Die kalte Nudel

Manchmal beginnt ein schreckliches Ereignis ganz harmlos, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, oder, was auf die Situation, die zu beschreiben ich mich anschicke, besser passt: Wie ein Schneesturm, der an einem milden Wintertag über das Land hereinbricht. Ein Ausbruch an Kälte, Wind und Schauder, dem wir Menschen schutzlos ausgeliefert sind.

Triumph

Der siegreiche Held.

Doch, der Vergleich mit dem Sturm passt insofern besser, da jener sich schneller zu entwickeln scheint, als das menschliche Gehirn fähig ist, die Ernsthaftigkeit der neuen Lage zu begreifen. Für manche Dinge sind wir schlicht zu langsam.

Dabei wollte ich nichts weiter, als satt werden.

Zu diesem Zweck hatte ich mir Nudeln zubereitet, und diese ganz simpel mit Tomatensauce verspeist.

Bis dahin war noch alles in Ordnung. Wohl gesättigt und zufrieden schickte ich mich an, das benutzte Geschirr und den Topf in die Spülmaschine zu räumen, als mein Blick zufällig in die Spüle glitt.

Dort sah ich sie.

Die Nudel.

Wann sagt man eigentlich Nudel und wann Pasta? Will man sich mit letzterem einen sportlichen Anstrich geben, zumindest so lange, wie noch Pasta Parties gefeiert werden? Ich für meinen Teil habe mir das ziemlich schnell abgewöhnt, weil ein langer Lauf keine besondere Freude darstellt, wenn ich mir am Abend vorher den Wanst vollgeschlagen habe. Umso doofer, wenn an der Strecke kein Klo, oder wenigstens ein hinreichend blickdichtes Gebüsch liegt. Kennt man in der ketogenen Paleowelt überhaupt noch Nudeln?

Ich merke gerade, wie ich vom Thema abschweife, spüre den inneren Zwist, der mich einerseits davon abbringen will, das Erlittene erneut durchzustehen, andererseits weiß ich: Es tut mir gut. Nicht umsonst gibt es den Satz “von der Seele schreiben”, denn was ich weggeschrieben habe, belastet mich nicht länger.

Ich muss es tun, muss das Ereignis noch einmal erleben! Um meiner selbst willen, aber auch um anderen Menschen zu zeigen, dass es möglich ist, mit viel Überwindung, Härte gegen sich selbst und klarem Fokus auf das Notwendige, das es zu tun gilt, extreme Herausforderungen zu bestehen.

Genug also des Verdrängens, Schluss mit der Flucht vom Thema weg!

Sie lag in der Spüle.

Kalt. Schlaff. Drohend.

Ich weiß bis heute nicht, wie sie dorthin gekommen ist, wahrscheinlich glitt sie beim Abgießen an ihren Artgenossinnen vorbei in Richtung Abfluss, wo sie das Gitter daran hinderte, ihren Weg zum Kanal hin fortzusetzen. Stattdessen fand sie sich dort liegend und wartete – auf mich.

Die kalte Nudel!

Ist euch der Anblick einer kalten Nudel, die zu allem Überfluss ausgesprochen lange in Feuchtigkeit zugebracht hat, geläufig. Ebensowenig kann ich beurteilen, inwieweit euch bei derlei Anblick – wie vermutlich den meisten Menschen – eiskalte Schauer über den Rücken laufen. Es soll schließlich ausgesprochen robuste Gemüter geben, denen jedweder Ekel fremd ist.

Bei einer kalten Nudel muss ich unweigerlich daran denken, was ich über Farbe und Konsistenz von Wasserleichen las: Ein blasses, gelbliches Weiß färbt ein glitschiges, glibberiges Etwas, dessen Körperhaftigkeit sich gerade so wenig von einer zähen, widerlichen Flüssigkeit unterscheidet, dass das Ding eben nicht im Abfluss verschwindet. Schon der Gedanke erzeugt mir Gänsehaut.

Es würde mich kaum wundern, wenn mir jemand berichtete, dass sich Leichenbeschauer mit lange gekochten und abgekühlten Nudeln auf die Arbeit mit Wasserleichen vorbereiten.

Wer ein anderes Beispiel bevorzugt, kann gerne an Maden denken. Oder an Regenwürmer.

In meiner Spüle lag immer noch die Nudel.

Und außer mir gab es niemanden, um sie von dort zu entfernen.

“Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss” sagte ich mir, und dabei ist es egal, ob es darum geht, zur Rettung einer Handtasche in ein brennendes Haus zu stürzen, Drachen zu töten, die Welt vor der Zerstörung zu bewahren, oder eben eine kalte Nudel in den Müll zu befördern.

Ich stehe, das wurde mir in diesem Moment schlagartig bewusst, in direkter Erbfolge von Herkules, Siegfried, 007 und dem Tapferen Schneiderlein.

Helden wie ich!

Helden, denen wie mir eine übermenschliche Pflicht abverlangt wurde.

Helden, die stärker waren als ihre eigenen Ängste und Zweifel.

Helden werden geboren, wenn sie stärker sind als sie selbst.

Kaum hatte sich dieser Gedanke in meinem Gehirn festgesetzt, wurde ich ruhig. Klar, ganz klar waren meine Sinne und ich nahm die Welt wie durch ein Vergrößerungsglas war. Meine ganze Aufmerksamkeit lag bei der einen Aufgabe: Die Nudel muss weg!

