Nur ein Viertelstündchen…

Training ist besser als kein Training.
Und was wäre besser, als mit einer solchen Binsenweisheit zu starten, auf dass wir mit ihr einen stabilen Stand finden, von dem aus wir uns weiterbewegen.

A propos stabiler Stand: Bleiben wir doch ein Weilchen bei der Überschrift, die der typische Morgenmuffel (ich weiß, wovon ich rede…) nur allzu gut kennt. Ein Viertelstündchen, das sind rund zwei Schlummerphasen eines modernen Weckers, also nicht wirklich viel Zeit (als typischer Morgenmuffel weiß ich, wovon ich rede, aber das ist wirklich ein anderes Thema).
Um diese kurze Zeitspanne soll es gehen, und um die Frage: wie nutzen wir sie?

Wenn ihr bis hierhin gelesen habt (danke für’s Dabeibleiben!), dann wohl auch deshalb, weil wir uns über die anfangs gemachte Aussage einig sind: Training ist besser als kein Training.
Eine Viertelstunde ist hinreichend kurz, um Ausreden im Sinne von „Ich habe keine Zeit!“ einen kurzen, aber stabilen Riegel vorzuschieben, andererseits doch lang genug für Gedanken zur Gestaltung.
Bei einer Minute lohnt kaum der Gedanken.

Nur eine Minute?

Burpees! 😉

Also eine Viertelstunde. Wobei eine Viertelstunde ebenso gut zehn Minuten, oder auch zwanzig sein können, die Aufgabenstellung bleibt dieselbe: Ich will in wenig Zeit einen nutzbringenden Belastungsreiz setzen.
Mit der Maßgabe wenig Zeit sollte auch klar sein, was wir lieber bleiben lassen. Alles, was nach „Ausdauer“ riecht, passt schon vom Zeitrahmen her nicht rein. Sprinter oder Gewichtheber werden an dieser Stelle einwenden, dass eine Viertelstunde im Verhältnis zur Wettkampfdauer sehr lang ist. In der Tat ist sie das – aber eben dann, wenn wir sie mit der Dauer eines Wettkampfes vergleichen. Eine Trainingseinheit dagegen….

Wir vergessen alle reinen Ausdauerdisziplinen, wie Radfahren, Spaziergang oder Joggen. Genauso fällt meiner Meinung nach alles flach, was nach Rüstzeiten verlangt. Wenn ich mir beispielsweise wegen fünfzehn Minuten die Langhantel für Kniebeugen schnappe, brauchen die Umbaupausen unverhältnismäßig viel Zeit.
Das führt mich gleich zum nächsten Punkt: Trainingsreize, für die ich mich extra aufwärmen muss, um sie ausführen zu können, sind in einer solchen Einheit witzlos. Krafttraining, bzw. olympisches Gewichtheben verlangt nach Steigerung des Gewichts über mehrere Sätze hinweg; mit den Satzpausen ist unsere vorgegebene Trainingszeit schnell vorbei. Ein Gleiches gilt übrigens für Sprints. Die würde ich auch nur nach kurzem Aufwärmem ausführen – selbst wenn das nur fünf Minuten wären, machen sie ein Drittel meiner Trainingszeit aus.

Was bleibt übrig?

Mehr, als wir im ersten Moment glauben!

Was in den obigen Sätzen sehr vorsichtig klingt (kein hartes Krafttraining, keine Sprints,…) wird sich im untigen Teil als immer noch ausgesprochen reichhaltige Auswahl herausstellen, denn es bedeutet keinesfalls: Du sollst dich nicht anstrengen!

Im Gegenteil, unser Viertelstündchen ermuntert uns: Gib Gas!

Eine kurze, intensive Trainingseinheit.

Mit Trainingsreizen, reizend und reizvoll! 🙂

Ich präsentiere ein Beispiel für eine kurze Trainingseinheit, welche ich im schonungslosen Selbstversuch kürzlich angewandt habe. Eigentlich wollte ich eine Runde rennen (was ich im Anschluss auch tat), vor diese gedachte ich ein knackiges Athletiktraining zu setzen. Dauer? Ihr dürft genau ein Mal raten!

