Verreise ich gerne?

Beim Ausdauersport bewege ich mich naturgemäß fort, bin also mobil. Dass in dieser Form gerne unterwegs bin, steht außer Frage; demgegenüber überlege ich mir, ob ich denn ebenso genüsslich auf Reisen bin. Zum Einen bringt die Teilnahme an sportlichen Veranstaltungen eben jenes Reisen mit sich, zum anderen macht meine frisch angenomme neue Rolle als Account Manager hie und da berufliches Unterwegssein notwendig. Dies brachte mir Anfang April eine schöne, intensive Woche in Japan ein, die mir den Anlass zur eingangs formulierten Frage gab: Verreise ich gerne?
Außerdem gibt es da noch das, was gemeinhin als "Urlaub" bekannt ist, womit der Bogen zu freizeitlichen Aktivitäten gespannt wäre. Ich erinnere mich an den auf einer Huskyfarm in Norwegen verbrachten Urlaub - zehn unglaublich erholsame Tage voller Ruhe, die indes die sogenannte Hinreise zur Voraussetzung hatten - denn um dort zu sein, musste ich erstmal hinkommen.  Damit bin ich erneu beim Kern dessen angelangt, was mich beschäftigt: Verreise ich gerne?
Ich frage wohlgemerkt nicht, ob ich es mir gefällt, anderswo als zuhause zu sein, sondern ich denke über den Prozess nach, der mich dorthin bringt.
Dabei scheint mir scheint eine Unterscheidung zwischen der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und dem Individualverkehr - sprich: Auto - dienlich.
Ich beginne meine Überlegungen am Beispiel des Norwegenurlaubs, wohin wir per Bahn und Flugzeug reisten. Genau genommen nutzten wir zunächst ein Auto, um zur ersten Bahn zu gelangen, dann mit der zweiten zum Abflughafen, um nach einer Zwischenlandung in Oslo per Inlandsflug weiterzureisen. Am Zielflughafen angekommen, holte man uns per Auto ab. Gen Osaka verlief der Transfer übrigens ähnlich, weshalb ich meinem Dank der Kollegin gegenüber, die die Reise nach Japan organisierte, kaum in Worte zu fassen, erinnere ich mich doch mit Grausen an die Planung der Norwegenreise: Da waren mehrere Verkehrsträger zu koordinieren, die an allen möglichen Orten losfliegen oder -fahren, und das zu allen möglichen Uhrzeiten. Ein Wirrwarr, in dem ich mich nur schwer zurechtfinden mag, will ich doch lediglich zu einer passenden Uhrzeit von zuhause weg, um nach angemessener Reisedauer am Ziel anzukommen. Stattdessen darf ich mich damit befassen, welche Fluglinie von wo abfliegt, eventuell an einem Ort landet, der idealerweise ein Stück näher an meinem Reiseziel liegt als der Start - und das, ich wage kaum zu träumen, so, dass ich von dort aus weiterreisen kann. Ist diese Aufgabe erledigt, gilt es, eine Zugverbindung zu finden, die im Wesentlichen dort anknüpft, wo das Flugzeug losfliegt. Meist sind da mehrere Etappen nötig.  
Selbstredend gilt es, jeweils Pufferzeiten einzuplanen, so dass aus einer Reisedauer von ein paar Stunden schnell mal ein ganzer Tag wird. Und dabei habe ich die Security-Checks am Flughafen noch nicht berücksichtigt.
Öffentliche Verkehrsmittel sind ein selbstgenügendes System, dem ich mich ausliefern muss, um es zu nutzen. Ich bin versucht, an dieser Stelle das Wort kafkaesk zu verwenden. Nicht alleine deshalb, weil es so gut zum Thema passt, außerdem wirkt ein Text mit diesem Wort sehr gebildet. Sei's drum, zurück zum System. Ihm ist es völlig wurscht, wohin ich will, wann und wie. Es lässt seine Verkehrsmittel sich bewegen, wohin es sie bewegt haben will, und ich bin derjenige, der sein Vorhaben anzugleichen hat.
Das gilt für den Fernverkehr genauso wie im Nahverkehr. Eine Strecke, die ich mit dem Auto in zwanzig, mit dem Rad in fünfundzwanzig Minuten bewältige, ohne mich nennenswert zu beeilen, habe ich mit der Straßenbahn testweise in der doppelten Zeit zurückgelegt. Dazu kommt der Fußmarsch zur Haltestelle und vom Ende zum eigentlichen Ziel. Natürlich hält sie auch dort, wo sie für mich gar nicht halten bräuchte. Wohl zum Ausgleich dafür, dass sie nicht dort hält, wo ich es gerne hätte, oder von vorne herein nicht dorthin fährt, wohin ich will. Entspannend sei es, sagen manche, die gerne per Bus und Bahn fahre. Man könne dabei lesen oder andere Dinge tun. Mag sein, dass man sich anderweitig befassen kann, sogar Dösen lässt sich auf längeren Strecken. Auf längeren, wohlgemerkt. Wenn ich alle dreiviertel Stunde umsteigen muss, hält sich das Lesevergnügen in zeitlich engen Grenzen. Außderdem verbinde ich mit dieser Beschäftigung so etwas wie "Gemütlichkeit", ein Heißgetränk in Reichweite und die Füße hochgelegt. Platz und etwas, das im öffentlichen Raum naturgemäß vollkommen fehlt: Privatsphäre. Wie soll ich mich inmitten fremder Menschen, die mir auf der Pelle hocken oder stehen, gehen lassen?