Das “ob” war keine Frage mehr, lediglich die praktische Umsetzung blieb mir zu klären.

Messerscharf wie Sherlock Holmes oder Richter Di überdachte ich die zur Verfügung stehenden Optionen. Der schnelle Griff mit der Hand schied natürlich aus. Sollte ich die Spülbürste zur Hand nehmen, um die Leiche in den Abfluss zu stopfen? Hierzu hätte ich zunächst das etwas feinere Sieb entfernen müssen – unter größter Vorsicht, denn schließlich würde ich Gefahr laufen, das widerwärtige Objekt zu berühren.
Außerdem bestünde die Möglichkeit, dass sich Nudelreste zwischen den Bürstenborsten festsetzen, die ihrerseits würde entfernen müssen.

Das war keine sinnvolle Vorgehensweise.

Handschuhe? Hier kämen nur stabile Spül- oder Gartenhandschuhe in Frage, die meinem Tastsinn keine, aber auch gar keine Rückmeldung geben über die Beschaffenheit dessen, was ich da anfasse. Danach hätte ich sie ausziehen und abspülen, oder, besser noch, gleich mit wegwerfen können. Abgesehen davon, dass ich keine solchen Utensilien zuhause habe, drängte sich mir eine Frage auf: Was wäre, wenn die kalte Nudel von meinem Griff zerdrückt wird? Dann hätte ich es nicht mehr mit nur einer Würgsamkeit zu tun, sondern gleich mit mehreren! Szenen aus Horrorfilmen tauchten vor meinem geistigen Auge auf, und ich erinnerte die Geschichte von der Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue nachwuchsen. Nun denn, Herakles vermochte der Hydra den Garaus machen – ich beseitige die Nudel!

Und während dieser die Stümpfe mit Hilfe einer Fackel versengte, wodurch keine Köpfe nachwachsen konnten, beschloss ich, mich einer Gabel zu bedienen. Ich bewaffnete mich mit schnellem Griff in die Besteckschublade, schob das gezinkte Hilfsmittel behutsam unter die kalte Nudel, bevor ich sie beherzt in den offen bereitstehenden Mülleimer warf.

Hinfort, ekles Gewürm! rief ich ihr nach, als ich den Deckel zufallen ließ.

So wurde die Menschheit um eine Heldentat reicher.

Es soll aber niemand davon singen – Homer ist eh’ tot, und ich selbst genieße meinen Triumph lieber still und bescheiden.

Ein Mann weiß schließlich, was er getan hat.

Das genügt ihm.

Ist Kokos Kacke?

Erster Akt, worin wir lernen, dass Kokosöl klasse ist.
Kokosöl drängte sich in mein Bewusstsein, als ich des Öfteren über seine – angeblich – segensreiche Wirkung las. Zuvor kannte ich es als spermafarbigen Block, von dem man zum Braten Stücke abbrach oder abschabte, und vor mehreren Jahren berichtete mir ein Läufling während eines 24-Stundenlaufes, dass er es einerseits als Nahrung auf langen Strecken schätzte, andererseits zum Einreiben der beim Laufen von besonders beanspruchten Stellen. Läuflinge wissen, wovon ich rede, Nichtläuflinge mögen ihre Phantasie bemühen. Besagter Mensch betonte übrigens ausdrücklich, er würde für jeden der beiden genannten Zwecke einen eigenen Topf verwenden.

Gesund soll es sein, soviel merkte ich mir im Bewusstsein, dass ich keine klare Vorstellung davon habe, was gesund bei einem Nahrungsmittel bedeutet. Analog wüsste ich auch nicht zu sagen, was ich mir unter ungesund vorstelle, ohne auf Aspekte wie die zugeführten Mengen einzugehen, dennschließlich ist es die Dosis, die über gesund oder ungesund entscheidet. Und Gift ist zweifellos nicht gesund.

Ich komme mit Worten wie bekömmlich oder gesundheitsfördernd besser zurecht als mit dem laut hinausposaunten Anspruch, etwas sei gesund. Mir tut das Lebensmittel immer leid, wenn es so unter Druck gesetzt wird. Das arme Ding muss doch glauben, wir machten es, und nur es alleine, für unser Gedeih und Verderb verantwortlich.

Sei’s drum, bei allem inhaltsleeren Marketinggeschrei (ist das nicht ein Pleonasmus?) blieb der Tipp bei mir haften, Kokosöl ins Nahrungsportfolio aufzunehmen.

Zweiter Akt, in dem eine Dame Aufmerksamkeit begehrt
Es scheint mir ein häufiges Muster zu sein, dass weit verbreitete Ansichten wie jene, Kokosöl sei sicher, zum Hinterfragen einladen.
Die Ansicht, dass es mit einer solchen Gegenthese einfacher ist, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, als wenn man besonders laut mit den Wölfen heult, hat eine Dame auf den Gedanken gebracht, in einem Video den Standpunkt zu vertreten, Kokosöl sei Gift.

Ach, das Video.

Ich habe nach einer knappen Viertelstunde aufgehört, es anzusehen. Für die Art der Darbietung, vor allem aber den Inhalt war mir meine Zeit zu schade.
Freilich kann ich zwischen Form und Inhalt unterscheiden, und nicht jeder, der etwas zu sagen hat, muss rednerisch gut rüberkommen. Deswegen dachte ich mir anfangs noch: Gut reden kann sie nicht, aber vielleicht lohnt das, was sie sagt, darüber hinwegzugehen, wie sie es tut. Meine Entscheidung stand sehr schnell fest: Es lohnt nicht.