Ich griff zu einer Kettlebell mittleren Gewichts, mit der ich links und rechts je drei Turkish-Get-Ups ausführte. Dergestalt gekräftigt, durchbewegt und aufgewärmt schloss sich ein frei improvisiertes Programm mit zwei Clubbells an, um mit Seilspringen abgeschlossen zu werden: Fünf Minuten aus 30 Sekunden Springen, gefolgt von 30 Sekunden Pause. Unter’m Strich waren das irgendwo zwischen 15 und 20 Minuten, bevor es an’s läuferischen Ausdauerprogramm ging, das aber nicht zum Thema dieses Artikels gehört.
Inhaltlich also intensive Übungen mit moderaten Gewichten, wobei sich die Intensität steigerte. Zum Schluss noch das, was gemeinhin als Cardio bezeichnet wird: Knackiges Training mit hinreichend (!) hohem Puls fördert die maximale Sauerstoffaufnahme des Körpers!

Es geht natürlich auch einfacher und mit weniger Gerätschaft.

Das von Pavel Tsatsouline erdachte Programm Simple & Sinister sieht Turkish Get-Ups für zehn Minuten vor, gefolgt von fünf Minuten Swings mit der Kettlebell.

Oder, ganz ohne Geräte: Krabbeln, danach Liegestütz und einbeinige Kniebeugen im Wechsel, danach Burpees (wer’s sauber hinkriegt, alle anderen sollten Strecksprünge oder Tuck Jumps machen).

Richtig eingesetzt ist so eine Viertelstunde keineswegs „nur“ ein Viertelstündchen, die fünfzehn Minuten können im Gegenteil ganz schön lang werden…
Und das Schöne daran ist, dass sie sich sehr gut in sportartspezifische Trainingspläne einbauen lassen. Ich weiß ja, dass viele Läufer eine starke Aversion gegen Kraft- / Athletiktraining haben. Wenn wir uns einen „typischen“ Trainingsplan für Läufer ansehen, bleibt genug Raum für derartige nutzbringende Kurzeinheiten.

Und für all jene mit zeitweise knapp bemessener Zeit gilt die eingangs zitierte Regel: Training ist besser als kein Training.

Kurz mit Nutzen, denn: Ausrede ist alles, was dich vom Training abhält. 😉

Hinweis:
Dieser Artikel entstand in freundlicher Zusammenarbeit 21RUN. Das bedeutet: Ich habe ihn so geschrieben, wie mir der Sinn stand und einen Link (ohne Tracking) eingefügt.

Spaß beiseite!

„Sport muss Spaß machen“! So lautete mein Credo, woraus ich ableitete, ein jeder Mensch brauche nur den für sich richtigen Sport zu finden, so er denn überhaupt welchen betreiben wollte. Kürzlich erhielt ich einen Denkanstoß, der mich seither fragen lässt: „Muss Sport Spaß machen?“

Ich will vorausschicken, dass ich nicht vorhabe, in diesem Artikel erstmal darüber zu sinnieren, was das denn eigentlich sein soll: Sport. Da komme ich vom Hundertsten ins Tausendste, und laufe bei jedem zweiten Satz Gefahr, dogmatischen Unsinn zu verkünden wie: Fußball? Das ist doch kein Sport!Tanzen? Das ist doch kein Sport! – Zumba? Hm….. 😀
Außerdem finde ich Leute cool, die von sich sagen, sie fühlen sich wohl, so wie sie sind und hätten keinerlei Lust auf körperliche Betätigung. Cool, weil sie mit sich selbst im Reinen sind.

Dieser Artikel ist uns anderen gewidmet: allen, die gerne Sport treiben, und denen, die es vielleicht nicht tun, die aber Defizite (oder Überschüsse, auf welche Spiegel und Waage sie hinweisen) an sich erkennen. Eigentlich vor allem für Letztere, denn von ihnen höre ich öfter dass sie Sport treiben müssten, jedoch keine Freude daran hätten .

Schon sind wir beim Thema.

Muss Sport Spaß machen?

Ich selbst bin ja fein raus, weil ich einige Sportarten gefunden habe, die ich liebend gerne ausübe. Anderen Sport – Volleyball, Basketball und alles, wobei Musik eine zentrale Rolle spielt, mögen andere betreiben.
Sport macht (mir) also Spaß.
Wenn ich das aber so stehen lasse, verkenne ich dann nicht den Nutzen von Sport? Entlarve ich mich dann nicht als Anhänger einer Spaßgesellschaft, die an der Oberfläche des Amusements bleibt, ohne weiter über die positive Wirkung von Bewegung nachzudenken? Partygirls und -boys: Sympathisch, smart, substanzlos. Wobei es ja nicht so ist, als würden mir die Folgen meiner Leidenschaft verborgen bleiben: Bessere Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer und so weiter.

