Was ist ein Sportler des Jahres?

Wie jedes Jahr werden auch dieses Mal wieder auf verschiedenen Feldern die Sportler des Jahres gewählt. Ich will darauf hinweisen, dass ich diese Behauptung einfach so hier hinschreiben, denn sicher kann ich es nicht sagen, weil ich es nicht konkret mitbekommen, ebenso wenig recherchiert habe. Alleine die Erfahrung der Vergangenheit lässt mich vermuten, dass 2018 keine Ausnahme bei derartigen Veranstaltungen darstellt. Darüber hinaus erinnere ich mich daran, dass es früher viele Sportler des Jahres in verschiedenen Disziplinen gab, und natürlich abhängig vom Geschlecht, was dem erwählten Sportler des Jahres das Binnen-I einbrachte, worauf der geschlechtsneutrale Gattungsbegriff “Sportler” zum / zur SportlerIn wurde.

Ich habe nie verstanden, was es eigentlich bedeutet, Sportler eines Zeitraumes zu sein.

Den Gewählten gilt der Titel offenbar sehr viel, zeigen sie sich doch meistens hochbeglückt ob der Ehre. Ich hingegen kann damit nichts anfangen. Eine Medaille, Meisterschaft oder persönliche Bestleistung vermag ich sportlich einzuordnen, hingegen scheint mir eine Wahl aus einer anderen Welt, der Politik, zu stammen, was sie unpassend macht für den Sport, wo der Erfolg einen klaren Bezug zur erbrachten Leistung hat.

Eine Wahl hat doch mehr mit Beliebtheit als mit Leistung zu tun!

Wir kennen das aus unserer Kindheit, in der Schule kamen Klassensprecher auf ähnliche Weise zu ihrem Job. Ein paar Schüler taten ihr Interesse kund, woraufhin Zettel in einem Behälter landeten ausgezählt wurden. Danach stand der neue Klassensprecher fest. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals mit der Eignung eines Kandidaten für die Rolle befasst, geschweige denn die Rolle selbst analysiert hätten.  Grundschüler würde eine solche Analyse wohl überfordert haben, daher wäre die Lehrerschaft gefragt gewesen, uns zumindest zum Nachdenken darüber anzuregen, was so ein Klassensprecher denn tun soll. Letztlich wurden üblicherweise diejenigen zum Sprecher, die ziemlich gute Noten hatten (wieso auch immer, keine Ahnung wie unsere Schülerhirne damals tickten), und sich überdies durch einigermaßen sozialverträgliches Gebaren auszeichneten. Keine Chance für Nerds.

Sympathie gab den Ausschlag.

Und wer sind die Menschen, die zur Wahl stehen? Es sind erfolgreiche Sportler des Wahljahres. Ausnahmen mögen wie bei der Oscarverleihung die bilden, die für ihre Lebensleistung geehrt werden. Generell könnte ich, wäre ich böswillig genug, sagen: Wer hat, dem wird gegeben. Ähnlich wie es mir absurd erscheint, wenn bekannte Unternehmensberater und Wirtschaftsführer von der Politik gebeten werden, Konzepte zu anstehenden Veränderungen zu entwickeln. Wenn ich positiven Zweifel will, würde ich genau eine Gruppe nicht fragen: Die Etablierten. Die, die als Nutznießer des Status Quo Teil des Problems sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Mit einer Vorauswahl, die die Kandidaten auf erfolgreiche Sportler einschränkt, bleiben jedoch all jene außen vor, deren Ehrung durch andere Faktoren als den sportlichen Erfolg gerechtfertigt werden könnte. Man komme mir jetzt bitte nicht mit dem Hinweis auf irgendwelche Fairnesspreise. Wählbar sind nicht alle, sondern ein kleiner Teil von allen, der durch sportliche Meriten auf sich aufmerksam gemacht hat und nun nach unklaren Kriterien ausgewählt werden kann.

So frage ich mich, welche Aussagekraft hat eine solche Wahl?

Und: Für wen?

Ich lasse die Interessen der Medien und Sponsoren außen vor, sie dürften auf der Hand liegen: Publikum unterhalten, Einschaltquoten und Klickzahlen, Abonnements und Werbeeinnahmen. Den Sportlern winkt möglicherweise ein höherer Marktwert, Feier mit leckerem Essen und das Gefühl, gemocht zu werden. Und, seien wir ehrlich: Ein bisschen Bauchpinseln tut uns allen gut.

Aber die Konsumenten? Das Publikum?

