Sport oder Sex?

Neulich erzählte ich einer Bekannten, wie sehr es mir gefällt, wenn ich nach dem Training im Bett liege und sich der ganze Körper benutzt anfühlt. “Wie nach dem Sex” war ihr Kommentar dazu.

Wobei ich nicht ganz korrekt zitiere, denn ihre Aussage war “Wie nach gutem Sex”.

Dabei handelt es sich um eine Formulierung, die ich umso weniger verstehe, je länger ich darüber nachdenke – was jetzt nicht heißen soll, ich verstünde sie ohne Grübeln. Strenggenommen kann ich mit dem Begriff guter Sex überhaupt nichts anfangen. Was soll denn in diesem Zusammenhang “gut” heißen? Da drängt sich mir schon dir Frage auf, ob wir das Gegenteil von schlecht, oder von böse meinen. Und wer bei aufdrängen im letzten Satz an Notzucht, mindestens aber an Nötigung denkt, lenkt seine Gedanken möglicherweise in Richtung böse. Das wiederum lag mir vollkommen fern. Ich halte zunächst fest, dass unklar ist, wie das Attribut gut im sexuellen Bereich von böse oder schlecht abzugrenzen wäre.

Unabhängig davon können wir uns fragen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Sex ein guter würde? Ist dies dann der Fall, wenn alle Beteiligten zufrieden sind (ich spare mir den Kalauer mit befriedigt)? Wohl kaum, denn wir müssen zumindest die Möglichkeit von einander widersprechenden Einschätzungen in Betracht ziehen. Ich stelle mir ein postkoitales Bettgeflüster vor:

Hach, ich fand’s super!
Naja. Vielleicht sollte ich anfangen zu rauchen, dann könnte ich wenigstens die Zigarette danach genießen.

War dieser Sex gut oder nicht?

Bevor ich also lang und breit hin und her überlege, mir die Finger wund und das Hirn matt tippe, verzichte ich lieber auf die weitere Erörterung sexueller Güte und widme mich der eingangs eröffneten Frage, inwieweit irgendein Sex mit Sport gleichzusetzen sei.

Dabei löse ich mich nicht völlig von der guten Sache, denn theoretisch könnte ein Gütemerkmal im Erschöpfungszustand danach liegen. Je kaputter, desto besser.
Oder? Würde jemand ernsthaft darauf abzielen?
Dann brauchte man bloß ein wenig Sport treiben, bevor man es treibt – schon wird der Sex “besser”. Oder umgekehrt: Poppen vor dem Sport (gleich Vorermüdung), und das Training wird schöner gewesen sein.

Nur wenige Argumente lassen sich so locker aushebeln.

Übrigens sind die verbrauchten Nährstoffe verwandt mit dem Ermüdungszustand, und als Kriterium ebenso nutzlos. Ich bin zu faul, es selbst zu suchen, aber irgendwo in den unendlichen Weiten des weltweiten Netzes findet sich die Information, wie viele Kilojoule stündlich / minütlich / … bei verschiedenen Formen der Leibesbenützung (einschließlich Sex) verbrannt werden. Konsequenterweise sollte dann auch der Vergleich zu Garten- oder Fließbandarbeit gezogen werden. Damit böten sich interessante Auswahlmöglichkeiten, um chemische Energie in Wärme zu verwandeln:

Lass’ uns das Mittagessen verarbeiten. Sollen wir im Garten ein Vogelhäuschen aufstellen, oder im Häuschen vögeln?

Auch Ermüdung und Energie ist, scheint mir, eine Sackgasse. Wenigstens komme ich dadurch auf den Gedanken, von der Bewegungsseite her in das Thema einzudringen. Ich vermag mir weder Sex noch Sport ohne Bewegung vorstellen, weshalb ich diese Facette als nächste betrachte.

Sie liefert mir ein erstes Abgrenzungsmerkmal weil sich Sport, im Gegensatz zum Sex, ohne Beteiligung fremder Organismen durchführen lässt. Den Spruch “Masturbation ist Sex mit dem einzigen Menschen, den du wirklich liebst” kenne ich natürlich auch. Auch Mannschaftssportler werden einwenden, dass obige Aussage nur für Individualsportarten gilt, womit ich beinahe genötigt sein könnte, Masturbation als Individualsportart zu verstehen, den ich Teamsportarten gegenüberstelle. Ich könnte. Aber ich tue es nicht.

Stattdessen verweise ich auf die Ausgangssituation, in der von Sport alleine, und Sex nicht alleine die Rede war. Dabei halte ich bewusst offen, wer denn nun bei Sport und Sex zu den Akteuren zählt. Zu zweit oder in Kleingruppen, in Massen, Geschlechter bunt gemischt oder sortenrein – mir egal. Mir genügt eine einzelne Dame, und ich bin zufrieden. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen.
Knorkator hat im Song Klonen* übrigens eine interessante Vision für die Narzissten unter uns formuliert. Noch ist das allerdings Zukunftsmusik. Buchstäblich.