Kurzum: Das, was viele sich an Lebensqualität wünschen, wie etwa Treppen ohne Verschnaufpause steigen zu können, oder auf einem Bein stehend Socken anziehen, hat zumindest Anteil an der Rolle, die Sport einnehmen kann.

Andererseits: Soll ich Sport mit schwermütiger Bedeutung aufladen, bis dass der Spaß verschwindet? Sport als Arbeit erinnert mich an Wörter wie Beziehungsarbeit, Trauerarbeit, Erholungsarbeit. Ja, arbeiten wir denn nur noch?

Kommt dann ein Mensch nach einem Arbeitstag nach Hause, wo anstelle des Feierabends der Termin mit Sportarbeit auf ihn wartet?

Im Übrigen will ich Arbeit keineswegs als Gegensatz zu Spaß sehen wollen. Auch Arbeit kann / darf / soll /… Spaß machen. Und, vor allem, muss Arbeit Sinn vermitteln. Ich denke, langsam komme ich der Sache näher.

Denn: Halte ich mir vor Augen, dass beim Sport positive Wirkungen über den Spaß hinaus eine wesentliche Rolle spielen, kommt „nur“ eine weitere Facette hinzu. Ich kann Sport treiben, weil er mir Spaß macht, und ich kann Sport für das machen, was er bewirkt.
Mal ehrlich: Zähneputzen macht mir keinen Spaß. Allerdings sehe ich ein, dass es wegen der Mundhygiene nötig ist.
Bad putzen macht mir keinen Spaß. Ich mag aber ein sauberes Bad haben.
Macht mir Kochen Spaß? Nein, verhungern aber noch weniger.
Anders als die Menschen, die mit Hingabe und Leidenschaft in der Küche stehen, bereite ich mein Essen, nunja, aus Pflichtgefühl mir selbst gegenüber zu. Dazu gehören Erfolgserlebnisse, denn wenn’s mir schmeckt, weil ich mich einer „kochlichen“ (inspiriert durch „sportlichen“) Herausforderung gestellt habe: Prima!

Das heißt, wir reden nicht vom Widerspruch „entweder Spaß, oder Arbeit im Sinne von etwas sehr unangenehmen“, sondern von zwei Dimensionen derselbsn Sache. Zwei Zugängen zum Sport. Die Motivation, ihn zu treiben, kann nämlich auch aus der Einsicht in notwendiges Tun kommen.
In früheren Zeiten kannte man den Schulsport als Leibesertüchtigung. Na, klingelt’s? Wir machen den Leib tüchtig. Das erinnert mich an das Motto des Parcours-Gündungsvaters Georges Hébert: Être fort pour être utile – Stark sein, um nützlich zu sein. Ein Ausspruch, der mir wiederum arg spaßbefreit in den Ohren klingt.

Bleiben wir bei uns selbst und bei der Erkenntnis, dass wir Sport auch im Sinne von „ich tue mir etwas Gutes“ verstehen können. Das schließt Spaß keineswegs aus!
Umgekehrt gilt übrigens das Gleiche: Sport darf, kann, soll nützlich sein!

Im Gegenteil: Sport darf, Sport soll Spaß machen. Wohl dem, der die passende Sportart für sich gefunden hat.

Wenn er es nicht tut, bleibt immer noch die Freude über die positive Wirkung.

Und das ist beileibe nicht wenig!

Die Sache mit den Hausaufgaben

Nein, ich bin nicht gerne zur Schule gegangen. Zu den besonders unschönen Begleiterscheinungen der Schulzeit gehörten Hausaufgaben. Und obwohl schon der Gedanke daran mich noch heute mit den Augen rollen lässt, habe ich das Wort kürzlich benutzt, habe mir sogar freiwillig welche ausgesucht. Wie kam es dazu?
Ich erzähle euch am besten die ganze Geschichte, wobei ich euch leider nicht ersparen kann, gemeinsam mit mir in jene dunkle Zeit zurückzugehen, an die nur die wenigsten von uns gerne zurückdenken: Zurück in die Schulzeit.