Als einzelner Mensch, der einen winzigen Teil dieser Öffentlichkeit darstellt, muss ich gestehen, dass ich damit nichts, aber auch rein gar nichts anzufangen weiß. Selbst wenn ich mich bemühe, einen Sinn zu erkennen, finde ich ihn nicht. Ich gönne den Sportlern jeden Spaß, jede Ehrung, wobei ich den Erfolg, der mich mitfreuen lässt, zeitlich weitaus früher verorte. Dann nämlich, wenn die Ziellinie überquert ist – oder das entsprechende Pendant in anderen Sportarten. Was danach kommt, könnte ich vielleicht die emotionale Verarbeitung des Erfolges nennen, mit der ein Grundstein zum Weitermachen gefestigt wird, wobei ich das im Bewusstsein schreibe, dass, wenn der Weg das Ziel ist, ich hier von der äußeren Hülle dessen rede, was im Menschen selbst passiert. 

Habe ich aber den eigentlichen Triumph, der im Bewältigen einer Herausforderung mit all ihren physischen und psychischen Komponenten besteht, mitbekommen, reduziert sich schon die Medaille für mich als Zuseher auf ein äußeres Ritual, dessen Funktion darin besteht, den emotionalen Zustand des Mitfreuens nochmal zu erleben. Die Sportlerwahl taugte mir nicht einmal als Erinnerung.

Ich vermag dem nichts abzugewinnen, keine Bedeutung hineininterpretieren. Aber, hey, viel Spaß den Feiernden beim Feiern.

Eines steht für mich jedoch fest: 2018 war das Jahr des Jahres 2018.

Kant, ein Bayer und mein Quadrizeps

Bekanntlich hat Immanuel Kant die Kernprobleme der Philoshopie in drei Fragen formuliert, von denen eine lautet: “Was kann ich wissen?”. Für mich, der sich letzte Woche beim Gewichtheben eine Langhantel auf den linken Oberschenkel fallen ließ, woraufhin ein paar Muskelfasern gerissen sind, heißt die Frage eher: “Was kann ich trainieren?” Ich bin Optimist, und nach einiger Überlegung kam ich auf ein paar machbare Übungen, oder, wie der Bayer weiß: “A bisserl was geht allerweil.”

Laut Ärztin bedeutet der Faserriss drei Wochen Belastungspause für den betroffenen Muskel, danach vorsichtig gehen oder laufen, um nach fünf bis sechs Wochen wieder voll einsatzfähig zu sein.

Anders formuliert: Je disziplinierter ich den Muskel schone, desto schneller verläuft die Heilung. Doch völlig auf Training verzichten  wäre zu einfach, und ich würde das Kind mit dem Bade ausschütten. Ich darf all das tun, wofür ich Quadrizeps nicht brauche. Strenggenommen bezieht sich die Einschränkung nur auf das verletzte linke Bein, einbeinige Kniebeugen mit rechts wären natürlich in Ordnung.

Im Arztgespräch war schon klar, dass Klimmzüge kein Problem darstellen, und Schwimmen mit Pull-Buoy zwischen den Beinen hat die Ärztin ausdrücklich erwähnt. Nach dem Termin habe ich sinniert, welche Übungen wohl außerdem in Frage kämen. Dabei fiel mir auf, dass der Quadrizeps erstaunlich oft beteiligt ist. Er ist es vor allem dann, wenn man – so wie ich – in RKC-Tradition dort auf ordentliche Körperspannung achtet, wo es auf sie ankommt.

Ballistische Übungen mit Kettlebells, also Swings, Cleans und Snatches? Hardstyle verlangt nach der “Standing Plank”, mithin nach einem knallhart angespannten Quadrizeps. 

Liegestütze bedingen einen geraden Körper, woran welcher Muskel beteiligt ist? Ihr brauch vermutlich nicht raten.

Vorgebeugtes Rudern? Ich habe es eben ohne Gewicht ausprobiert, um festzustellen, dass auch das nicht ratsam erscheint, weil der Quadrizeps mitarbeitet.

Laufen, Seilspringen und dergleichen brauche ich nicht extra erwähnen, oder?

Kurzum werde ich mich auf den Oberkörper fokussieren, und auch da all das weglassen, was Anspannung des gesamten Körpers erfordert. Das schließt Military Presses ebenso aus wie Roll-Outs mit dem Ab Wheel. Es fällt mir auf, dass ich im letzten Satz gleich drei Anglizismen verwandt habe. Ich suche im Hirn nach den deutschen Übersetzungen und erweitere gleich: Ich gestatte mir weder Schwung- noch Schulterdrücken, auch kein Ausrollen mit diesem Rad, aus dem auf beiden Seiten ein Griff ragt.