Kokosfett, so die Vortragende, ist Gift, so schlimm wie Schweinefleisch.

Es waren starke Behauptungen, die sie in der Einleitung aufstellte. Sie blieben leider alleine und ohne jegliche Stütze auf der Bühne stehen, ohne dass auf eine spätere Begründung verwiesen wurde. Ohne den Hinweis, es handele sich um eine Polemik, mit der aufgerüttelt werden soll. Nein, nichts dergleichen, ganz im Gegenteil fuhr die Dame in ihrem emotionalen Stil fort und erweckte nicht den Anschein, das würde sich im weiteren Verlauf des Vortrags ändern.

Warum habe ich das Video nicht weiter angeschaut? Ich tat dies deshalb nicht, weil sich der Eindruck, den ich in den ersten paar Sätzen gewonnen hatte, mit zunehmendem Anhören festigte: Die Frau will Aufmerksamkeit, die sie mit plakativen Aussagen zu erreichen sucht.

Intermezzo: Über Argumentation und Härtegrade von Fetten
Es ist mir wichtig, auf einen Aspekt in Bezug auf die Vortragende hinzuweisen: Wir sprechen von einer Hochschulprofessorin. Eigentlich ist es egal, wer etwas sagt, wie es gesagt wird, macht unter Umständen das Dabeibleiben und Verstehen leichter. Was wird (siehe oben) gesagt, das ist das alles entscheidende Kriterium. Was heißt schlicht: Welche Belege, welche Argumente verwendet man und ist die Argumentation schlüssig.
Auf diesem Weg kommt das “Wer?” dann doch wieder ins Spiel, weil der Anspruch an eine Professorin gerade dann besonders hoch ist, wenn sie in ihrer Vorstellung auf eben jenen Beruf verweist. anders formuliert: Wenn sie mit ihrem akademischen Grad auf dicke Hose macht – oder das weibliche Pendant dazu, wie auch immer das aussehen mag, erhebt damit den Anspruch an sich selbst, “professoral” zu argumentieren.
Auch Inhaltlich will ich differenzieren, denn einer forschenden, hauptamtlichen Juristin oder Ingenieurin wird man bei Ernährungsfragen vermutlich mehr nachsehen, als einer Biologin oder Medizinerin. Befasst sie sich dagegen als Gärtnerin, Psychologin oder Schmiedin hobbymäßig mit der Forschung sieht es wiederum anders aus – der Anspruch an die fachliche Qualität der Argumente steigt.

Darüber hinaus spielt natürlich das Zielpublikum – für wen? -eine Rolle, denn einen wissenschaftlichen Vortrag zu Ernährungsfragen würde zumindest ich nicht kapieren.
Gehärtete, ungehärtete oder vollkommen verweichlichte Fettsäuren mögen gesund oder ungesund sein oder sich als Füllstoff neutral verhalten, das ist zweifellos wichtig zu wissen. Ich wäre zufrieden, wenn das, was im Vortrag dargeboten wird, für mich als Laien plausibel ist, ohne fachliche Fehler aufzuweisen. Über letztere zu entscheiden, steht dem Fachmann an.

Kurzum: Ich vermag mir keine Meinung zum Inhalt der Auseinandersetzung zu bilden, wohl aber zu der Art wie sie geführt wird.

Dritter Akt, in welchem wir einen scheiß Shitstorm erleben
Wie der Widerhall des Vortrages zeigte, war er zumindest insofern erfolgreich, als der Rednerin die gewünschte Aufmerksamkeit in Form eines Shitstorms zuteil wurde. Genau hier setzt mein Unverständnis an, weil ich mitbekam, dass mancherorts gefordert wurde, sie möge “widerrufen”.

Bitte?

Widerrufen?

Was denn genau? Ihre Meinung vielleicht?

Wie soll man eine Meinung widerrufen? Entweder hat man sie, dann wäre es schlicht gelogen, zu sagen man hätte eine andere. Wollen wir das? Wollen wir wirklich, dass sich die Dame hinstellt und sagt “Ach, ich meine jetzt anders.” Ich hoffe nicht.
Sollte sie ihre Meinung ändern, ist das im wahrsten Sinne des Wortes etwas anderes. So aber hat sie ihre Meinung, die sie bekanntlich frei äußern darf.
Anscheinend findet sie, Kokosöl sei giftig, weil sie aufgrund ihrer Beschäftigung mit dem Thema zu diesem Ergebnis kam. Ich nehme an, es gibt eine fundierte Definition dessen, was wir unter einem Gift verstehen sollen, und sie hat geprüft, ob Kokosöl die Kriterien dafür erfüllt. Wie es scheint, jedenfalls erweckt der erste Teil des Vortrags diesen Eindruck, liegt Kokosöl auf demselben Niveau wie Schweinefleisch. Also lassen sich alle drei Behauptungen (1. Kokosöl ist giftig, 2. Schweinefleich ist giftig, 3. beide Substanzen sind gleich giftig), begründen, und diese Gründe zu liefern, ist sie natürlich verpflichtet.

Also nochmal die Frage: Was genau soll sie widerrufen?