Schule. Für mich war das ein Ort der Langeweile, an welchem komische Menschen (Lehrer) mit eigenartigen Methoden versuchten, mir Sachen beizubringen, die mich völlig kalt ließen. Zum Glück gab es noch die Nachmittage. In meiner Freizeit konnte ich meiner Neugier freien Lauf lassen, indem ich mir Wissen über jene Themen aneignete, die mir wichtig waren. Damals zum Beispiel Motoren- und Fahrwerktechnik, Fahrzeuggeschichte und dergleichen mehr. Wenn ich mir dabei mathematische Zusammenhänge erschloss, umso besser. Es ist mir wichtig, den Unterschied genau herauszuarbeiten: Besagte Zusammenhänge dienten dem tieferen Verständnis an anderer Stelle, was dem didaktischen Ansatz der Schule entgegensteht. Dort heißt es bekanntlich: „Lerne erstmal, vielleicht wirst du später sehen, warum es wichtig ist.“ Ich fühle mich an das Versprechen vom Einzug ins Paradies nach dem Tode erinnert: „Ertrage die Mühsal deines irdischen Daseins, denn wir versprechen dir im Jeinseits das Paradies.“ Ich bin kein religiöser Mensch, weshalb ich mit solchen Versprechen nichts anfangen kann. Anstelle das Jammertal des Lernens ohne erkennbaren Nutzen zu durchschreiten, bevorzuge ich die harte Arbeit im Paradies.

Wen wundert es also, wenn Das brauche ich doch nie mehr im Leben! ein Satz war, den ich mit der Arroganz eines Schülers, dessen Bezugsrahmen zum künftigen Dasein eigentlich keinerlei Prognose zulässt, vehement vertrat. So viel Selbstkritik darf an dieser Stelle sein!

Soweit also Mathe, Physik, und so weiter. Außerdem gab es noch Fächer wie Deutsch, in welchem man mich speziell in den höheren Klassen mit Klassikern wie Schiller malträtierte.

Aber ist Euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.

Nein, nicht Ihr seht so blaß aus.! Ich glaube, in den Räubern steht das so. Oder bei Kabale und Liebe. Oder sonstwo. Ist auch egal, denn ohne das aus hatte der Text sich schon mit einem der ersten Sätze in dasselbe geschossen.
Hohe Literatur war seither für mich gleichbedeutend mit langweilig und nicht lesenswert. Nicht genug damit, selbstverständlich mussten diese Werke interpretiert werden, wobei – wer würde es anders vermuten? – immer nur eine Interpretation korrekt war: die des Lehrers.

Dergestalt traumatisiert, machte ich, eigentlich eine Leseratte par Excellence, konsequent einen großen Bogen um das, was als „Literatur“ bezeichnet wird.
Bis, ja bis zu einer Begebenheit, die sich vielleicht fünfzehn Jahre nach dem Abi zutrug: ich hatte mir, am Bahnhof auf einen Freund wartend, dortselbst das Buch Die Pest von Albert Camus zugelegt, weil der Klappentext kurzweilige Lektüre versprach.
Er kommentierte meinen Kauf mit den Worten: „Oh, Weltliteratur.“
Meine Reaktion: „Oh, scheiße!“

Was soll ich sagen, der gute Albert hat mir geholfen, mein literarisch induziertes Trauma zu überwinden, denn ich habe Die Pest begeistert gelesen!

Wobei es nicht nur die Inhalte waren, welche mir den anfänglichen Spaß an der Schule – das war etwa der erste Monat der ersten Klasse – verleideten, sondern das System Schule an sich. Oben ließ ich schon einen Punkt anklingen: wenn es mehrere sinnvolle Lösungen gibt, zählt nur die des Lehrers.

Vor allem aber gab es Hausaufgaben.

Mit anderen Worten: man wollte, dass ich mich am Nachmittag, abends oder gar am Wochenende mit diesen eigenartigen Themen befasse, die man in der Schule aufdrückt. Das bedeutete: in meiner Freizeit!
Da verstehe ich keinen Spaß, weshalb ich etwa ab der zehnten Klasse nicht mehr an dieser Unsitte teilnahm.
Lehrer hatten übrigens eine andere Meinung dazu, aber ich denke, das brauche ich nicht extra erwähnen.