Es bleibt neben Schwimmen und den schon erwähnten Klimmzügen aber durchaus die eine oder andere Übung zur Auswahl. Floor Presses mit bewusst locker gelassenen Beinen sollte gehen (verratet mich nicht, ich habe der Ärztin versprochen, die nächsten Wochen kein Eisen zu berühren), Griffkrafttraining auch. Und ich habe noch meine Jonglierbälle…

Alles in Allem sollte es mir gelingen, die nächste Zeit ohne psychische Schäden zu überstehen!

Die Zipfelmützenkniebeuge

Manchmal lerne ich eine alte Übung in einer Form neu kennen, von der ich spontan begeistert bin. Das gilt besonders dann, wenn kleine Variationen sie völlig anders wirken lassen – einfach, aber wirkungsvoll. Ich präsentiere: Die Zipfelmützenkniebeuge.

Manchmal lerne ich eine alte Übung in einer Form neu kennen, von der ich spontan begeistert bin. Die klassische Kniebeuge zum Beispiel, eine der Grundübungen, kennt jeder. Wer denkt nicht an Turnvater Jahn oder alte Filmaufnahmen aus einer Zeit, in der Farbe noch nicht medial vertreten war. Meistens sieht man Menschen in Sportkleidung auf den Fußballen balancieren – heute verpönt! – dabei die Arme waagerecht nach vorne gestreckt.

Zipfelmützenkniebeuge
Test.

So weit gibt es nichts weiter darüber zu berichten.

Neulich durfte ich anlässlich des Aufwärmtrainings beim Gewichtheben eine neue Variante der Kniebeuge ohne Gewicht (ohne zusätzliches Gewicht natürlich!) erleben, die ich seither als festen Bestandteil in mein Repertoire aufgenommen habe. Wenn ich mich aufwärme, oder an der miserablen Mobilität meiner Schultern / Brustwirbelsäule arbeite, ist sie dabei, die Zipfelmützenkniebeuge, die ich dir hier vorstelle.

Wie geht sie?

Im Wesentlichen ist sie mit einer stinknormalen Kniebeuge identisch jedoch presst du die Handflächen über dem Kopf zusammen. Nachdem mich das an die Haltung von Kindern erinnert, die beim Spielen die Zipfelmützen von Zwergen auf diese Weise darstellen, habe ich der Übung ihren Namen gegeben: Zipfelmützenkniebeuge.

Bevor du das Foto anschaust (wozu es wahrscheinlich schon zu spät ist), schau dir bitte die Checkliste an:
– Deine Füße stehen flach auf dem Boden
– Deine Knie zeigen in die gleiche Richtung wie die Zehen
– Dein Hüftgelenk ist tiefer als das Kniegelenk, also: Ass to grass!
– Dein Kopf ist aufrecht
– Du presst Handflächen fest aneinander, die Fingerspitzen zeigen zur Decke
– Zieh’ die Schulterblätter zusammen, so dass die Ellenbogen möglichst weit nach hinten kommen

Wenn du das Foto anschaust, erkennst du, warum ich an meiner Schultermobilität arbeiten muss… 😉

Einige Erfahrungen, die ich bei der Durchführung gemacht habe, dürften dir ebenfalls nützen:
Um in Position zu kommen, stellst du dich am besten aufrecht hin, breitest die Arme waagerecht zur Seite aus, bevor du die Hände über dem Kopf zusammenführst. Das hilft dir, die richtige Haltung für die Ellenbogen zu finden. Dann ziehst du dich langsam runter.
Experimentiere, wenn du unten bist, mit der Position deiner Kniegelenke und Knöchel, indem du versuchst, die Knie nach vorne zu schieben, während dein Oberkörper aufrecht bleibt.
Konzentriere dich darauf, dass dein Kopf aufrecht bleibt.
Zieh’ die Ellenbogen nach hinten, und denk’ daran, dass du die Handflächen aneinander presst.

Wenn es dir wie mir ergeht, fühlt sich die Zipfelmützenkniebeuge anfangs furchtbar an, du schwankst (auch im physikalischen Sinn!) zwischen “nach vorne Umkippen” und “aus der Not heraus aufstehen”. Außerdem will sich der Kopf immer nach vorne neigen. Irgendwann hast du aber den Bogen raus und findest in eine stabile Position. Sie wird, wie du an meinem Foto sehen kannst, vor allem in den ersten paar Wochen nicht schön aussehen, aber wie meistens gilt auch hier die Regel: Bleib’ dran, dann wird’s!