Beim Umsteigen darf ich jedes Mal meine Siebensachen zusammensammeln, sie zu einem anderen Ort schleifen, dortselbst wieder verstauen, um mich erneut leidlich einzurichten.
Ein kleiner, amüsanter Lichtblick sind dabei oft die ferngesteuert-überforderten Menschen, denen es nicht gelingt, in einer Reihe arithmetisch sortierter und gleichermaßen korrekt wie gut lesbar bezeichneter Sitze eines Flugzeugs den für sie passenden zu finden: "Sie sitzen in Reihe 34. Wir beginnen bei 1 zu zählen und gehen zügig durch, bis die Zahl "34" auf dem Schild steht. Dort werfen wir unser Handgepäck ins Fach und setzen uns schnell hin, damit die hinter uns kommenden Passagiere auch auf ihren Platz gelangen können". Dies so scheinbar simple Verfahren ist, ich habe es selbst erlebt, für viele zuviel.
Kurzum: Öffentliche Verkehrsmittel und ich, wir werden keine Freunde. Sie sind ein notwendiges Mittel zum Zweck, mehr aber auch nicht.
Ist es denn mit dem Auto besser? Abgesehen davon, dass die in angemessener Zeit mit dem Auto zurücklegbare Strecke Reisen nach Japan oder Norwegen wenig sinnvoll erscheinen lässt, bietet es eine ganze Reihe von Vorteilen. Zunächst einmal steht es vor meiner Haustür und ist dann bereit, wenn ich es bin. Muss ich vor der Fahrt nochmal aufs Klo? Das Auto wartet. Möchte ich eine Stunde später losfahren? Es steht geduldig da, bis ich zu ihm komme. Will ich früher fahren? Es ist bereit. Ich brauche weder Gepäck mitten auf der Strecke herumtragen, sondern kann meine privaten Sachen nach Herzenslust verteilen. Kaffee und andere Getränke meiner Wahl in den Cupholder und genau die Musik hören, die mir gefällt. Will ich keine Beschallung, ist es still. Das Auto fährt die von mir gewählte Route und hält dort - und nur dort!, wo ich halten möchte.
Ein Auto ist eben kein öffentlicher, sondern ein privater Raum.
Im Vergleich mit dem öffentlichen Verkehr wird außerdem deutlich, warum in der Informationstechnologie vor "Medienbrüchen" gewarnt wird. Mit jedem Wechsel eines Mediums steigt die Fehlerquelle, gehen potenziell Informationen verloren. Ein unterbrochener Transport - vulgo: Wechsel des Verkehrsmittels - macht die oben angesprochenen Pufferzeiten nötig.
Also ein klarer Fall pro Individualverkehr? Leider ist dem keineswegs so. Denn ich anerkenne gerne, dass ich beim Autofahren nicht abschalten kann. Das ist eine Erkenntnis, die leider nicht jeder hat. Da wird an Ampeln geschlafen und Ewigkeiten gebraucht, bis eine veränderte Verkehrssituation erkannt, adäquat verarbeitet und in Handeln umgesetzt wurde. Die mittlere Spur auf Autobahnen, das brauche ich kaum erwähnen, ist selbstredend zur Entspannung bei zweistelligem Tempo gedacht (haben die Leute kein Wohnzimmer zum Dösen?). Ich selbst bin auf Autobahnen eher gemächlich unterwegs, dennoch erstaunt es mich immer wieder, wie unüblich der Blick in den Rückspiegel zu sein scheint, noch weniger ist die rechte Spur gebräuchlich. Nicht, dass es auf Bundesstraßen besser wäre.
Oder eine Landstraße mit Kurven, in welchen die Reifen ein fröhlich' Liedlein pfeifen können. Sie könnten, denn...
Ich gelange zur Ansicht, dass ich nicht unbedingt gerne verreise. Ich bin gerne anderswo, der Weg dorthin ist mir jedoch lästig.
Wenn der Weg selbst das Ziel ist, beim Wandern, Laufen oder Radfahren, wenn also die Bewegung schon das Ziel in sich trägt, reise ich sehr gerne. Ist das Ziel aber das Ziel, macht dies den Weg zu einer langen, bisweilen beschwerlichen Warterei darauf, dass ich endlich ankomme.