Also nochmal: Sex zu zweit (siehe oben) oder Sport alleine (auch siehe oben). Und dann der Zustand danach. Schön und gut, nach beiden Aktivitäten kann sich Ermattung einstellen. Da schreit eine Stimme in mir: Wie sieht es beim Sex mit Progression aus?
Wenn ich Sport treibe, kann ich länger / schneller laufen, Rad fahren, schwimmen, usw., ich kann Gewichte erhöhen und die Übungen schwieriger gestalten.
Bietet Sex ähnliche Gestaltungsmöglichkeiten, lässt sich das SAID**-Prinzip auf ihn anwenden? Ist es demnach notwendig, dass ich bei der Partnerwahl auf den Trainingsstand achte? Vielleicht ein kleines Assessment davor? Während Sportpartner sich leicht einschätzen lassen – was ist deine Marathonbestzeit?, fällt es mir schwer, vor der geschlechtlichen Paarung eine vergleichbare Frage zu formulieren, die den Informationsbedarf hinreichend zu befriedigen vermag.
Außerdem: so arschig es ist, einem langsameren Trainingspartner davonzulaufen, so uncharmant dürfte es sein, mitten im Akt zu sagen: sorry, aber wir brechen an der Stelle ab, unser Leistungsunterschied ist einfach zu groß. Davon abgesehen dünkt es mich verzerrt, den Leistungsgedanken ins Bett zu übertragen. Vielleicht sehe ich das durch die romantisch-verklärte Brille, aber seit ich erfahren habe, dass selbst Popstars ihren Status nicht durch außergewöhnliche Leistungen im Schlafzimmer erreicht haben, fühle ich mich in meiner Ansicht bestätigt.

Keine Progression beim Sex.

Auch der Wettbewerbsgedanke liegt ihm fern. Freilich ließen sich Pornolympische Spiele denken, die mannigfaltige Formen der Bewertung zulassen. Da brauchen wir nicht erst nach dem mächtigsten Gemächt und den größten Körbchen Ausschau halten – manch ein Mann würde gerne ein Körbchen von der Olympiasiegerin bekommen – sondern ganz simpel nach Zeit und anderen zahlenmäßig erfassbaren Größen im leiblichen Miteinander suchen. Wer ist zuerst fertig? Oder wer hält länger durch? Ein One-Night-Stand als Wettkampf, worin die Nacht als Zeitraum zwischen Sonnenunter- und Aufgang definiert wird, erhielte schon durch jahreszeitliche und geographische Schwankungen besondere Würze. Ich bin sicher, dass Bewohner der Polarregionen mit ihren monatelangen Polarnächten als Favoriten in den Kampf gehen dürften.

Kampf?

Vom Kampf der Geschlechter ist ja oft zu lesen, aber Sex als Kampf? Der Begriff impliziert doch eine Gegnerschaft, die nicht recht zum Charakter des Liebesaktes passen will. Wenn wir hier ein Miteinander anstelle des Gegeneinander voraussetzen, bleibt auch der Wettbewerb auf der Strecke, und damit die Olympischen Liebesspiele.

Kein schneller, höher, weiter und keine B-Note.

Keine Stilnote, obwohl sich theoretisch Haltungsnoten einführen ließen, wobei sich postwendend die Frage stellt, wer denn den die Noten vergeben soll? Selbst wenn alles auf Video aufgezeichnet, und von den Akteuren des Akts im Nachgang analysiert würde, müsste immer noch geklärt werden, an welchem Maß sie sexuelle Darbietung zu messen sei. An der Komplexität der eingenommenen Positionen nebst benutzten Werkzeugen vielleicht? Dazu fällt mir die Rockband Lüde & die Astrosein. Sie besang im Song Keine Lust eine scheinbare Kreativität mit den Worten “nackt vor’m Kühlschrank, Spiegel und Ketten – ohne Standard in den Betten“. Von dieser Warte aus können wir eine Brücke zum Functional Training schlagen, wo man der selben Logik folgt: wenn eine Hantel gut ist, und Balanceübungen auch, dann muss es noch besser sein, wenn man auf dem Bosu-Ball Gewichthebeübungen ausführt. Bis jemand vorschlägt, auch Gesangsübungen dabei auszuführen, ist wohl nur eine Frage der Zeit.
Erlaubt ist, was gefällt – was bedeutet, dass der persönliche Geschmack schnell eine unziemliche Rolle im quantifizierten Liebesspiel übernimmt.
Das kannste schon so machen, aber dann isses halt Kacke.
Eine Substanz, deren Verwendung zur sexuellen Erregung übrigens kein Geringerer als Marquis de Sade (ja, genau der!) in seinem Buch Die hundertzwanzig Tage von Sodom überaus detailliert beschrieben hat.

Was er wohl zur Frage “Sex oder Sport oder Sex oder Sport oder…” zu sagen gehabt hätte?

Will ich es wirklich wissen?

Ich glaube schon, kann ihn nur nicht mehr fragen.