Wie trainierst du sie?
Mein Tipp wäre, sie ins Aufwärmen einzubauen, oder einfach zwischendurch in den Alltag einzustreuen. Das geht auch prima im Büro!
3 Runden, 30 bis 60 Sekunden halten, kurz ausschütteln.

Pro-Tipp: Es ist keine gute Idee, die Zipfelmützenkniebeuge direkt nach dem Essen zu machen. Beim Foto war ich weit weniger als dreißig Sekunden unten… 😉

Strom statt Sport – oder: Wie denke ich eigentlich über EMS?

EMS, oder auch Elektrostimulation gibt es schon eine Weile, allerdings gingen “es” und ich getrennte Wege, bis, kürzlich die Frage in meinem Kopf auftauchte, was ich eigentlich davon halten soll. Tja, was eigentlich?

EMS, oder auch Elektrostimulation gibt es schon eine Weile, allerdings gingen “es” und ich bisher getrennte Wege. Will heißen, ich wusste, dass es EMS gibt, habe mich aber nicht weiter dafür interessiert, bis kürzlich aus heiterem Himmel die Frage in meinem Kopf auftauchte, wie ich eigentlich dazu stellen soll. Freilich hatte ich ein bisschen was mitbekommen, und ich nahm eine leicht skeptisch-spöttische Tendenz in mir wahr, nach dem Motto: Noch so eine Krücke für Leute, die keinen Bock auf Sport haben.

Nun stehe ich auf dem Standpunkt, dass man eine Meinung nicht einfach haben kann, sondern sie sich bilden muss, was wiederum die Forderung zur Bildung nach sich zieht. Außerdem kenne ich mich lange und gut genug, um mir meiner Ideale bewusst zu sein. Ideale, das bedeutet im Umkehrschluss, dass ich von Angeboten, die Preis ohne Fleiß versprechen, rein gar nichts halte. Ebenso wenig kann ich übrigens mit einer Haltung anfangen, die derlei anstrebt.
Sport, Training, die Entwicklung von Körper und Geist, das ist mit Blut, Schweiß und Tränen verbunden. Nicht immer, nicht im wörtlichen Sinne, aber die Basis dürfte klar sein: Es muss anstrengend sein, und wer sich nicht bemühen will, hat den Erfolg nicht verdient.

So ungefähr jedenfalls.

Dennoch bin ich geneigt diese meine Ideale zu hinterfragen, denn schließlich nutze ich die Errungenschaften des technischen Fortschritts in anderen Bereichen auch gerne. Würde ich in einen Dialog mit mir selbst treten – jenem Teil von mir selbst, welches dogmatisch den Preis ohne Fleiß ablehnt – so könnte ich mir vorhalten: Wenn du es warm haben willst, geh’ Holz hacken und mache dir ein Feuer! Willst du Fleisch, so jage! Und bei Zahnschmerzen hilft ein großer Stein, zielgerichtet auf die Wange geschlagen.

Ich könnte, wohlgemerkt. Tue ich aber nicht.

Stattdessen recherchierte ich, das Internet (noch so eine hochgeschätzte Neuerung!) macht Informationen schließlich auf bequeme Weise zugänglich, die eigentliche Denkarbeit übernehme ich selbst.

EMS stimuliert Muskeln, indem elektrische Reize von außen auf sie einwirken. Unwillkürlich musste ich dabei an die Experimente denken, die Luigi Galvani mit Froschschenkeln machte. Auch diese zuckten beim Kontakt mit elektrischem Strom. Wenn Muskeln in geeigneter Wese kontrahieren, werden sie stärker. Dies wiederum ist das Grundprinzip hinter EMS. Wenn ich bis hierhin eine subjektive Wertung abgebe: Soweit kann ich nichts Verwerfliches daran finden.