Widerruf ist meiner Meinung (!) nach das falsche Wort, weil Ergebnisse von Messungen und Experimenten (oder wie auch immer es zur geäußerten Einschätzung kam) sich nicht aus der Welt schaffen lassen, indem man sie leugnet. Man kann die Art und Weise kritisieren, wie sie zustandekamen, ihre Bedeutung anzweifeln und so weiter – das nennt sich dann wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Für meine Begriffe geht der Shitstorm völlig am Thema vorbei, wenn er sich an der geäußerten Meinung stößt. Von mir aus mag sich jemand darin sonnen, eine abweichende Auffassung zu vertreten. Gegen den Strom zu schwimmen. Jenseits des Mainstream. Das ist ein nicht nur oft vorkommendes, sondern sicher auch notwendiges Regulativ, denn wie sollte sich eine Gesellschaft sonst weiterentwickeln? Um vom Paradigmenwechsel zu sprechen, ist mir das Thema allerdings zu klein, da wird mir der Wissenschaftstheoretiker sicher zustimmen.

Also, gerade in einer Zeit, in der sich der Bauch über die Tastatur schneller äußert als der Kopf, nochmal im Klartext: Wenn jemand bei einem doch halbwegs sachlichen Thema eine andere Ansicht vertritt als die Mehrheit, gilt es, sich mit dieser inhaltlich auseinanderzusetzen. Meinetwegen kann, sollte vielleicht sogar hinterfragt werden, was diejenige möglicherweise jenseits von empirischer Forschung zu ihrer Ansicht gebracht haben mag. Eine Unterstellung wie “die wird von der Lebensmittelindustrie bezahlt” muss so lange für inhaltsleer, bis sie sich belegen lässt.

Man kann aber – nein, man muss! – die Begründungen einfordern, die eine massive Aussage wie “Kokosöl ist Gift” stützen.

Statt also die andere Ansicht vehement zu verdammen, hätte die Professorin aus Freiburg genötigt werden müssen, sich in einem Dialog mit Gegenargumenten auseinanderzusetzen.

Schlussakkord
In diesem Punkt hat sowohl besagte Rednerin, als auch die interessierte Öffentlichkeit, soweit ich es bislang mitbekommen habe, auf ganzer Linie versagt.

Jacke wie Hose. Von der zunehmenden Unlust, einzukaufen.

Outdoor- und Sportläden, egal ob in der echten Welt oder im Internet, wirken auf mich wie Spielzeugläden auf einen Achtjährigen. So viele tolle Dinge….! Es lässt sich herrlich aus dem Vollen schöpfen, Neuerungen und Gimmicks ansehen – außerdem gebe ich gerne zu, dass ich auf manche optische Reize (Ninja-Hoodies, Daumenlöcher,…) anspringe wie ein Kaninchenrammler auf…nun, ihr könnt es euch denken.

Auch wartet der Schnäppchenjäger in mir darauf, dass man ihn wachkitzelt. Ein Faktum, das den meisten Shopbetreibern seit Jahren bewusst zu sein scheint, denn wie sollte es sonst sein, dass mir auf jeder (na gut: fast jeder) Seite beinahe immer ein SALE oder ein OUTLET entgegenblinkt. Manchmal macht sogar beides auf sich aufmerksam, was mich eher verwirrt, weil ich mich dann frage, worin der Unterschied zu sehen ist. Offline verhält es sich kaum anders, Angebote und radikale Reduzierungen bestimmen das Bild in einer Art, dass ich mich schon seit Jahren frage, ob man einen Quotenmenschen auslost, der als einziger den normalen Preis bezahlen muss. Zum Ausgleich winkt ihm natürlich ein Rabatt in Höhe von mindestens fünfundzwanzig Prozent, der ab einem Kauf von 80 Euro gilt. Lieferung frei Haus ab 49 Euro Warenkorbsumme.

O du schöne Inspirationswelt voller Versuchungen!

Herrliche Dinge!

Ich bin verwöhnt. Mittlerweile sehe ich bei Hoodies zuerst darauf, wie die Kapuze montiert ist: Geht der Reißverschluss weit genug hinauf, dass er den Hals abdeckt? Nein? Pech gehabt.

Wieviel mehr Komfort, welch Zunahme an Vielfalt zu vertretbaren Preisen!

Oder täusche ich mich in allen diesen Punkten?

Dies scheint der Fall zu sein, denn während ich vor geraumer Zeit noch gerne surfte, mir Schaufenster ansah, Läden betrat um zu schwelgen, mich inspirieren zu lassen und manchmal auch zu kaufen, bin ich heute dadurch verunsichert, dass meine Lust auf derlei Zeitvertreib zu welken scheint.

Wie war das? Mehr Komfort, Vielfalt und das auch noch günstig?

Ich beginne mit dem letzten Punkt, nachdem ich Nabelschau betrieben habe. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, mich bei Unbehagen zunächst selbst zu betrachten; mich zu fragen, ob ich mich verändert habe. Und in der Tat nenne ich mich saturiert. Ich brauche nichts – nicht in dem Sinne, dass ich meinen Sport nackt, oder sonstwie ungeschützt betreiben müsste. Auch im Alltag fehlt es mir an nichts. Alles, was Begehrlichkeiten auslöst, wäre Luxus, das, was neudeutsch nice to have heißt. Schön und gut, das krafttrainingsbedinge Wachstum an Beinen, Hintern und Oberkörper verlangt Neukäufe in größeren Größen, aber davon rede ich nicht. Ich rede von den Gegenständen, die mich ehedem verzückten. Leibchen mit Daumenlöchern, “Ninja Hoodies” und Laufhosen mit Taschen. Ich habe das alles.