Und ich stelle fest, dass ich nicht weiter komme. Zu verschieden sind für mich beide Tätigkeiten, zu unvergleichlich trotz herbeiredbarer Gemeinsamkeit, die sich im Vorhandensein körperlicher Aktivität erschöpft.

Und der benutzte Körper, womit ich den jeweils eigenen meine?

Es führen offenbar nicht nur viele Wege nach Rom, sondern es gibt auch mehr als nur ein Rom. Dafür ist vor allem das, was im Kopf vorgeht, ganz anders. Egal wobei.

Nun bin ich vom Schreiben erschöft.

Das ist wie nach dem…..Schreiben!

* Knorkator – Klonen
** SAID: Specific Adaption to Imposed Demands

Vom Frühsport und der Schlummertaste

Morgenstund’ hat, so behauptet ein Sprichwort, Gold im Munde. Aus diesem Gerücht ist vermutlich die Unsitte entstanden, bereits im Frühtau zu Berge oder anderswohin zu ziehen. Konkret starten viele Ultraläufe ausgesprochen früh.

Sehr früh.

Um sechs zum Beispiel.

In Worten: um sechs!

So schockiert meine Worte erscheinen mögen – ich schreibe sie im Bewusstsein, dass es Menschen gibt, die noch früher von selbst aufwachen und mit einem strahlenden Lächeln, ein fröhlich’ Lied vor sich hinpfeifend, aus dem Bett springen. Ein guter Freund von mir ist auch so einer dieser frühen Vögel, die den Wurm fangen. Vorausgesetzt, der Wurm ist schon wach. Wobei es dem kundigen Vogel wahrscheinlich egal ist, wenn er den Wurm im Schlaf aus seliger Nachtruhe in den ewigen Schlaf versetzt. Wetten, dass es den frühen Vogel ganz schön wurmt, wenn ich in der untergehenden Sonne ein leckeres Abendessen auf dem Balkon genieße.

Sechs Uhr (Oder andere Perversionen, sieben Uhr ist nicht viel besser, während mir die Finger beim Gedanken krampfen, ich müsste Startzeiten von fünf oder gar vier Uhr tippen. Da lass’ ich es lieber bleiben) nehmen wir mal als Metapher. Sechs Uhr, das ist mal locker zwei Stunden vor dem Aufwachen, und da bin ich schon großzügig. Um meinen Zustand zu niedrigen, einstelligen Uhrzeiten zu beschreiben, greife ich eine bekannte Redewendung auf: Aufstehen, so besagt diese, sei wie ein kleiner Tod.

Hier muss ich widersprechen.

Aufstehen ähnelt keineswegs dem Ableben, im Gegenteil!

Wenn ich mir die einzelnen Phasen des Aufstehens vor Augen führe, gleicht es eher dem Geborenwerden: Zuerst beginne ich, eine Umwelt um mich herum wahrzunehmen. Dann öffne ich ein Auge einen Spalt weit, mache die ersten, anfangs noch unsicheren, Schritte. Ich kommuniziere – zuerst mit Grunzlauten, danach folgen Ein- und Mehrwortsätze, bis ich nach geraumer Zeit im Vollbesitz meiner Fähigkeiten bin.
Das bedeutet, dass dieses Wesen, das am Start eines Frühstart-Ultras wie ich aussieht, nicht ich bin. Es handelt sich um ein Übergangs-Ich, angesiedelt zwischen dem sabbernden Säugling (der sich komischerweise aufrecht vorwärts bewegt) und einem Zombie. Anders als bei Letzterem besteht bei mir indes Aussicht auf Heilung.

Verglichen mit diesen Frühstart-Perversionen finde ich einen Start am Abend übrigens ausgesprochen human. Ob um halb sieben (abends!) oder um Zwölf (abends oder mittags ist mir gleich sympathisch) – aus dem wachen Zustand heraus laufe ich gerne die Nacht durch. Ich bin Eule, keine Nachtigall.

A propos Nachtigall.

Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

So spricht Julia zu Ihrem Romeo, nach der gemeinsam verbrachten Nacht. Wohlgemerkt waren die beiden wach geblieben, was in etwa dem Start am Abend entspricht.
Würde Julia mich mit derlei Erörterungen wecken, ich wäre kein Romeo. Mein banges Ohr durchdringt in solcher Lage so gut wie nichts. Und selbst wenn es ihr gelänge, meine Aufmerksamkeit zu erregen: Anstelle romantischer Erwiderung würde ich ihr mit Hilfe unwilliger Grunzlaute zu verstehen geben, dass mir der Sinn nach allem Möglichen steht (“alles Mögliche” bedeutet: Schlaf), keineswegs jedoch nach ornithologischem fachgespräch auf der Basis von Vogellauten. Ebenso wenig wäre ich imstande, die übermittelte Information zu Standort und Lebensraum des Vogels sachgerecht zu verarbeiten. Damit ich “dort” erkenne, müsste ich ja mindestens ein Auge öffnen, womöglich noch den Kopf bewegen, falls er nicht in die richtige Richtung orientiert ist. Und ein Granatbaum? Ich bin schon froh, wenn ich mich in der Aufwachphase selbst erkenne, geschweige denn einen Granatbaum von einem Küchentisch zu unterscheiden im Stande wäre.