Im Übrigen lieferte meine Recherche unter dem Stichwort Elektrostimulation auch Treffer zur erotischen Elektrostimulation. Spontan assoziierte ich dies mit Krokodilklemmen an empfindlichen Körperteilen, woraufhin mir Waterboarding beinahe menschenfreundlich erschien. Anscheinend gibt es aber reizvolle Variationen dieser Art Reiz, zumindest finden es manche Menschen offenbar anregend. Jedem Tierchen sein Pläsierchen…

Doch zurück zu EMS. Es werden also Muskeln durch von außen auf sie einwirkende elektrische Impulse gekräftigt. Ich habe nicht tiefer recherchiert, ob bestimmte Fasertypen unterschiedlich stark auf diese Stimulation reagieren, ebenso scheinen – wer hätt’s gedacht? – der Körper recht sensibel auf die einzustellenden Parameter zu reagieren. Anders formuliert: Man kann auch was kaputt machen, immerhin funktioniert ein Herzschrittmacher auch mit Hilfe von Stromstößen. Ein elektrischer Stuhl übrigens ebenfalls.

Was aber ist mit dem zentralen Nervensystem? Normalerweise liefert es die Impulse zur Muskelkontraktion und ist bei EMS unbeteiligt. Daraus folgt, dass Trainingseffekte, die dem ZNS zugeschrieben werden, ebenso wenig stattfinden (Ausdauersportler mögen hierbei an das Central Governor Model von Tim Noakes denken), wie die Rekrutierung von Muskelfasern beim Kraftsport.
Ich denke, die Frage, inwieweit koordinative Fähigkeiten mit EMS entwickelt werden können, erübrigt sich.

Darüber hinaus bleibt auch die Entwicklung der mentalen Fähigkeiten von EMS unberührt. Mentales Training tut also nach wie vor Not, um über Krisen in Trainings- und Wettkampfsituationen hinwegzukommen, das eigene Selbstvertrauen an die gestiegenen Fähigkeiten anzupassen, und um letzten Endes auch den Spaß zu behalten, wenn es darum geht, zu zeigen, was man drauf hat. Auch, vielleicht sogar in erster Linie, sich selbst.

Wie denke ich nun über EMS?

Differenziert, würde ich sagen.

Einerseits kann ich mir gut vorstellen, dass EMS in der Therapie sinnvoll ist. Wenn ich ein gebrochenes Bein hätte, kann EMS möglicherweise den Abbau von Muskelmasse verlangsamen und den Wiedereinstieg ins Training beschleunigen. Wobei ich gerne wüsste, wie sich ein zuckender Muskel auf den gebrochenen Knochen auswirkt.

Dagegen sehe ich keine Rechtfertigung dafür, von EMS-Training zu sprechen; ein Stichwort welches beim größten Teil meiner Trefferliste zu finden war, stets gepaart mit dem Versprechen auf größere / stärkere / schönere Muskeln ohne nennenswerten Zeitaufwand.

Insofern ist es nicht nötig, dass ich mein Weltbild revidiere: Der Preis verlangt nach wie vor ein gerüttelt Maß an Fleiß. Trotzdem sehe ich den Nutzen von EMS. Dort, wo es nützt.

Fragen Sie Dr. Squat

Die Frage “Wie bekomme ich straffe Schenkel” scheint viele Damen zu beschäftigen. Was würde ein sprechender Briefkasten namens Dr. Squat wohl darauf antworten?

“Wie bekomme ich straffe Schenkel?”
Diese Frage beschäftigt, wie ich kürzlich gelernt habe, einen beachtlichen Teil der Damenwelt. In meinen männlichen Ohren klingt das wie eine Frage an den Kummerkasten einer Zeitschrift, oder wie das entsprechende Social Media Pendant heißt.

Tun wir also so, als könnten wir Dr. Squat, unseren Experten für alles und noch mehr, zum brisanten Thema befragen. Sofern sich jemand über den Namen wundert: Ich hätte den Anglizismus selbstverständlich vermeiden können, aber, sagt selbst, wie klingt denn Dr. Kniebeuge?

Unglücklicherweise beginnen unsere Schwierigkeiten (damit meine ich jene von mir und dem fiktiven Dr. Squat) schon bei der Fragestellung. Ich habe keine Ahnung, was ich unter straffen Schenkeln verstehen soll. Soll ich straff als fest auffassen, im Gegensatz zu wabbelig? Oder schwingt in dem Wort eine gewisse Wohlgeformtheit mit?
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger greifbar ist der Begriff, desto unlösbarer scheint mir die Aufgabe. Würde ich länger nachdenken (ich betone den Konjunktiv “würde“, im Sinne von täte, weil ich es nämlich nicht tun werde), käme ich vielleicht an einen Punkt an dem ich sagen könnte, dass sich das Problem überhaupt nicht auflösen lässt. Aporetiker stehen auf sowas, ich hingegen weise die Frage zurück.