Zudem habe anscheinend dazugelernt, meine Erfahrungen mit Gimmicks gemacht, die mich heute sagen lässt: Nettes Teil, hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, würde ich es mir nicht gekauft haben.

Was soll ich auch mit der fünften Jacke für ähnliche Wetterbedingungen, der dritten Stirnlampe und einem weiteren Trinkrucksack?

Ich stelle fest, dass ich nichts brauche. Schon dies alleine macht es für mich erklärbar, wenn mich nur noch wenig hinter dem Ofen hervorzulocken vermag.

Dazu kommt, dass das Kano-Modell voll zuschlägt. Was mich ehedem zu begeistern vermochte, setze ich mittlerweile als Standard voraus. Obendrein macht sich Langeweile quer über sämtliche Marken hinweg breit. Fetzig gestaltete Klamotten, vor ein paar Jahren nur bei Montura zu bekommen, gibt es, ähnlich aussehend, heute bei wenigstens drei, vier weiteren Herstellern. Darin zeigt sich ein typisches Phänomen vieler Märkte: Tut sich eine Marke mit einer Besonderheit hervor und ist darin erfolgreich, springt die weniger einfallsreiche Konkurrenz schnell auf den Zug auf. Die Damen und Herren Produktmanager können einem bei soviel Tempo beinahe leidtun.

Beinahe, wohlgemerkt.

Denn durch die Kopiererei erweitert sich der Mainstream, und Unterscheidungsmerkmale werden oft zu kurzfristigen, schnell verblassenden Effekten. Dadurch stellt sich ein Gefühl der Sättigung ein und die ehedem wahrgenommene Vielfalt weicht vielfacher Einfalt.

Vermögen mich Produkte also kaum zu begeistern, schaffen es die Shops noch weniger. Da wird ernsthaft eine Preissenkung von 107,90 Euro als 107,80 Euro unter den Angeboten gelistet. Mir ist bewusst, dass dahinter kein Mensch sitzt, der sich einen Spaß erlaubt, sondern ein simpler Vergleich zweier Zahlenwerte: Wenn Zahl A kleiner ist als Zahl B, so gibt Zahl B aus, und das als Sonderangebot deutlich herausgestellt. Mathematisch ein korrekter Vorgang, ist das Ergebnis dem Benutzer trotzdem lästig – und so frage ich mich, ob das dem Shopbetreiber klar ist.

Solch kleine Nerverei wäre halb so wild, wenn denn wenigstens die Filter funktionieren würden. Manch ein Shop schafft es tatsächlich, bei unterschiedlicher Reihenfolge des Filter setzens das alte Ergebnis zu löschen. Bekleidung, Größe L und dann auf Herren führt dazu, dass nur noch der Herrenfilter gilt. Ich darf also neu nach Bekleidung und Größe L filtern. Habe ich Lust dazu? Nein, das habe ich nicht.

Dafür enthält die Ergebnisliste sämtliche Farbvarianten als jeweils einzelnen Treffer. Mir persönlich wäre eine Modellauswahl lieber, die Farbe kann ich am Objekt immer noch ansehen – und man erzähle mir nichts vom Farbfilter. Ich interessiere mich beispielsweise für Laufshirts, ob es dann eins in blau, rot, schwarz oder grün wird, ist mir per se egal. Was ich nicht suche, ist das Laufshirt in gelb. Aber was soll’s, das gewünschte Shirt gibt es im meiner Größe eh’ nicht – Größenfilter hin oder her. Zum Ausgleich bietet mir die Trefferliste eines anderen Shops trotz Herrenfilter ein Damenbustier. Das ist nett gemeint, aber ich verzichte dankend. Meine Körbchengröße bedarf keines Bustiers.

Hosen scheiden ohne Anprobieren übrigens völlig aus, es sei denn, ich wollte das Spiel, bestehend aus Bestellen, Probieren und Rücksenden spielen. Dieser Zeitvertreib ist manchmal ganz nett, und speziell dann zwingend geboten, wenn ich nicht von vorherigen Käufen dieser Marke weiß, welche Größe mir passt, aber es muss ja nicht sein. Außerdem gibt es ja noch den stationären Handel, den, wie ich oft lese und höre, meiner Umsatz bringenden Unterstützung bedarf, um mir Beratungskompetenz, Auswahl und wasweißichnoch auch zukünftig bieten zu können. Man verspricht ein befriedigendes Einkaufserlebnis, welches meine Augen glücklich strahlen lassen soll. Ein Versprechen, das leider nicht gehalten wird. Zunächst muss ich die Hürde aus An- und Abreise und Parken überspringen – um dann festzustellen, dass die Auswahl höchst eingeschränkt ist, ausgefallenere Artikel, sofern überhaupt bekannt, nicht bestellt werden können oder wollen. Weder für gute Worte, noch für Geld. Somit ist der stationäre Handel keine Alternative, die ich auf der Suche nach Zufriedenheit in Betracht ziehe.

Bedarfsdeckung geht überall, nur rede ich von etwas anderem. Etwas, das ich Anregung nenne.