Ich denke, also bin ich, schreibt Descartes.

Ein ich, das ich täglich aufs Neue entwickle.

Wobei ich eines gerne zugestehe: Sport am Morgen kann Spaß machen!

Wenn ich, bevor ich ins Büro gehe, eine Trainingseinheit absolviert habe, betrete ich dasselbe mit einem breiten Lächeln. Das soll nun nicht bedeuten, dass die Aussicht auf einen locker-lächelnden Morgen das Aufstehen an sich leichter macht, die ersten zwanzig Minuten körperlicher Aktivität sind und bleiben übel. Dabei ist es egal, ob ich Laufe oder Athletiktraining betreibe, es ist immer übel. Wenigstens bildet sich mein ich schnell, so dass ich mehr bin als ein bloßer Zustand ohne Bewusstsein, was mir motivierende Selbstgespräche ermöglicht.
Davon abgesehen lebe ich mit den bekannten Defiziten, deren Abbau ich im Laufe der Trainingseinheit miterlebe: Koordination? Kenne ich nicht. Nicht in der ersten halben Stunde, nachdem ich senkrecht bin. Seilhüpfen kann ich also vergessen. Tempotraining auch. Anspruchsvolles Krafttraining sowieso. Also starte ich mit ausgedehntem Aufwärmen – Stichwort Mobility. Füße noch im Bett kreisen lassen, das kriege ich unfall- und umfallfrei hin.

Damit der Übergang noch ein wenig sanfter vonstatten geht, hat mein Wecker eine Schlummertaste, deren acht Minuten ziemlich genau die Zeitspanne abdecken, die ich brauche, um gerade wieder einzuschlafen. Schlummertaste, o du teuflischer Engel! An schlechten Tagen gelingt es mir übrigens, mit Hilfe dieser kleinen Schlummereien genügend Zeit zu überbrücken, um doch wieder abends zu trainieren. Wobei mir dadurch logischerweise dieser unbändige Stolz auf einen erfolgreichen Aufstehvorgang versagt bleibt.

Ganz perfide wird es, wenn sich meine Blase mit der Schlummertaste verbündet. Gerne tut sie das vor dem ersten Piepsen des Weckers, wenn es schon hell ist. Damit wir uns richtig verstehen: ein, zwei Stunden Frist sind wirklich kein Ding. Einmal raus und wieder rein ins Bett und flugs in den sofortigen Tiefschlaf. Ich kriege kaum mit, dass ich draußen war.

Nein, die wahren Schrecken erlebe ich, wenn ich etwas wacher bin.

Dann kämpfe ich.

Vergebens.

Nicht einmal Chuck Norris kann wieder einschlafen, wenn er nachts pinkeln muss, ohne auf dem Klo gewesen zu sein. Wie ich es drehe oder wende: es klappt nicht. Also raus. Meine Blase weiß das. Und bringt diese widerlichen Aktionen der Blase, so zwanzig Minuten vor dem ersten Läuten. Gemütlich liegenbleiben und abwarten, bis es piepst? Vergiss’ es! Also raus, halb wach sein, wieder einpennen bis gefühlte zwei Sekunden später der Wecker seine Pflicht tut.

Aufstehen ist kein kleiner Tod, es ist ein Ritual. Ein Ritual, welches die höchst empfindliche Psyche eines schlafenden Menschen behutsam in den wachen Zustand bringt. Wie das Leute hinkriegen, die zu nachtschlafender Zeit schon fröhlich und agil wirken, ist mir ein völliges Rätsel.
Wenigstens sind die meisten so einsichtig, dass sie mich in meinem labilen Zustand nicht aggressiv ankommunizieren, oder gar Antworten auf offene Fragen erwarten! So naiv ist kaum jemand. Wer sich mit Grunzlauten zufrieden gibt – meinetwegen.

Es bleibt die Frage der frühen Startzeiten. Angeblich sei es schwer, Helfer zum längeren Bleiben zu bewegen, hörte ich einmal. Sind denn alle Helfer solche früh-aus-dem-Bett-Hüpfer? Oder ist das mancherorts eine perverse Tradition?
Eine Tradition, geboren aus der Auffassung: wenn wir früher anfangen, haben wir mehr vom Tag? Ehrlich, Leute, wieviel habe ich von einem Tag, von dessen ersten paar Stunden nichts mitkriege?

Frühaufsteher freuen sich natürlich.

Ich dagegen grunze vor mich hin und bin froh, wenn ich zu zweistelligen Uhrzeiten feststelle: O geil, ich bin wieder auf der Welt!

Außentemperaturgeführt

Kennt ihr diese “außentemperaturgeführten” Heizungen? Wird es draußen wärmer, regelt solch ein Gerät die Wassertemperatur von selbst herunter. Scheinbar absurd, denn wen interessiert es schon, ob es draußen warm ist, wenn er drinnen friert.
Doch manchmal ticken wir Sportlinge ähnlich, womit wir uns selbst ein Bein stellen.