Gedanken zum Komfort und seiner Zone

Den Slogan „Raus aus der Komfortzone“ haut man uns bisweilen um die Ohren, die Begründung dafür liefert man uns gerne mit, denn „Wachstum findet außerhalb der Komfortzone statt“. Wo ist die genau?

Den Slogan „Raus aus der Komfortzone“ haut man uns bisweilen um die Ohren, freilich mit Begründung, denn „Wachstum findet außerhalb der Komfortzone statt“.

Ich weiß nicht, welche Assoziationen das bei euch auslöst, ich erinnere mich an Bilder von grimmig dreinblickenden Menschen mit nass im Gesicht klebenden Haarsträhnen. Ganz der Absicht des den Slogan geäußert habenden Menschen folgend, sehen wir Männer mit gut trainiertem Körper, dessen obere Hälfte uns entblößt entgegenruft, wie unfit wir doch selbst sind, beim offenkundig fünfhundertsten Klimmzug, während die Damen, nicht minder kräftig, während des fünfhundertsten Liegestütz abgelichtet wurden. Selbstredend mit knappem Top, damit…äh…weitere Assoziationen geweckt werden.

Anstelle klimmziehender oder liegestützender Sportler dürfen wir auch an eine Seglerin denken, die mit dräuendem Blick dem Sturm trotzt. Einhandsegelnd, versteht sich, weil der Mensch jenseits der Komfortzone grundsätzlich alleine zu leben hat. Alternativ darf es auch ein Gipfelstürmer sein, der sich nach der Erstürmung desselben auf dem Gipfel seiner selbst sieht, stolz in die Ferne sehend. In den Niederungen menschlichen Daseins erfreut uns hingegen der Anblick eines Dschungels, darin im Schlamm ein Menschlein.

Wenn ich es recht bedenke, wüsste ein Fliesenleger wohl auch einiges über das Leben jenseits der Komfortzone zu erzählen, oder ein alleine erziehender Mensch, der mit geringem Einkommen versucht, seinen Kindern eine ordentliche Erziehung, Ausbildung, Jugend etc. zu ermöglichen. Schon bleibt der aufmunternde Zuruf „Wachstum findet außerhalb der Komfortzone statt“ im Halse des Rufers stecken.

Doch zurück zum Sport.

Wer würde beim Begriff Komfortzone nicht an ein gemütliches Wohnzimmer, besonders an die darin befindliche Couch denken? So nahe liegend, und doch so fern von der Wahrheit. Liegt dem Wort doch das so genannte Drei-Zonen-Modell zugrunde, welches von Komfort-, Wachstums- und Panikzone spricht. In ersterer bedarf es keiner nennenswerten mentalen Anstrengung, um den momentanen Zustand aufrechtzuerhalten, was in der Wachstumszone eben anders ist. Ich lasse an dieser Stelle mal Motivationsmodelle weg, obwohl sie mich zum Ziehen einiger Parallelen einladen. Betritt man jedenfalls die Wachstumszone, so stellt sich der Theorie nach ein Gewöhnungseffekt ein (jetzt klingelt das Wörtchen ‚Training’…), und der Mensch wird besser, sprich: Er wächst.