Was sie betrifft, setze ich eine vage Hoffnung auf Konzepte wie b8ta. Deren Läden sind nur zum Anfassen gedacht, kaufen wird der Kunde anderswo. Derzeit – meines Wissens – gibt es dort keine Klamotten, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Das Risiko sehe ich für Leute wie mich darin, dass ein solcher Laden dann auch nur die gängigen Marken hat, oder, schlimmer noch, einen ähnlichen Weg wie ebay geht, das mittlerweile zur Vertriebsplattform von professionellen Händlern geworden ist. Wenn b8ta-ähnliche Ansätze ihre Ladenfläche an große Labels vermieten, eine aus geschäftlicher Sicht zweifellos sinnvolle Strategie, ist das Konzept aus dem Blickwinkel von jemandem, der ein breites Angebot wünscht, mausetot.

Und wie sieht nun mein Fazit aus?

Die schlechte Nachricht wäre, dass mich weder das gängige Angebot, und schon gar nicht die Webshops zu begeistern vermögen. Ein “mehr desselben” ist nur selten toll – und schon gar nicht, wenn es nachlässig dargeboten wird.

Die gute Nachricht? Ich brauche nichts. Damit bin ich zufrieden.

Das Fitness

“Ich gehe ins Fitness” höre ich ab und zu, und meistens blicke ich in ein verklärtes Augenpaar, als würde es sich bei Das Fitness um einen magischen Ort handeln. Eine Art Wunschbrunnen, der Wünsche zwar nicht wahr werden lässt, aber – ja, was eigentlich? Mir ist nicht völlig klar, was Menschen dort zu finden hoffen, aber, wie gesagt: Wenn Augen leuchten, muss es etwas geben, das sie strahlen lässt.

Wobei: Meine Gesprächspartner lassen normalerweise durchblicken, dass sie diesen Ort nicht ganz freiwillig aufsuchen. Ich muss mal was machen ist so eine Formel, auf welche die Pflicht von denen gebracht wird, die sich noch im Frühstadium der Erweckung befinden. Routiniers erkenne ich dagegen an einem nonchalant geäußerten “Einmal in der Woche gehe ich ins Fitness”, es muss sich also um eine Form der Andacht handeln, die um des gewünschten Effekts halber regelmäßig auszuüben ist.

Weiterhin stelle ich eine Tendenz fest, sich dem Anlass gemäß zu kleiden. Die Art der Klamotten lässt mich eine gewisse Nähe zu sportähnlicher Betätigung vermuten, ganz im Gegensatz zum Körperbau der Glaubensgemeinde. Meine Beobachtungen zeigen klar, dass sportliche Menschen, die ein Fitnesscenter besuchen (ein Kontrollbesuch zeigte mir, dass der Besuch eines solchen Sport keinesfalls ausschließt), alternative Formulierungen wie “Ich geh’ trainieren” oder “Keine Zeit, da bin ich im Fitti” verwenden.

Gehen wir der Sache auf den Grund – und in Das Fitness.

Zunächst fällt Schönheit auf.

Alles ist schön.

Die Umkleideräume – schön.

Der Parkettboden – schön. Niemals wird eine Kettlebell die empfindliche Oberfläche berühren.

Die Trainingsmaschinen – schön. Niemals wird sie ein Schweißtropfen besudeln.

Die Menschen am Tresen – schön. Genauer gesagt, sind die Menschen hinter dem Tresen schön. Auf den Barhockern davor hocken unsere Probanden, den Blick schmachtend an sixbepackten und bibezepsten Models geheftet, wie sie auf den Titelseiten der herumliegenden Magazine prangen. Deren Inhalt gibt übrigens die Grundhaltung vor, lenkt das Denken in die gewünschte Richtung einer Welt, die von drei (und nur drei!) Themen beherrscht wird:

– Auch du kannst aussehen wie die Models, deren Foto du gerade ansabberst. Und, das Beste daran: Du brauchst nichts dafür tun! Ab und an in Das Fitness, dazu schluckst du diese Pillen, und schon bist auch du ein Fitnessmodel.

So nimmst du ab. In Nullkommanix und ohne Anstrengung. Es bedarf der regelmäßigen Gehirnwäsche im Das Fitness bei einem der angebotenen Kurse, wo du die Hostie in Form dieses Pülverchen erstehen kannst. Denn die gesündeste Ernährung verpufft ohne Nahrungsergänzung wirkungslos.

– Und natürlich: Seeeeex! Jedes zweite Heft teilt dir mit, wie du für noch mehr / besseren / tolleren / usw. Seeeeex trainieren musst.

Mit diesen drei Aspekten ist das Haltungskollektiv der Glaubensgemeinde hinreichend festgelegt, um sie dreht sich Denken und Tun, worin Das Fitness die Gläubigen kräftig unterstützt. Schon der Begriff Fitness ist ausreichend wolkig, auf dass ein jeder sich in der Gewissheit wiegen kann, er würde in Das Fitness “fit” werden. Was auch immer sich hinter dem Ausdruck verbergen mag, will eh’ niemand so genau wissen. Sport an wird ebenso wenig hinterfragt, geschweige denn, ob die praktizierten Aktivitäten langfristig wohl Wirkung zeigen. Soll es mir wert sein, an Zieldefinition oder gar Ergebnisüberprüfung zu erinnern? Nein, weshalb auch. In Das Fitness gibt es Zumba und Bodypump anstelle des gemeinsamen Absingens von Chorälen, und ebenso wenig wie ein Gläubiger an den Grundfesten seines Glaubens zweifelt, wird ein Dasfitnessit kaum fragen, wieso er jahrelang auf Minitrampolins herumhüpft, mit Hantelattrappen und Schwingstäben hantiert, ohne signifikant leistungsfähiger sein als ein Jahr nach dem Beitritt zur Sekte. Ein solcher Häretiker würde sofort verstoßen!