Vielleicht sollte ich zunächst eine Lanze für die Heizungstechnik brechen, bevor sich der Eindruck verfestigt, ich bräche den Stab über sie. Wenn’s draußen wärmer wird, könnte man die Vorlauftemperatur der Heizanlage senken – ähnlich wie bei der Nachtabsenkung auch. Alternativ dazu ließe sich ein Raum in der Wohnung zum Referenzraum befördern: er entscheidet über hohe oder abgesenkte Temperatur des Heizungswassers. Aber ich bleibe bei der Außentemperatur als Steuerungsgröße. Von der technischen Seite her ist das Konzept für mich nachvollziehbar, vor allem dann, wenn Dummheiten vermieden werden, wie den Temperatursensor an einer sonnenbestrahlten Stelle zu montieren. Dennoch bleibt nicht nur emotional, sondern auch technisch ein Zweifel. So eine leise Stimme, die mich darauf hinweist, dass mich die Temperatur draußen nur bedingt kümmert, wenn ich drinnen in der – möglicherweise eben keinesfalls warmen – Stube sitze.

Ich richte meinen Blick nach außen in der Annahme, er gäbe den inneren Zustand korrekt wieder.

Das kommt mir bekannt vor.

Schmerzlich bekannt.

Schändlich gar.

Fällt mir doch spontan ein Lauf (nicht nur einer…) ein, der mich in die außentemperaturgeführte Falle hat tappen lassen. Oder, abstrakter: ich habe mich an irgendwelchen dämlichen Vorgaben, an Zahlen orientiert, statt mich von meinem inneren Zustand leiten zu lassen.
Konkret hatte ich mir beim 24-Stunden-Lauf einen bestimmten Schnitt vorgenommen (ja, ich weiß…). Dummerweise stieg die Außentemperatur (sic!) auf über dreißig Grad. Ich strengte mich an, den Schnitt zu halten (ja, ich weiß…), in der Hoffnung, die Hitze würde nicht allzu lange anhalten (ja, ich weiß…). Und so weiter. Hätte ich (ja, ich weiß..) meinen inneren Zustand konsequent verarbeitet, der Lauf wäre viel schöner gewesen. Und, glaubt mir, ich habe die ganze Zeit gemerkt, dass mir heiß war. Ein Jahr drauf bin ich in der heißen Phase deutlich langsamer unterwegs gewesen. Bin schließlich lernfähig!

Das Hitzebeispiel ist allerdings nur eines von vielen möglichen, ich will gar nicht zu sehr darauf herumreiten. Vergessen wir deshalb die Temperatur, um wieder zu abstrahieren.
Dort draußen gibt es noch viele Einflüsse, mit denen wir uns selbst leiten – oder in die Irre führen lassen.

Da gibt es diese schönen Tage, kühl und doch nicht kalt, mit herrlichem Sonnenschein. Und dennoch frieren oder schwitzen wir. Wie kann das sein, es hat doch nur (beliebige Temperatur einsetzen) Grad? Gewiss habt ihr bemerkt, dass es doch noch um Wärme geht. Oder ihre Abwesenheit. Allerdings nicht nur darum, auch nicht um Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen, sondern auch um das, was wir als Tagesform kennen. Das eigene Empfinden richtet sich eben nicht nach dem Thermometer. Eine simple Erkenntnis, die offenkundig das Begriffsvermögen vieler Armeen übersteigt. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie Sommer befohlen werden könnte.

Im Übrigen wird der gemeine Sportling häufig geneigt sein, seinen Trainingsplan als unumstößliches Gebot anzusehen. Wenn’s nicht so schwer wäre, man würde Läuflinge Marmortafeln anstelle von Smartphones schleppen lassen, in die Tempi, Distanzen und Ziel-Herzfrequenz mit güldenen Lettern einlassen sind. Die Änlichkeit mit Grabsteinen kommt hier nicht von ungefähr.

Still und starr ruht der Plan.

Allerdings, und das ist die Kehrseite der Medaille, sind Körper und Geist wahrhaft trickreiche Wesen. Im Team verbünden sie sich manchmal zum Schaden des Sportlings, denn so wie sich übertriebener Ehrgeiz und starres Festhalten am Plan manchmal in Verletzungen niederschlagen – woraufhin der Sportling zu Recht niedergeschlagen ist, sorgen sie im umgekehrten Fall in trauter Einigkeit für ein Zuwenig an Sport.

Bei mir sind es hochintensive Intervalle, die manchmal dieses “Huch, ich strenge mich an! Ich will mich nicht anstrengen! Ich brauche Pause! Jetzt!” auslösen. Fällt euch die Steigerung im Zitat auf? Von der Realisation, dass ich mich anstrenge, führt der Weg in direkter Folge zum Drang nach Pause. So weit, so normal. Ziemlich normal.