Daraus folgt natürlich, dass der Ausspruch, wonach Wachstum jenseits der Komfortzone stattfindet, nichts weiter ist als die Wiederholung dessen, was das Modell sowieso beschreibt. So weit, so belanglos.

Für mich steht allerdings ein anderer Gedanke im Vordergrund, denn ich sinniere schon seit Längerem über eine andere Facette der Komfortzone. Renne ich zum Beispiel, wie kürzlich geschehen, bei einigen wenigen Plusgraden, strömendem Regen und Sturm zwei Stunden durch die Gegend, so befinde ich mich (Obacht, These!) in einer für mich selbst kontrollierbaren und komfortablen Situation. Komfortabel deswegen, weil es ein bekanntes Szenario ist, und ich über das Instrumentarium verfüge, es zu steuern. Diesem Gedanken folgend, kann ich kaum behaupten, dass sich etwa ein Triathlet bei seinem zwanzigsten Ironman in der Wachstumszone bewegt, oder ein erfahrener Höhenbergsteiger, der den Mont Blanc erklimmt.

Wohlgemerkt zweifle ich das Drei-Zonen-Modell nicht an, es mag wissenschaftlich haltbar sein oder nicht, immerhin ist es ein eingängiges, leicht verstehbares Modell. Ich will auf etwas anderes hinaus: Der jeweilige Mensch in meinen Beispielen oben bleibt insofern in seiner Komfortzone, weil er auf bewährte Werkzeuge, auf sein eingeübtes Instrumentarium von mentalen Verhaltensweisen zurückgreifen kann, und weil er Aktivitäten in Situationen verfolgt, die für ihn inhaltlich „komfortabel“ sind. Für allfällige Herausforderungen bringt er das intellektuelle und psychische Rüstzeug mit, will sagen: Er verfügt über das Wissen und die mentale Stärke.

Wo aber wäre nach meiner Überlegung die Wachstumszone zu finden?

Allzu weit brauche ich nicht gehen. Fragen wir einfach einen Gewichtheber, ob er Lust hat, eine Runde laufen zu gehen. Lustlosigkeit bis hin zu Entrüstung wäre wohl die Reaktion, ebenso wie beim typischen Ausdauersportler, der zum Krafttraining aufgefordert wird.

Ich gehe noch näher heran, an mich selbst nämlich. Als ich letztes Jahr einige Tage zur völligen Sportlosigkeit verdammt war, konnte ich die Herumsitzerei nur durch geistige Beschäftigung mit Sport ertragen. Eine Woche im Wellnesstempel mit Schlammpackung, Duftkerzen und Hot Stone Massagen dürfte mich dann wohl ‚wachsen‘ lassen, vor allem, wenn man mir auch noch ein Buch verweigert.

Da laufe ich doch viel lieber ganz komfortabel im Schneeregen.

Wobei, es geht noch übler: Man stecke mich in einen Tanzkurs, mithin mitten in die Panikzone.

Ausdrucksschwach

Auch wenn Spötter im reichhaltigen Angebot der Emojis eine Rückkehr zur Hieroglyphenschreibweise des alten Ägypten erkennen wollen, sind die Dinger, die wir in Skype, WhatsApp oder Telegram verwenden, doch wirklich praktisch: Wo ein einziges getipptes Emojibild mehr Inhalte rüberbringt, als eine ganze Horder mühevoll getippter Wörter! Und wer tippt schon gerne auf dem Handy?

Freilich führt es hin und wieder zu – meiner – Verwirrung, wenn das getippte Tastaturkürzel nicht zur erwarteten Anzeige führt, weil Skype anders tickt als WhatsApp, und ich dummerweise im anderen Medium unterwegs bin. Im Großen und Ganzen funktioniert die Sache für mich vortrefflich.

Eigentlich.