Natürlich ist nichts gegen regelmäßige Bewegung ohne den Anspruch auf Progression einzuwenden. Unschön an Das Fitness ist jedoch diese kollektive Selbstlüge, die an Preis ohne Fleiß glaubt, ohne die Unerreichbarkeit der arg hoch hängenden Trauben erkennen zu wollen. Das Fitness verkauft rhythmische Bewegung bei lauter Musik als Sport, wo es ehrlicher wäre, die zuckenden Leiber als Tänzer zu bezeichnen. Zugegeben klingt “Ich gehe tanzen” weniger ambitioniert als “Ich gehe zum Zumba ins Fitness“. Außerdem: Wie will man Tänzern das passende Outfit (so der Fachbegriff für trendige Klamotten) verkaufen, wenn die Religion namens Das Fitness ihnen nicht deutlich macht, dass nur in diesen Klamotten der Sixpack, Bizeps, Abnehmen und Seeeeex zu erreichen ist.

Das Fitness kann auch niemanden brauchen, der technisch anspruchsvolle Bewegungen bei hoher Intensität ausführen, und sich dabei steigern will. man müsste ja Monate mit dem Erlernen der Technik zubringen – und der Hohepriester (Trainer genannt) infolgedessen Zeit für die Betreuung einplanen. Ebensogut könnte ein katholischer Pfarrer zusätzlich zur allsonntäglichen Massenpredigt in Einzelgesprächen den Kontakt zu seinen Schafen suchen. Nein, derlei widerspricht dem Selbstverständnis von Das Fitness. Niedrige Einstiegshürden sind gefragt, und weil es keine Steigerung in Form von schneller laufen, mehr Gewicht und Ähnlichem gibt, erhöhen wir einfach die Anzahl der Übungen, oder ein neuer Trend namens Functional Fitness erklärt mit seinem Namen alles andere als nichtfunktional, während die Zahl gleichzeitig eingesetzter Gerätschaften erhöht wird. Das Fitness sagt: Der aber, mit einer Hantel auf dem Bosu-Ball steht, kann im Prinzip auch über Wasser gehen.

Wasser, soviel sei hier gesagt, ist von besonderen Marken mit hereingemixtem Pülverchen zu trinken; beides wird in Das Fitness feilgeboten.

Trainieren lässt sich im Fitnessstudio übrigens ganz vortrefflich, lassen wir uns dabei nicht davon irritieren, dass Das Fitness die gleichen Räumlichkeiten nutzt. Auch Sakralbauten können Kontemplation und innerer Einkehr dienen. Und normalerweise ist die Sektengemeinde recht tolerant; kommen sich Tänzer und Trainierende schon räumlich kaum in die Quere, sind Letztere vom Gläubigen an einer Maschine oder einer Hantel vorwiegend in der Art der Nutzung zu unterscheiden. Es wage jedoch kein Sterblicher, eine Kettlebell auf dem Parkett abzustellen, Fegefeuer und ewige Verdammnis sind ihm gewiss!

Letztlich ist Das Fitness das, was ehedem der Ablass war: Der Gläubige zahlt, damit ihm Sündenstrafen vergeben werden. So lebt er in der Hoffnung auf eine das irdische Paradies im Diesseits, was einen gewaltiger Fortschritt im Vergleich zur Ablasspraxis darstellt, wo der Kirche bekanntlich nichts anderes übrig blieb, als mit einem weniger schrecklichen Jenseits zu locken. Eine Hoffnung, die von Fitnessmagazinen illustriert und am Leben erhalten wird.

Brauchen wir jemanden, der fünfundneunzig Thesen an die Studiotür nagelt? Ach was, Das Fitness liefert denen, die rechten Glaubens und Wollens sind, Hilfe bei der Selbsttäuschung. Ein wenig Zweifel zu säen finde ich indes angebracht.

Nur ein Viertelstündchen…

Training ist besser als kein Training.
Und was wäre besser, als mit einer solchen Binsenweisheit zu starten, auf dass wir mit ihr einen stabilen Stand finden, von dem aus wir uns weiterbewegen.

A propos stabiler Stand: Bleiben wir doch ein Weilchen bei der Überschrift, die der typische Morgenmuffel (ich weiß, wovon ich rede…) nur allzu gut kennt. Ein Viertelstündchen, das sind rund zwei Schlummerphasen eines modernen Weckers, also nicht wirklich viel Zeit (als typischer Morgenmuffel weiß ich, wovon ich rede, aber das ist wirklich ein anderes Thema).
Um diese kurze Zeitspanne soll es gehen, und um die Frage: wie nutzen wir sie?

Wenn ihr bis hierhin gelesen habt (danke für’s Dabeibleiben!), dann wohl auch deshalb, weil wir uns über die anfangs gemachte Aussage einig sind: Training ist besser als kein Training.
Eine Viertelstunde ist hinreichend kurz, um Ausreden im Sinne von “Ich habe keine Zeit!” einen kurzen, aber stabilen Riegel vorzuschieben, andererseits doch lang genug für Gedanken zur Gestaltung.
Bei einer Minute lohnt kaum der Gedanken.