Wundert sich jemand, wenn ich sage, dass der Satz Ich würde gerne wieder in die Schule gehen! nie über meine Lippen gekommen ist? Dass ich der Schule nicht eine Träne nachweine?
Aber Es war doch nicht alles schlecht. Nein, war’s nicht. Die Aussage gilt bekanntermaßen nicht nur für die Schule, sie wird gerne auch in der Rückschau auf totalitäre Regimes geäußert. Ich mag da nicht differenzieren.

Umso erstaunlicher ist von diesem Hintergrund also der Gedanke, den ich kürzlich beim Training hatte. Wie Leser eines Blogs wissen, erlerne ich seit gut eineinhalb Jahren das olympische Gewichtheben beim Kraftsportverein Durlach. Eine weitere Sportart, die mir unglaublich viel Freude bereitet. Nun bringt es „das Leben“ – das heißt der Job oder schlicht mal der Besuch einer Veranstaltung bisweilen mit sich, dass ich ein Training ausfallen lassen muss. So auch letzte Woche. So bat ich den Trainer, mir schlichtweg die für Donnerstag vorgesehenen Übungen aufs Handy zu schicken, auf dass ich sie zuhause am Wochenende nachhole. Wohl dem, der, wie ich, eine Langhantel daheim hat. Ich will sie nicht missen!

Und jetzt kommt’s: ich habe, mit Vorfreude in der Stimme, das Wort Hausaufgaben verwendet, ohne dass die traumatische Erfahrung der Schulzeit irgendwelche Symptone ausgelöst hätte!
Im Gegenteil, freudig las ich die WhatsApp-Nachricht mit den Übungen und begeistert gestaltete ich meinen Nachmittag mit ihnen.

Verwundert stelle ich fest, dass das Wort keine allergische Reaktion mehr in mir auslöst, offenbar kann ich mittlerweile differenzieren, um welches Thema es sich bei den Aufgaben handelt. Und natürlich spielt auch die Art und Weise, wie sie verteilt werden, eine Rolle.

Im Zusammenhang mit Hausaufgaben hat sich meine Einstellung also geändert.

Was die Schule betrifft, weine ich ihr noch immer keine Träne nach. Allenfalls wäre sie mir ein Freudentränchen wert, weil ich sie hinter mir habe.

Eine beeindruckende Begegnung

Bleibt uns jemand angenehm im Gedächtnis, sagen wir: „Ich bin beeindruckt“. Es gibt allerdings auch die Kehrseite der Medaille, nämlich dann, wenn der Eindruck zwar ein bleibender, jedoch keineswegs positiver ist.

Wie stets, breite ich den Deckmantel der Anonymität über die mich inspiriert habenden Menschen, um ihre Persönlichkeitsrechte zu schonen. Ich tue das, obwohl ich der Ansicht bin, dass wegen der Rolle, die die beiden hier erwähnten Personen beruflicherweise einnehmen (Obacht, ich baue hier Spannung auf: „Welche Rolle nehmen sie ein? Los, jetzt sag‘ schon!“) Schonung im konkreten Falle fehl am Platz ist. Trotzdem halte ich mich zurück – und das nicht nur, weil ich die Namen eh‘ vergessen habe.

Eigentlich begann alles mit Vorfreude. Viel Vorfreude auf einen Kettlebell-Workshop gemeinsam mit meiner lieben Freundin Bea. Ich kenne übrigens keine andere Frau, die auch barfüßig Stilettos im Dominastil zu tragen scheint. Dabei ist sie, wie man in Bayern sagt, a ganz liabe. Lieb, virtuos im Umgang mit Kettlebells und psychisch stabil. Eine Eigenschaft, die ich mir ebenfalls zuschreibe, und die wir beide im weiteren Verlauf des Tages, von dem ich erzählen werde, sehr gut gebrauchen konnten.

Wie gesagt, freuten wir uns wie die Schneekönige auf einen konstruktiven Workshop, denn als Teilnehmer hatten sich Träner eines Fitness-Studios angesagt, die wir in die Geheimnisse des Kettlebelltränings einführen sollten.
Diverse Hochschuldiplome im Fach Sportwissenschaften, Tränerausbildungen und fertige Physiotherapie-Ausbildung(en) ließen uns einen Workshop erwarten, der neben Sport und Spaß auch eine geistige Herausforderung versprach. Wir rechneten mit kritischem Fragen, Hintergrundwissen und sehr konstruktiven Gesprächen.