Ich weigere mich im Namen von Dr. Squat eine Frage zu beantworten, die auf einen so undurchdachten Ausdruck zielt.
Stattdessen formuliere ich um: “Ich bin mit meinen Beinen in Form und Funktion und überhaupt unzufrieden. Was muss ich tun, damit das besser wird?”. Ganz in der Bauhaus-Tradition folgt auch hier die Form der Funktion, sprich: Wer fleißig trainiert, sieht sportlich aus.

Und da ich schon bei klassischen Anspielungen bin, spiele ich gleich mit einer weiteren, denn wie die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest selbstredend 42 lautet, so weiß Dr. Squat, dass körperliche Entwicklung mit Grundübungen beginnt. Und wenn wir soweit es nur irgend geht verEINfachen, uns daher auf eine einzige Übung beschränken, gelangen wir zur Kniebeuge.

Gewiss lässt sich lange darüber diskutieren, ob “die eine Übung” nicht auch Kreuzheben sein kann. Oder Liegestütz. Ich bleibe bei jener Übung, die möglichst viele, möglichst große Muskelgruppen anspricht, dabei Beweglichkeit und Koordination verlangt. Gleichzeitig bietet sich mehr Variationsmöglichkeit als z.B. beim zweiten heißen Kandidaten namens Kreuzheben.

Deshalb beugen wir die Knie.

Wir beugen sie, einschließlich der Spielarten Pistols, Lunges, Cossacks, die hier allerdings nur ehrenvolle Erwähnung finden, denn wir beschränken uns im Interesse der Einfachheit auf die klassische Kniebeuge. Mit Kniebeuge meine ich Kniebeuge, in diesem Punkt sind wir uns vollkommen einig, Dr. Squat und ich.
Die Kniebeuge ist eine tiefe Kniebeuge, bei der die Hüfte im unteren Punkt tiefer liegt als das Knie. Ass to grass, bei hinreichend kurz gemähtem Gras.

Außerdem belasten wir die Übung, wobei es egal ist, ob wir Goblet oder Front Squats mit der Kettlebell, oder Front bzw. Back Squats mit der Langhantel machen. In tiefer gehende Diskussionen – ich könnte auch von Glaubenskriegen sprechen – zu Low Bar oder High Bar steigen wir nicht ein. Der entscheidende Punkt ist die Last.
Eine Last, die mit entsprechendem Aufwärmen bei hoher Konzentration einige wenige Male bewegt werden kann. Ich drücke mich absichtlich schwammig aus und bewusst davor, irgendwelche Wiederholungszahlen zu nennen. Wer sich ein wenig mit Krafttraining beschäftigt hat, kennt die Zahlen sowieso. Ein paar Mal also, für ein paar Sätze mit ein paar Minuten Pause dazwischen. Ja, jede Wiederholung muss anstrengen, und die letzten Wiederholungen eines Satzes müssen mehr Konzentration fordern als die ersten. Das schließt zumbaartiges Auf- und Abgehopse mit Vorturner aus. Sollte das gehen, gibt es eine klare Konsequenz: Höhere Last!

Schwere Kniebeugen sollen’s sein, und schwer hängt logischerweise von demjenigen ab, die sie ausführt.
Diese wiederum, eigentlich sollte ich das nicht extra ansprechen müssen, verlangen, dass die Bewegung sauber sitzt. Also lernen wir das anständig, denn der Gesundheit förderlich sind Kniebeugen mit mindestens dem halben Körpergewicht (als Zusatzlast!) natürlich nur, wenn sie perfekt ausgeführt werden.

Dr. Squat rät:
– lerne perfekte Technik
– mache schwere Kniebeugen
– mache niedrige Wiederholungszahlen
– steigere die Last kontinuierlich
– trainiere häufig, mindestens dreimal in der Woche (ich empfehle das Buch “Squat Every Day” von Matt Perryman)

Dr. Squat und ich antworten auf die eingangs gestellte Frage:
Liebe Damen, befolgt den Rat von Dr. Squat für mindestens ein bis zwei Jahre und betrachtet dann eure Beine. Wenn sie das sind, was ihr unter “straff” versteht: Prima! Wenn nicht, habt ihr nicht nur zwei geil aussehende, kräftige, gesunde Beine, sondern auch den dazu gehörenden geil aussehenden, kräftigen, gesunden Rumpf und die Genugtuung, ein sportliches Ziel erreicht zu haben.
Herzlichen Glückwunsch!