Da ist es natürlich der Kopf, der mich dann weitermachen lässt. Oder auch nicht.

Denn das Hirn ist manchmal ein kleiner fauler Sack. Da wird ein Zipperlein des inneren Zustands, den zu beobachten ich oben gefordert habe, schnell zur dräuenden Unbill, die natürlich nur durch sofortige Pause abgewendet werden kann. So ein kleiner Sack, dieses Hirn.
Das wäre dann eine Situation, in der es (das Hirn) sich münchhausenartig am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen muss.

Und wie?

Durch den Blick nach draußen!

Es ist nicht einfach.

Aber, wie der Volksmund weiß: wäre es einfach, würde es Fußball heißen.

Notkörper

Beim Frühstück im Hotel heute morgen ließ ich den Blick über meine Mitmenschen wandern. Es handelte sich um die übliche Mischung aus Kaum- bis Nichtsportlern, wie sie uns tagtäglich begegnet. So weit, so bekannt. Neu war allerdings der Begriff, der sich in meinem Kopf formte: Notkörper. Ich finde, er bedarf einer näheren Betrachtung.

Notkörper ist zwar das spontan geformte Wort von heute früh, jedoch würde Behelfskörper das, was ich sagen will, besser treffen: da kommt der behelfsmäßige Charakter, das Improvisierte, dieses “von mir aus, wenn nichts Gescheites verfügbar ist, nehme ich halt das Ding” ans Licht. Ich bleibe trotzdem bei Notkörper, weil es sich griffiger anhört.

Worauf will ich hinaus?

Ein Notkörper wirkt, als sei er für den Notfall gemacht – nichts, was ich täglich benutzen, und schon gar nicht belasten würde. Wenn ich bei nicht ganz stabilem Wetter länger draußen unterwegs bin, habe ich eine Notfall-Regenjacke dabei. Ihr kennt diese Plastiktütendinger, die es für kleines Geld zu kaufen gibt. Ich würde nicht auf die Idee kommen, bei Regen mit sowas loszuziehen. Nein, dafür taugen die Teile nicht. Falls es im unwahrscheinlichen Fall zu Niederschlag und Wind kommt, kann ich sie einmal anziehen, freue mich über meine Vorsorglichkeit – und damit hat es sich. Ernsthaft geplante Einsätze verlangen nach tauglicher Ausrüstung.

Ernsthaft geplante Einsätze verlangen also nach einem geeigneten Körper? Gemach, dazu komme ich später. Zunächst bleibe ich bei den Analogien, indem ich ein paar Worte zur Notnahrung verliere. Die muss sich lange halten, nahrhaft sein und dem Esser eine Notlage erleichtern. Von Genuss oder Ausgewogenheit ist nicht die Rede!

Diese Hilfsmittel für die Not, von denen ich spreche, haben eine armselige Facette, die Mitleid auslöst: “Ach der Ärmste wurde vom Regen überrascht, zum Glück hatte er die Plastiktüte im Gepäck.“. Gleichzeitig dürfen wir die Notfallobjekte bedauern, denn wer kümmert sich schon groß um sie. Sie fristen ihr Dasein unbeachtet, ohne die Aufmerksamkeit, die würdigeren Ausrüstungsgegenständen zuteil wird, bis sie entweder gebraucht, oder weggeworfen werden.

Wundert mich eine äußere Erscheinung, wie jene, auf die ich heute morgen gestoßen wurde?

Es bot sich das fast schon gewohnte Bild eines Mannes – ich schätze ihn auf Mitte dreißig, dessen Hose am Hinterteil schlichtweg flach war. Die zugehörige Dame sah übrigens genauso aus.
Kein Arsch in der Hose. Kein Wunder, dass die Rückansicht einen traurigen Arsch präsentierte. Wie soll er denn auch glücklich werden, so ohne Bewegung? Ein Arsch freut sich doch, wenn man ihn hochkriegt!

Immerhin hatten die beiden nicht diese Kastanienmännchen-Statur. Sagt euch nichts? Nun, so sieht es aus, wenn ein kugelrunder Oberkörper auf staksigen Hax’n steht. Flamingo Style ist übrigens etwas anderes. So nennen die Bros in den Gyms ihre Kollegen die nur ihren Oberkörper trainieren. Pumpen, Digga! Ob mit dieser Form des halben Trainings zwangsweise rosa Kleidung verbunden ist?
Davon abgesehen könnte der Eindruck entstanden sein, ich würde das Aussehen als Trainingsziel anerkennen. Weit gefehlt! Ästhetische Trainingsziele halte ich nach wie vor für schwachsinnig, und im Kontext dieses Artikels mache ich meine Rede sofort angreifbar, wenn ich, wie es bis hierhin erscheinen mag, muskulöse Körper als Ideal hinstelle. Das riecht ja verdächtig nach Bodybuilding!
Ich muss bei der Vorstellung, ich könnte derlei fordern, selber lachen. Das Gegenteil eines Notkörpers ist doch nicht der Leib eines Herkules, es ist ein Körper, der benutzt wird. Selbstverständlich sieht man ihm das an!

