel gegenübersehen. Wollte ich meine Gedanken bis hierhin zusammenfassen, würde ich von Defiziten sprechen. Defizite in der Agilität, bei der Kraft, der Ausdauer, der Bewegungsqualität und so fort.

Manch einer leistet sich einen Leib, der ein einziges Defizit zu sein scheint. So wie eine Notfallregenjacke auch ein sehr defizitäres Kleidungsstück ist, das allerdings in einem sehr begrenzten Anwendungsfall gut funktioniert. Wo ein Notkörper seine Stärke hat, muss mir allerdings erstmal jemand erklären.

Gesund ist das Dasein eines Notkörpers nicht. Oder doch? Beschreibt Gesundheit einen Prozess oder einen Zustand? Ist Gesundheit nur die Abwesenheit von Krankheit, oder eine Fähigkeit, der ich für dieses Beispiel mit Belastungsreserve eine beachtenswerte Facette anhefte?
Wenn ich mit dem Gesundheitsthema beginne, nimmt meine Argumentation die falsche Richtung. Gesundheit ist für diese Betrachtung nicht relevant.

Und was ist mit dem berühmten Zitat des Gewichthebertrainers Mark Rippetoe? “Strong people are harder to kill than weak people and more useful in general.” Starke Menschen lassen sich schwerer umbringen als schwache und sind insgesamt besser zu gebrauchen? Ach was, wer in dieser Aussage nichts weiter erkennt als Utilitarismus, hat ihren Kern nicht verstanden. Nützlichkeit bedeutet im Zusammenhang mit dem eigenen Körper doch in allererster Linie Eigennutz, der, wenn ich mich so weit aus dem Fenster lehnen darf, auf Lebensfähigkeit zielt. Nicht im Sinne von Überlebensfähigkeit, sondern Lebensqualität.

Damit drängen Stichworte an die Oberfläche, die sich im langen Text verborgen gehalten hatten. Stichworte wie agil und attraktiv sein, springen können, aus einem Stuhl aufstehen, nicht hinfallen (wenn doch, verletzungsfrei bleiben), Lächeln, sich selbst und anderen helfen, …. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Das soll kein Pamphlet sein, das allen Menschen auferlegt, sie müssten unbedingt ihren Körper benutzen. Ich formuliere kein “Sollen” im Sinne von “du sollst dich bewegen”.
Wer mit seinem Notkörper zufrieden ist, muss zumindest in dieser Hinsicht als glücklicher Mensch gelten. Mir persönlich gefallen – an mir selbst und an anderen – Körper besser, für die aus einer kleinen Unbill keine Notlage erwächst. Die in meinen Augen kein Mitleid erregen. Ein artgerecht bewegter Arsch ist ein freudiger Hintern.

Für mich.

Ich fordere nichts.

Ich beschreibe die Wirkung, die ein Notkörper auf mich hat, wenn ich einen sehe.

Wie ein Traum

Wie es manchmal eben so ist: kaum zuhause angekommen, gab ich mich dem Bedürfnis nach frischer Luft unverzüglich hin. Beinahe, denn ein kleiner Verzug entstand durch das obligatorische Umziehen. Laufen in Jeans muss ja nun wahrlich nicht sein.
Was war es, das mich nach draußen gezogen hatte? Aus dem Auto konnte ich schon die herrliche Stimmung wahrnehmen, die von Kälte, Schnee und Nebel bestimmt wurde. Obendrein meldeten meine Beine höchste Lauflust. Nichts wie hinaus!

Kaum hatte ich den Lichtkreis der Ortschaft verlassen, umfing mich allumfassende Gräue. Nein, kein Grauen, wie ich es mir seinerzeit beim Schauerlauf gekonnt einzureden versuchte, sondern Gräue.

Grau war die Farbe, die alles zu bestimmen schien. Ein Effekt, der auch dadurch ermöglicht wurde, dass es hell genug war, um ohne Lampe zu laufen. Der Schnee bot genug Helligkeit, selbst im Wald.
Ich lief, begleitet vom Knirschen des Schnees bei jedem Auftreffen eines Fußes.

Außer mir ist niemand unterwegs, Schnee und Nebel verwischen Konturen, schlucken Geräusche. Es gibt nur mich inmitten einer Glocke der Sichtbarkeit, deren Grenzen die Grenzen meiner Welt bilden. Von Zeit zu Zeit betritt ein Busch, ein Zaunpfahl meine Bewusstseinsglocke, um sie einige Schritte weiter hinter mir wieder zu verlassen.

Ich bin alleine in der grauen, konturlosen Welt.

Wenn es einer Erfahrung bedürfte, um die Idee des Solipsismus zu begreifen; dies wäre eine gute Gelegenheit.