Gibt es etwas langweiligeres als Workshop-Teilnehmer, die anhimmelnd an den Lippen des Leiters kleben?

Eben.

Zudem war eine Yoga-Instruktorin als Teilnehmerin dabei. Mal ehrlich – die Frage richtet sich eher an die Männer, die Damen sind gerne eingeladen, interessiert mitzulesen, was stellt ihr euch vor, wenn ihr Yoga-Instruktorin hört?
Meine Assoziationen sind: schlank, anmutig, beweglich, hübsch (ich gebe zu, Letzteres ist Wunschdenken), trägt enges Oberteil und weite Hose.
Meine Erwartungen erfüllten sich nur in Bezug auf die weite Hose, die an ihr allerdings recht eng saß….

Besagte Dame vermochte recht früh mit brillianten Aussagen einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, so kam auf die Information, dass die Unterschenkel beim Kreuzheben (und somit auch bei einem sauber ausgeführten Swing) beinahe senkrecht sein sollen, und keinesfalls über die Knie nach vorne wandern dürfen, folgende Replik:

Ich habe neulich bei einem Seminar gelernt, dass die Knie bei der Kniebeuge über die Zehen dürfen.

Ja.

Dürfen sie.

Bei der Kniebeuge.

Wir reden aber vom Kreuzheben.

Etwas später folgte der zweite Streich, als sich bei den ersten Gehversuchen mit dem Swing eine leichte, nun, ich nenne es mal Schwäche im Umgang mit Zahlen bemerkbar machte.
Ich hole kurz aus: Wenn man Swings lernt, führt man anfangs nur eine Wiederholung aus: hoch, runter, abstellen. Der Fachmann spricht von Dead Stop Swings.

Eigentlich ganz einfach: rauf, runter, abstellen.

Sie: rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter,… bis ich zum Hinstellen aufforderte.

Ich: Nur ein Swing bitte: rauf, runter, abstellen.

Sie: rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter,… bis ich zum Hinstellen aufforderte.

Das Spiel ging über drei, vier Runden, bis ich nach dem ersten Swing „Abstellen“ rief.

Man sagt manchen Menschen nach, sie seien zu dämlich, um bis drei zu zählen….

Soll ich wirklich noch ein paar Worte über die Fähigkeit (oder die Bereitschaft?) verlieren, Feedback in veränderte Bewegung umzusetzen? Stichwort: Bewegungsintelligenz…. Muss ich erwähnen, wie „gut“ die Bewegungen ausgeführt wurden? Vielleicht soll ich, ich mag aber nicht. Ihr könnt es euch sicher vorstellen.

Zum Ende der Veranstaltung kam noch die Pointe mit der Physis.

Beim abschließenden Geplauder vertrat ein anderer Teilnehmer mit akademischem und physiotherapeutischem Hintergrund die Ansicht, Kettlebelltraining sei sehr gut, in „seinen“ Kursen könne er das aber nicht anwenden, denn – und das ist ein originalgetreues Zitat: „Die Leute haben die Physis nicht„.
Physis, ich habe extra recherchiert, meint den Körper. Den Körperbau.

Er kann nicht mit Kettlebells arbeiten, weil seine Teilnehmer keine Physis haben? Wen in aller Welt trainiert er? Geister?
Und falls es Menschen sein sollten, wäre es nicht seine Aufgabe als Trainer, die vorhandene (!) Physis mit ihnen zu entwickeln? Deswegen heißt es doch Training, oder etwa nicht?

Sapere aude, sag‘ ich da nur.
Sapere hat nichts mit Sabbern zu tun, auch wenn die Vorstellung von Kant als sabberndem Greis einen gewissen Reiz auf mich ausübt. Nein, bekanntlich forderte er mit diesem Ausruf den Menschen auf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Mit etwas Nachdenken sollte den beiden Prachtexemplaren auffallen, welchen Stuss sie reden und wie dämlich ihr Verhalten wirkt.

Sapere aude: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Manche Menschen sind erschreckend mutlos.

Nachtrag:
Es bedurfte übrigens nicht nur unserer gesammelten psychischen Stabilität (Beas und meiner), um das erlittene Trauma zu verarbeiten, darüber hinaus war ein Nachmittag Dauergespräch, sowie ein weiterer Abend am Telefon notwendig, um das Erlebte zu verarbeiten.