Denn wie steht es mit den schnellen Gazellen, die ihren Marathon locker unter zwodreißig laufen, und trotzdem keine muskulösen Körper haben? Die tragen Skinny Jeans und rennen mir trotzdem auf und davon! Ich lasse an dieser Stelle das Thema Muskelfasertypen außen vor, obwohl es gut reinpassen würde. Stattdessen erlaube ich mir den deutlichen Hinweis, dass auch diese dünnen Sportler sehr sportlich aussehen. Da geht’s nichtmal um die Frage, wie die Hose ausgefüllt ist, oder darum, dass Ausdauersportler zwar nur selten muskulöse, jedoch immer trainiert wirkende Oberkörper haben. Alleine die Körperhaltung lässt sehr klar erkennen: dieser Körper ist ein gut gepflegtes Instrument! Dieser Körper gehört einem Menschen, der seinen Körper mag!

Ich sollte zwei Aspekte ansprechen, die sich aus dem oben Gesagten ergeben.
Wenn ich – das wäre “erstens” – die Plastiktütenjacke als Beispiel anführe, ist automatisch klar, dass es noch eine richtige Jacke geben muss. Dem Besitzer eines Notkörpers steht demnach noch ein weiterer Körper zur Verfügung, einer, der nicht nur im Notfall mit deutlichen Einschränkungen verwendet wird, sondern der eine solide, Basis darstellt: “Ich bin heute mit der alten Karre unterwegs, mein echtes Auto ist in der Inspektion“. In alten Zeiten unterschied man zwischen Alltags- und Sonntagskleidung. Mit dem Unterschied zum Notkörper allerdings, dass auch die Alltagskleidung nicht diesen erzwungenen, nötigen Charakter hatte.
Halten Notkörpermenschen gar einen zweiten Leib auf Vorrat bereit? Einen für besondere Anlässe? Und welch Besonderheit sollte sie dazu zwingen, den Ersatzleib einzusetzen? Selbst wenn es so wäre, würde ich doch fragen, wieso sie nicht immer den guten Körper nehmen. Das würde ja bedeuten, tagein, tagaus unter der Plastiktüte zu schwitzen, auf Taschen, Komfort und Robustheit zu verzichten, während die teure Outdoor-Superjacke im Kleiderschrank wartet. Worauf nur?

Zweitens impliziert Notkörper nicht nur den Notfall, sondern eben auch, dass er nur in diesem benutzt wird. Notkörperträger nehmen ihren Notkörper nur, wenn es nicht anders geht. Diese notdürftig funktionierenden Leiber bewegen sich unter Zwang, und nur unter ihm. Ich kann das nachvollziehen, meine Notdurft verrichte ich schließlich auch, wenn der Druck hinreichend groß ist. Wer setzt sich schon aufs Klo, wenn er nicht muss? Der Notkörperbesitzer hat anscheinend ein ähnliches Verhältnis zu Bewegung im weitesten Sinne: Ohne Not, lässt er sie bleiben. Wahrscheinlich nimmt er jedwede Form der Bewegung als Notzucht wahr; schlimmer noch als die ehelichen Pflichten.

Ich will keinesfalls über unsportliche Menschen lästern. Das macht zwar bisweilen Spaß, ist hier und jetzt aber kein Thema. Wobei ich passenderweise später am Tag in einer Zeitung las, dass einer Statistik zufolge etwa die Hälfte aller EU-Bürger keinerlei Sport treiben (Quelle: Eurostat, den Link suche ich noch raus). Völlig ok, wenn jemand keinen Bock auf Bewegung hat, und auf diese Weise mit sich im Reinen ist.

Natürlich frage ich mich, ob ich Lust hätte, bei alltäglichen Verrichtungen ziemlich nah an meine Grenzen zu gehen. Eine Stunde Fortbewegung per Pedes kratzt Meinesgleichen ebenso wenig, wie mal eben eine Getränkekiste in den zweiten Stock zu tragen. Ich finde es auch bedenklich, wenn ich manche Lauffreunde an der Agilitätsleiter sehe. Bewegungslegasthenie in Reinkultur. Oft sind das auch diejenigen, die ausschließlich auf flachen Strecken unterwegs sind. Kein Wunder, dass sie gerne mal hinfallen, wenn sie sich im Wald einer Wurzel gegenübersehen. Wollte ich meine Gedanken bis hierhin zusammenfassen, würde ich von Defiziten sprechen. Defizite in der Agilität, bei der Kraft, der Ausdauer, der Bewegungsqualität und so fort.

Manch einer leistet sich einen Leib, der ein einziges Defizit zu sein scheint. So wie eine Notfallregenjacke auch ein sehr defizitäres Kleidungsstück ist, das allerdings in einem sehr begrenzten Anwendungsfall gut funktioniert. Wo ein Notkörper seine Stärke hat, muss mir allerdings erstmal jemand erklären.