Denn ich muss einen eklatanten Mangel bei den verfügbaren Emojis feststellen. Nicht generell, nein auf keinen Fall. Diese Messenger ermöglichen mir, Gefühle zum Ausdruck zu bringen, von denen ich überhaupt nicht weiß, dass ich sie habe. Obendrein ginge das derart fein abgestuft, dass es eines mehrjährigen Studiums der Psychologie bedürfte, um sie korrekt zu verwenden. Ich könnte behaupten, dass Kommunikation über derartige Medien überhaupt nur deshalb konfliktfrei klappt, weil niemand die sichere Verwendung der Symbole beherrscht.

Lächeln kann ich in der Art von Mona Lisa allerfeinst angedeutet oder breit grinsend, ich kann auch mit nur einem einzigen Zeichen sagen, dass ich lächle mit leichtem Augenzwinkern und der Zunge zwischen den Zähnen, wobei ich ganz klar die Mimik eines beim Genuss eines Stückes Kirsch-kuchens auf einen Kern aus selbiger Frucht gebissen habenden Menschen zeige, der fürchtet, ihm sei ein Stück Zahn abgebrochen.

Auf der negativen Seite der Emotionspalette bietet sich ein ähnlich reichhaltiges Angebot: Trauer und Wut in sämtlichen Nuancen, vom leichten Tsts, du Schlingel ist bis hin zum Tobsuchtsanfall alles vertreten.

Fast alles.

Es fehlt dieses endgültig-niederschmetternde Wort, welches nur eine Frau einem Mann gegenüber äußern kann, die den Tod der tausend Qualen für noch zu gut für ihn erachtet. Nur eine Frau kann dieses so harmlos daherkommende Wort in einer Weise äußern, dass ihr armes Opfer sich wünscht, es würde in einem Schauprozess sein Todesurteil von einem psychopathischen Richter verkündet bekommen. Niemand, ich betone, niemand kann ein vernichtenderes Urteil aussprechen, welches das arme, bedauernswerte Opfer tief in den Staub drückt, während der letzte Rest seiner kläglichen Selbstachtung aus ihm heraustropft wird, als eine Frau, deren Urteilsspruch aus diesem einen Wort besteht:

Schade.

Hier klafft leider – oder vielleicht zum Glück – eine Lücke.

A propos Frau. Auch für das zwischenmenschliche Miteinander hält die Kommunikationssoftware eine derartige Menge an unter Zuneigungsverdacht stehenden Symbolen bereit, dass ich nicht wage, auch nur eines davon zu verwenden. Es beginnt mit Gesichtern, die an den unterschiedlichsten Stellen beherzt daherkommen: Augen, Mund und Haare sind mit Herzchen verziert. Woher soll ich wissen, was das bedeutet? Und selbst wenn ich es wüsste: Weiß das das Gegenüber? Bekomme ich sowas geschickt, muss ich nachfragen, was denn damit zum Ausdruck gebracht werden soll, und das führt wiederum leicht dazu, dass das Gegenüber vergrault wird. Ein Minenfeld, und wir haben das solitär auftretende Emoji noch nichtmal verlassen.

Es gibt paarweise dargestellte Figuren, wobei sich hier immerhin geschlechtliche und familiäre Konstellationen erkennen lassen. Familien mit mehr als zwei Kindern und Patchworkfamilien sind zumindest bei WhatsApp nicht vorgesehen. Die müssen dann halt schauen, wie sie von ihrem gemeinsamen Urlaub erzählen.

Aber was, bitteschön, will mir beispielsweise ein grünes Herz sagen? Ist die Dame vom Mars? Mag sie Blumen? Sagt sie mir, ihr Herz schimmelt schon vor Sehnsucht, oder ich kann warten, bis meins anfängt zu schimmeln? Ein blaues Herz würde dann auf ihre Vorliebe für Roquefort, Frankreich allgemein, den Sommer oder einen Vollsuff hindeuten.

Ein ganz heißes Pflaster, von dem ich mich mal besser fernhalte. Meine persönlichen Regeln für mich lauten: Erstens, verwende das Zeug nicht. Zweitens, wenn du sowas geschickt bekommst, frag‘ nach.

Außerdem schweife ich ab.

Und zwar sowas von und dermaßen, dass ich flugs die Kurve zu kriegen gedenke.