Ich brauche es nicht (mehr).

Es gibt ja Leute, die behaupten, Morgenstund‘ habe Gold im Mund. Als ausgeprägter Morgenmuffel kann ich das nur insofern bestätigen, als ich mit diesem vollen Mund lieber schweige als zu reden.
Dummerweise hält sich bei langen Läufen die Unsitte, um sechs Uhr früh (oder noch früher) zu starten.

Ich möchte die Zeit nochmals betonen, damit alle die Tragweite (oder auch Tragik?) dieser Uhrzeit, die eigentlich eine Unzeit ist, wirklich zur Gänze erfassen.

Sechs Uhr.

In Worten: sechs.

Uhr.

Am Morgen.

Sechs Uhr, das ist mal locker zwei Stunden vor dem Aufstehen, und vier vor dem Aufwachen. Ihr lest schon richtig: das Aufstehen liegt bei mir vor dem Eintreten des Wachzustands.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle etwas weiter ausholen, denn obzwar ich mich mit den obigen Sätzen als Morgenmuffel präsentiert habe, scheint mir eine ausführliche Darstellung des täglichen Wachtumsprozesses (Wachtum, nicht WachStum!) geboten.
Aufstehen, wollen manche Menschen wissen, sei wie ein kleiner Tod. Ich erlaube mir, dieser Auffassung zu widersprechen. Eine einfache Überlegung brachte mich zu einer anderen Sichtweise, denn selbst wenn es sich anfühlen mag, als würde man dem Lebensglück des Schlafes entrissen, so zeigt mir die nachfolgende Phase meines Daseins weitreichende Parallelen zur Geburt.

Wie komme ich dazu?

Nun, zunächst tauche ich aus einer unbewussten Existenz in ein, ich nenne es halb-bewusstes Dasein auf, in dem ich eine Welt um mich herum wahrnehme. Etwas später werde ich mir meiner Selbst bewusst, öffne zunächst ein Auge halb, wobei ich bemüht bin, Sinneseindrücke nur sehr dosiert in mich hineinzulassen, damit die Verarbeitung nicht überlastet wird. Schließlich muss mein Hirn sich erst daran gewöhnen, dass diese Umwelt über fünf Sinne Informationen auf es loslässt.

Ich mache die ersten, anfangs noch tapsigen Schritte und freue mich über meinen ersten selbstständigen und unfallfreien Toilettengang.
Kurze Zeit später kann ich schon mit Grunzlauten und sparsamen Gesten kommunizieren. Eine Form der Interaktion mit anderen Menschen, die sich im weiteren Verlauf zu Ein- und Mehrwortsätzen steigert, bis ich ein, zwei Stunden später als der ausgewachsene Mensch durchs Leben schreite, als der ich tags zuvor ins Bett gegangen bin.

Übrigens vermag ich dem Ausspruch, wonach Morgenstund‘ Gold im Mund habe, nur insofern zuzustimmen, als „man“ mit vollem Munde bekanntlich nicht sprechen soll. Ein Gebot, an das ich mich halte (ich kann eh‘ nicht anders).

Kurzum: frühes Aufstehen, besonders zu niedrigen einstelligen Uhrzeiten, ist für mich eine extreme Herausforderung. Dementsprechend muss ich besonders motiviert sein, um mich einer solchen zu stellen. Ein Ultramarathon, wie zum Beispiel der 100er am Leipziger Auensee, kann das liefern. Vielmehr: er konnte, denn früher, zu meinen Ultra-Anfängen, habe ich den nächtlichen Tagesbeginn klaglos hin- und in Kauf genommen.

Das tat ich allerdings nicht, ohne meine Schlafmenge zu optimieren, indem ich zu psychisch und zeitlich wirksamen Maßnahmen griff.
Machen wir uns nichts vor: zwischen 4:59 und 5:00 Uhr liegt nicht nur eine Minute. Dazwischen sind Welten! Noch deutlicher wird der Kontrast, wenn der Wecker um 5:01 Uhr zu piepsen beginnt, denn das ist schon nach Fünf!