Nur eine Minute?

Burpees! 😉

Also eine Viertelstunde. Wobei eine Viertelstunde ebenso gut zehn Minuten, oder auch zwanzig sein können, die Aufgabenstellung bleibt dieselbe: Ich will in wenig Zeit einen nutzbringenden Belastungsreiz setzen.
Mit der Maßgabe wenig Zeit sollte auch klar sein, was wir lieber bleiben lassen. Alles, was nach “Ausdauer” riecht, passt schon vom Zeitrahmen her nicht rein. Sprinter oder Gewichtheber werden an dieser Stelle einwenden, dass eine Viertelstunde im Verhältnis zur Wettkampfdauer sehr lang ist. In der Tat ist sie das – aber eben dann, wenn wir sie mit der Dauer eines Wettkampfes vergleichen. Eine Trainingseinheit dagegen….

Wir vergessen alle reinen Ausdauerdisziplinen, wie Radfahren, Spaziergang oder Joggen. Genauso fällt meiner Meinung nach alles flach, was nach Rüstzeiten verlangt. Wenn ich mir beispielsweise wegen fünfzehn Minuten die Langhantel für Kniebeugen schnappe, brauchen die Umbaupausen unverhältnismäßig viel Zeit.
Das führt mich gleich zum nächsten Punkt: Trainingsreize, für die ich mich extra aufwärmen muss, um sie ausführen zu können, sind in einer solchen Einheit witzlos. Krafttraining, bzw. olympisches Gewichtheben verlangt nach Steigerung des Gewichts über mehrere Sätze hinweg; mit den Satzpausen ist unsere vorgegebene Trainingszeit schnell vorbei. Ein Gleiches gilt übrigens für Sprints. Die würde ich auch nur nach kurzem Aufwärmem ausführen – selbst wenn das nur fünf Minuten wären, machen sie ein Drittel meiner Trainingszeit aus.

Was bleibt übrig?

Mehr, als wir im ersten Moment glauben!

Was in den obigen Sätzen sehr vorsichtig klingt (kein hartes Krafttraining, keine Sprints,…) wird sich im untigen Teil als immer noch ausgesprochen reichhaltige Auswahl herausstellen, denn es bedeutet keinesfalls: Du sollst dich nicht anstrengen!

Im Gegenteil, unser Viertelstündchen ermuntert uns: Gib Gas!

Eine kurze, intensive Trainingseinheit.

Mit Trainingsreizen, reizend und reizvoll! 🙂

Ich präsentiere ein Beispiel für eine kurze Trainingseinheit, welche ich im schonungslosen Selbstversuch kürzlich angewandt habe. Eigentlich wollte ich eine Runde rennen (was ich im Anschluss auch tat), vor diese gedachte ich ein knackiges Athletiktraining zu setzen. Dauer? Ihr dürft genau ein Mal raten!

Ich griff zu einer Kettlebell mittleren Gewichts, mit der ich links und rechts je drei Turkish-Get-Ups ausführte. Dergestalt gekräftigt, durchbewegt und aufgewärmt schloss sich ein frei improvisiertes Programm mit zwei Clubbells an, um mit Seilspringen abgeschlossen zu werden: Fünf Minuten aus 30 Sekunden Springen, gefolgt von 30 Sekunden Pause. Unter’m Strich waren das irgendwo zwischen 15 und 20 Minuten, bevor es an’s läuferischen Ausdauerprogramm ging, das aber nicht zum Thema dieses Artikels gehört.
Inhaltlich also intensive Übungen mit moderaten Gewichten, wobei sich die Intensität steigerte. Zum Schluss noch das, was gemeinhin als Cardio bezeichnet wird: Knackiges Training mit hinreichend (!) hohem Puls fördert die maximale Sauerstoffaufnahme des Körpers!

Es geht natürlich auch einfacher und mit weniger Gerätschaft.

Das von Pavel Tsatsouline erdachte Programm Simple & Sinister sieht Turkish Get-Ups für zehn Minuten vor, gefolgt von fünf Minuten Swings mit der Kettlebell.

Oder, ganz ohne Geräte: Krabbeln, danach Liegestütz und einbeinige Kniebeugen im Wechsel, danach Burpees (wer’s sauber hinkriegt, alle anderen sollten Strecksprünge oder Tuck Jumps machen).

Richtig eingesetzt ist so eine Viertelstunde keineswegs “nur” ein Viertelstündchen, die fünfzehn Minuten können im Gegenteil ganz schön lang werden…
Und das Schöne daran ist, dass sie sich sehr gut in sportartspezifische Trainingspläne einbauen lassen. Ich weiß ja, dass viele Läufer eine starke Aversion gegen Kraft- / Athletiktraining haben. Wenn wir uns einen “typischen” Trainingsplan für Läufer ansehen, bleibt genug Raum für derartige nutzbringende Kurzeinheiten.

Und für all jene mit zeitweise knapp bemessener Zeit gilt die eingangs zitierte Regel: Training ist besser als kein Training.

Kurz mit Nutzen, denn: Ausrede ist alles, was dich vom Training abhält. 😉

Hinweis:
Dieser Artikel entstand in freundlicher Zusammenarbeit 21RUN. Das bedeutet: Ich habe ihn so geschrieben, wie mir der Sinn stand und einen Link (ohne Tracking) eingefügt.