Zusammenfassend kann ich alles Mögliche, beinahe jede Körperfunktion und Gefühlsregung (bis auf Schade, aber ich bin ja eh‘ ein Mann, da macht das nichts) rüberbringen. Den kompletten Speiseplan eines Dreisterne-Restaurants. Den Krankheitserreger der Lebensmittelvergiftung (weil ich für das teure Restaurant zu geizig war), und das Medikament dagegen.

Nur beim Sport wird’s eng.

Wittgenstein hatte völlig Recht als er sagte: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Und wenn ich mir so ansehe, was es an Symbolen gibt, mit denen man sich über sportliche Themen austauschen kann, muss ich leider sagen: Es ist eine erbärmlich kleine Welt.

Nehmen wir einmal an, zwei Menschen wollen sich zum Fahrradfahren verabreden. Mit dem Zeichenvorrat von WhatsApp ist es keineswegs ausgeschlossen, dass der eine mit einem Mountainbike aufkreuzt, während die andere Person das passende Vehikel zum Kunstradfahren im Gepäck hat. Und warum? Es gibt genau ein Fahrrad-Emoji. Strenggenommen zwei, allerdings handelt es sich um denselben Fahrradtyp, gefahren von Mann bzw. Frau. Mountainbike? Wie soll das denn gehen? Erzählt mir bitte nicht, dass es sich beim Wort Mountainbike um ein Kompositum handelt, bestehend aus Mountain und Bike, welches man in gleicher Weise mit dem Bergsymbol, gefolgt vom Radfahrer darstellen kann. Das führt zu nichts, weil sich die Katze in den eigenen Schwanz beißt, wenn ich nun frage, ob mit dieser Symbolfolge gesagt wird, man habe sich ein Mountainbike gekauft – oder man habe mit dem Rennrad den Mont Ventoux erklommen. Das Bild mit dem Berg als Hintergrund führt uns übrigens in dieselbe Misere.

Nein, ein differenziertes Gespräch bleibt uns in Sachen Sport leider verwehrt. Ja, es gibt eine Langhantel. Reden wir vom Olympischen Gewichtheben? Und was machen die Powerlifter, bitteschön? Von Kettlebells will ich ja gar nicht reden, die gibt’s überhaupt nicht, weshalb ich fragen brauche, ob man zwischen Hardstyle und Competition Style unterscheiden würde. Wo nichts ist, kann man auch nichts auseinander halten.

Oder Laufen. Fell Running, Trailrunning, Ultramarathon, auf der Straße, in der Halle oder draußen? Ist es ein Etappenlauf, Punkt-zu-Punkt oder läuft man in Runden?

Ein Pokal und fünf Medaillen helfen wenig, wenn der Sport, in dem man sie erringen könnte, nicht vertreten ist.

Diese Symbolsprache ist in manchen Bereichen erstaunlich ausdrucksschwach. Inselbegabt, mit viel Ozean drumherum.

Ich mache jetzt eine Runde Yoga, danach leichtes Krafttraining. Wenn ich dieses Training beschreiben will, muss ich es in Worte fassen.

Was ist ein Sportler des Jahres?

Wie jedes Jahr werden auch dieses Mal wieder auf verschiedenen Feldern die Sportler des Jahres gewählt. Ich will darauf hinweisen, dass ich diese Behauptung einfach so hier hinschreiben, denn sicher kann ich es nicht sagen, weil ich es nicht konkret mitbekommen, ebenso wenig recherchiert habe. Alleine die Erfahrung der Vergangenheit lässt mich vermuten, dass 2018 keine Ausnahme bei derartigen Veranstaltungen darstellt. Darüber hinaus erinnere ich mich daran, dass es früher viele Sportler des Jahres in verschiedenen Disziplinen gab, und natürlich abhängig vom Geschlecht, was dem erwählten Sportler des Jahres das Binnen-I einbrachte, worauf der geschlechtsneutrale Gattungsbegriff „Sportler“ zum / zur SportlerIn wurde.

Ich habe nie verstanden, was es eigentlich bedeutet, Sportler eines Zeitraumes zu sein.

