Anders betrachtet

Saskia ist fit, sie ist ehrgeizig und schnell. Leistungsbereit beschreibt ihre Haltung nur unzureichend, höchstleistungsbereit ihre Leistungsfähigkeit auch nicht korrekt. Sagen wir: sie ist in höchstem Maße leistungsbereit.

Gerade darin liegt ihr Problem, denn sie wird unterdrückt. Von sich selbst unterdrückt, was soviel heißt wie: sie setzt sich unter Druck. Schon etliche Wochen vor dem Rennen denkt sie an nichts anderes als an “ihre” Zeit: Unter fünfundvierzig Minuten auf zehn Kilometer.

Unter fünfundvierzig Minuten auf zehn Kilometer.

Ich muss das schaffen.

Unter fünfundvierzig Minuten auf zehn Kilometer.

Ich MUSS es einfach schaffen.

Ich muss, MUSS, MUSS!

Unter. Fünfundvierzig. Minuten. Auf. Zehn. Kilo. Meter.

Das geht seit Jahren so, und ebenso lang scheitert sie in jedem Rennen an ebenjener Hürde. Nicht, dass sie es nicht können würde, ein jeglicher Träningslauf lässt sie die magische Grenze deutlich unterbieten. Nur wenn’s drauf ankommt, schlagen die Nerven zu, und solcherart dem Fass den Boden aus. Es kann, es darf nicht angehen, dass die geneigte Läuflingin sich selbst dermaßen im Wege steht.

Also schlug ich ebenfalls.

Nicht zu, sondern vor, nämlich einen Wechsel der Perspektive, der meist dann ratsam erscheint, wenn der Mensch so dicht vor der Rinde steht, dass er keinen Baum, geschweige denn den Wald an sich zu erkennen vermag. Wenn das erdrückende ich muss des Waldes Rauschen dermaßen lautstark übertönt, dass selbst die eigenen Gedanken kein Gehör mehr finden. Sieht Saskia, so mein Ansatz, ihr Ziel erst aus einem anderen Blickwinkel, liegt die veränderte Haltung nahebei. Und Haltung ändern, soviel wissen wir, hilft.

Das ist nicht neu, wir kennen es.

Perspektiven- und Paradigmenwechsel, Rucke gehen durchs Land und ein jeder muss an die eigene Nase sich fassen.
Veränderung tut not, und doch scheint die Medizin oftmals bitterer als jene Pille, die uns das Gebrechen selbst zu schlucken abverlangt.

Doch es giert der Mensch nach dem Erfolg, um immer wieder festzustellen, dass die Trauben ziemlich hoch hängen. Da reckt und streckt er nach der Decke sich – doch diese bleibt entweder unerreichbar, oder sie ist zu kurz: Schultern oder Füße, eins von beiden friert.

Ein warmer Regen brächte kaum Entlastung, er macht bloß nass.

Manch einer legt die Messlatte deshalb weit nach oben – ein wahrhaft guter Gedanke, denn so braucht er sich nicht bücken, wenn er drunter durchläuft. Was höre ich? Lug und Trug, gar an sich selbst? Aber bitte. Man wird sich doch noch selbst belügen dürfen.

Nun gut.

Meinethalben greife ich den Einwand auf, wir können schließlich, und zwar vor allem auch ganz anders. Andere Saiten aufziehen überlasse ich allerdings der Musik – ich beschränke mich auf eine neue Warte, von welcher aus betrachtet, die andere Perspektive sich von alleine einstellt.

Zehn Kilometer unter fünfundvierzig Minuten. Druckvoll, bedrückt, unterdrückt und unter Druck gesetzt kann der Läufling sich kaum regen, geschweige denn beflügelt durch die Lande eilen. Es lähmt der eigene Ehrgeiz, Traum der Traumzeit, lässt die Füße noch vor dem Start zu superschweren Etwen werden. Etwen nenne ich den Plural von Etwas. Ein Etwas, mehrere Etwen. Etwen, die sich anfühlen, als steckten sie in sizilianischen Badelatschen. Genau, die aus Beton.

Und das ist vor dem Start.

Zehn Kilometer in unter fünfundvierzig Minuten.

Welche Last!

Saskias Gemüt ist eingeschüchtert. Doch sie denkt. Denkt etwas entscheidendes, nämlich: um.
Denn ich hatte ein Umstellen des druckvollen Mantras angeregt. Mach’ dich locker, schlug ich vor: bau’ deinen Satz neu.

In fünfundvierzig Minuten unter zehn Kilometer.

Badelatschenbeton bekommt Risse, er platzt, seine Splitter prasseln auf die Straße.

Füßen wachsen scheinbar Flügel. Die Seele erleichtert sich, die Blase nicht.

Zum Glück.

Am Ende stehen dreiundvierzig Minuten.

Mission accomplished.

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2 Responses to Anders betrachtet

  1. Ein Hoch auf Saskia und ihren perspektivischen Berater!