Zudem galt – und gilt! – es, ab dem Start rückwärts zu rechnen, und dabei jede Handlung auf ihren Zeitbedarf und die Notwendigkeit ihrer Ausführung zu prüfen. Muss ich vor dem Start wirklich Zähne putzen? Hierbei stehen drei Minuten zur Disposition, die ich nicht gedankenlos aufs Spiel setzen möchte. Stinken werde ich sowieso…
Dass ich meine Klamotten am Vorabend richte, versteht sich nicht nur des zeitlichen Aufwands halber von selbst, nein, auch kognitiv habe ich zu früher Stunde in etwa die Fähigkeiten von 250 Gramm Gouda. Mittelalt. Ich muss schon froh sein, wenn die Zahl der getragenen Socken mit der Anzahl meiner Füße übereinstimmt. Also Kleidung abends herrichten, Schuhe mit den Spitzen in Gehrichtung.

Frühstück? Der Lauf ist lang genug, und unterwegs gibt’s was zu futtern. Also reicht mir eine Banane, die ich mir auf dem Weg zu Start geschwind in den Mund drücke.

Wenn ich am Beispiel von Leipzig bleibe, so befindet sich der Campingplatz, auf dem ich zu residieren pflegte, etwa zehn Gehminuten vom Start entfernt. Mit zehn Minuten Vorbereitung und fünf Minuten Puffer, die ich mir mühsam abgerungen habe, hatte ich den Wecker auf 5:35 Uhr stehen – 5:36 Uhr vielmehr, um eine weitere Minute herauszuschinden.

Und war immer pünktlich am Start, meistens sogar zu früh.

Bisweilen hatte ich die Rechnung aber ohne den Wirt in Form von Mitläufern gemacht. Sei es, dass einer glaubte, er müsse unbedingt um halb fünf aufstehen. Wozu, frage ich mich noch heute. Will er eine Stunde Zeitung lesen? Auf dem Klo vielleicht? Wo die Lauferei doch bekanntlich die Peristaltik anregt, und ein ganzer Tag Zeit ist, sich dem menschlichen Rühren hinzugeben. Wohlgemerkt, ich rede von normalen Menschen wie mir selbst, nicht von Leuten, die 100 km unter 9 Stunden (oder noch schneller) abrennen.

Also weniger Schlaf, gefolgt von einer Stunde Dösen.

Weiter verringert wurde die Schlafdauer bei zwei Übernachtungen im Massenlager. Eigentlich mag ich das, ich empfinde es als hochgemütliche Angelegenheit, wären da nicht zwei Begleiterscheinungen: die Spätankommer, und die Frühaufsteher (siehe oben).
Die einen treffen nach langer Anfahrt aufgedrecht und demzufolge fröhlich plaudernd um zwei Uhr nachts ein, während sich die andere Gruppe zwei Stunden später zur pervertierten Erhebung anschickt. Und wenn man schon wach ist (wach? habe ich wach getippt?), lässt man doch gerne das Licht brennen und begrüßt den Tag mit fröhlichem Geplauder.

Habe ich schon erwähnt, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn man mich in der Aufwachphase aggressiv ankommuniziert? Womöglich gar mit offenen Fragen, also solchen, die sich nicht mit „ja“ oder „nein“ beantworten lassen? Naive Menschen erwarten sogar eine Antwort von mir. Eine Erwartung, die alsbald einer realistischen Sichtweise weicht.

Tja, der frühe Vogel mag den Wurm fangen, ich stehe später auf und vertilge den Vogel, während er seinen Verdauungsschlaf hält.

Auch das Thema „Teilnahme an Läufen“ sehe ich differenzierter. Keine Frage: es gibt Läufe, auf die ich Bock habe, weshalb ich nachts aufstehe. Leipzig, KUT usw. lohnen sich allemal. Ich muss es aber nicht mehr haben. Und ich halte, wenn ich zum Beispiel eine bestimmte Streckenlänge laufen will, nach Veranstaltungen mit humanen Startzeiten Ausschau.
Der UTMB startet gegen 18 Uhr abends und geht die Nacht durch: prima!
Die 24-Stunden-Läufe, die ich kenne, gehen zwischen 10 und 12 Uhr los: wunderbar!

Alles Zeiten, die meinem Schlafrhythmus entgegenkommen, fällt es mir doch leichter, lange wach zu bleiben, als mich aus dem Mutterleib des Schlafes reißen zu lassen.

Und wenn ich die Wahl zwischen zwei ähnlichen Läufen habe, wähle ich lieber den, der später losgeht.