Den Gewählten gilt der Titel offenbar sehr viel, zeigen sie sich doch meistens hochbeglückt ob der Ehre. Ich hingegen kann damit nichts anfangen. Eine Medaille, Meisterschaft oder persönliche Bestleistung vermag ich sportlich einzuordnen, hingegen scheint mir eine Wahl aus einer anderen Welt, der Politik, zu stammen, was sie unpassend macht für den Sport, wo der Erfolg einen klaren Bezug zur erbrachten Leistung hat.

Eine Wahl hat doch mehr mit Beliebtheit als mit Leistung zu tun!

Wir kennen das aus unserer Kindheit, in der Schule kamen Klassensprecher auf ähnliche Weise zu ihrem Job. Ein paar Schüler taten ihr Interesse kund, woraufhin Zettel in einem Behälter landeten ausgezählt wurden. Danach stand der neue Klassensprecher fest. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals mit der Eignung eines Kandidaten für die Rolle befasst, geschweige denn die Rolle selbst analysiert hätten.  Grundschüler würde eine solche Analyse wohl überfordert haben, daher wäre die Lehrerschaft gefragt gewesen, uns zumindest zum Nachdenken darüber anzuregen, was so ein Klassensprecher denn tun soll. Letztlich wurden üblicherweise diejenigen zum Sprecher, die ziemlich gute Noten hatten (wieso auch immer, keine Ahnung wie unsere Schülerhirne damals tickten), und sich überdies durch einigermaßen sozialverträgliches Gebaren auszeichneten. Keine Chance für Nerds.

Sympathie gab den Ausschlag.

Und wer sind die Menschen, die zur Wahl stehen? Es sind erfolgreiche Sportler des Wahljahres. Ausnahmen mögen wie bei der Oscarverleihung die bilden, die für ihre Lebensleistung geehrt werden. Generell könnte ich, wäre ich böswillig genug, sagen: Wer hat, dem wird gegeben. Ähnlich wie es mir absurd erscheint, wenn bekannte Unternehmensberater und Wirtschaftsführer von der Politik gebeten werden, Konzepte zu anstehenden Veränderungen zu entwickeln. Wenn ich positiven Zweifel will, würde ich genau eine Gruppe nicht fragen: Die Etablierten. Die, die als Nutznießer des Status Quo Teil des Problems sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Mit einer Vorauswahl, die die Kandidaten auf erfolgreiche Sportler einschränkt, bleiben jedoch all jene außen vor, deren Ehrung durch andere Faktoren als den sportlichen Erfolg gerechtfertigt werden könnte. Man komme mir jetzt bitte nicht mit dem Hinweis auf irgendwelche Fairnesspreise. Wählbar sind nicht alle, sondern ein kleiner Teil von allen, der durch sportliche Meriten auf sich aufmerksam gemacht hat und nun nach unklaren Kriterien ausgewählt werden kann.

So frage ich mich, welche Aussagekraft hat eine solche Wahl?

Und: Für wen?

Ich lasse die Interessen der Medien und Sponsoren außen vor, sie dürften auf der Hand liegen: Publikum unterhalten, Einschaltquoten und Klickzahlen, Abonnements und Werbeeinnahmen. Den Sportlern winkt möglicherweise ein höherer Marktwert, Feier mit leckerem Essen und das Gefühl, gemocht zu werden. Und, seien wir ehrlich: Ein bisschen Bauchpinseln tut uns allen gut.

Aber die Konsumenten? Das Publikum?

Als einzelner Mensch, der einen winzigen Teil dieser Öffentlichkeit darstellt, muss ich gestehen, dass ich damit nichts, aber auch rein gar nichts anzufangen weiß. Selbst wenn ich mich bemühe, einen Sinn zu erkennen, finde ich ihn nicht. Ich gönne den Sportlern jeden Spaß, jede Ehrung, wobei ich den Erfolg, der mich mitfreuen lässt, zeitlich weitaus früher verorte. Dann nämlich, wenn die Ziellinie überquert ist – oder das entsprechende Pendant in anderen Sportarten. Was danach kommt, könnte ich vielleicht die emotionale Verarbeitung des Erfolges nennen, mit der ein Grundstein zum Weitermachen gefestigt wird, wobei ich das im Bewusstsein schreibe, dass, wenn der Weg das Ziel ist, ich hier von der äußeren Hülle dessen rede, was im Menschen selbst passiert. 