Nun bin ich kein Solipsist, wodurch mir eher die Assoziation an einen Traum in den Sinn kam. Eine Welt, wie sie in früheren (viel früheren) Jahren des Fernsehens als schwarz-weiß geläufig war. Allerdings stellt sich mir die Laufwelt verschwommener dar. Auf einer Kuppe, die ich, wie ich weiß, überqueren muss, damit ich zum Wald komme, sehe ich – nichts. Grau der Schnee unter mir, etwas dunkler grau der Nebel um mich herum. Nach einigen Minuten, in denen ich nach Gefühl bergab laufe, nähere ich mich einem dunklen Schatten: der Wald. Ich beglückwünsche mich zu meiner punktgenauen Navigation, als ich in den Wald eintauche.

Eine gute Stunde später betrete ich meine Wohnung.

Sehe Farben.

Fast scheint es mir, als würde ich mich des Farbsehens erinnern.

Ich bin wieder wach.

Mir ist nicht zumbig zumute

Neulich war ich zum Training in einem Studio eingeladen. Wir hielten uns in der Ecke mit den freien Gewichten auf, also Kettlebells und Langhantel, als rhythmische Klänge an mein Ohr drangen. neugierig geworden, blickte ich durch eine Scheibe in den Nebenraum, wo meine verwunderten Augen eine Gruppe Menschen erblickten, die im Takte der Musik Bewegungen auf kleinen Trampolins ausführte. Angeleitet wurden sie von einer Art Vortänzerin, welche verschiedenartige Hopser beispielhaft vorgab. Dazu machte sie im halbminütigen Abstand lustschreiartige Geräusche, die wie “WOHOUUU” klangen.
Irritiert wandte ich mich wieder meinem eigenen Tun zu, währenddessen ich über das eben gesehene – und meine Haltung dazu – nachsann.

Zumba, Jumping, Spinning oder Synchronschwimmen, all das lässt mich an “Tanzen in der Gruppe” denken. Als ob Tanzen alleine nicht schlimm genug wäre. Ich bin nicht nur ein leidenschaftlicher Nichttänzer, ohne jegliches Rhythmusgefühl – an dieser Stelle gestatte ich mir den Hinweis, dass ich bewusst nicht Taktgefühl geschrieben habe – obendrein reagiere ich recht sensibel auf Musik, die mir nicht gefällt.

Ist es die Musik, die mich abtörnt?

Nein.

Ganz sicher würde mir zumbige Bewegung selbst dann nicht zusagen, wenn man meine Lieblingsmusik spielen würde. Dennoch, das heißt, obwohl ich versuche, Musik aus der Betrachtung auszublenden, will mir dieses nicht recht gelingen. Musik scheint mir eine Facette zu sein, in der sich ein Grundprinzip von Zumba & Co ausdrückt. Denn ob Zumba, Indoor Cycling, BodyPump oder anderes, all diese Aktivitäten haben eine Sache gemein: einer macht’s vor, alle anderen ahmen die Bewegungen nach. Selbe Übung, selbe Musik -der Takt wird vorgegeben.

Ich will hier nicht die große Klatsche mit der Aufschrift Gleichschritt herausholen. Es wird natürlich nicht militärisch-zackig im gleichen Schritt marschiert, gleich getaktet sind die Bewegungen allerdings schon. Das ist anders als beispielsweise beim gemeinsamen Laufen mit anderen, wo jeder dem eigenen Tritt frönt. Und es unterscheidet sich vom Workout zusammen mit Freunden: zusammen lachen, für sich trainieren.

Fremdbestimmtheit ist das entscheidende – das unterscheidende – Stichwort. Beim Fitness Can-Can schwingen alle Beine in dieselbe Richtung, alle gleich weit, damit auch keiner aus dem Takt kommt. Dem Takt, den die Musik vorgibt. Dazu macht man die Bewegung, die die Übungsleiterin vormacht. Man macht nach, statt selbst zu machen.

Mir fehlt Individualität bei diesen Geschichten. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, weshalb mir Individualität am Herzen liegt. Würde ich mich einen Individualisten nennen? Nein, das wäre mir nicht nur zu dogmatisch, vor allem klingt es zu bewusst in meinen Ohren. Bekennendes Individuum, das gefällt mir besser.

Sollte ein Individuum während des kollektiven Schwitzens Lust auf einen Purzelbaum bekommen: Im zumbigen Umfeld würde das wohl für Irritationen sorgen. Zugegeben, auf einer längeren Laufrunde wirkte es auf Mitläufer gleichfalls kurios, jedoch ohne den Beigeschmack eines Ausbruchs aus dem Kollektiv.

Deshalb ist mir nicht zumbig zumute.