Gesund ist das Dasein eines Notkörpers nicht. Oder doch? Beschreibt Gesundheit einen Prozess oder einen Zustand? Ist Gesundheit nur die Abwesenheit von Krankheit, oder eine Fähigkeit, der ich für dieses Beispiel mit Belastungsreserve eine beachtenswerte Facette anhefte?
Wenn ich mit dem Gesundheitsthema beginne, nimmt meine Argumentation die falsche Richtung. Gesundheit ist für diese Betrachtung nicht relevant.

Und was ist mit dem berühmten Zitat des Gewichthebertrainers Mark Rippetoe? “Strong people are harder to kill than weak people and more useful in general.” Starke Menschen lassen sich schwerer umbringen als schwache und sind insgesamt besser zu gebrauchen? Ach was, wer in dieser Aussage nichts weiter erkennt als Utilitarismus, hat ihren Kern nicht verstanden. Nützlichkeit bedeutet im Zusammenhang mit dem eigenen Körper doch in allererster Linie Eigennutz, der, wenn ich mich so weit aus dem Fenster lehnen darf, auf Lebensfähigkeit zielt. Nicht im Sinne von Überlebensfähigkeit, sondern Lebensqualität.

Damit drängen Stichworte an die Oberfläche, die sich im langen Text verborgen gehalten hatten. Stichworte wie agil und attraktiv sein, springen können, aus einem Stuhl aufstehen, nicht hinfallen (wenn doch, verletzungsfrei bleiben), Lächeln, sich selbst und anderen helfen, …. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Das soll kein Pamphlet sein, das allen Menschen auferlegt, sie müssten unbedingt ihren Körper benutzen. Ich formuliere kein “Sollen” im Sinne von “du sollst dich bewegen”.
Wer mit seinem Notkörper zufrieden ist, muss zumindest in dieser Hinsicht als glücklicher Mensch gelten. Mir persönlich gefallen – an mir selbst und an anderen – Körper besser, für die aus einer kleinen Unbill keine Notlage erwächst. Die in meinen Augen kein Mitleid erregen. Ein artgerecht bewegter Arsch ist ein freudiger Hintern.

Für mich.

Ich fordere nichts.

Ich beschreibe die Wirkung, die ein Notkörper auf mich hat, wenn ich einen sehe.

Wie ein Traum

Wie es manchmal eben so ist: kaum zuhause angekommen, gab ich mich dem Bedürfnis nach frischer Luft unverzüglich hin. Beinahe, denn ein kleiner Verzug entstand durch das obligatorische Umziehen. Laufen in Jeans muss ja nun wahrlich nicht sein.
Was war es, das mich nach draußen gezogen hatte? Aus dem Auto konnte ich schon die herrliche Stimmung wahrnehmen, die von Kälte, Schnee und Nebel bestimmt wurde. Obendrein meldeten meine Beine höchste Lauflust. Nichts wie hinaus!

Kaum hatte ich den Lichtkreis der Ortschaft verlassen, umfing mich allumfassende Gräue. Nein, kein Grauen, wie ich es mir seinerzeit beim Schauerlauf gekonnt einzureden versuchte, sondern Gräue.

Grau war die Farbe, die alles zu bestimmen schien. Ein Effekt, der auch dadurch ermöglicht wurde, dass es hell genug war, um ohne Lampe zu laufen. Der Schnee bot genug Helligkeit, selbst im Wald.
Ich lief, begleitet vom Knirschen des Schnees bei jedem Auftreffen eines Fußes.

Außer mir ist niemand unterwegs, Schnee und Nebel verwischen Konturen, schlucken Geräusche. Es gibt nur mich inmitten einer Glocke der Sichtbarkeit, deren Grenzen die Grenzen meiner Welt bilden. Von Zeit zu Zeit betritt ein Busch, ein Zaunpfahl meine Bewusstseinsglocke, um sie einige Schritte weiter hinter mir wieder zu verlassen.

Ich bin alleine in der grauen, konturlosen Welt.

Wenn es einer Erfahrung bedürfte, um die Idee des Solipsismus zu begreifen; dies wäre eine gute Gelegenheit.

Nun bin ich kein Solipsist, wodurch mir eher die Assoziation an einen Traum in den Sinn kam. Eine Welt, wie sie in früheren (viel früheren) Jahren des Fernsehens als schwarz-weiß geläufig war. Allerdings stellt sich mir die Laufwelt verschwommener dar. Auf einer Kuppe, die ich, wie ich weiß, überqueren muss, damit ich zum Wald komme, sehe ich – nichts. Grau der Schnee unter mir, etwas dunkler grau der Nebel um mich herum. Nach einigen Minuten, in denen ich nach Gefühl bergab laufe, nähere ich mich einem dunklen Schatten: der Wald. Ich beglückwünsche mich zu meiner punktgenauen Navigation, als ich in den Wald eintauche.

Eine gute Stunde später betrete ich meine Wohnung.

Sehe Farben.

Fast scheint es mir, als würde ich mich des Farbsehens erinnern.

Ich bin wieder wach.