Habe ich aber den eigentlichen Triumph, der im Bewältigen einer Herausforderung mit all ihren physischen und psychischen Komponenten besteht, mitbekommen, reduziert sich schon die Medaille für mich als Zuseher auf ein äußeres Ritual, dessen Funktion darin besteht, den emotionalen Zustand des Mitfreuens nochmal zu erleben. Die Sportlerwahl taugte mir nicht einmal als Erinnerung.

Ich vermag dem nichts abzugewinnen, keine Bedeutung hineininterpretieren. Aber, hey, viel Spaß den Feiernden beim Feiern.

Eines steht für mich jedoch fest: 2018 war das Jahr des Jahres 2018.

Kant, ein Bayer und mein Quadrizeps

Bekanntlich hat Immanuel Kant die Kernprobleme der Philoshopie in drei Fragen formuliert, von denen eine lautet: „Was kann ich wissen?“. Für mich, der sich letzte Woche beim Gewichtheben eine Langhantel auf den linken Oberschenkel fallen ließ, woraufhin ein paar Muskelfasern gerissen sind, heißt die Frage eher: „Was kann ich trainieren?“ Ich bin Optimist, und nach einiger Überlegung kam ich auf ein paar machbare Übungen, oder, wie der Bayer weiß: „A bisserl was geht allerweil.“

Laut Ärztin bedeutet der Faserriss drei Wochen Belastungspause für den betroffenen Muskel, danach vorsichtig gehen oder laufen, um nach fünf bis sechs Wochen wieder voll einsatzfähig zu sein.

Anders formuliert: Je disziplinierter ich den Muskel schone, desto schneller verläuft die Heilung. Doch völlig auf Training verzichten  wäre zu einfach, und ich würde das Kind mit dem Bade ausschütten. Ich darf all das tun, wofür ich Quadrizeps nicht brauche. Strenggenommen bezieht sich die Einschränkung nur auf das verletzte linke Bein, einbeinige Kniebeugen mit rechts wären natürlich in Ordnung.

Im Arztgespräch war schon klar, dass Klimmzüge kein Problem darstellen, und Schwimmen mit Pull-Buoy zwischen den Beinen hat die Ärztin ausdrücklich erwähnt. Nach dem Termin habe ich sinniert, welche Übungen wohl außerdem in Frage kämen. Dabei fiel mir auf, dass der Quadrizeps erstaunlich oft beteiligt ist. Er ist es vor allem dann, wenn man – so wie ich – in RKC-Tradition dort auf ordentliche Körperspannung achtet, wo es auf sie ankommt.

Ballistische Übungen mit Kettlebells, also Swings, Cleans und Snatches? Hardstyle verlangt nach der „Standing Plank“, mithin nach einem knallhart angespannten Quadrizeps. 

Liegestütze bedingen einen geraden Körper, woran welcher Muskel beteiligt ist? Ihr brauch vermutlich nicht raten.

Vorgebeugtes Rudern? Ich habe es eben ohne Gewicht ausprobiert, um festzustellen, dass auch das nicht ratsam erscheint, weil der Quadrizeps mitarbeitet.

Laufen, Seilspringen und dergleichen brauche ich nicht extra erwähnen, oder?

Kurzum werde ich mich auf den Oberkörper fokussieren, und auch da all das weglassen, was Anspannung des gesamten Körpers erfordert. Das schließt Military Presses ebenso aus wie Roll-Outs mit dem Ab Wheel. Es fällt mir auf, dass ich im letzten Satz gleich drei Anglizismen verwandt habe. Ich suche im Hirn nach den deutschen Übersetzungen und erweitere gleich: Ich gestatte mir weder Schwung- noch Schulterdrücken, auch kein Ausrollen mit diesem Rad, aus dem auf beiden Seiten ein Griff ragt.

Es bleibt neben Schwimmen und den schon erwähnten Klimmzügen aber durchaus die eine oder andere Übung zur Auswahl. Floor Presses mit bewusst locker gelassenen Beinen sollte gehen (verratet mich nicht, ich habe der Ärztin versprochen, die nächsten Wochen kein Eisen zu berühren), Griffkrafttraining auch. Und ich habe noch meine Jonglierbälle…

Alles in Allem sollte es mir gelingen, die nächste Zeit ohne psychische Schäden zu überstehen!